Eine schwere Geburt ….

Ich zähle nicht mehr, wie oft ich gefragt werde, wie es mir denn mit der Vielzahl von Konflikten geht, die mich seit Jahren beruflich umgeben.

Seit geraumer Zeit nehmen Konflikte in unserer Gesellschaft generell zu.
Sie verstärken sich sogar. Wir leben heute mit vielen unterschiedlichen Kulturen zusammen. Diese bereichern uns nicht nur. Sie führen auch zu Reibung und zu Kontroversen. Die Lebensentwürfe der Menschen unterscheiden sich immer stärker. Die Angst vor Spaltung erfüllt uns mit Angst.

Ich persönlich habe ein unbändiges Vergnügen an einer lebendigen und durchaus auch streitlustigen Debatte. Wenn starke Haltungen und Argumente aufeinandertreffen.
Wenn dieses Duell sachlich unterfüttert mit durchdachten Argumenten geführt wird, dann ist dies ein wahrer Schatz der Demokratie.

Waren wir früher konsensorientierter? Nein!
Ich habe viele politische Diskussionen, die mit harten Bandagen geführt wurden erlebt und genossen. Die Akteure brannten für ihre Überzeugung, respektierten einander, schenkten sich aber auch nichts.

Ein guter Kompromiss, der am Ende erreicht werden sollte, giert geradezu nach einem ehrlichen und engagierten Konflikt.
Das Verlangen zum Konsens erzeugt andererseits eine oftmals unehrliche Einigkeit, ohne das vorherige Quälen und das Ringen um die richtigen Antworten.

Heute vergessen wir allzu leicht, dass der Kompromiss ein Kind ist, das fast immer unter Schmerzen geboren wird.

Doch durch das Internet und die hyperventilierende Medienwelt verändert sich etwas. Ungefiltert, ungebremst und tausendfach verstärkt, poltern, hetzen und polarisieren entfesselte Menschen. Sie suchen, finden und umgeben sich nur noch mit Gleichgesinnten in eigenen Echokammern.

Es ist kaum zu glauben, aber Kompromissbereitschaft wird mehr und mehr zu einem Schimpfwort. Damit verlieren wir das Kraftvollste, was eine offene, sich entwickelnde Gesellschaft besitzt.
Werden Gesprächspartner zu Gesprächsfeinden, geht es oft nicht mehr über die Freiheit der Meinung, sondern die Hoheit über Meinungen.
Zu oft verzerrt heute die kreischende Rhetorik den Gegenüber ins Groteske.
Die gegensätzliche Meinung wird zur „dunklen Seite der Macht“. Polarisierungen verwandeln sich in moralisierende Meinungsatombomben.

Der wichtige, weil uns voranbringende gute Konflikt, wird zerrieben zwischen Heuchelei, idealisierten und naiven Wunschwelten, moralisierenden Relativierungen, rechts oder linksgestrickten Ressentiments und politischem Mauerbau.

Die Wagenburg der vermeintlichen Einheitlichkeit feiert fröhliche Urstände. Die Zeit wird schwer und bleiern, weil uns immer mehr die Fähigkeit zum ergebnisoffenen Konflikt verloren geht. Zugegeben, dies klingt etwas düster, aber so empfinde ich es oft.

Wenn wir also zu der Überzeugung gelangen, das wir durch die globalen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen weitere Konflikte erleben werden, stellt sich die Frage wie wir damit umgehen.

Einige wenige Gedankensplitter dazu.

Wir sind alle mitverantwortlich für das kommunikative Klima unter uns.

  • Wie konstruieren wir also eine neue zeitgemäße Konfliktkultur?
  • Können wir Konflikte als eine regelmäßige Realität und nicht als Störfall und Ausnahme akzeptieren?!
  • Wie schaffen wir es besser als heute, gegensätzliche Meinungen wertzuschätzen?
  • Können wir den Umgang mit Konflikten zum Inhalt der Erziehung und Bildung machen? Und dies in Familien, Schulen und Betrieben?
  • Wie konstruieren wir neue Werkzeuge zur Konfliktbearbeitung in der neuen lauten Welt des Internets?
  • Wie können wir aus Konflikten Kraft und Zuversicht und nicht nur Zerstörungspotenzial beziehen?
    Sie als Reichtum und nicht als schlimmes Schicksal zu sehen?

Wir brauchen, davon bin ich überzeugt, nicht noch mehr Räume für Glaubensbekenntnisse, sondern Räume der Begegnung und des Austausches von Gegensätzlichkeiten.

Wie und wann machen wir das?

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