Führungskräfte für Rocky ?

Gerade lese ich das Führungskräfteseminare mit Boxkampfelementen als neue Modeerscheinung ganz hip sind. Vielleicht muss ich das tatsächlich einmal mit unserer Personalentwicklung besprechen.

Schon vor einigen Jahren war ich zu einem Vortrag in Hamburg eingeladen, bei dem ein alter Boxtrainer aus den Vereinigten Staaten referierte. Wenn man öfter in Deutschland auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen teilnimmt, dann war das schon bemerkenswert. Der Ort war auch ungewöhnlich. Wir saßen in Sportkleidung in einer Halle, vor uns ein Boxring und daneben eine Leinwand mit einem Beamer.
Neben der Überraschung über Art und Ort des Seminars waren auch die Fragen des alten Kämpen an uns Laien ungewöhnlich.
„Was glaubt ihr, ist die Hauptaufgabe eines Coaches bei einem Boxer“? Unsere Antworten waren geprägt von der Fernsehwahrnehmung und Rocky Film Wissen. Kondition und Ausdauer; Technik; Beweglichkeit; Härte gegen sich selber?
Alles richtig und doch nicht umfassend genug. All dies, so wurde uns erklärt, wären Fleißaufgaben, die auch ein Assistent coachen könnte.
Ein richtiger Boxtrainer hingegen müsse seinem Schützling mentale Präzision, Mut, Selbstverantwortung, Disziplin, Selbstbeherrschung, Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit, Siegeswille, ehrliche und kritische Selbsterkenntnis und vor allem Autonomie beibringen.
Dies alles seien im Ring Eigenschaften, die elementar seien, um Erfolg zu haben.
Es entwickelte sich eine überraschend interessante Diskussion über diese Kompetenzen die auch für die Arbeit so bedeutsam seien.
Der Boxer ist im Ring auf sich allein gestellt und muss jederzeit auf ständig wechselnde Situationen reagieren. Wildes Unkoordiniertes planloses herumschlagen sieht zwar spektakulär aus, kostet aber unnötig Energie, Kraft und ist die Einleitung der Niederlage. So das seinerzeitige Credo.
Um dies unter Beweis zu stellen, wurde die angekündigte Praxiseinheit eingeschoben. Dabei durften wir alle im Ring tänzeln und etwas auf einen Sandsack oder auf einige Sparringspartner einschlagen (die Gott sei Dank nicht zurückschlugen:-). Es war überraschend, wie vollkommen ausgepumpt wir durch unsere wüste Art des Boxens nach kürzester Zeit waren.
Dem Schützling zu helfen und beizubringen eine Balance zwischen dem strategischen Ziel, der zur Verfügung stehenden eigenen Energie und der Zeit zu halten, das wäre eine Aufgabe an der viele Sportler und vermeintliche Coaches scheitern würden.
Nachfolgend wurden uns einige Videos gezeigt, die wir so oder in ähnlicher Weise schon öfter gesehen hatten. Kämpfer, die zu Boden gingen, aber zur Begeisterung der Massen immer wieder aufständen.
Etwas überraschend erklärte der Coach dabei, dass diese Szenen Merkmale eines schlechten Trainers wären.
Ließe man es zu das einem Schützling derartige Schmerzen zugefügt werde, lege der malträtierte Körper die Grenze zu Fluchtreflexen im mächtigen Unterbewusstsein herunter. Man bekäme den Kämpfer zwar äußerlich wiederhergestellt, er sei aber nicht mehr derselbe. Die Aufgabe eines guten Trainers sei die Beobachtung des Verhaltens im Ring. Habe der betreute Boxer noch Hoffnung auf einen Sieg, habe er noch Antworten auf die wechselnden Herausforderungen, glaube er noch an sich? Dies alles könne durch aufmerksame Beobachtung gesehen werden. Ein guter Trainer verpasse keinesfalls diesen Augenblick, in dem die Niederlage sich abzeichne.
Würden auch die Hinweise in den Pausen nicht mehr helfen, dann gelte es größeren Schaden abzuwehren. Dies zu wissen und übermäßige Schmerzen, damit verbundene Frustrationen und die Beschädigung des Selbstbewusstseins zu verhindern, sei durch die aufmerksame Beobachtung am Ring möglich und notwendig.
Dann sei das Handtuch zu werfen.

Nichts anderes, so der Referent sei auch die Aufgabe von Führungskräften. Sie müssen ihre Mitarbeiter vergleichbar dem betreuten Boxer an und manchmal über ihre Grenzen führen. Immer dann sei das Handtuch zu werfen, wenn die Mitarbeiter wie der Boxer keine Perspektive mehr hätten ihre Ziele zu erreichen oder zu gewinnen. Reagieren Führungskraft oder Coach hingegen nicht, agieren gute Mitarbeiter durch Flucht oder Gleichgültigkeit und verhindern so schmerzhafte Niederlagen oder Frustrationen.

Es war am Ende doch ein sehr lehrreiches Seminar über die Verantwortung der Führungskraft für seine ihm anvertrauten (Boxer/ Mitarbeiter).

Führungskräfte für Rocky ?

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