Konflikte machen Sinn

Betriebliches oder Politisches Management und Führung in Zeiten ohne größere Herausforderungen und Probleme ist recht einfach. Konsequentes, zielgerichtetes starkes Führen, Agilität und professionelle Konfliktfähigkeit ist vor allem in schwierigen Zeiten gefordert. Nicht um die Menschen oder Organisationen zu entmündigen oder zu bevormunden, sondern um dort Entscheidungen zu treffen, wo die unmittelbar Beteiligten in Konflikten keine Möglichkeiten oder keine Kraft mehr haben notwendige Entscheidungen zu erreichen.
Es ist festzustellen das sich die Konfliktbewältigung bzw. die Art wie wir streiten, verändert hat.
Kontroversen, also das Ringen um den besten Weg oder das engagierte Einstehen für Positionen sind grundsätzlich das „Salz in der Suppe“ der Demokratie. Die Gesellschaften und damit auch die Betriebe werden mit einer immer größeren Spreizung von Individualität und einer immer größer werdenden Unterschiedlichkeit der Menschen konfrontiert. Die Folge dieser Entwicklungen werden mit großer Wahrscheinlichkeit zunehmende Meinungsverschiedenheiten sein.
Es erstaunt und überrascht allerdings wie wenig „nervenstark“ oder abgeklärt heutzutage in Auseinandersetzungen agiert wird.
Belastend ist es sicherlich, wenn mit Hilfe vieler neuer Werkzeuge in der Kommunikation von Kontroversen auch schnell diffamiert, statt argumentiert wird. Das ist sicherlich für alle Beteiligten nicht schön, wird durch lautes Klagen und Jammern aber auch nicht besser. Wir werden lernen müssen auch mit diesen Folgen einer anderen medialen Umgebung und einer „Echtzeitgeschwindigkeit“ in der Kommunikation zu leben.
Schlimm würde es nur wenn das eintreten für richtige Positionen angesichts des stärker gewordenen Fegefeuers von Kontroversen zu schnell in ein wegducken, einen faulen Kompromiss oder einen schlechten Konsens münden würde.
Im engagierten Meinungsstreit beweisen Haltungen und Standpunkte ihren Wert. Dort bestehen oder scheitern sie.

