Starr vor Angst in der Antonov…

Heute sprachen wir darüber wie wenig Flugzeuge doch aktuell am Himmel zu sehen sind. Dies inspirierte mich, ein Erlebnis in Russland zu schildern!

Als Sonderbeauftragter für die Neptun Industrie in Rostock, hatte ich mich sehr auf den Termin im Spätsommer 1998 in Moskau gefreut.

Im Schlepptau von Ulrike Bohnenkamp, der beeindruckenden Powerfrau aus Bremen, war ich zu einem 3-tägigen Austausch mit russischen Wirtschaftsvertretern und Politikern eingeladen.
Wir hatten die Chance, eine Diskussion über mögliche Kooperationen oder vielleicht sogar kleinere Aufträge zu führen. Ulrike Bohnenkamp und ihre Firma AgS, betreuten zusammen mit einem Kooperationspartner aus Schwerin, Belegschaften ostdeutscher Betriebe. So viele hatten seit der Grenzöffnung ihre alten Auftraggeber verloren und keine neuen hinzugewonnen.

Doch schon unmittelbar nach der Landung in Moskau zerstob die Hoffnung auf eine Stadtbesichtigung der russischen Metropole mit einem einzigen Anruf.
Die Treuhandanstalt hatte zu einem kurzfristigen Termin am darauffolgenden Tag geladen. Und ein Meeting mit der rigiden Treuhandanstalt Chefin B.Breuel hatte man wahrzunehmen.
Meine Stunden in Moskau waren also begrenzt.
Ich war ärgerlich über die verpasste Gelegenheit zur Erkundung dieser imposanten Stadt. Der Frust steigerte sich stündlich durch die unvermeidlichen, zähen und zeitraubenden Vorstellungsrunden.

Eine freundliche ältere Dolmetscherin unterstützte mich bei den Bemühungen zur Buchung eines Rückflugs nach Berlin am nächsten Tag.

Für diesen Transfer war ich gezwungen, sowohl Fluggesellschaft als auch den Flughafen zu wechseln. Der Abflug sollte am Vormittag des darauffolgenden Tages von einem der ältesten Flughäfen in Moskau, vom Flugfeld Bykowo stattfinden.

Nach einer etwas holprigen Identifikation im Flughafengebäude gelangte ich mit einer Gruppe von ca. 45 Passagieren durch eine halbseitig klemmende Glastür und mit einem Slalom durch Gepäckpyramiden zum wartenden Flugzeug. Meine Freude über die gelungene Umbuchung war bei dem Anblick der Maschine schlagartig verschwunden.
Vor mir stand eine Propellermaschine sichtbar älteren Datums.
Wie ich später recherchierte, handelte es sich um eine schon in die Jahre gekommene Antonow AN 24.

Zwei freundliche, uniformierte Stewardessen empfingen uns beim Einstieg. Meine Mitreisenden waren ausnahmslos Einheimische. Viele Geschäftsleute in ihren Anzügen und nur mit kleinem Handgepäck ausgestattet.
Den Geruch in der Flugzeugzelle vergesse ich nicht wieder. Neben dem typischen kalten Zigarettengestank waberte eine irrwitzige Horrormischung aufdringlicher Parfüms durch die enge Röhre.
Neben mir wühlte sich ein schwitzender, reichlich übergewichtiger älterer Vertretertyp in seinen Sitz. Ich hatte einen Fensterplatz und saß auf der Backbordseite direkt unter dem Flügel. Denn die Antonov hatte sogenannte Huckepack Flügel. Diese saßen quasi oben auf dem Rücken des Flugzeugs. Die Spitzen der Propeller befanden sich etwa eine Armlänge von meinem Bullauge entfernt.

Alles drängelte zu den Sitzen. Fluchend wurden nicht passende Handgepäckteile passend gemacht. Und schon starteten die Motoren. Vibrierend, sich etwas schüttelnd und klappernd bewegte sich die Maschine. Eine der Stewardessen wies durch eine kaum zu verstehende Lautsprecheranlage höchstwahrscheinlich auf zu beachtende Sicherheitseinrichtungen hin. Doch keiner hörte ihr zu. Was musste das für eine frustrierende Aufgabe sein?

Langsam rollten wir in Richtung unserer Startposition an den Gebäuden entlang. Meine anfängliche Aufregung wich langsam. Doch genau auf der Höhe eines offenen Flugzeughangars passierte es.
Es knallte laut neben mir, der Motor stieß eine schwarze stinkende Rauchwolke aus und fing an zu husten wie ein Raucher nach 100 Jahren Nikotinsucht.
„So – das war es dann mit dem Treuhandtermin“, so mein erster Gedanke. Die Hand schwebte über dem Gurt. Diesen müssten wir ja sicherlich sogleich lösen. Dieser Flug war vorbei.

