Gemeinsam so blöd

2020-05-12_13-37-09.jpegManchmal werden wir Menschen auf diesem Planeten mit unvorhersehbaren Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert. Erschreckend oft wird dann deutlich, wie viele Mitglieder der selbsternannten „Krone der Schöpfung“, leider immer noch extrem einfältig und kurzsichtig sind.

Momentan gibt es zwei Pandemien.
Das Corona Virus ist schlimm, die Flut an Verschwörungsphantasien aber nicht minder.
Zehntausende Menschen sterben in vielen Ländern dieser Welt in überfüllten Krankenhäusern. Und hier demonstrieren hirnlose Spacken gegen die verordnete Vorsicht. Es ist einfach unglaublich!
Um politisch korrekt zu bleiben, hier der Zwischensatz:
„Natürlich hat jeder das Recht zu demonstrieren. Das Handeln der Regierung kann jederzeit kritisch hinterfragt werden. Und selbstverständlich ist es jedem unbenommen, seine Ablehnung gegen Auflagen zu zeigen. Zugespitzte und harte Kritik ist in unserer Demokratie erlaubt und erwünscht.“

Unverantwortlich.
Doch ein Protest, bei dem man andere Menschen in Gefahr bringt, ist erbärmlich und absolut unverantwortlich. Wenn durch individuelles, stures und uneinsichtiges Verhalten, die Gesundheit von Polizisten, von Älteren oder anfälligen Menschen riskiert wird, ist dies inakzeptabel.
Ich schaue mir die Corona Demos an und frage mich woher diese unerklärliche, unsägliche Wut kommt. Auf vielen Gesichtern der Demonstranten liegt überschäumender Hass, fast Fanatismus.
Ich bekomme Zweifel, ob diese Menschen eine solche Toleranz wie jene, die sie für sich einfordern, auch anderen entgegenbringen würden?

Wenn moderne Wutbürger die Regeln der solidarischen Gemeinschaft individuell in Frage stellen, müssen sie sich auch harter Kritik stellen und diese aushalten!
Diese bunten irrlichternden Demo Truppen sind erschreckend unverantwortlich. Dicht an dicht, ohne Distanz, halten sie Schilder mit merkwürdigen Botschaften hoch. Überall sehen sie Verdächtiges und Verschwörungen.
Bill Gates hat die WHO gekauft – aha! Es gibt keine Pandemie – (ob die 80.000 verstorbenen Amerikaner dies auch so sehen?) Flugzeuge sprühen Chemie am Himmel. Das Corona Virus wird durch Funkmasten verbreitet usw usw. So eine Menge an gequirltem Blödsinn ohnegleichen.

Ernsthaft?
Einen Lachanfall löste bei mir gestern einer der interviewten Demonstranten aus.

Zitat: „Ich informiere mich nicht mehr bei den Mainstreammedien (Fernsehen/ Zeitungen) sondern im Internet. Da bekomme ich alle Informationen und kann über die weltweite gigantische Verschwörung lesen. (Ein Blick in die Kamera und ein Appell….) Fangt an zu denken“.

Wikipedia Übersetzung von Verschwörung:
Eine Verschwörung ist eine geheime Zusammenarbeit mehrerer Personen zum Nachteil Dritter.

Na so was? Das ist dann doch mal eine innovative Verschwörung, die da Milliardenfach von allen Deppen im Internet zu lesen ist?!

Wie naiv muss man eigentlich sein, um so einem Verschwörungsschwachsinn aufzusitzen?
Früher dachte man, nur einige wenige wissen Bescheid und viele andere tappen blind hinterher. Doch das Internet hat alles verändert.

Massenhafte Besserwisserei 
Früher stressten Amateurbesserwisser am Stammtisch oder auf dem Fußballplatz.
Heute ergießen vermeintliche Internet Genies, ihre gedanklichen Absonderungen in die asozialen Medien. Sie verbreiten ungeprüft alles, wenn es nur ihrem Weltbild und ihrer jeweiligen Paranoia entspricht.
Sie misstrauen und bezweifeln wissenschaftliche Fakten und durch harte Arbeit erworbenem Wissen.
Diese Demos gegen ein Virus (!!) und seine Folgen, sind so völlig sinnentleert wie die ebenso idiotischen Pegida Demos.
Die Botschaften auf Bannern, Transparenten und in den Reden bei diesen Demos erreichen zwar einerseits den Humorlevel einer durchgeknallten Satiresendung.
Doch andererseits sind bei einigen dieser Mitmenschen die Gehirnwindungen gefährlich verknotet.

