Selbstverständlichkeiten und Angst

In meiner morgendlichen Presseschau studiere ich, was sich in den nächsten Tagen alles ändern wird. Nachdenklichkeit entsteht.

Wieso kann man die Tugend der verständigen gegenseitigen Geduld in der politischen Debatte nicht mehr länger aufbringen? Die ergriffenen Maßnahmen zur Virusbekämpfung waren hart, politisch heikel, aber notwendig. Bisher waren sie auch erfolgreich.

DEM VIRUS IST ES HERZLICH EGAL

Jeder von uns sehnt den früheren „Normalzustand“ des Lebens wieder herbei.

Doch diese Verhältnisse wird es so schnell nicht wieder geben. Wir bekommen einen Vorgeschmack auf Gegebenheiten die wir weder mit Demos, mit dummen einfältigen Twitter Nachrichten und auch nicht mit klugen Artikeln oder Appellen aus der Welt schaffen können. Da können sich die Verschwörungstheoretiker auf Facebook oder anderen Netzwerken noch so überschlagen.
Dem mutierten Virus ist es herzlich egal.

WIR LERNEN MACHTLOSIGKEIT

Wir machen eine völlig neue Erfahrung. Es werden uns Grenzen aufgezeigt. Wir lernen,  dass es Dinge gibt, die der Mensch nicht, oder nur sehr begrenzt unter Kontrolle hat.

Wir bekommen schmerzhaft demonstriert, dass aus Handeln oder auch dem Unterlassen von Handeln Konsequenzen folgen.

Dies werden wir bei dem Klimawandel noch wesentlich drastischer begreifen müssen. Dieser geht nicht nach einigen Wochen vorbei! Seine Folgen werden völlig unbeeindruckt von Task Forces oder Beschlüssen von Parlamenten oder vermeintlich mächtigen Menschen eintreten. Dies wird Generationen betreffen und unsere Lebensführung für lange lange Zeit betreffen und  tiefgreifend verändern.

Krankheitswellen hat es in unserer Menschheitsgeschichte immer gegeben. Doch durch unser Handeln bringen wir die Gefahren dichter an uns heran. Exotische und völlig sinnlose Wildtiermärkte, Zerstörungen natürlicher Lebensräume und Debalancierung natürlicher Gleichgewichte, kombiniert mit der Globalisierung von Waren und Menschen.  Dies alles sind ideale Bedingungen für die vielen Erreger, die sonst für ihre Reise um die Welt viel länger bräuchten.

VIREN UND NATIONALISMUS SIND TÖDLICH

Eines der größten Probleme bei der Bekämpfung globaler Katastrophen ist neben den mutierenden Viren der gleichfalls wuchernde egoistische Nationalismus. Diese beiden Erreger sind für die Menschheit extrem tödlich und gefährlich. Statt gemeinsamen Lernens, gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Abwehr, glauben viele Staaten einen Virus durch nationalistisches Gehabe beeindrucken zu können.
Die Quittung für dieses dummen und einfältigen Denkens kann man sich in den Krankenhäusern, in Leichensäcken oder Kühllastern anschauen.

ICH HABE ANGST

Ich persönlich gehöre weiß Gott nicht zu den ängstlichen Menschen. Doch eines habe ich in meinem Leben gelernt. Selbstverständlichkeiten gibt es nicht. Im politischen Bereich glauben wir, das Demokratie selbstverständlich ist. Wir sehen aber, wie schnell offene und freie Gesellschaften zerstört werden können, wenn wir unsere Demokratie nicht verteidigen und nicht jeden Tag und an allen Stellen für sie eintreten.

Erstaunlich viele begegnen diesem Virus mit einem Achselzucken. Mit einer fatalistischen Haltung. Irgendwann werden wir das alle, wie eine Erkältung, einmal bekommen haben. Manchmal beneide ich fatalistisches oder stoisches Denken. Vielleicht lebt man so besser und sorgenfreier?

Ich kann das leider nicht. Ich weiß, was es bedeutet, um Atem kämpfen zu müssen. Dieser selbstverständliche Vorgang die Lungen zu füllen, das Leben zu spüren, wird erst dann zum Geschenk, wenn man weiß das es auch anders sein kann.
Mir geht der Fernsehbeitrag mit einem schweißgebadeten Mann im Krankenbett, der die wochenlange künstliche Beatmung überstanden hat, nicht aus dem Sinn.

Ich weiß wie es ist in der Nacht aufzuwachen und manchmal, Gott sei Dank nur einige Sekunden (die sich wie Minuten anfühlen), um Atem ringen zu müssen. Wenn das Herz wie ein Kolben einer Dampflok den Brustkorb mit Panik erfüllt.

Und dies erfüllt mich, ich gebe es zu, mit Angst.

LASST UNS REDEN

Ich kann alle Debatten der letzten Tage nachvollziehen. Wir stehen vor riesigen wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten.

Und ich finde es zwingend geboten, dass wir die gesamten Folgen dieser Krise für uns alle abwägen. Und dass wir Menschen und Betrieben helfen, wo wir nur können.

Auch eine Debatte wie die von Herrn Schäuble, dass das Leben nicht alles andere in den Schatten stellen kann, muss man führen.
Und doch frage ich mich bei den Bildern prallgefüllter Fußgängerzonen, nach dem möglichen Preis für unsere liebgewordenen Freiheiten des Konsumierens und des Freizeitverhaltens.

Sind sie es am Ende wert, dass viele Menschen (oder auch möglicherweise ich selber), in Gefahr geraten, auf Intensivstationen um jeden Atemzug kämpfen zu müssen?
Wie sieht unsere Kosten/Nutzen Rechnung aus, falls doch noch mehrere Wellen dieses Krankheitserregers über uns hinwegbrechen würden?

Herr Schäuble sagt in seinem Aufsatz beim Tagesspiegel, dass nicht der Erhalt des Lebens jedes einzelnen um jeden Preis, sondern der Erhalt der Würde des Menschen (Artikel 1) über allen anderen Grundsätzen steht.

Weitgehend stimme ich ihm zu.
Nicht umsonst ist dieser Grundgesetzartikel mein persönliches politisches Mantra.

Aber – um Freiheit und Würde erleben zu können, muss ich auch leben?!

Selbstverständlichkeiten und Angst

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