Versenkt im Hafenbecken

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Auf der alten Werft bauten wir direkt am Hafenbecken in einer kleinen Halle Stahlbausektionen für die Neubauprojekte auf der neuen Werft. Diese Halle konnte auf Schienen auseinandergeschoben werden. So konnten wir die sperrigen Sektionen zum Transport auf einen Ponton legen.

Dazu brauchten wir den großen Hammerkran. Dieses grüne Ungetüm war zuverlässig, robust und uralt. Der Kranführer war ein Kollege mit einem ganz gewaltigen Bauch. Wenn er früh morgens sein Schätzchen aktivierte und schnaufend die Steigleiter zu seiner Kanzel in ca. 25 Meter Höhe erkämpfte, war dies schon ein beeindruckendes Schauspiel. Von unten sahen wir durch die Glasscheibe im Fußbereich oft nur seinen dicken Bauch und seine Füße. Gerade an schönen Tagen war das Frontfenster aufgestellt und der Kollege schlief zwischen den Transporten friedlich und weitgehend ungestört. Mit der elektrischen Rufanlage, einem gut sichtbaren roten Knopf auf Höhe des Fahrwerks, wurde ihm ein Hiev angemeldet. Doch nicht selten hatte dieser Knopf eine Fehlfunktion. Dann musste man brüllen, was die Stimmbänder hergaben. Eines Tages juckte mich der Hafer und ich brachte eine Zwille und einige Eicheln mit zur Arbeit. Als der Kranführer wieder einmal auf unsere Signale nicht reagierte, zielte ich trotz mahnender Hinweise der älteren Kollegen, auf die Kanzel und schleuderte die Eichel präzise in die Kabine. Doch das offenstehende Fenster lenkte den Präzisionsschuss ab. Wie ich erst später erfuhr, bekam der Kollege die Eichel exakt auf die Nase.

Doch das erwartete Gebrüll blieb aus. Ein großer kahler, von der Sonne rotgebrannter Kopf lugte aus dem Fenster, betrachtete uns und führte die erwünschten Kranarbeiten aus. Am darauffolgenden Tag mussten wir Tankhalbschalen in die Tankbauhalle transportieren. Diese aus fast 4 cm dicken Spezialstahl halbrund gewalzten Stahlplatten von fast 10 Meter Länge und 3 Meter Höhe standen in Reih und Glied hochkant an der Kaikante. Um diese Bauteile in die Tankbauhalle zu transportieren, mussten Transportklauen angebracht werden. Anschließend wurden die Platten durch das geöffnete Dach in die Tankbauhalle zum Montageplatz gehoben. Um diesen Krantransport vorzubereiten, wurden wir in der Regel mit einem Personenkorb zu den Platten gehoben, um dort die Last anzuschlagen. Ich war Mitglied eines Teams aus 4 Schiffbauern. Meine Kollegen baten mich, diese Arbeit ausnahmsweise alleine auszuführen. Sie müssten noch etwas anderes erledigen. Nicht Böses ahnend stieg ich in den Korb und gab dem Kranführer ein Handzeichen für den Hiev. Mit einem Ruck wurden Korb und ich in die Höhe gezogen.

Doch statt mich gezielt zu den Stahlschalen zu bewegen, schwenkte der Kran über das Hafenbecken. Mir schwante Übles als ich die vielen grinsenden Kollegen auf dem Bauplatz und den diabolisch lachenden Kranführer über mir sah. So schnell, wie ich hochgezogen wurde, so genüsslich langsam wurde der Korb zum Wasser hinabbewegt und versank dort gluckernd in dem schlickigen Hafenbecken.
Wie in einem Theater standen die johlenden Kollegen an der Kaikante und unter den Bäumen bei dem gegenüberliegenden Dockbüro.

Das durfte doch alles nicht wahr sein?

Und um der Wahrheit genüge zu tun. Mir ging es nicht um das vorhersehbare Ereignis, das ich nass würde. Die Zuschauer meiner Hilflosigkeit waren für mein Ehrgefühl das schlimmste.

Zuerst wehrte ich mich gegen das Unvermeidliche, kletterte noch auf die Streben, dann auf die oberste Umrandung. Möglicherweise hätte ich sogar noch etwas Wegstrecke an dem Stahlseil hoch geschafft.
Doch was wäre dies für ein erbärmliches Bild gewesen.

So ließ ich es zu, dass ich, starr den Blick auf die Krankanzel gerichtet, bis zum Bauchnabel versenkt wurde. Der Kollege beugte sich vor und rief:

„Das ist die Quittung für die Eichel auf die Nase. Auf mich schießt man nicht! Überleg Dir mit wem Du Dich anlegst Junge“.

Genauso genüsslich langsam wie ich versenkt wurde, so wurde ich auch wieder hochgezogen. Schlicktriefend aber mit trotzig herausgereckten Kinn ertrug ich das Ganze.

Was hätte ich nicht dafür gegeben dies als Zuschauer zu erleben. Der Gang in den Sozialraum zur Dusche und zum Kleiderwechsel war bemerkenswert. Die Geschichte hatte sich wie ein Lauffeuer auf der Werft verbreitet. Es gab lachende Klapse auf die Schulter und viele Kommentare. Unter der Dusche hätte ich dann fast einen Lachkrampf bekommen. Zu gerne hätte ich einem anderen bei diesem Erlebnis zugeschaut. Solche Geschichten gehören zu der Vielzahl von Erlebnissen, die eine Werft so einzigartig machen.

Wenn ich mir die große Gereiztheit der heutigen Tage anschaue, was wären wohl die Folgen gewesen, wenn dies heute passiert wäre?

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