Ich hätte mich schon lange rausgeschmissen …

 

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Immer wieder fällt mir in dieser an Bissigkeiten nicht armen Welt auf, dass eines der effektivsten Entschärfungsmittel für Konflikte die unerwartete, überraschende oder humorige Antwort ist.

Einer der Kollegen am Reparaturdock war ein wirklicher Malocher.
Materialien oder Bauteile mussten unter oft richtig schwierigen Bedingungen zum Schiff transportiert werden. Standen weder Kran noch Gabelstapler zur Verfügung konnte es durchaus sein, dass dieser Kollege auch extrem schwere Transporte auf der Schulter oder mit dem Handwagen durchführte.

Er war Junggeselle, ein geselliger Mensch, sehr bekannt und beliebt bei den Vereinen und Kneipen seines Wohnortes. Doch genauso hart und konzentriert wie er arbeitete, so konnte er auch feiern.

Keinem gemütlichen Beisammensein war er abgeneigt. Sein Verhältnis zum Alkohol war, nun sagen wir mal, extrem entspannt. Dies führte manchmal dazu, dass dies am darauffolgenden Tag gut zu riechen war.

Eines Tages wurde ihm dies, in Kombination mit seinem ganz außergewöhnlichen Arbeitseifer, fast zum Verhängnis. Schwere Stahlstropps lagen an der Dockkante neben einem Reparaturschiff. Und wieder einmal wuchtete der Kollege diese alleine aus einer sehr ungünstigen Position heraus in Richtung wartendem Kranhaken.
Tief beeindruckt muss ihm wohl einer der zuschauenden Schiffsoffiziere auf die Schulter geschlagen und dabei eine Alkoholfahne bemerkt haben. Seine Beschwerde beim Dockmeister führte dazu, das er den Kollegen nach Hause schicken und den Personalchef informieren musste. Am Nachmittag desselben Tages saß dieser mir sichtlich verdrießlich gegenüber.

„Was machen wir denn jetzt? Ich will doch den Mann nicht rausschmeißen. Nur so geht das nicht weiter. Hier trinkt er nicht. Er fehlt auch fast nie. Doch seine immer wieder auftauchenden Feiereinlagen sind ein Ärgernis. Ich muss und werde ihm deutlich die Leviten lesen. Wenn er sich dann entschuldigt und wir vereinbaren wie er sich Hilfe sucht, dann werde ich es bei einer Abmahnung belassen. Können Sie dies so mit ihm besprechen?“

Die Frage war an mich als damaligem Betriebsratsvorsitzender gerichtet.
Am Vormittag des nächsten Tages habe ich dies genauso mit dem Kollegen besprochen. Selbstverständlich habe auch ich nicht mit meiner Kritik gespart.
Unter Alkoholeinfluss zur Arbeit zu erscheinen ginge gar nicht.
Dies bedeutet eine Gefährdung aller anderen. Ich war hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Appelle zwar skeptisch, dennoch haben wir gemeinsam einen Termin mit dem Blauen Kreuz vereinbart.
Minutiös habe ich anschließend den Kollegen Schritt für Schritt darauf vorbereitet, was in den darauffolgenden Minuten im Büro des Personalchefs passieren würde und was er tun müsse, um seine Arbeitsstelle zu erhalten.
Nur wenig später saßen wir also genau dort und dieser legte wie besprochen los. Er ließ eine Kaskade von berechtigter Kritik und der Drohung einer Kündigung auf den Kollegen herabregnen. „Was sagen Sie denn dazu?“ So beendete er das Bombardement „Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“.

Ein auffordernder Blick von mir an den Kollegen. Jetzt war die im Detail besprochene Entschuldigung und der Hinweis auf die Inanspruchnahme einer Beratung fällig. Doch was sagt der Kollege zum konsternierten Personalchef?

„Ich verstehe sie voll und ganz. Also ganz ehrlich. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich hätte mich schon längst rausgeschmissen“.

Mein Gegenüber und ich selber bekamen Schnappatmung. Auf den Argumentationskurven, die der Personalleiter und ich dann fuhren, um dennoch keine Kündigung aussprechen zu müssen, hätte sich eine Schlange das Rückgrat gebrochen.

Als der Kollege, versehen mit einer deutlichen Abmahnung, wieder auf dem Weg zu seinem geliebten Dock machte, haben wir uns erst einmal ausgeschüttet vor Lachen.

Auf so eine Antwort muss man erst einmal kommen.

 

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