Geheimnisse im Mikrokosmos

Als ich gestern im Fernsehen eine kleine humorvolle Verwechslungsgeschichte anschaute, erinnerte mich dies an folgende Begebenheit.

An einem Samstag Frühsommervormittag im Jahr 1992 erhielt ich einen Anruf von Dr. Eckhard Bode. Eckhard Bode war Regierungspräsident der Region Weser/ Ems und unser unmittelbarer Partner bei den Debatten um die Emsvertiefung.
Er fragte mich, ob ich Zeit für ein Treffen mit ihm und Staatssekretär Alfred tacke, hätte.
Da die beiden sowieso in der Region unterwegs waren, sei doch das Jagdhaus Eiden in Bad Zwischenahn ein guter Treffpunkt?
Wir entschlossen uns zu einem Arbeitsspaziergang durch den Wald in Richtung Dreibergen.
Vertieft in unsere Diskussion bemerkten wir rechtzeitig eine größere Fahrradgruppe, die sich näherte.
Fröhlich winkend fuhren annähernd 20 Frauen an uns vorbei und grüßten mich freundlich mit „Moin Paul“. Eckhard war doch schon etwas irritiert. „Ist das zu glauben“, feixte er.
„Ich bin Regierungspräsident, mich kennt keiner und Du wirst hier in Bad Zwischenahn so begrüßt?“
„Das war die Frauengruppe unserer evangelischen Kirchengemeinde“, erklärte ich ihm.

Grinsend erwiderte Alfred Tacke „Da kannst Du ja froh sein, dass Eckhard Zeit hatte, dass ich selber gekommen bin und Dir nicht Frau Dr.Grote geschickt habe“.
Frau Dr. Grote war damals unsere unmittelbare Kontaktperson im Wirtschaftsministerium.
„In dem Fall hättest Du jetzt aber einen Erklärungsbedarf in Deiner Kirchengemeinde gehabt, oder? Du hier am Samstag mit einer jungen Frau alleine im Wald, weit weg von zuhause?“

Am Abend erzählte ich dies meiner Frau. Sie hörte amüsiert zu und winkte nur ab.

Ca. zwei Wochen später feierten wir die Übergabe eines weiteren indonesischen Fährschiffes in Papenburg.
Als wir auf die Werft fuhren, parkte einige Meter weiter eine größere Limousine.
Eine attraktive Frau in einem auffällig roten Kostüm stieg aus.
Ich begrüßte Frau Dr.Grote und stellte sie meiner Frau vor.
Nach dem freundlichen Small Talk flüsterte meine Frau mir auf dem Weg zum Schiff zu,
„Du hättest möglicherweise wirklich ein Problem gehabt“.

Geheimnisse im Mikrokosmos

Eine schwere Geburt ….

Ich zähle nicht mehr, wie oft ich gefragt werde, wie es mir denn mit der Vielzahl von Konflikten geht, die mich seit Jahren beruflich umgeben.

Seit geraumer Zeit nehmen Konflikte in unserer Gesellschaft generell zu.
Sie verstärken sich sogar. Wir leben heute mit vielen unterschiedlichen Kulturen zusammen. Diese bereichern uns nicht nur. Sie führen auch zu Reibung und zu Kontroversen. Die Lebensentwürfe der Menschen unterscheiden sich immer stärker. Die Angst vor Spaltung erfüllt uns mit Angst.

Ich persönlich habe ein unbändiges Vergnügen an einer lebendigen und durchaus auch streitlustigen Debatte. Wenn starke Haltungen und Argumente aufeinandertreffen.
Wenn dieses Duell sachlich unterfüttert mit durchdachten Argumenten geführt wird, dann ist dies ein wahrer Schatz der Demokratie.

Waren wir früher konsensorientierter? Nein!
Ich habe viele politische Diskussionen, die mit harten Bandagen geführt wurden erlebt und genossen. Die Akteure brannten für ihre Überzeugung, respektierten einander, schenkten sich aber auch nichts.

Ein guter Kompromiss, der am Ende erreicht werden sollte, giert geradezu nach einem ehrlichen und engagierten Konflikt.
Das Verlangen zum Konsens erzeugt andererseits eine oftmals unehrliche Einigkeit, ohne das vorherige Quälen und das Ringen um die richtigen Antworten.

Heute vergessen wir allzu leicht, dass der Kompromiss ein Kind ist, das fast immer unter Schmerzen geboren wird.

Doch durch das Internet und die hyperventilierende Medienwelt verändert sich etwas. Ungefiltert, ungebremst und tausendfach verstärkt, poltern, hetzen und polarisieren entfesselte Menschen. Sie suchen, finden und umgeben sich nur noch mit Gleichgesinnten in eigenen Echokammern.

