Reformationstag und Delphine

Der Reformator Martin Luther war in seiner Zeit ein Ketzer!
Wie viele Menschen, die uns wirklich vorangebracht haben, war er ein Abtrünniger seiner bis dahin gültigen Überzeugungen. Der Scheiterhaufen war für ihn eine realistische Gefahr.

Galileo Galilei hinterfragte die damalige Überzeugung, dass die Erde eine Scheibe sei. Seine Zerrissenheit zwischen seinen abweichenden neuen Ideen zum Universum und der realen Gefahr für Leib und Leben (Verfolgung, Folter, Tod) sind in den Geschichtsbüchern dokumentiert.
Auch wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Überzeugungen. Unsere Welt wie wir sie kennen, verändert sich unaufhaltsam. Eine Veränderung und Anpassung unserer Überzeugungen aufgrund Erkenntnisgewinn ist heute in Europa ohne die Gefahr eines Scheiterhaufens möglich. Und doch tun wir uns schwer mit mutigen neuen Entwürfen für unser individuelles Leben, für unsere Gesellschaft oder eine perspektivische Politik.

Denn die Einsicht in notwendige Veränderungen kollidiert mit unseren verfestigten persönlichen, politischen, gesellschaftlichen und religiösen Überzeugungen. Menschen, Parteien, Unternehmen und Bürokratien verdrängen immer wieder die offensichtlichen Realitäten und die daraus folgenden Schlussfolgerungen.
Der Kampf um Erkenntnis ist vor allem ein Kampf gegen unsere selektive Wahrnehmung und unser stark ausgeprägtes Wunschdenken nach Kontinuität.

Überall wird nach kleinen und großen Beispielen als Bestätigung für die jeweilige Sicht der Dinge gesucht.

Wie funktioniert Wunschdenken?

Kleines Beispiel gefällig?
Viele Menschen möchten z.B gerne daran glauben, dass die so faszinierenden Delphine Menschen bewusst aus Seenot retten. Darum ranken sich unzählige Filme und Geschichten.
Viele Forscher haben sich intensiv mit diesen so empfindsamen und hochintelligenten Tieren beschäftigt. Delphine spielen für ihr Leben gerne mit all dem, was sich im Wasser befindet. Sie spielen, schieben, katapultieren dieses „Spielzeug“ durch das Wasser. Wenn Schiffbrüchige Glück haben geraten sie in der Nähe von Land an solche Delphine die sie vielleicht auch noch in die richtige Richtung befördern. Diese Erzählungen manifestieren den Glauben an diese schöne Vorstellung und verfestigt diese ein auf das andere Mal.
Es gibt sicherlich viele unglücklichen Seelen, die als Schiffbrüchige auf hoher See von den Delphinen wahrgenommen wurden. Doch sie ertranken jämmerlich als sie als Spielzeug uninteressant wurden und die Tiere sich, durchaus nachvollziehbar, den wichtigeren Dingen eines Delphinlebens zuwandten. Diese Geschichten können nicht erzählt werden. Sie stellen die andere Überzeugung also auch nicht in Frage.

Wir alle neigen dazu nur das hören und sehen zu wollen, was unsere eigenen Überzeugungen untermauert. Demagogen und Populisten nutzen diese menschliche Eigenart skrupellos. Wenn etwas passiert, was mit unseren eigenen Meinungen übereinstimmt, fühlen wir uns bestätigt. Und wenn es nicht passiert dann wird diese Bestätigung heutzutage herbeigeschrieben und in den neuen Medien tausendfach vervielfältigt. Und das nicht dazu passende wird ausgeblendet.

So leben wir zwar alle in derselben Zeit, in derselben Realität, nehmen diese aber völlig unterschiedlich wahr.

Und hier komme ich zu der Reformation zurück. Martin Luther hat es geschafft aus der Echokammer der damaligen Glaubensgrundsätze auszubrechen. Er wurde Ketzer gegen das was er selber vorgelebt, gelehrt und verbreitet hatte. Er stellte seine Überzeugung durch einen Perspektivenwechsel in Frage. Wie erfrischend wäre es heute, wenn wir alle etwas mehr bereit wären Ketzer gegen unsere eigenen Gedankengefängnisse zu werden und unsere „Überzeugungsdoktrinen“ einer reformistischen ernsthaften Prüfung zu unterwerfen?

 

 

 

 

Reformationstag und Delphine

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