Wer Ungerechtigkeit sucht, braucht keine Laterne.

An einem schönen Spätsommertag, es muss so ungefähr 1967 gewesen sein, nahm mich mein Vater mit zum Heu einfahren zu dem Bauern, bei dem er als Landarbeiter eingestellt war.
Die Ballen wurden, völlig anders wie heute direkt aus dem Heuballenpresser auf die hinterherfahrenden Wagen geworfen. Ein spezieller Haken, einem Fleischerhaken ähnlich wurde in den Ballen geschlagen und diese mussten dann von Hand auf dem Wagen gestapelt werden. Überbreit und extrem hochbeladen schwankten diese Anhänger dann über die Ländereien.
Ich war recht stolz nicht nur mit auf dem Traktor neben meinem Vater sitzen zu können, sondern auch mit dem für mich damals beeindruckenden Gespann, zum Bauernhof mitfahren zu dürfen.
Mein Vater und die anderen Landarbeiter stapelten anschließend die Heuballen in der Scheune. Bis unter das Dach und auf einen zweiten Dachboden mussten die Ballen gelagert werden. Wortlos und schwitzend schufteten die Männer und auch ich war mitten dazwischen.
Der Geruch des getrockneten Grases und der allgegenwärtige Staub kitzelten in der Nase. Ich hatte nie verstanden, wieso die Männer auch in diesen Sommermonaten mit schwerer Landarbeiterkleidung eine solche Arbeit verrichteten. Ich selber genoss die Tage mit kurzer Hose und kurzem Shirt. Ein Blick auf meine später geröteten und juckenden Arme und Beine belehrte mich eines besseren.

Kein Wort des Lobes oder auch nur ein zwangloses Gespräch zwischen Bauer und meinem Vater oder seinen Kollegen hatte ich bei diesen oder vorherigen Gelegenheiten gehört. Das war sowieso in unserer Heimat fast undenkbar. Diese Distanz bzw. eine solche krasse Klassengesellschaft zog sich durch fast alle Lebensbereiche. Bis in die Kirche hinein gab es sorgsam getrennte Bereiche zwischen der Landarbeiterschaft und den Bauern. Damals war dies in einem Teil des Rheiderlandes normal, heute schüttelt man angesichts solchen Verhaltens nur noch den Kopf.

In Rekordzeit hatten wir die Wagen entladen. Der Bauer hatte das Ganze aus der Entfernung beobachtet, kam bei uns vorbei grinste mich an und meinte zu meinem Vater. Mensch Martin der Junge hat ja richtig Kraft und das wird einmal ein tüchtiger Arbeiter. Da kannst Du stolz sein und er kann gerne bei mir anfangen.
Ich platzte fast vor Stolz und wunderte mich nur über die spürbare fast aggressive Wortlosigkeit meines Vaters. Später, auf dem Weg nach Hause war mein Vater immer noch still. Erst auf der Höhe der Kirche hielt es ihn nicht mehr. Plötzlich und unvermittelt griff er meine beiden Oberarme so stark das es fast weh tat. Er schaute mich direkt an, mit einem Gesicht, in dem es arbeitete. Die Augen starr auf mich gerichtet presste er heraus. Nie gehst Du zu einem Bauern, verstehst du, nie wirst Du Landarbeiter merk Dir das! Du wirst kein Landarbeiter!
Dann ließ er mich wieder los und marschierte stumm weiter. Außer einem Erschrecken über diesen Ausdruck im Gesicht meines Vaters waren da kindliche Gefühle, die mich trotzig machten und an die ich mich bis heute gut erinnere. Hatte ich etwas falsch gemacht? Hatte der Bauer mich denn nicht gelobt? Ich war richtig stolz auf mich selber und wütend auf meinen Vater. Wieso konnte er mich nicht auch loben? Nie wieder haben wir über diesen Tag gesprochen.
Nach diesem Tag wurde ich aber auch nie mehr mitgenommen zur Hilfe auf dem Bauernhof. Zwar arbeitete ich oft auf dem Feld aber immer nur, wenn es um unsere eigenen Angelegenheiten ging.

Erst sehr viele Jahre später war es mir möglich meinen Vater und seine damalige Reaktion zu verstehen. Da sein Vater, mein Opa, leider im Krieg verschollen war, mussten die Kinder die Schulausbildung vernachlässigen und von Kindesbeinen an in der Landwirtschaft arbeiten. Er hat als Landarbeiter eine unvorstellbare Unfreiheit, nicht die Spur von Wertschätzung oder Achtsamkeit im Umgang, die totale Bevormundung und eine Ausbeutung erfahren, wie wir sie nur noch aus fernen Erzählungen kennen. Krankheit oder Widerspruch konnte die sofortige Arbeitslosigkeit als Konsequenz haben oder der Rauswurf aus der Landarbeiterkate.
Für meinen Vater muss das Lob des Bauern und die Andeutung des gleichen Schicksals für seinen Sohn eine Höllenqual gewesen sein.
Er war damals nicht in der Lage seine Gedanken und seine Gefühle auszudrücken.
Er wusste aber, dass seine Kinder nicht sein Schicksal erleiden sollten.
Weder ich noch meine Brüder haben uns trotz Traktorbegeisterung und stets auf dem Feld arbeitend als Landarbeiter beworben und nichts machte, so glaube ich im Nachhinein, meine Eltern glücklicher. Es war ihr Wunsch und ihr unausgesprochenes Ziel die selbst erlebte Ungerechtigkeit nicht auch bei ihren eigenen Kindern erleben zu müssen.

Ich habe im Rückblick auf die Erfahrungen meiner Eltern verinnerlicht, wie wichtig in einer fairen Zusammenarbeit Sinn, Sicherheit und Wertschätzung ist. Die Basis menschlichen Handelns sollte der Respekt gegenüber dem Menschen sein. Das haben meine Eltern zu selten erlebt und sie hätten es wie viele andere so sehr verdient.

Du siehst die Dinge und fragst „Warum?“ Doch ich träume von Dingen und sage „Warum nicht?“ (G.B.Shaw)

Wer Ungerechtigkeit sucht, braucht keine Laterne.

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