Es ist kaum zu glauben, aber Kompromissbereitschaft wird mehr und mehr zu einem Schimpfwort. Damit verlieren wir das Kraftvollste, was eine offene, sich entwickelnde Gesellschaft besitzt.
Werden Gesprächspartner zu Gesprächsfeinden, geht es oft nicht mehr über die Freiheit der Meinung, sondern die Hoheit über Meinungen.
Zu oft verzerrt heute die kreischende Rhetorik den Gegenüber ins Groteske.
Die gegensätzliche Meinung wird zur „dunklen Seite der Macht“. Polarisierungen verwandeln sich in moralisierende Meinungsatombomben.

Der wichtige, weil uns voranbringende gute Konflikt, wird zerrieben zwischen Heuchelei, idealisierten und naiven Wunschwelten, moralisierenden Relativierungen, rechts oder linksgestrickten Ressentiments und politischem Mauerbau.

Die Wagenburg der vermeintlichen Einheitlichkeit feiert fröhliche Urstände. Die Zeit wird schwer und bleiern, weil uns immer mehr die Fähigkeit zum ergebnisoffenen Konflikt verloren geht. Zugegeben, dies klingt etwas düster, aber so empfinde ich es oft.

Wenn wir also zu der Überzeugung gelangen, das wir durch die globalen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen weitere Konflikte erleben werden, stellt sich die Frage wie wir damit umgehen.

Einige wenige Gedankensplitter dazu.

Wir sind alle mitverantwortlich für das kommunikative Klima unter uns.

  • Wie konstruieren wir also eine neue zeitgemäße Konfliktkultur?
  • Können wir Konflikte als eine regelmäßige Realität und nicht als Störfall und Ausnahme akzeptieren?!
  • Wie schaffen wir es besser als heute, gegensätzliche Meinungen wertzuschätzen?
  • Können wir den Umgang mit Konflikten zum Inhalt der Erziehung und Bildung machen? Und dies in Familien, Schulen und Betrieben?
  • Wie konstruieren wir neue Werkzeuge zur Konfliktbearbeitung in der neuen lauten Welt des Internets?
  • Wie können wir aus Konflikten Kraft und Zuversicht und nicht nur Zerstörungspotenzial beziehen?
    Sie als Reichtum und nicht als schlimmes Schicksal zu sehen?

Wir brauchen, davon bin ich überzeugt, nicht noch mehr Räume für Glaubensbekenntnisse, sondern Räume der Begegnung und des Austausches von Gegensätzlichkeiten.

Wie und wann machen wir das?

Eine schwere Geburt ….

Taliban Narzissten

Vernunft ist so etwas wie ansteckende Gesundheit. Alberto Moravia 

Was mich immer wieder erschreckt, ist die zunehmende Tendenz vieler Menschen, mit Fakten und Tatsachen so umzugehen als wenn dies jeweils nur abweichende Meinungen wären.

Die Symptome der Menschen die vom Virus einer solcher Wirklichkeitsverweigerung befallen sind, verstärken sich in den jeweiligen Echokammern. Die konsequente Verweigerung der Anerkennung von Fakten  ist kein Zeichen von Reife sondern von massenhaftem individuellem Narzissmus. Und die sozialen Medien bilden für diesen um sich greifenden Taliban Narzissmus quasi Superspreader Bedingungen.

Diese individualistische Narzissmusflutwelle droht mit Unterstützung der neuen Medien alles unter sich zu begraben.
Wertvorstellungen, Anstand, Tugenden, Moral und auch die Wahrheit.

Es treibt mich um was wir tun müssen damit diese dystopische Entwicklung der vielen neuen Hassinstrumente uns nicht das Gute in uns allen vergiftet.
Was müssen wir tun damit wir lernen immer auf der Suche zu sein. Das Kompromisse und der Ausgleich verschiedener Interessen uns erst ein freies und offenes Leben ermöglichen!
Dass Zweifel gut sind, diese uns entwickeln und uns als suchende Menschen ausmachen. Wie lernen wir alle in dieser verrückten fiebrigen Welt stets die Wahrheit zu erkennen?

Wie groß diese  Aufgabe ist lässt sich jeden Tag in den Nachrichten beobachten.

Ein letzter Satz zum Nachdenken von einem meiner Lieblingsschriftsteller.

Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, daß man gezwungen ist, ununterbrochen dazuzulernen.
George Bernard Shaw (1856-1950),

Taliban Narzissten

Herabschauender Hund

Nach einer schweren Rückenoperation im letzten Jahr, muss ich jeden Morgen Rückengymnastik machen. Der wichtigste Motivationsfaktor dabei ist meine mich stets mahnende Frau.

Vielfach wurde mir Yoga empfohlen. Es gibt tolle Videos dazu. Sehr alte Männer machen Verrenkungen die mich mit absoluter Sicherheit in die Hände meines Orthopäden führen würden.
Fitnessstudios gibt es jede Menge. Aber Yoga Gruppen für Männer? Noch nie davon gehört.
Teilnehmen in einer Frauengruppe. Nee ganz sicher nicht.
Es sind zu viele Bilder die dazu im Kopf entstehen.
Doch für das ausprobieren und zum Selbsttraining gibt es auch ganz tolle Apps!

Und so stehe ich wie jeden Morgen auf der blauen Gymnastikmatte.
Wild entschlossen mal etwas anderes zu machen als die langweiligen Reha Übungen.
Das Tablet zeigt mir Figuren die ich machen soll.

Da werden für Einsteiger der Sonnengruß, das Dreieck, der Krieger, der Baum und der herabschauende Hund vorgeschlagen.
Und ich habe auch ein spannendes Bild von der Übung „Schildkröte“ gesehen.

Ich schwöre, dass der ostfriesische Wille zur Ernsthaftigkeit vorhanden ist. Mal was neues. Weg von den altehrwürdigen Reha Übungen aus Turnvater Jahns Zeiten.

Mit zunehmenden Alter landen viele Gespräche bei Feiern schnell bei der Gesundheit. Erzählt man von Rücken, ist man unmittelbar Mitglied einer sehr großen Leidensfamilie. Und unweigerlich kommt die Frage nach dem, was man für seinen Rücken tut. Gymnastik ist doch eine echt langweilige Antwort, oder? Da entstehen sofort Assoziationen und Bilder die sehr unsexy sind. Ich habe noch nie, noch niemals ein beeindrucktes ohooo gehört.

Doch Yoga oder andere Sportarten mit asiatischem Namen die sind interessant. Da wird nachgefragt. Sofort umweht einen das Flair von orangefarbig gekleideten Kung Fu Mönchen.

Also ran an die Figuren und weg mit dem Grinsen über die Namen.
Schnell noch die asiatische Untermalungsmusik ausstellen. Die ist nicht meins.
Hatte ich nicht noch etwas von SunshineLive in der Playlist?

Zuerst lese ich die Beschreibung der Figuren um sie dann entsprechend dem Video zu kopieren.
Die einfacheren Übungen erinnern doch sehr an die Reha Übungen aus Oldenburg. Nur die Namen die bei mir lästige Kopfbilder erzeugen, die gab es für die Übungen nicht.
Also die Anfängerübungen die gehen ja noch.
Doch schnell wird es richtig „knackig“. Wie um alles in der Welt bekomme ich mit meinen offenbar überall unvorteilhaft ausgebildeten Körperteilen diese Drehungen und Verrenkungen hin?

Mich beschleicht ein Verdacht. Kann es sein das die Natur es so eingerichtet hat das Yoga für Ur- Ostfriesen irgendwie so kompatibel ist wie ein Pinguin im Dschungel?
Als ich die Übung des herabschauenden Hundes versuche, bin ich wirklich froh dass kein Mensch zuschaut. So bewahre ich meine Würde. Ich stelle mir gerade vor ich würde so ein Selfie machen und es posten. Ein hoher Bekanntheitsgrad wäre garantiert, die Würde dahin.

Die beste Figur ist die, wo ich lang auf der Matte liege und zu meiner Mitte kommen soll. Doch meine Mitte ist offenbar wie ein schwarzes Loch, ich erwache von meinem eigenen Schnarchen.
Ich schaue mir noch einmal die Figur der Schildkröte an und denke dass ich das besser nicht probiere. Wie würde ich meinem Orthopäden die Folgen erklären?

Für mich wären Figuren wie das sinkende Schiff oder der Werftkran in Ruheposition wahrscheinlich besser.

Morgen werde ich wieder meine Reha Übungen mit dem Wackelbrett, den Liegestützen und den Streckübungen aus Oldenburg aufnehmen. Sind doch eigentlich auch ganz schön. Vielleicht überlege ich mir auch noch geile Namen dafür.

