Bananenschiff

2021-02-10_07-48-03.jpegAngesichts der Schlagzeilen und Aufregungen um die aktuellen Temperaturen, dem Schnee oder den Gesamtumständen eines Winters kann ich mich nur wundern. Da habe ich schon anderes erlebt.

Viele Kolleginnen und Kollegen der Werft kennen nur noch die Arbeit in den geschützten Schiffbauhallen. Doch viele Jahre lagen die Schiffe draußen und wurden unter freiem Himmel gebaut. Das Wetter beeinflusste die Bedingungen unserer Arbeit spürbar.
Im Sommer erhitzte die Sonne das mit dem Rostschutz konservierte rötlichbraune Metall. Arbeitete man in einer so aufgeheizten Sektion oder gar unter dem glühendheißen Deck, ähnelte dies einem „Work out“ in der Sauna.

Ähnliche Erlebnisse mit umgekehrten Vorzeichen hatte man im Winter.
Mir ist es einmal passiert, das ich an dem tiefgefrorenen Metall mit der Hand kleben blieb und einige Hautstücke verlor.

Der für unsere Heimat typische nasskalte schneidende Wind, ließ die Temperaturen um ein Vielfaches kälter erscheinen.

In einem dieser Winter arbeiteten wir auf der Helling (dem Bauplatz der Schiffe) unter dem Boden des neuesten Gastankers.

Die Schiffe standen damals auf den Pallungen. Das sind große stabile Träger auf massiven Betonklötzen. Diese Auflagen hatten eine Höhe von ca. 1.60 Meter.
Der Wind tobte eisig kalt über die freie Fläche zwischen dem Verwaltungsgebäude und den Wänden der ersten neugebauten Schiffbauhallen, nahm quasi Anlauf und fiel dann über uns auf der Helling her.
Wenn eine Sektion aufgesetzt wurde, mussten diese Bauteile und der Doppelboden auf die sie aufgesetzt wurden, neu ausgerichtet werden.
Dazu wurden unter die Pallungen mit großen Vorschlaghämmern so lange große Eisenkeile gehämmert, bis die Messungen und Nivellierungen, die auf dem Doppelbodendeck ausgeführt wurden, befriedigende Ergebnisse lieferten.
Unter dem Schiffsboden war es arktisch kalt. Wir brauchten in den Pausen lange um wieder aufzutauen.

Auch die Persenninge, die an den Seiten des Doppelbodens als Windschutz angebracht waren, halfen wenig. Als von der Betriebsleitung entschieden wurde, dass wir große Kohleöfen unter dem Schiff nutzen durften, waren wir sehr dankbar.
Diese Öfen waren quadratische Metallkisten mit einer Seitenlänge von ca. 1 Meter und ca. 50 cm Höhe. Gefüllt wurden sie mit einer größeren Menge „Eierbriketts“.

Bevor wir ganz schockgefroren waren, konnten wir uns zwischendurch an diesen provisorischen Öfen und den glühenden Kohlen etwas aufwärmen.

Und dann entstanden ungeklärte Probleme. Nach jeder Pause fluchte unser Schiffbaumeister, dem die Nivellierung oblag, laut und lärmend darüber, das die Ausrichtung der Bauteile sich unerklärlicherweise wieder verändert hatte.

Immer wieder musste neu nivelliert und ausgerichtet werden. Es war eine frustrierende und harte Maloche und führte zu gereizter Stimmung. Als ich zum gefühlt 100 sten Mal die schweren Eisenkeile neu unter die Pallung treiben musste, brüllten mein Meister und ich uns übel an.

Die Ursache dieser Probleme, die sich die ganze Woche über hinzogen, wurde gefunden als eine Kohlelieferung ausblieb.
Als die Öfen unter dem Doppelboden kalt blieben, stimmten die Werte plötzlich wieder.

Die Hitze unter dem Schiff hatte das Metall so erwärmt und ausgedehnt, dass sich das Schiff während der Arbeitszeit bog wie eine Banane und in den Pausen wieder in die Ursprungslage zurückkühlte.

Die Folge dieser Erkenntnis war wieder einkehrendes Frieren bei uns und ein zufriedenes Gesicht bei der Vermessung.

Ein Kommentar zu „Bananenschiff

  1. Lieber Paul, und Anne
    zum Thema “ Winter“ hast Du Dich an die Maloche als Werftarbeiter erinnert: Die Arbeit erfolgte unter freiem Himmel bei Eiseskälte. Ihr versuchtet, mit Wärmeöfen Eure Arbeitssituation zu verbessern mit unterschiedlichem Erfolg. Ihr habt Euch durchgebissen und ward sicherlich auch stolz auf Eure Leistung.
    Ich wollte nach der 10. Klasse eigentlich Zimmermann werden, weil ich schulmüde war.
    Mein Vater schaute aus dem Fenster und fragte: Willst Du bei diesem Wetter aufs Dach klettern? Antwort: Nicht so gerne. Darauf mein Daddy: Ja, dann mußt Du weiter zur Schule gehen!
    Für mich sind Lebensläufe/Biografien genauso spannend wie Dokumentationen aus Natur und Technik…
    Empfehlen möchte ich Dir und Anne die Dokumentation „Die Eistrucker“, zu sehen in der ARD Mediathek –
    Jakutien, die kälteste bewohnte Region der Welt!!
    Habt Ihr schon mit dem Schöfeln geliebäugelt?
    Bleibt gesund.
    Wilfried

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