Eine russische Durchsage kam von vorne. Wütende, protestierende Rufe waren die Antwort. Ein Geschäftsreisender stand auf und schimpfte laut in Richtung der Stewardessen. Durch die offene Cockpittür konnte man die zwei Piloten in ihren weißen Hemden wild auf ihren Armaturen hantieren sehen.
Wieder gab es eine russische Ansage.

Zufriedenheit machte sich breit. Die erbosten Passagiere setzen sich hin, nahmen ihre Zeitung und lasen weiter. Mein Nachbar machte keinerlei Anstalten sich von seinem Sitz zu erheben und versank schwer schnaufend in seinen Papieren.

Ich nahm aus dem Augenwinkel ein Fahrzeug wahr. Eine fahrbare Hydraulikbühne fuhr direkt neben meinem Bullauge unter den mittlerweile stehenden Backbordmotor. Natürlich war es Einbildung, dass ich die Geräusche des Akkuschraubers hören konnte, den einer der beiden Schlosser betätigte.
Die Hydraulikbühne hatte die beiden so hochgefahren, dass diese die Motorverschalung öffnen konnten. Es kam sodann ein schwerer Schlosserhammer zum Vorschein. Die ältere der beiden schlug einige Male kräftig auf irgendein Bauteil im Motor, nahm eine Spraydose und spritze etwas in die gut zu sehenden Bauteile. Es wurde ein Kabel an den Motor gelegt und der Hydraulikwagen fuhr einige Meter zurück.
Ich sah den erhobenen Monteursdaumen. Der Motor wurde gestartet.
Anfangs hustend, wieder eine dicke schwarze Rauchwolke ausstoßend, steigerte dieser  dann doch seine Umdrehungen und lief anschließend ruhig und rund.

Der Motor wurde wieder in den Leerlauf gestellt. Der Propeller stoppte, der Hydraulikwagen kam zurück, mit dem Akkuschrauber wurden die Blechschrauben wieder in die Verschalung gedreht. Die Bühne senkte sich ab und die beiden Monteure verschwanden aus meinem Blickfeld.

Ein ungläubiger Blick um mich herum bestätigte mir, dass ich offenbar der einzige war, der diesen ganzen Vorgang nicht glauben konnte.

Der Backbordmotor sprang wieder an, sich fröhlich laut schüttelnd, die Luft wurde brüllend geschaufelt und nur wenige Minuten später schwang sich die Antonow mit uns in die Luft, als wenn nie etwas gewesen wäre.

Es war eine ewig anmutende Flugzeit bis Berlin. Keine Minute konnte ich den Blick von dem Motor abwenden. Jeden Augenblick erwartete ich Funken, Feuer oder schwarzen Qualm. Ich war völlig fertig in Berlin und habe den Inhalt des folgenden Treuhandtermins auch völlig vergessen.
Um meine Frau nicht unnötig über solcherlei Reisen zu beunruhigen, habe ich dieses Flugerlebnis erst sehr viel später gebeichtet.

An dieses eindrückliche Erlebnis pragmatischer Problemlösung in Russland erinnert mich immer wieder die Szene aus dem Film Armageddon. Die beiden amerikanischen Space Shuttle nehmen auf ihrem Weg zum Asteroiden, der die Erde zu vernichten droht, einen russischen Kosmonauten von der Raumstation MIR auf. Zum dramatischen Ende des Films, muss das einzig noch funktionsfähige Space Shuttle vom Asteroiden starten. Doch ein streikender Computer verhindert den Start der Triebwerke. Der russische Kosmonaut behebt diese Probleme auf typische Weise. Unter den entsetzten Augen seiner amerikanischen Kollegin bearbeitet er mit dem Hammer den Startcomputer.  Nach einigen gezielten Schlägen auf die vermaledeite Elektronik startet das Shuttle.

Den Blick der Astronautin im besagten Film den kenne ich.
Meine Mimik in Moskau Bykowo wird ganz ähnlich gewesen sein.

Starr vor Angst in der Antonov…

Ein Gedanke zu “Starr vor Angst in der Antonov…

  1. Thieke schreibt:

    Hallo Paul. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Toll formuliert. Fliege heute nur noch Boing 747MAX😀

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