Herabschauender Hund

Der Hahn auf seinem Misthaufen

Polen und Ungarn blockieren den EU Haushalt

Dazu einige wenige Gedanken und Fragen:

Hätten wir Polen und Ungarn unter den aktuellen Umständen (Gleichschaltung der Presse und Justiz; massive Angriffe auf Minderheitenrechte; Einschränkung der Frauenrechte; Verweigerung europäischer Solidarität z.B bei der Flüchtlingspolitik; Verstoß gegen Umweltregeln der EU), in die Europäische Union aufgenommen?
Diese Frage kann ein überzeugter Europäer nur mit einem eindeutigen NEIN beantworten. Und nun – was folgt daraus?

Schwarze Schafe gibt es überall. Aber für die Autokraten in Polen und Ungarn ist es ganz offensichtlich aus populistischen Gründen sogar attraktiv ein schwarzes Schaf zu sein. Sie brüsten sich vor ihren johlenden Anhängern sogar mit ihrer destruktiven Politik.
Wer die Europäische Union als Wertegemeinschaft erhalten und nicht nur als reinen Marktplatz für Handel und Finanzen wahrnimmt, der muss jetzt Reaktionen einfordern.
Die Regierungen in Warschau und Budapest verstoßen nicht zufällig gegen die Regeln und Gesetze in der EU.
Sie tun dies bewusst, gezielt und skrupellos. Sie führen sich auf wie unreife Schulhofschläger. Deshalb sollten sie auch keine Hilfe und Solidarität und vor allem kein Fördergeld der Europäischen Staaten mehr erhalten.

Reagiert die EU Kommission nicht, sind Provokationen aus diesen beiden Ländern die Blaupause für andere. Sie bilden dann möglicherweise eine weitere Grundlage für die Aushöhlung Europas. Diese Regierungen machen einfach weiter, weil sich überzeugt sind keinen Preis für ihr Handeln zahlen zu müssen. Das muss sich ändern!

Viele glauben immer noch daran diese Menschen wie Kaczynski oder Orban zur Vernunft zu bringen indem man an sie appelliert und sie zum „Nachdenken“ verleitet. Ist dies nicht etwas zu idealistisch und naiv gedacht?  Diese Regierungschefs haben nachgedacht und sich gegen die Demokratie und für die blanke autokratische Macht entschieden.
Es ist so tragisch für Polen und Ungarn von machthungrigen alten Gockeln regiert zu werden.
Vernunft ist dort schon lange nicht mehr die Maxime der Politik.
Denn leider bleibt, wie so oft, bei einer Entscheidung zwischen Vernunft und der Aussicht auf Macht, die Vernunft auf der Strecke. Kaczynski und Orban plustern sich mit diesem dumpfen nationalistischen Gehabe auch noch auf.

Wundern muss man sich bei diesen beiden aber nicht, denn wie sagt man:
Auf seinem eigenen kleinen Misthaufen kräht der Hahn stolz und nimmt sich als unendlich wichtig wahr.

 

Der Hahn auf seinem Misthaufen

Ungeduld und Krise

Manchmal, vielleicht zu oft, bin ich ungeduldig.

Wenn wir Corona wieder etwas in den Griff bekommen haben, werden wir viel aufräumen müssen.
Mit unserer Vorstellung, dass alles wieder so wird wie vorher oder dass die Einteilung der Welt in Gewinner und Verlierer so bleiben wird wie vor der Krise. Ganz neue Herausforderungen tauchen wie Gespenster im Nebel der Pandemiefolgen auf. Wie werden wir bloß damit umgehen? Etwa wie bisher? Bekommen neue oder ungewöhnliche Ideen, Unternehmertum und „Start Ups“ die breite und massive Unterstützung die sie brauchen?


Ich ärgere mich immer mehr über die vielfach als normal angesehene ängstliche Schwerfälligkeit. Ich sorge mich über nicht nachvollziehbaren Formalismus und immer noch viel zu viel Bürokratie.
Über den Sperrwall von Vorschriften und Richtlinien die trotz aller Appelle scheinbar immer undurchdringlicher werden.
Ich verzweifle manchmal an der bei uns so verbreiteten Bereitschaft, jeder guten Idee eine ganze Armee an Bedenken entgegenzuwerfen.

Viele suchen nach universellen Formeln für einen unternehmerischen Erfolg in dieser Welt. Ein Geheimrezept dazu gibt es nicht.
Ich habe in meinem Berufsleben viele Erfolge und auch Misserfolge unmittelbar beobachten dürfen.
Eine Erkenntnisse habe ich dabei verinnerlicht.
Erfolg entsteht in den meisten Fällen dann, wenn die Wege zwischen der Geburt einer Idee oder dem Erkennen einer Gefahr, der sich anschließenden Analyse, dem Abwägen der Dinge die getan werden müssen und dem entschlossenen Handeln sehr kurz und schmal waren.

