Wir schaffen das!

Willy Brand hat mit nur drei Worten enorm viel in unserem Land verändert. Die Diskussionen um seine sozialdemokratische Werbung „Mehr Demokratie wagen“ bewegte viele und vieles. Es war wie eine Bluttransfusion für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft.

Bundeskanzlerin Merkel formulierte auf dem Höhepunkt der Flüchtlingstragödie im Jahr 2015 auch einen Satz mit drei Worten. „Wir schaffen das“ war eine bemerkenswerte , eine menschliche, eine anständige Haltung. Es war die verantwortungsbewusste Alternative zu seinerzeitigen denkwürdigen Zitaten wie: „Wir müssen die Grenzen schließen und die grausamen Bilder aushalten. Wir dürfen uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen“.

Auch wenn die aktuelle Flüchtlingspolitik heute härter, und abweisender ist als je zuvor, so prägten diese drei Worte für einen ganz entscheidenden Moment eine Haltung, die meines Erachtens nach einen wesentlichen Teil der Seele unseres Staates überleben ließ. Was wäre mit uns allen geschehen wenn wir damals als Gesellschaft unsere Herzen und Grenzen gegenüber dem sichtbaren Elend hunderttausender Menschen verschlossen hätten? Wenn wir, wie es viele und allen voran die AfD forderte, möglicherweise sogar Schusswaffen gegen Flüchtlinge eingesetzt, Stacheldrähte und eine neue Art von Konzentrationslagern an der Grenze gebaut hätten? Reizgas, Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen flüchtende Menschen? Tote Kinder an der deutschen Grenze statt an türkischen Mittelmeerstränden?

Hätten wir dann vor unsäglichem Scham und konsequenterweise den Artikel 1 unseres Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gestrichen? Diesen Kernsatz unserer Verfassung, geboren aus den Erfahrungen von Krieg und Vertreibung?!

Es gab im Zuge der Flüchtlingspolitik Fehleinschätzungen. Es wurden viele Fehler gemacht. Hier gilt es nachzubessern. Es war aber kein Fehler verantwortlich zu handeln und zu helfen.

Einige glauben, dass es heute keine AfD geben würde, wenn wir 2015 die besagten grausamen Bilder an der Grenze ausgehalten hätten. Mag sein – doch unsere liberale, offene und freie Gesellschaft wäre dann quasi die AfD gewesen!
Es ist aktuell ein politischer, ethisch und humanistischer Skandal wie zivilisierte Staaten wissentlich tausende Menschen im Mittelmeer jämmerlich ertrinken lassen. Wie wir akzeptieren, dass abertausende flüchtende Menschen in der Sahara verhungern und verdursten. Falls sie diesen Todesmarsch überleben werden sie anschließend in von uns finanzierten afrikanischen Konzentrationslagern missbraucht, ausgebeutet und getötet. Weil die populistischen Hassprediger immer schriller und lauter werden, geben wir immer mehr unserer humanistischen und christlichen Werte auf?!.

Wir parken diese Werte in einer Warteschleife, weil wir glauben, dass die Menschen Hass und Ablehnung wollen?
Wir sind in Politik und Medien mittlerweile so fokusiert auf Pegida, AfD und rechtsextreme Nazi Positionen das wir gar nicht mehr erkennen wie viel mehr Menschen in unserem Land den Satz „Wir schaffen das“ leben und verwirklichen. Ohne Gebrüll, ohne Aufsehen helfen sie den geflüchteten. Jeder zehnte Deutsche hilft Flüchtlingen. Das ist absolut einmalig und darauf können wir stolz sein. Sie helfen beim Sprachunterricht, bei den Behördengängen, bei der Suche nach Arbeit und Wohnung. Sie zeigen Mitgefühl und Wertschätzung. Diese Helfer füllen den Slogan „Wir schaffen das“ mit Leben und Verantwortung. Zehntausende freiwillige Helfer stehen für die tatsächlichen Werte unserer Gesellschaft. Sie reden und posten nicht über Leitkultur und unsere Grundwerte, sondern leben diese vor.

Ja die AfD und ihre Anhänger erregen mehr Aufsehen, sie sind laut, sie überschwemmen die sozialen Medien, sie sind manchmal furchterregend, sie können mehr brüllen, sie haben einen tieferen Hass, sie sind unbarmherziger in ihrer Ablehnung, sind mitleidloser und härter.

Doch ist es diese dunkle Seite des Menschseins, die wir als Land als Gesellschaft für unsere Kinder und Enkel beispielgebend zeigen wollen?

Wir schaffen das!

2 Gedanken zu “Wir schaffen das!

    1. Danke für die Rückmeldung. Ich habe nicht versucht über die Hintergründe dieser Entscheidung bzw. der damaligen Aussage Vermutungen anzustellen. Ich weiß dass diese damals eine Reaktion auf extreme Angriffe im sächsischen Heidenau war. Aber in einer parlamentarischen Demokratie müssen gewählte Entscheidungsträger eine Position einnehmen und sich dafür verantworten. Trotz aller Unzulänglichkeiten und Fehler die gemacht wurden, bin ich froh das Frau Merkel sich damals so entschieden hat. (Man hätte die Steuerung wirklich professioneller machen können, aber das ist ein anderes Thema). Ich glaube auch dass es damals leichter gewesen wäre eine Linie zu fahren wie sie aktuell in Österreich oder noch krasser in Ungarn verfolgt wird. In meinem Text habe ich versucht zu ergründen was dann mit unserer Gesellschaft, mit unserem Grundgesetz passiert wäre. Und was die vermeintliche oder tatsächliche Allgemeinheit angeht ….. ich glaube wir alle müssen lernen dass in einer liberalen offenen demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft nicht nur die jeweilige Mehrheit recht haben und alles mit dem Verweis auf die Mehrheit plattmachen darf sondern auch Interessen von Minderheiten Berücksichtigung finden müssen. Dies ist das Wesen der freiheitlichen rechtsstaatlichen Demokratie. Und ein letzter Satz sei mir erlaubt. Ich kann mit dem Satz „Wir schaffen das“ besser leben als mit dem gegrölten „Deutschland Deutschland über alles über alles in der Welt“ wie es leider jetzt wieder häufig die Straßen schallt!

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