Geht gar nicht!
Wenn diese Hansels bei ihren Hygiene Demos auf Schildern die wohlbegründeten Ausgangsbeschränkungen zum Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft, mit dem Dritten Reich in Verbindung bringen, dann könnte ich mich erbrechen. Sagt mal, hakt es da oben irgendwie?

Neueste Erkenntnisse zeigen, dass der Virus offenbar auch die Blut Hirn Schranke durchbrechen kann. Sollte man bei diesen Corona Demonstranten vielleicht einmal ausgiebig testen, was dieses Virus dort eventuell schon angerichtet hat?

Uns geht es allen derart gut. Wir haben alles. Im Vergleich mit den meisten Ländern dieser Welt leben die meisten von uns immer noch in paradiesischen Zuständen.
Auf eine begrenzte Zeit und aus wirklich gutem Grund sollen wir mit unserem Verhalten dem Virus die Existenz erschweren. Was sollen dann solche Hygienedemos?

Was wird bloß aus diesen ganzen „Verquerdenkern“  wenn wir alle realisieren was die Klimaveränderungen und ihre Folgen uns noch an Anpassungen aufzwingen werden. Gegen wen werden denn dann diese Wutbürger demonstrieren?

Gemeinsam so blöd

Selbstverständlichkeiten und Angst

In meiner morgendlichen Presseschau studiere ich, was sich in den nächsten Tagen alles ändern wird. Nachdenklichkeit entsteht.

Wieso kann man die Tugend der verständigen gegenseitigen Geduld in der politischen Debatte nicht mehr länger aufbringen? Die ergriffenen Maßnahmen zur Virusbekämpfung waren hart, politisch heikel, aber notwendig. Bisher waren sie auch erfolgreich.

DEM VIRUS IST ES HERZLICH EGAL

Jeder von uns sehnt den früheren „Normalzustand“ des Lebens wieder herbei.

Doch diese Verhältnisse wird es so schnell nicht wieder geben. Wir bekommen einen Vorgeschmack auf Gegebenheiten die wir weder mit Demos, mit dummen einfältigen Twitter Nachrichten und auch nicht mit klugen Artikeln oder Appellen aus der Welt schaffen können. Da können sich die Verschwörungstheoretiker auf Facebook oder anderen Netzwerken noch so überschlagen.
Dem mutierten Virus ist es herzlich egal.

WIR LERNEN MACHTLOSIGKEIT

Wir machen eine völlig neue Erfahrung. Es werden uns Grenzen aufgezeigt. Wir lernen,  dass es Dinge gibt, die der Mensch nicht, oder nur sehr begrenzt unter Kontrolle hat.

Wir bekommen schmerzhaft demonstriert, dass aus Handeln oder auch dem Unterlassen von Handeln Konsequenzen folgen.

Dies werden wir bei dem Klimawandel noch wesentlich drastischer begreifen müssen. Dieser geht nicht nach einigen Wochen vorbei! Seine Folgen werden völlig unbeeindruckt von Task Forces oder Beschlüssen von Parlamenten oder vermeintlich mächtigen Menschen eintreten. Dies wird Generationen betreffen und unsere Lebensführung für lange lange Zeit betreffen und  tiefgreifend verändern.

Krankheitswellen hat es in unserer Menschheitsgeschichte immer gegeben. Doch durch unser Handeln bringen wir die Gefahren dichter an uns heran. Exotische und völlig sinnlose Wildtiermärkte, Zerstörungen natürlicher Lebensräume und Debalancierung natürlicher Gleichgewichte, kombiniert mit der Globalisierung von Waren und Menschen.  Dies alles sind ideale Bedingungen für die vielen Erreger, die sonst für ihre Reise um die Welt viel länger bräuchten.