Es gibt, auch wenn wir dies nicht gerne hören, keine Kunden und keinen Markt für die ausführlichsten und längsten Debatten oder die schwerfälligsten Abwägungsprozesse.

Eine erfolgreiche Zukunft verlangt Risikobereitschaft, Entscheidungsfreude, Mut, Tatkraft und Zuversicht.
Hört sich fürchterlich altmodisch an, ist aber so.
Leute die Gewissheiten errechnen wollen, werden daher selten erfolgreiche Unternehmer.


Die Nach Corona Zeit wird uns allen viel abverlangen. Wir werden so viele neue Wege gehen müssen.
Und dabei könnten wir mit unserer derzeitigen zu geringen Geschwindigkeit bei Veränderungen sehr schnell das Nachsehen haben.

Ungeduld und Krise

Fünf Mäuse im Stall

Es waren einmal fünf Mäuse die in einer Scheune lebten. Es gab eine „Vordermaus“ die nur im vorderen Bereich lebte. Die „Hintermaus“ wohnte am rückwärtigen Giebel. Dann gab es noch die „Rechts“,-wie auch die „Linksmaus“.
Auf dem Dachboden lebte die schüchterne und leise „Dachmaus“.
Sie lebten ziemlich gut zusammen. Streit gab es selten. Die Katze wurde gemeinsam geärgert. Die Welt war in Ordnung. Doch eines Abends wurde ihr Schlaf plötzlich gestört. In ihrem Stall hatte sich etwas verändert. Etwas was vorher nicht da war, stand plötzlich mitten im Raum. Nichts hatte sie auf diese Änderung vorbereitet.
Dieses Ungeheuer sah bedrohlich aus. Es war groß, gab Geräusche von sich und machte „Muh“.

Entsetzt und erschrocken stürmten sie alle nach draußen.
Es ist ein Ungeheuer mit schrecklichen Hörnern auf dem Kopf – so kreischte die Vordermaus. Nein, widersprach die Hintermaus. Es ist ein Ungeheuer auf zwei Säulen und mit einem riesigen Schwengel in der Mitte. Ihr seid verrückt ereiferten sich Rechts,- und Linksmaus. Es ist ein riesiges Monster auf zwei Beinen mit einem Beutel unter dem Bauch.
Hart wurde um die Überzeugungen gestritten. Die Mäuse beleidigten sich. Sogar Verletzungen und Schmerzen fügten sie sich zu. Jede Maus war zutiefst überzeugt von der Richtigkeit seiner Beobachtung und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen. Keine verstand die Dickköpfigkeit der jeweils anderen.


In einer Streitpause machte die Dachmaus, die ein völlig anderes Bild des Ungeheuers hatte, einen Vorschlag. Was würdet ihr denn davon halten wenn wir alle jeweils zur Höhle der Vorder,- der Hinter,- der Rechts und Linksmaus gehen und alle von dort schauen wie dieses Ungeheuer von dort aussieht?
Die Kontrahenten waren zwar skeptisch aber auch zu erschöpft um energisch zu widersprechen.
Nach 2 Stunden waren die Mäuse zurück, lagen sich in den Armen und schämten sich auch ein klein wenig. Erst der Blick aus den unterschiedlichen Blickwinkeln hatte gezeigt was dort tatsächlich neu im Stall stand.


Streiten wir heute manchmal auch so erbittert, weil wir zu selten den anderen Blickwinkel, die andere Perspektive auf ein plötzlich auftauchendes Problem akzeptieren oder sogar suchen?

Fünf Mäuse im Stall

Die Zukunft wird viel über unsere Vergangenheit wissen

Gestern hatte ich eine längere Diskussionsrunde mit langjährigen Kollegen, in der zwei Merkmale wieder einmal quasi die Leitplanken bildeten:

1. Früher war nicht alles, aber doch vieles besser.
2. Die jungen Leute haben eine sehr sehr schwere und schlechte Zeit vor sich.

Der Verlauf solcher Gespräche macht mich immer wieder nachdenklich. Für ältere Menschen (zu denen ich mittlerweile auch gehöre) ist der  Blick zurück, in eine vermeintlich bessere Zeit, zu oft fester Bestandteil des Lebens.

