Kopf im Schlick …

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Über die, durch ein Schiffsunglück zerstörte Friesenbrücke, wird oft debattiert.Ich verbinde mit dieser Brücke einige sehr intensive Erinnerungen.

In meiner Schulzeit badeten wir an den Nachmittagen und oft an Wochenenden in dem Emsbad in der Nähe der Eisenbahnbrücke in Weener. Die kleine sandige Badebucht war mit einer Leine und einigen Bojen zum Fluss abgegrenzt. Boote dümpelten im dichten Uferschilf oder lagen im Schlick.

Bemerkenswert war das Betonbassin am Ufer. Dort haben viele Generationen das Schwimmen erlernt. Dieser, mit Emswasser gefüllte Betonklotz, bildete quasi die Begrenzung des Bades in Richtung Brücke.

In den Sommermonaten war das Emsbad ein beliebter Treffpunkt. Für uns Jungs gab es einzigartige Möglichkeiten, den vielen Mädchen zu imponieren.
Über jedes wellenerzeugende Binnenschiff freuten wir uns. Die Geräusche des Wellenschlags, wie eine „Brandung“ am Ufer, erzeugten ganz kurz die Illusion eines Bades am offenen Meer.
Eine ganz besondere Herausforderung bestand darin, sich von der Eisenbahnbrücke in die Ems zu stürzen. Dies passte zwar dem Brückenwärter gar nicht.
Für uns war es ein Sport. Von den Pollern und den Leitkonstruktionen der Brücke zu springen war schon fast Routine. Spannend war es auch, unter das Bauwerk zu klettern wenn ein Zug diese passierte. Wie vieles war auch das ein Wettbewerb und ein großer Spaß, den scheppernden Vibrationen der Stahlkonstruktion zu trotzen und sich möglichst lange an die Träger zu klammern.
Eine ganz besondere Herausforderung bestand darin, auf das Kontergewicht der Klappbrücke zu klettern und von dort in die Ems zu springen.

Einen Kopfsprung von dort wagten normalerweise nur die sogenannten Totenkopfschwimmer.

Mein Schulfreund Hinrich Try und ich wollten eines schönen Sommertages den Mädchen unserer Klasse ganz besonders imponieren. Wir passten eine Abwesenheit des Brückenwärters ab, kletterten nach oben auf die Gewichte und standen in schwindelerregender Höhe über dem Fluss. Was hatten wir den Mund vollgenommen. Doch jetzt nicht zu springen ging gar nicht. Und da standen wir jetzt.
Wir beide oben auf dem Gewicht und die Mädchen unserer Klasse fasziniert schauend am Deich. Fast gleichzeitig sprangen wir dann doch.
Mein Schulfreund mit einem normalen Hechtsprung und ich Idiot mit einem sogenannten „Seemannsköpfer“.
Dabei legt man die Arme an den Körper und taucht dadurch viel schneller und tiefer ein.
Trotz des hohen Flutwasserstandes in der Ems geriet ich mit dem Kopf in den weichen Schlick des Flussbodens.

Ein undefinierbarer heftiger, scharfer Schmerz schoss mir in den Kopf.
Das Auftauchen dauerte gefühlte Ewigkeiten. Im Wasser der Ems konnte man die Augen nicht öffnen und sich orientieren. Das Wasser war schlickig und sehr trüb.
Durch den schon eingesetzten Ebbstrom tauchte ich ca. 20m von der Eintauchstelle wieder auf. Hinrich war schon zur Uferlinie geschwommen und stand bis zur Hüfte am Schilf im Wasser. Wir hörten die Rufe der Mädchen am Deich.
„Du – ich hab ein Problem“ wisperte er. „Mir ist bei dem Sprung das Gummiband der Badehose gerissen und jetzt ist sie weg“. Ich konnte es kaum fassen.
Was war ich neidisch auf seine modernen Badeshorts gewesen. Ich musste mit der damals typischen Mini Nylon Badehose herumlaufen..
Über diesen Spaß vergaß ich sogar den komischen Schmerz im Ohr.
„Kannst Du mir meine Hose holen?“ „Klar“ antwortete ich. Mit der Strömung ließ ich mich in Richtung Bad treiben. Ich wusste, wo mein Freund seine Kleider abgelegt hatte. Eines der Mädchen aus unserer Klasse fragte mich verwundert wo denn Hinrich sei.
Grinsend reichte ich ihr die Hose, schilderte kurz das Malheur und beschrieb, wo sie meinen Freund im Schilf finden konnten. Das begeisterte Gekreische habe ich lange nicht vergessen. Und mein Kumpel war anschließend nur gespielt sauer.

Als die Ohrenschmerzen auch in den nächsten Tagen nicht verschwanden, stellte mein Hausarzt beidseitig eingerissene Trommelfelle fest.
Das war die Quittung für einen großen Leichtsinn.
Doch diese Show hätte noch viel dramatischer ausgehen können.

Dies wurde mir einige Jahre später drastisch vor Augen geführt.

1980 lieferten wir von der Meyer Werft die Fähre „Viking Sally“ ab. Dieses Schiff musste aufgrund seiner Breite, insbesondere im Bereich der „Brückennocks“ an der Kommandobrücke, kompliziert durch die Friesenbrücke durchmanövriert werden.

Wie konnte dies gelingen?
Ich arbeitete zu der Zeit im 1:10 Büro der Werft.
Dort wurden Brennvorlagen für die Stahlplattenzuschnitte im Maßstab 1:10 auf Brennfolien übertragen.

Wir bekamen die Abmessungen der Brücke und die Echolotdaten des Flussprofiles bei der Brückendurchfahrt und in den Nebenbereichen. Dann zeichneten wir eine maßstabsgerechte Zeichnung des Schiffsquerschnittes inklusive der breiten Kommandobrücke und schnitten dies aus Pappe zurecht.
Auf die ebenso detaillierte Querschnittszeichnung der geöffneten Klappbrücke mit dem skizzierten erwarteten Wasserstand wie auch dem eingezeichneten Unterwasserprofil wurde die Schablone des Schiffes gelegt. So wurde die für die Durchfahrt erforderliche Schräglage des Schiffes festgelegt.

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Von den Daten des Flussprofiles neben der Hauptfahrrinne war ich aber doch irritiert. Ich hatte eine irgendwie gleichförmige Wanne erwartet. Doch stattdessen waren im Flussbett Ecken und merkwürdige Anhöhen zu sehen. Auf meine Frage hin, was dies denn wohl sei, antworteten mir die Lotsen „Das sind wohl noch große Betonklötze und andere Bauteile im Flussboden“.

Das waren Überreste von der Zerstörung der Brücke im Zweiten Weltkrieg.

Mir wurde schlagartig klar, wie viel Glück ich seinerzeit gehabt hatte. Bei meinem Kopfsprung von der Brücke war ich, statt auf einem dieser Betonklötze zu zerschmettern, gerade zwischen diesen hindurch in den Schlick geraten.

Das angeben bei den Mädchen hätte auch völlig anders ausgehen können!

(Ein Ausschnitt aus meinem Buchprojekt „Weltenwanderer“)

 

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