VIREN UND NATIONALISMUS SIND TÖDLICH

Eines der größten Probleme bei der Bekämpfung globaler Katastrophen ist neben den mutierenden Viren der gleichfalls wuchernde egoistische Nationalismus. Diese beiden Erreger sind für die Menschheit extrem tödlich und gefährlich. Statt gemeinsamen Lernens, gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Abwehr, glauben viele Staaten einen Virus durch nationalistisches Gehabe beeindrucken zu können.
Die Quittung für dieses dummen und einfältigen Denkens kann man sich in den Krankenhäusern, in Leichensäcken oder Kühllastern anschauen.

ICH HABE ANGST

Ich persönlich gehöre weiß Gott nicht zu den ängstlichen Menschen. Doch eines habe ich in meinem Leben gelernt. Selbstverständlichkeiten gibt es nicht. Im politischen Bereich glauben wir, das Demokratie selbstverständlich ist. Wir sehen aber, wie schnell offene und freie Gesellschaften zerstört werden können, wenn wir unsere Demokratie nicht verteidigen und nicht jeden Tag und an allen Stellen für sie eintreten.

Erstaunlich viele begegnen diesem Virus mit einem Achselzucken. Mit einer fatalistischen Haltung. Irgendwann werden wir das alle, wie eine Erkältung, einmal bekommen haben. Manchmal beneide ich fatalistisches oder stoisches Denken. Vielleicht lebt man so besser und sorgenfreier?

Ich kann das leider nicht. Ich weiß, was es bedeutet, um Atem kämpfen zu müssen. Dieser selbstverständliche Vorgang die Lungen zu füllen, das Leben zu spüren, wird erst dann zum Geschenk, wenn man weiß das es auch anders sein kann.
Mir geht der Fernsehbeitrag mit einem schweißgebadeten Mann im Krankenbett, der die wochenlange künstliche Beatmung überstanden hat, nicht aus dem Sinn.

Ich weiß wie es ist in der Nacht aufzuwachen und manchmal, Gott sei Dank nur einige Sekunden (die sich wie Minuten anfühlen), um Atem ringen zu müssen. Wenn das Herz wie ein Kolben einer Dampflok den Brustkorb mit Panik erfüllt.

Und dies erfüllt mich, ich gebe es zu, mit Angst.

LASST UNS REDEN

Ich kann alle Debatten der letzten Tage nachvollziehen. Wir stehen vor riesigen wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten.

Und ich finde es zwingend geboten, dass wir die gesamten Folgen dieser Krise für uns alle abwägen. Und dass wir Menschen und Betrieben helfen, wo wir nur können.

Auch eine Debatte wie die von Herrn Schäuble, dass das Leben nicht alles andere in den Schatten stellen kann, muss man führen.
Und doch frage ich mich bei den Bildern prallgefüllter Fußgängerzonen, nach dem möglichen Preis für unsere liebgewordenen Freiheiten des Konsumierens und des Freizeitverhaltens.

Sind sie es am Ende wert, dass viele Menschen (oder auch möglicherweise ich selber), in Gefahr geraten, auf Intensivstationen um jeden Atemzug kämpfen zu müssen?
Wie sieht unsere Kosten/Nutzen Rechnung aus, falls doch noch mehrere Wellen dieses Krankheitserregers über uns hinwegbrechen würden?

Herr Schäuble sagt in seinem Aufsatz beim Tagesspiegel, dass nicht der Erhalt des Lebens jedes einzelnen um jeden Preis, sondern der Erhalt der Würde des Menschen (Artikel 1) über allen anderen Grundsätzen steht.

Weitgehend stimme ich ihm zu.
Nicht umsonst ist dieser Grundgesetzartikel mein persönliches politisches Mantra.

Aber – um Freiheit und Würde erleben zu können, muss ich auch leben?!

Selbstverständlichkeiten und Angst

Der weiße Hai im Kopf

Musik tackert Bilder im Kopf fest.

Ich mag gute Filmmusik. Einige Musikstücke lassen für mich die Filme und ihre bedeutensten Szenen lebendig werden.

Ich habe dies selber schon einmal sehr plastisch erlebt.

Die Arbeit als Sonderbeauftragter auf dem alten Gelände der Neptun Werft in Rostock war eine Zumutung. Mein Büro bot einen unglaublich sensationellen Ausblick auf den Rostocker Hafen und versüsste damit lange Arbeitstage. Die Familie war zuhause in Ostfriesland. Der Weg ins Hotelzimmer war wenig verlockend.

