Es ist doch nur 1 Kuh ?

In einem Telefonat am heutigen Tag drehte sich das Gespräch um Regeln und vorbildhaftes Verhalten.
Entzündet hatte sich die Diskussion an dem individuellen Verhalten vieler Menschen in Zeiten von Corona.
Ich hatte mich sehr darüber geärgert, wie oft die für uns alle geltenden Regeln doch ganz offensichtlich als lose Empfehlung übersetzt würden.
Mein Gegenüber war etwas irritiert über meine Rigidität in dieser Frage. Es wäre doch nicht so schlimm, wenn einzelne sich nicht an die Vorgaben hielten. Die Mehrheit wäre doch entscheidend? Er sprach damit das allgemeine Empfinden aus. Meinen Vorwurf des unethischen Verhaltens bei dem einzelnen Verstoß konnte er nicht nachvollziehen.

Um ihm meine Gedanken zu verdeutlichen habe ihm dann die Geschichte mit der 101 Kuh erzählt.

Es war einmal ein Dorf in den Bergen. Diese Gemeinde besaß eine kleine aber sehr fruchtbare Alm. Jeden Morgen wurden die Kühe der Dorfbewohner auf diese kleine Bergwiese getrieben. Es war vereinbart, dass jede der 100 Familien jeweils eine Kuh hinaufbringen durfte.
Diese Regel funktionierte über eine sehr lange Zeit. Doch eines Morgens bemerkte ein Bauer das sein Nachbar heimlich eine zweite Kuh in die Herde schmuggelte. Er konnte es kaum glauben. Doch auch am nächsten Morgen beobachtete er dasselbe Verhalten. Zuerst war er unglaublich wütend.
Doch dann sagte er sich, das es doch auch für ihn von Vorteil wäre, wenn zwei seiner Kühe die saftigen Gräser und Kräuter der Bergwiese fressen konnten. Also tat er es seinem Nachbarn gleich.
Doch natürlich blieb auch dies nicht unbemerkt. Nach und nach wuchs die morgendliche Herde an. Die kleine Alm ertrug die Last bald nicht mehr. Die Wiese wurde kraftlos, Kräuter wuchsen nicht mehr nach. Bald mussten die Bauern ihre Kühe auf eine fremde Alm treiben. Dort zahlten sie von ihrem kargen Einkommen auch noch Pacht. 100 Kühe hatte die Alm ernähren können. Mehr nicht.
Wo begann jetzt das unethische, das verwerfliche Verhalten. Begann es bei Kuh Nr. 105, 110 oder 150?
Nein. Das Unglück begann bei der 101 Kuh. Der erste Verstoß war der Beginn eines unethischen Verhaltens.
Diese erste Kuh brachte ein System zum Einsturz dessen Basis auf Ehrlichkeit, Anständigkeit und gegenseitigem Vertrauen aufbaute.
Ein einzelner der sich egoistisch verhält und Regeln unterwandert, kann also ein ganzes System zusammenbrechen lassen.
Aus diesem Grund ist der kleine individuelle augenzwinkernde Verstoß fast der schlimmste!

Nachdenklich beendeten wir das Gespräch.
Solltet Ihr Euch dieser Sicht annähern können, was würde dies in einer Vielzahl täglicher Erfahrungen bedeuten?
Ein anspruchsvoller Gedankensplitter mit Sprengkraft – meint Ihr nicht auch?

Es ist doch nur 1 Kuh ?

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.