Ein Urerlebnis …

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Homeric beim Stapellauf 1985

Gerade sehe ich in der Presseschau die Meldung eines Querstapellaufs in Leer. Ein relativ kleiner Tanker lief dort vor knapp zwei Wochen quer vom Stapel.

Bis zur Inbetriebnahme des Baudocks waren Querstapelläufe auf der Meyer Werft, das übliche Verfahren, um unsere neuen Schiffe ihrem Element zu übergeben. Nach langen Monaten harter Arbeit war dies immer wieder ein ganz besonderer Moment. Solch ein „Geburtsvorgang“ eines neuen Schiffes verliert auch durch noch so viele Wiederholungen nie seine Einzigartigkeit. Mit der Homeric haben wir 1985 weltweit Neuland betreten. Es war das größte Schiff, das wir bis dahin gebaut hatten und noch nie zuvor war ein Schiff dieser Größe quer vom Stapel gelaufen.

Unsere Neubauten wurden auf der Helling quasi in zwei Stufen gebaut. Auf dem 1. Hellingbauplatz wurden der Rumpf, wie auch die Aufbauten so weit wie möglich gefertigt. Auch die ersten Ausrüstungsarbeiten begannen.
Im nächsten Bauabschnitt wurde der riesige Rumpf über unzählige Stahlrollen auf Stahlträgern seitwärts auf den 2. Hellingbauplatz verschoben.

Bei der Homeric fehlte damals noch ein Großteil des Vorschiffes (Bug), weil die Länge des Schiffes die Abmessungen des Stahlbauplatzes sprengten.
Dort wurde das Schiff dann weiter ausgebaut und ausgerüstet.

Sobald der Zeitpunkt des Stapellaufs gekommen war, wurde an dem Freitagabend vor dem feierlichen Termin das gesamte Schiff noch einmal seitwärts auf die Gleitschlitten des Stapellaufplatzes geschoben. Diese Gleitschlitten waren riesige keilförmige Auflagen aus Stahl und schwerem Eichenholz. Sie lagen in großen Gleitschienen, deren Auflage mit einer speziellen Schmierseife behandelt wurde. Die Schiffszimmerleute hatten diesen Platz über Wochen vorbereitet und ausgemessen.
Die Schlitten, auf denen das ganze Schiff wenige Stunden vor dem Stapellauf jetzt stand, waren durch massive Stahlklammern mittels hydraulischer Pressen mit den Pallungen (Auflagen) des Bauplatzes verbunden.
An den ca. 25 Schlitten und den Pallungen waren darüber hinaus spezielle Querhalterungen angebracht, die durch ca. 2 cm dicke Taue oftmals umschlungen und so verbunden wurden.

Am frühen Samstagmorgen waren wir zur Werft beordert. Die letzten vorbereitenden Arbeiten wurden durchgeführt. Versorgungskabel mussten gekappt und der gesamte Rumpf, die Gleitschlitten und Pallungen sowie die Helling intensiv kontrolliert werden.

Jedem Gleitschlitten wurden jeweils 2 Mann zugeteilt.
Kurz vor dem Stapellauf bekamen wir unsere Äxte ausgehändigt. Diese waren durch die Kollegen der Schiffszimmerei nochmals geschärft worden.

Auf ein Kommando des Betriebsleiters hin, wurde der Druck aus den hydraulischen Pumpen abgelassen. Wir konnten sodann die Stahlklammern demontieren. Zigtausende Tonnen Stahl bewegten sich nun Zentimeter um Zentimeter ächzend, knirschend und knarrend in Richtung Wasser. Die Taue waren jetzt die letzte Verbindung zum Land. Der Druck war so gewaltig das die Trossen sich um 2/3 verdünnten und um ca. 10 – 15 cm nachgaben. Wir standen schlagbereit an diesen Nabelschnüren unseres Schiffes und warteten auf das Kappkommando.

Sobald diese Anweisung ertönte, schlug der „Hauptkapper“ (Dies wurde vorher verabredet) mit der rasierklingenscharfen Axt in das Tau. Vielleicht hätte manchmal auch schon der Stich eines Taschenmessers in den vibrierenden Stropp genügt. Sirrend, manchmal mit einem scharfen Knall, zerfasserten, rissen, zerfetzten die Leinen und gaben das Schiff frei.

Ein solcher Stapellauf ist dann, wenn man unter dem Schiff steht, ein schlicht unbegreifliches Erlebnis. Man spürt fast körperlich seine Ungeduld, merkt, mit welcher Urgewalt es nach der Befreiung von den Bindungen jetzt seinem Element entgegeneilt.

Doch für Staunen ist keine Zeit, denn es gilt der unweigerlichen Flutwelle zu entkommen, die nach dem Eintauchen auf beiden Seiten des Schiffes entsteht.
Deshalb ist es zwingend erforderlich, dass eine Absprache stattfindet, wer an welcher Stelle auf den Träger springt und über diesen in sichere d.h trockene Zonen flüchtet.

Der ältere Schiffbaukollege, mit dem ich bei der Homeric den Träger teilte, hatte lässig seine selbstgedrehte Zigarette zwischen die Lippen genommen. Er war sichtlich cool und nicht so „hibbelig“ wie ich. Aber tatsächlich war er dann unmittelbar bei dem Kommando zum Kappen mit seinem weggefallenen Feuerzeug beschäftigt.

Ich durchtrennte kurzentschlossen mit einem gezielten Schlag die Taue und sprang mit einem großen Satz auf den Träger. Doch mein Kollege hatte wirklich keinen guten Tag erwischt. Wir erklommen die Pallung an derselben Stelle, stießen zusammen und plumpsten in das Kiesbett zurück. Wertvolle Sekunden gingen verloren. Ca 20 Meter hinter unseren Kollegen erwischte uns das Wasser doch noch und ich bekam nasse Füße.

Doch ärgert man sich über so ein Malheur, wenn man dafür das Erlebnis eines so einmaligen Stapellaufes in die Erinnerung eingebrannt bekommt?

2 Kommentare zu „Ein Urerlebnis …

  1. Mensch Paul, wie die Erinnerung an dieses Erlebnis wieder urplötzlich präsent ist. Ich war life dabei und werde das Schauspiel niemals vergessen.

    1. Lieber Hans.
      Das waren aber auch immer Erlebnisse die man nie wieder vergessen kann. Und das macht so eine Arbeit an so einem Projekt und auf einer Werft auch immer aus. Lg Paul

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