Frisia II

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1978. Meine Ausbildung zum Schiffbauer war beendet.
Die erste Lohnabrechnung als Facharbeiter hatte ich am Freitag erhalten. Zwar konnte ich in dem ersten Monat nach meiner bestandenen Prüfung noch keine Überstunden machen. Doch ich freute mich unglaublich über die 1.568 Mark.
40 Stunden in der Woche,  ca. 170 Arbeitsstunden im Monat musste ich damals dafür leisten. Der Facharbeiterlohn verschaffte mir Zutritt in eine Welt, die mir bis dahin verwehrt war. Ganz unmittelbar und schnell mussten der Autoführerschein und das Kreidler Moped abbezahlt werden.

Auf der Werft hatten wir damals unter anderem die Frisia II in Bau.
Eine kleine Fähre, die von Norddeich nach Juist und Norderney eingesetzt wurde. Wie bei all unseren Schiffen besaß diese natürlich auch einen doppelten Boden.

Eine einfache Beschreibung für den Doppelboden: (Für Laien)
Der Doppelboden gibt einem Schiff eine hohe Sicherheit. Auf dem Boden, der Außenhaut des Schiffes, ist ein gitterähnliches Tanksystem von vielen Fächern aufgeschweißt. Dieses Stahlgitter besteht aus Längs,- und Querwänden.
Das Doppelbodendeck bildet quasi den Deckel dieser vielen Tankräume.
Die Breite der Tankfächer betrug damals in vielen Fällen ca. 800 mm. Die Höhe eines solchen doppelten Bodens kann sehr unterschiedlich sein. Bei größeren Schiffen sind sie manchmal mannshoch.
Viele Ovale und runde Löcher in den Quer,- und Längswänden verbinden die Fächer und machen sie so als Tanks überhaupt nutzbar.
Diese Durchbrüche waren bei unseren damaligen Tankern bis zu 800 mm hoch und bis zu 500 mm breit.
Bei der Frisia-Fähre war dieser doppelte Boden jedoch nur insgesamt 450 mm hoch. Die Durchbrüche waren entsprechend extrem klein.

Die Aufgabe der Schiffbauer war, in den Tank hineinzukriechen, die Bauteile gerade auszurichten und anschließend an die Bodenplatte heften.

Der Doppelboden wurde so gebaut, dass die „Decke“ auf dem Boden lag. Die Außenhautplatte wurde auf das besagte Gitter aufgelegt. Kräne setzen große Gewichte auf diese Stahlplatte und pressten sie auf die Quer,- und Längsträger. Daraufhin verschweißte ich die Stahlplatte mit den Trägern.

Die Schweißarbeiten mussten also auf dem Rücken liegend „über Kopf“ ausgeführt werden. Aufgrund einer Auftragsflaute waren 1978 viele junge Schiffbauer Azubis nicht übernommen worden. Ich hatte Glück gehabt und gehörte zu der seltenen Spezies junger und (damals) schlanker Schiffbauer in der Bordmontage.

Für die Arbeit in diesem Minidoppelboden hatte der Betriebsrat eine Sonderzulage mit der Geschäftsleitung vereinbart.

Eine kurze Überschlagsrechnung zeigte mir, dass ein Monat mit strammen Überstunden und intensiver Arbeit im Doppelboden einen Großteil der Kosten für Führerschein und Moped abdecken würden. Abgesehen davon hatte ich mir zur bestandenen Gesellenprüfung selber eine Norwegenreise geschenkt.

Es war Hochsommer und Gott sei Dank lag der Doppelboden in der Schiffbauhalle. Dort konnte er sich nicht so schlimm aufheizen, als wenn dieser Stahlklotz draußen gelegen hätte. So lag ich also Tag für Tag auf dem Rücken in diesem klaustrophobischen Stahlgitter, zog Schweißkabel, Werkzeuge, Lampe hinter mir her und versuchte die dünne Styroporplatte unter meinen Rücken zu behalten.
Dies war wichtig, denn auf dem Stahl liegend konnte man sich schnell verkühlen. Doch nicht nur rutschte diese Platte beständig weg, sie zerbröselte auch bei den schlangenartigen Bewegungen in den fürchterlich engen Räumen. Vor allem stank es auch bestialisch, wenn Schweißperlen Löcher in die Unterlage schmorten.
Die Vorstellung der kommenden Abrechnung und mein jugendlicher Leichtsinn führten aber dazu, dass ich klaglos und freiwillig eine Woche lang die meiste Zeit in diesem Minidoppelboden auf dem Stahldeck lag und heftete, was das Zeug hielt.
Ohne Proteste wurden meine Erschwernisszettel mit den vielen Zulagenstunden akzeptiert und abgezeichnet.

Doch ich erfuhr in einer schmerzhaften Lektion, das Geld nicht alles ist.

Am Ende dieser ersten Woche entwickelte sich der Samstag mit heftigen Schmerzen und Fieber zu einem Desaster. Der Sonntag war noch schlimmer.
Fahlbleich im Gesicht, schlapp, kaputt und völlig zerschlagen schleppte ich mich am Montag zur Werft. Mein ansonsten recht „robuster“ Meister sah mich stirnrunzelnd an und schickte mich, statt in den Doppelboden, zu unserem Sanitäter.

Der Kollege Hermann Plenter war der geborene Sani. Mitfühlend befragte und untersuchte er mich. Als ich vom Blut im Urin berichtete, schickte er mich umgehend zum Hausarzt.
Wie ich bei dem hohen Fieber die Strecke mit dem Moped geschafft habe, ist mir bis heute ein Rätsel. Das Ergebnis der Untersuchung war eine schon stark vereiterte, Blasen und Nierenbeckenentzündung.
Zwei schlimme Wochen warf mich das aus der Bahn. Meine schöne Finanzplanung war geplatzt.

Doch weit schlimmer war, dass ich durch diesen Leichtsinn eine Schwachstelle im Körper behielt, die mich durch ihre Anfälligkeit bis heute immer wieder an meine damalige Unvorsichtigkeit erinnert.

Wie sagt Oscar Wilde richtigerweise „Gesundheit ist die erste Pflicht im Leben“.

Im Übrigen werde ich nie die Doppelbodenhöhe der Frisia Fähren vergessen.

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