Mit den Bibel und der Gesangbuch auf das Kopf

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In einem netten Telefonat am heutigen Tag mischte mein älterer Gesprächspartner Begriffe und Grammatik des Plattdeutschen mit der hochdeutschen Sprache. Dies weckte eine Erinnerung an meine Jugend in Wymeer.

Unser Gemeindepastor hatte es nicht einfach mit den Wymeester Lausbuben.
Der Konfirmandenunterricht fand im Gemeindesaal statt.
Dieser Saal war ein mit wenigen Reihen einfacher Holzbänke bestückter großer Raum im ehemaligen Armenhaus.
Die Mädchen saßen in der Regel in den vorderen, die Jungs in den hinteren Bankreihen.
Der Unterricht erschöpfte sich damals im wesentlichen in der Abfrage auswendig zu lernender Verse aus dem Katechismus sowie Psalmen aus dem Gesangbuch.

Der Unterricht war echt langweilig. Abwechslung war immer willkommen. Und einer von uns hatte an einem dieser Tage wieder einmal nichts als Flausen im Kopf.

In der Bank vor uns saßen die Mädchen dicht an dicht.
Eines hatte lange seidig glänzende tiefschwarze Haare, die ihr fast bis zur Hüfte reichten. Ein Junge aus unserer Straße sah, dass die Haare über die Rückenlehne fielen und knotete diese unter derselben zusammen.
Bei der Aufforderung unseres Pastors, die Gesangbücher hervorzuholen, beugte sich das Mädchen nach vorne und merkte schmerzhaft, was passiert war. Ihr Schreckensruf wurde in unserer Bank mit einem amüsierten Kichern quittiert.
Ein Streich war wieder einmal gelungen.

Doch statt dem erwarteten Jammern, Weinen oder lautstarkem protestieren, wurde plötzlich eine Tasche gefüllt mit schweren Büchern wie ein Katapult nach hinten geschwungen. Kiloweise stabiler Buchdruck knallten dem Übeltäter punktgenau und lautstark auf den Schädel. Nun war es an ihm laut schnaufend und stöhnend aufzuheulen.

Wie ein Blitz kam Pastor Schulz herangestürmt und fragte mit funkelnden Augen, was denn jetzt schon wieder los sei. Unser Freund rieb sich den schmerzenden Schädel.

Die korrekte Anwendung der hochdeutschen Sprache lernten wir damals erst in der Schule.  Und so haute unser Freund mit anklagend erhobener Stimme folgende Beschreibung und Beschwerde heraus:
Herr Pastor Herr Pastor sie hat mich mit „den“ Bibel und „der“ Gesangbuch auf „das“ Kopf geschlagen“.

Unser Pastor kam gebürtig aus den Ostgebieten des früheren Deutschen Reiches.
Er hatte schon unzählige Geschichten mit uns erlebt und wusste was er davon zu halten hatte. Resignierend seufzte er kopfschüttelnd und murmelte seinen Protest in seinem typischen unostfriesischem Singsang vor sich her.

Damals war mir dies nicht so bewusst, aber in der Rückschau muss ich dem Gemeindepastor posthum meine Bewunderung für sein formidables Nervenkostüm aussprechen.

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