Sicherlich ist es wünschenswert weitestgehend harmonisch und im Konsens miteinander umzugehen. Doch es ist nicht richtig, wenn wir annehmen dass wichtige richtungsweisende Entscheidungen und Erfolge, immer zwingend aus einem Konsens entstehen. Dies ist lediglich ein reichlich naiver und idealisierender Glaube und lässt sich durch Beispiele nicht belegen.
Kompromisse um jeden Preis können in Gesellschaft und in der Wirtschaft auch erste Anzeichen eines gleitenden Übergangs in Dekadenz und Niedergang sein. Die Nachteile einer ausgeprägten Vermeidung von notwendigen, nachvollziehbaren, ehrlichen, hart und engagiert ausgetragenen Kontroversen können wesentlich größer werden als uns dies vielleicht bewusst ist. In der Politik führt dies zur Politikverdrossenheit und zur Stärkung extremer Ränder, in den Betrieben zu einer Erosion von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Konsequenz.
Unsere Zukunft fordert von uns allen mit wesentlich mehr Engagement und Entschiedenheit für Positionen oder Meinungen einzutreten. Wir sollten keine Entscheidungen oder Handlungen mehr widerspruchslos akzeptieren, die unsere Prinzipien tangieren oder den Schutz sowie eine Weiterentwicklung von Gesellschaft, Organisationen oder Individuen behindern.
Die Abkehr von einer vorwiegend fast zwanghaft auf Konsens ausgerichteten, dadurch oftmals inkonsequenten, lähmenden Gesellschafts,- bzw. Betriebspolitik und andererseits die Aktivierung eines konsequent zukunftsgerichteten professionellen Konfliktmanagements ist logisch, nachvollziehbar und verantwortlich. Diese wird aus der Außenbetrachtung manchmal paradoxerweise nicht mit Erkenntnisgewinn, sondern mit einem möglicherweise abrupten willkürlichen Paradigmenwechsel übersetzt.
Führt man tatsächlich einen Konflikt konsequent durch, ist die Engstirnigkeit und Borniertheit, mit der dies dann betrachtet und beurteilt wird, auch schon wieder erschreckend. Es herrscht fast überall ein eklatanter Mangel an Stressresistenz um solche Unterschiede auszuhalten, es fehlt an Streitfähigkeit.
An viel zu vielen Stellen werden offensichtliche Fehler, Probleme oder Fehlentwicklungen um des „lieben Friedens willen“ nicht benannt. Manchmal weil sie ideologisch oder aufgrund von Hierarchie nicht erwünscht sind, kritische Einwände werden überhört oder gleich verunglimpft. Es dominiert oft eine Schweigespirale und die Lüge wird als Mittel zu einem Ergebnis salonfähig. Der Eindruck von Barrikaden hinter denen man seine liebgewordenen Meinungen in Sicherheit bringt, drängt sich auf. Diese Engstirnigkeit verhindert das ein unvoreingenommener Blick zu guten Lösungen führen könnte. Die Fähigkeit einer differenzierten Beurteilung und eines an der Sache orientierten Streites geht mit einem „Lagerdenken“ recht schnell verloren.
Differenzierung heißt Unterscheiden. Unterscheiden zu können, zwischen dem was man wahrzunehmen glaubt, was man sich wünscht und dem, was tatsächlich ist. Die Fähigkeit zur Differenzierung lässt uns erkennen, dass einfache Denkschablonen unpassend sind. Einige Beispiele gefällig? Politiker sind glücklicherweise viel öfter Idealisten und nur manchmal Egoisten, nur eine Minderheit und nicht die Mehrheit der Muslime sympathisieren mit Terroristen. Nicht jeder über die große Flüchtlingszahl besorgte Bürger ist ein Rechtsradikaler. Nicht jeder demokratisch gewählte Mensch ist um seine Wähler, seine Kolleginnen und Kollegen, sein Land oder seinen Betrieb besorgt. Und nicht jede in einem autoritären Staatswesen an herausgehobener Stellung agierende Person ist immer ein schlechter Mensch. Dieser aus einem differenzierten Denken resultierende Erkenntnis wird wahrscheinlich noch jeder zustimmen. Doch wenn es um die praktischen Folgen solcher Erkenntnisse geht verlässt uns zu oft die Fähigkeit zur Differenzierung wie ein flüchtiges Gas.
Die einfachen Modelle und Vorurteile sind eben verlockend einfach und simpel!

Die immer komplexer werdende Welt löst viele bestehende Strukturen und liebgewordenen Denkschablonen auf. Die entstehenden Widersprüchlichkeiten und Kontroversen aus den Unterschiedlichkeiten könnten wir auch als Chance begreifen.
Doch Lagerdenken ohne die Bereitschaft zu differenziertem Abwägen und der Bereitschaft zum fairen ausfechten von Unterschieden auf der Suche nach den besten Lösungen, kann Betriebe und Gesellschaften blockieren.
Sie machen diese handlungsunfähig und in letzter Konsequenz konkurrenzunfähig. Eine Weiterentwicklung von Individuen und Organisationen wird durch eine auf zwanghafte Harmonie ausgelegte „Konsensneurose“ oder aber andererseits ideologisch betonierter Schützengräben behindert.

Möglicherweise müssen wir neu lernen zu streiten und dies auch auszuhalten.
Wir müssen lernen, wie wir heute und zukünftig um Lösungen und die besten Wege streiten wollen. Auf diesem Weg machen wir alle Fehler aber ich persönlich betrachte die dabei gewonnenen Erfahrungen zwar als oftmals schmerzhaft aber auch als lehrreich.
Als ganz schlimm empfinde ich die Argumente, die manchmal als Grund zur Vermeidung oder Beendigung einer von Gegensätzen geprägten Debatte herangezogen werden.
Der Klügere gibt nach? Was für ein blöder Satz. Soll die Dummheit obsiegen? Millionenfach wiederholt wird diese vermeintliche Weisheit einfach nicht logischer.
Der Hang zu Konformismus, übersteigertem Sicherheitsdenken oder vermeintlicher political correctness lassen Konflikte unterschwellig weiterbrennen wie ein Feuer im Moor.
Die Wertschätzung, die ich einem Gegenüber entgegenbringe, zeigt sich auch daran, das ich offen Farbe bekenne, Konflikte aushalte, sie konsequent zuende führe und keine faulen Ausreden benutze um einem Konflikt unter allen Umständen aus dem Weg zu gehen.

Konflikte machen Sinn

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