Im Sommer des Jahres 1998 erlebte ich in vielerlei Hinsicht eine Superwoche. Erfolgreiche Termine reihten sich aneinander. Wir genossen wundervolles Sommerwetter und die Wessis waren auch noch nicht wie eine Invasionsarmee eingefallen. Auch dieser Mittwoch war warm, richtig heiß gewesen. Am darauffolgenden Tag stand die Besichtigung einer Rohrwerkstatt durch einen interessierten Käufer an. Ich hatte noch einmal kontrolliert, ob alle Vorbereitungen für das Gespräch so wie vereinbart abgeschlossen wurden.

Ein Blick auf die Uhr. 21.00 Uhr – wieder einmal war es spät geworden. Nach einem schweißtreibenden Tag konnte ich mich im Treppenhaus tatsächlich selber riechen.

Das Auto hatte den ganzen Tag auf dem schattenlosen Parkplatz in der Sonne gestanden. Es galt jetzt die Türen zu öffnen und dem herausspringenden Schwall von Saunaluft auszuweichen. Wie blöd war ich eigentlich? Da arbeite ich direkt an der Ostsee und sehe das Meer oft nur bei Besprechungen im Neptun Hotel?

Die Entscheidung war schnell getroffen. Statt in Richtung Stadtmitte drehte ich ab in Richtung Überseehafen und Marktgrafenheide.

Etwa 45 Minuten später, biege ich auf einen geschotterten Dünenparkplatz. Alleine bin ich dort. Über mir spannt sich mittlerweile ein traumhafter, wolkenloser Nachthimmel. Der helle Sand zeigt den Trampelpfad durch die Büsche wie einen Leuchtpfad. Der breite Sandstrand erstreckt sich menschenleer vor mir. Von links streicht der Lichtkegel des Leuchtturms aus Warnemünde über die sanft anrollende schöne Brandung. Es würde den Werbefilmen entsprechen, wenn ich mir auf dem Weg zum Wasser die Kleider Stück für Stück ausgezogen hätte.
Doch das macht ein ordentlicher Ostfriese nicht.

Meine Wäsche stapelte sich zu einem akkuraten Haufen.

Und ein ansonsten etwas prüder Ostfriese braucht so alleine auch keine Badehose.

Das Wasser umspült meine Füße und es ist herrlich angenehm. Der funkelnde Sternenhimmel über dem Meer, das Geräusch der Brandung. Es hätte das Intro zu einem unglaublich kitschigem Film werden können. Mit energischen Schwimmzügen entferne ich mich vom Ufer. Ich drehe mich auf den Rücken und bewundere die Diamanten am Himmel, höre das glucksende Wasser, spüre den sanften Wind, genieße den Frieden.

Und plötzlich beginnt im Kopf die Filmmusik. Dunkel und bedrohlich baut sich eine dramatische Tonfolge auf. Ungläubig registriere ich die gedankliche Lawine, die sich in Bewegung setzt.
Ich sehe eine Frau in glasklarem Wasser. Etwas nähert sich von unten – einen Augenblick später färbt sich das Wasser schäumend blutrot.
Im Ostseewasser bei Marktgrafenheide spielt sich jede Szene aus dem weißen Hai in meinem Kopf in Super Slow Motion ab. Die Entspannung ist vorbei. Ich werde unruhig. Schaue auf und in das plötzlich bedrohlich schwarze Wasser. War es eben auch schon so? Der Verstand schreit protestierend, dass es diese Raubfische in der Brandung in Marktgrafenheide nicht gibt. Es nützt nichts. Wenn mir hier etwas passiert? Kein Mensch in der Nähe. Schnelle Schwimmzüge bringen mich zum Strand und 45 Minuten später, stelle ich mein Auto in der Hoteltiefgarage ab.

Hans Zimmer und ihr Hollywoodkomponisten.
Was habt ihr mit eurer Musik für Schablonen in meinen Kopf getackert 🙂 ?

Der weiße Hai im Kopf

Ledermenschen

Vor einigen Tagen habe ich einen sehr beeindruckenden Bericht über die Alzheimer Krankheit gelesen. Ich versuchte mir vorzustellen, was eine solche Krankheit für mich bedeuten könnte. Hier der amateurhafte Versuch einer Reflexion.