Es dauert bei Gesprächen wirklich nicht lange bis man in der Zeitmaschine sitzt und zurückreist. Dorthin wo fast wehmütig Geschichten und Erfahrungen ausgetauscht werden. Viele Erlebnisse werden  bei Bedarf „weichgezeichnet“ und in der Erinnerung auch optimiert. Ich höre dabei immer sehr gerne zu, erfreue mich an den Bildern, die bei den Erzählungen entstehen. Mache selber auch gerne mit.
Und doch frage ich mich, ob die Lebenserfahrung uns Ältere nicht geradezu prädestiniert auch ein gutes Bild der Zukunft zu erschaffen?

Doch wie oft tun wir das?
Wie oft tauschen wir uns über gute, positive, mutmachende Träume, Visionen und Möglichkeiten für unsere Kinder und Enkel aus?

Dies ist eine Frage an all jene, die dies lesen und eventuell auch etwas ins grübeln kommen. Wie oft erschöpft sich unser Zukunftsbild in einem fast bemitleidenden Satz an die junge Generation:
„Ihr werdet es noch schwer haben; Rente, Klima; verrückte Gesellschaft; Aggressivität; etc.“.

Ich habe viele, manchmal wütende, Zuschriften erhalten auf die folgende Bermerkung:

 “Wir leben im besten Deutschland und der besten Zeit, die wir je hatten“.
Vielfach wurde ich auf soziale Ungerechtigkeiten, Umweltzerstörung, Rechtsradikalismus etc. hingewiesen. Das ist alles richtig.
Doch ändern Herausforderungen, Fehler und Fehlentwicklungen etwas an den grundsätzlichen Feststellungen, die unser Bild prägen sollten?

  • Wir sind die erste Generation, die ohne Krieg aufgewachsen ist.
  • Wir wurden nach einem  verheerenden Weltkrieg, den wir angezettelt haben, das wohlhabendste Land in Europa.
  • Freiheit und Demokratie sind stark in unserer Heimat.

Dies alles und noch vieles andere mehr wird zu oft begraben unter der Flut von Angst, Verzagtheit und fehlender Zuversicht.

Es ist auch eine gute Zukunft möglich! Damit eine solche aber auch Wirklichkeit werden kann, dürfen Rückwärtsgewandtheit, fehlender Mut und Entschlossenheit für uns älteren nicht prägend sein.
An der Seite der jungen Generation sollten wir stehen. Mit unseren Erfahrungen an eine gute Zukunft glauben und gemeinsam mit ihnen darüber nachdenken, wie diese aussehen könnte!

Dies ist zugegebenerweise anstrengend.
Und man verfällt so leicht in das geübte Muster der Vergangenheitsfokussierung.
Doch dort werden weder ich noch die nächsten Generationen leben.
Blicke zurück sind notwendig, um den Kurs zu bestimmen, der vor uns liegt. Doch jeder sehnsüchtige (!!) Blick zurück kann uns, wenn wir nicht aufpassen, auch Energie und Zeit rauben für den Blick nach vorne.

Wir werden dem Geschenk des Alters nicht gerecht, indem wir unsere Erinnerungen auf ein Podest stellen. Nicht der Blick zurück macht uns weise und klug, sondern die Übernahme der Verantwortung für unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generationen.

Und eine bessere Zukunft beginnt damit das wir sie wollen und für möglich halten – oder?

Erschrocken macht mich, wie vielen jüngeren Menschen sich damit begnügen, auf das Heute zu schauen, weil sie mit der Zukunft nicht vorrangig Hoffnung verbinden. Haben wir Älteren vielleicht dazu beigetragen?

Veränderung und die Hoffnung auf das Gute ist das Gesetz des Lebens. Wer nur auf die Vergangenheit oder, wie heute leider modisch, nur auf die Gegenwart schaut und nur den Moment lebt, verpasst mit Sicherheit die Zukunft.

Die Zukunft wird viel über unsere Vergangenheit wissen

Ich sterbe aus!

Der Chefredakteur einer großen Zeitung rief mich vorletzte Woche an. Ausnahmsweise war der Fokus des Kontaktes mal nicht die Krise im Kreuzfahrtschiffbau.
Seine Zeitung plane mit einigen anderen zusammen eine neuaufgelegte Story über die nach wie vor geringen Chancen von Arbeiterkindern für akademische Laufbahnen. Insbesondere durch die zu erwartenden wirtschaftlichen Folgen der Corona Krise sei diese alte Fragestellung politisch wieder hochaktuell.
Lebensläufe wie meine, vom Facharbeiter in die Geschäftsleitung, seien extrem selten geworden. Ich gehöre quasi einer aussterbenden Spezies an.
Einig seien sich die Redaktionen darin, dass solche Biographien zukünftig äußerst unwahrscheinlich seien.
Ich stimmte dieser These, angesichts der mir bekannten Stellenausschreibungen auch zu. Doch die Selbstverständlichkeit dieser Feststellung, machte mich im Rückblick auf dieses Gespräch auch nachdenklich.
Die geringe Chance von „Nichtakademikern“ für Karrieren ist kein Naturgesetz.

