Es fühlt sich fast so an ….

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Ich sitze im Wartezimmer meines Arztes. In der Hand mein aktuelles Lieblingsbuch von Maja Lunde.

Unzählige Smartphone Bildschirme werden gestreichelt oder der Daumen flitzt bei dem Verfassen von Nachricht hin und her.

Still und konzentriert habe ich mich in das Buch versenkt.
Maja Lunde schreibt wunderbar.
Hoffentlich werde ich nicht gleich aufgerufen.

Und doch spüre ich die irritierten Blicke. Immerhin bin ich hier in unserer Region ein bekanntes Gesicht des Meyer Werft Managements. Ein ehemaliger Kollege, der jetzt im Ruhestand ist, durchbricht die Kirchenraumähnliche Stille.
Das Du so ruhig dasitzen und lesen kannst Paul.
Hast Du Urlaub?

Es ist nicht die erste derartige Reaktion, die mir erneut bewusst macht, in welchen Schubläden man schon steckt. Wie stark Rollenprofile und Verhaltensschablonen geworden sind.

Die konzentrierte stille Aufmerksamkeit auf ein richtiges Buch statt hektischer Handy Kontrolle? Kein oftmaliges Herausrennen aufgrund wichtiger Telefonate, keine E-Mails die mit einem hörbaren Seufzen unbedingt gelesen oder geschrieben werden? Ein ruhiges und konzentriertes Aufnehmen von geschriebenen Gedanken statt der spektakulären Jonglage mit elektronischen Statuswerkzeugen passt offenbar nicht zu dem Bild eines richtigen Managers?

Und wenn ich ehrlich zu mir selber bin, ertappe ich mich sogar dabei, dass die Kollision dieser Erwartungshaltung mit meinem Verhalten so etwas wie „schlechtes Gewissen“ kurz aufblenden lässt.

Oft bin ich in Zügen unterwegs, in denen viele Geschäftsreisende mitfahren. Sofern meine Bahn denn auch fährt wie geplant, genieße ich die Möglichkeit, in Ruhe Dinge, Vorgänge oder Aufgaben zu durchdenken. Die Muße zu haben, diese Schritt für Schritt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich freue mich darauf, schöne oder interessante Texte zu lesen, dabei Musik zu hören oder bei dem Blick in die vorbeifliegende Landschaft in die Tiefe von Themen zu tauchen.

Doch um mich herum klappern die Notebooktastaturen und glühen die Smartphones. Das stört mich nicht besonders. Viele Jahre war auch ich Teil dieser Maschinerie. Die Klage über die Verdichtung des Lebens ist allgegenwärtig. Kaum eine Tagung bei dem nicht die übervollen Terminkalender wie Banner in die Arena getragen werden.

Es gibt kaum ein Gespräch wo nicht irgendwann die „Work Life Balance“ und eine Abkehr vom Wahnsinn herbeigeredet wird. Umso später der Abend umso leidenschaftlicher entstehen die Ideen, wie es denn sein müsste. Und doch verfallen wir alle wieder kurze Zeit später in das Hamsterrad der Alltagshypnose.

Statt sich selber zu disziplinieren und eine bewusste Abstinenz von ständiger Erreichbarkeit festzulegen, müssen Entmündigungsvorschriften der Betriebe
(E-Mail und Handyfreie Zeiten per Vereinbarung) gemacht werden.

Der gleichbleibende Rhythmus des Lebens, wie ein ruhiges tiefes Ein,- und Ausatmen, ist leider einer angespannten „Ich muss jederzeit erreichbar sein“ Hetze gewichen. Alles ist dringend?! Doch wissen wir auch noch was wichtig ist?
Und die junge Generation wächst in ähnlicher Weise heran. Unterschreitet die Rate der WhatsApp Nachrichten die tägliche Erwartungshaltung, wird das Handy schon mal auf Fehlfunktionen untersucht.

Umso älter ich werde, desto mehr empfinde ich die vielfältigen technischen Folterinstrumente, die vorausgesetzte ständige Erreichbarkeit und online Präsenz als Qual. Ich nutze und genieße die heutige Kommunikationstechnik wirklich auch gerne. Doch ich sehe und spüre was sie mit uns machen kann, wenn wir nicht lernen das diese Technik uns zu dienen hat und wir mehr sind als nur ein einzelnes Fragment in einem digitalen Netzwerk.

Wenn wir nicht mehr in der Lage sind dem Alltagsgefängnis und der ständigen Präsenzverpflichtung zu entfliehen, verspielen wir unsere Möglichkeiten, mit neuen Ideen die Zukunft zu gewinnen.

Wer sich nicht der Langsamkeit des nachdenklichen Denkens hingibt, betrachtet viel zu oft die Dinge nur an der Oberfläche. Tiefe braucht Zeit!
Ein Rückzug aus dem Hamsterrad des Tages erlaubt die Wahrnehmung von neuen Perspektiven.

Es ist ähnlich wie beim Fasten. Erst wenn wir uns dem Überfluss des jederzeit verfügbaren Essens auch nur für kurze Zeit verweigern, spüren wir den süßen Hunger und anschließend die Freude, diesen zu stillen.

Erlebe und erlaube ich mir Ruhe und Konzentration, bekomme ich überhaupt wieder ein Gefühl für Geschwindigkeit und Dynamik.

Erlaube ich mir dann und wann Faulheit, spüre ich überhaupt erst wieder, wie Fleiß sich anfühlt.

Lasse ich meiner Phantasie ohne Angst und logische Zurückhaltung ihren grenzenlosen Raum weiß ich überhaupt die uns Menschen eigene Kreativität als eine besondere Gabe zu schätzen.

Ein Freund von mir, der als One Man Show eine eigene Unternehmensberatung aufgebaut hat, zieht sich zum Kraftschöpfen in eine Hütte nach Norwegen zurück. Um der umfassenden allgegenwärtigen Geschwätzigkeit und der ständigen Erreichbarkeit zu entfliehen braucht es meiner Meinung nach nicht zwingend einen räumlichen Wechsel.

Kraft zu tanken und Gedanken erneuern, das bekomme ich schon bei mir im Garten hin. Ich spüre, wie sich das Leben füllt, wenn ich gemeinsam mit meiner Familie die Natur, das echte, das reale Leben erfahre oder aber auch die unglaubliche Freude, in einem guten Buch zu ertrinken.

Und so war dann auch meine Antwort an meinen Kollegen im Wartezimmer meines Arztes in die Stille des Raumes.
Ich habe zwar keinen Urlaub, aber …. mit einem Blick auf das Buch, es fühlt sich fast so an.

Es fühlt sich fast so an ….

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