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Die Sonne wärmt meine Hände. Ich betrachte die alte Haut an den Fingern und die  Altersflecken auf dem Handrücken. Waren die schon lange da?

Wie ein Blatt im Herbst fliegt eine Erinnerung vorbei.

In meinem Heimatdorf gab es einige sehr alte Menschen, die aussahen wie Ledermenschen. Wenn sie außer Hörweite waren, haben wir Dorfjungs uns schon mal lustig über sie gemacht. Die Haut dieser Alten war gefaltet und vernarbt wie meine alte Schultasche.
Die Eltern hatten sie von einem fahrenden Händler gekauft.
Diese Ledertasche war mein ganzer Stolz gewesen.

Wann waren denn meine Hände so alt geworden?

Ein klein wenig hatte es geregnet und ich ziehe den unverwechselbar herrlichen Duft der Birken tief in mich hinein. Dieser begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Es ist der Geruch meiner Heimat. Im Frühjahr Sommer und Herbst öffnen die Düfte der Natur die Schließfächer mit Erinnerungen. Sie haben immer den passenden Schlüssel.

Die Sonne wärmt mein Gesicht. Ich schließe die Augen und fühle mich wohl. Gedämpft durch die saftig grünen Büsche und Bäume kriechen Autogeräusche über den Rasen. Der Mercedes war doch ein tolles Auto – wo stand es jetzt auch noch?

Ach da ist er wieder, der Schmerz von Gedanken die ihr Ziel nicht finden und wie rasende Dämonen von einer Ecke meines Verstandes in die andere rauschen.

Immer wieder entsteht dieser Schmerz, wenn ich Gedanken habe, die keinen Anker mehr haben. Wenn sie wie Sturmwolken, herangetrieben werden. Ich weiß wann die Schmerzen kommen.
Sie sind da, wenn ich an meine Frau denke. Ein Name liegt in meinem Geist wie ein verwitterter Gedenkstein. Ein verschwommenes Gesicht wie der suchende Blick durch ein beschlagenes Fenster. Viele Gefühle branden dann hoch wie eine Sturmsee. Sie sind immer unklar, manchmal sekundenlang beängstigend schön. Lange vergessene Bruchstücke von Erinnerungen, die im Kopf herumfliegen wie eine zerfetzte Gardine im Sturmwind.

Kinderlachen auf dem Rasen. Eine junge Frau Arm in Arm mit einer alten Frau, die mir zuwinkt. Woher kennt sie mich? Meine Söhne spielen auch gerne Fußball – und wieder zuckt der Blitz im Kopf. Wie hießen die Jungs auch noch?

Weg ihr Gedanken, bitte keine rasende schmerzende Suche.
In meiner Hand halte ich ein klobiges Mobiltelefon. Unübersehbar große Tasten mit Ziffern und ein Klebeband mit einer Nummer? Lange schaue ich mir diese Nummer an. Was passiert wohl, wenn ich sie wähle?
Ich glaube, dass ich sehr viele telefoniert habe in meinem Leben. Doch mit wem?
Wie Gespenster bewegen sich Schemen in einem dichten wabernden Nebel.
Ich drücke die Tasten. Laut und deutlich hörbar kommt ein Zeichen aus dem Lautsprecher.

Ich schaue der Familie auf dem Rasen zu. Irgendwie entsteht ein Echo tief in mir drin. Doch ich gebe der Verlockung nicht nach. Blitzschmerzen würden mich quälen.
Weiße Schuhe vor mir. Ein junger Mann schaut mich freundlich an. Ist es nicht wunderschönes Wetter, fragt er.

Jetzt gibt es gleich Tee und Kuchen höre ich ihn, während er die Bremsen des Rollstuhls löst.

Ich glaube, ich hatte ein glückliches Leben. Ich schaue den jungen Mann fragend an. Wollen Sie ihrer Frau und ihren Enkeln dort auf dem Rasen noch einmal zuwinken?
Ich verstehe seine Frage nicht und denke an Tee. Ich kann ihn fast spüren und schmecke köstliches mit Käse belegtes Schwarzbrot auf dem Kartoffelacker. Angenehme wohlige Gedanken. Ich bin Kind auf einem Acker in meinem Heimatdorf.

Ledermenschen