Dies ist eine bewusste und daher kritisch zu hinterfragende Entscheidung von Gesellschaft, Politik und den Betrieben.
Nicht selten wird über die Chancen auf akademische Laufbahnen aus sogenannten „Bildungsfernen Schichten“ berichtet. Das ist die eine Perspektive.

Doch über die unbekümmerte Feststellung, dass Karieren zukünftig ohne Studium kaum mehr stattfinden können, wird kaum geredet. Auf diesem Auge sind wir blind. Viel wird über die Chancen bzw. Benachteiligungen von so vielen Gruppen unserer Gesellschaft geredet. Über die Chancen hinsichtlich Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, sexueller Orientierung oder Religion.

Doch die von mir beschriebene Verschiebung der Karrierewege für die Gruppe der „Nichtakademiker“ scheint „unsexy“ und uninteressant zu sein. Handelt es sich hierbei doch nur um „normale“ Leute?!
Ist unsere Gesellschaft, unser Land sind unsere Betriebe da wirklich auf dem richtigen Weg?
Welchen Wert messen wir erworbenen Fertigkeiten, Fähigkeiten und der Intuition als Summe der Erfahrung in der Arbeit und im Leben zu?
Wenn unwidersprochen bleibt, dass Menschen ohne Studium heute kaum mehr Chancen auf Spitzenpositionen haben, ist das eigentlich akzeptabel?

Ich sterbe aus!

Eine unbequeme Wahrheit

Es macht bei Gefahren keinen Sinn, sich die Augen zuzuhalten. Hätten sich unsere Vorfahren so verhalten wäre unsere Spezies schon lange ausgestorben. Gefahren löst man nicht durch wegsehen oder Gleichgültigkeit.
Die Corona Pandemie demonstriert uns wie tödlich ein Verleugnen von Gefahr sein kann.

Verleugnen sollten wir auch nicht die Folgen der Wahl in den „Unvereinigten Staaten von Amerika“ für Europa und insbesondere Deutschland.

In Europa gruselt es uns, wenn wir die politischen Schlammschlachten in den USA anschauen. Viele setzen darauf, dass nach einer Abwahl von Trump, die alte liebgewordene Welt wieder zurückkehrt. Man schimpft dann wieder auf die USA und fühlt sich irgendwie überlegen. Und doch setzen viele Europäer darauf, dass die Amerikaner am Ende den „Westen“ in einer zunehmend unübersichtlichen Welt zusammenhalten und verteidigen.

Doch dies könnte ein tragischer Irrglaube, ein frommer Wunsch sein.

Denn egal wie diese Wahl letztendlich ausgeht, die Alte Welt ist vergangen und wird nicht wiederkehren.

Die USA sind innerlich so zerrissen wie kaum zuvor in ihrer jüngeren Geschichte. Es wird  Jahre brauchen, um die selbst zugefügten Wunden heilen zu lassen. Das Land muss sich quasi neu erfinden. Man mag zu den Amerikandern stehen wie man will. Der Rückzug von der großen Bühne  führt immer mehr zu einem globalpolitischen Vakuum. Dieses Vakuum füllen Länder wie China mit undemokratischen Ideen und Visionen aus. Nicht gerade beruhigend für uns alle!

Totalitäre, diktatorische Staaten zerren schon heute an denjenigen Ländern die an Demokratie, Freiheit und einer offenen und liberalen Gesellschaft festhalten. Russland, Polen, Ungarn, die Türkei, – alles Staaten mit einer autoritären zur Diktatur neigenden Regierung. Diese Staaten haben keinen Respekt vor einem uneinigen, zerstrittenen Europa.
China entwickelt seine dystopische Überwachungsdiktatur konsequent weiter. Das aufstrebende Land überrennt alle Brückenköpfe von Demokratie und Freiheit mit purer brutaler wirtschaftlicher Macht.

In dieser Situation ist Haltung und Courage der großen Staaten in Europa und vor allem von Deutschland gefragt.

Wir haben es uns in Deutschland so schön gemütlich gemacht in einer Welt in der wir die Früchte der Demokratie, den Frieden, unsere Freiheit, eine große Liberalität und die Wohlstandsfrüchte eines geregelten, weltweiten freien Handels genießen.
Einer Welt, in der militärischer Schutz leider immer noch notwendig ist, aber von anderen erbracht wird.

Wir alle wollen sicher leben. Und doch sind wir nur widerwillig bereit, dafür Opfer zu bringen. Um selber keinen Schaden zu erleiden, nehmen wir z.B die Erkenntnisse anderer Geheimdienste zur Vermeidung von Terroranschlägen gerne an. Unsere eigenen Dienste werden aber misstrauisch beäugt, klein gehalten und immer mehr in ihren Möglichkeiten begrenzt. Ähnlich ergeht es unserer Polizei. Und auch beim Militär ist es ein Gesellschaftssport geworden lustige Witze darüber zu erzählen.

Wertschätzung sieht anders aus!
Meine Freude in Europa schütteln hinsichtlich unserer Obsessionen in Bezug auf unsere Sicherheitsdienste allesamt den Kopf.

Wir haben immer eine Entschuldigung für unser „Nichtstun“ parat. Gerne verweisen wir dann auf unsere unrühmliche Vergangenheit. Dabei merken wir gar nicht, dass unsere Nachbarn keine Angst, sondern Erwartungen an uns haben.

Sie haben mehr Angst vor unserer Bequemlichkeit und der fehlenden Führungsbereitschaft in dieser schwierigen Zeit!
Nach den ersten Erlebnissen mit Präsident Trump hatte die Bundeskanzlerin mit der Botschaft aufhorchen lassen „Wir müssen lernen auf eigenen Beinen zu stehen und selber Verantwortung zu übernehmen“.
Doch sobald man politisch ernsthaft debattieren möchte, welche konkreten Maßnahmen denn nun aus dieser Erkenntnis entstehen müssten, wird aus allen politischen und medialen Rohren gegen eine solche notwendige Debatte gefeuert. Bereitwillig sinken wir dann in unsere bequemen Wohlstandssessel zurück.    

Tief ist in unserer Spaß,-  und Wohlstandsgesellschaft die Mentalität verankert, dass wir grundsätzlich zu den Gewinnern der Globalisierung gehören, aber keine Mühen und Kosten zum Schutz unserer Gesellschaft und den Erhalt der Demokratie tragen müssen. Wir haben vielfach verlernt was es braucht um in Frieden und Freiheit leben können.

Wir haben es uns angewöhnt, schlimmen Entwicklungen distanziert zuzuschauen, diese klug zu kommentieren. Von uns als stärkstes Land in Europa kann man erwarten, dass gerade wir auf Bedrohungen der Demokratie entschlossen zu reagieren und nicht zu lamentieren.

Auf uns warten in dieser sich fundamental und schnell ändernden Welt zwei Alternativen.

Vielleicht gelingt es uns weiterhin ein wirtschaftlicher Riese zu bleiben. In einer rabiaten Welt müssten wir, ohne den Schutz der USA in der globalen Arena für uns selber einstehen. Unsere Werte, unsere Vorstellung von verantwortlichem Leben müssten geschützt und bewahrt werden. Wie wollen wir verhindern das wir ein willfähriges Spielzeug zwischen den großen Blöcken werden?

Oder wir erfüllen die Erwartungen unserer europäischen Partner, schließen die Reihen und führen entschlossen und gemeinsam mit unseren Freunden Europa an. Sind stark durch Geschlossenheit?

Meiner Meinung nach gibt es in Europa nur zwei Arten von Ländern.

Die einen haben erkannt, dass sie in einer sich neu ordnenden Welt allein zu klein, zu schwach, zu unbedeutend und zu hilflos sind.

Die anderen haben dies noch nicht erkannt und setzen auf Nationalismus, Protektionismus und Abgrenzung.

Unsere oft zaudernde und die Verantwortung gerne delegierende deutsche Mentalität wird immer stärker zu einem Problem für den „Westen“.
Wenn jetzt die Amerikaner für lange Jahre ausfallen, sind wir auf uns gestellt.

Wir sind ein erwachsenes, ein bedeutsames, starkes und demokratisches Land. Aus unserer Geschichte folgt die Verpflichtung, dieses beste Deutschland, das wir je hatten, nach innen und nach außen mit allen Mitteln zu schützen.

Wir müssen uns dieser Verantwortung stellen.

Das ist die Erkenntnis und unbequeme Wahrheit der letzten Wochen und der Wahl in den USA. Wir haben uns so sehr darauf konzentriert mit dem Finger auf Trump oder die USA zu zeigen. Doch jetzt ist es an der Zeit Antworten darauf zu geben wie die Werte und die Demokratische Ordnung bewahrt bleiben können. Wie Europa und wir, auf uns alleine gestellt als „der Westen“ überleben können.

Eine unbequeme Wahrheit