3. Wir brauchen mehr Mut zum Gespräch

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Das Fundament auf dem Populisten und Massenverführer der heutigen Tage oft aufbauen, ist Ausgrenzung und Hass. Die lauten und auffälligen Schreihälse unserer Tage sind nicht deshalb so verabscheuenswert weil sie negative Emotionen wecken, sammeln und bündeln.
Ihre Gefährlichkeit entsteht, weil sie gezielt, bewusst und strategisch die Wurzeln der Zivilisation und aller freien Gesellschaften zerstören.

Sie reden, schreiben und posten den ganzen Tag.
Doch was sie wirklich verabscheuen, ist der Dialog.
Doch das Gespräch, der Dialog bilden die Basis für Kooperation und damit unseres Menschseins.

Angefangen vom Lagerfeuer in den Höhlen der ersten Menschen bis hin zu den polierten Besprechungstischen von heute, besteht die Grundsubstanz der meisten Gespräche aus Fragen. Wir setzen uns mit dem Gegenüber, den wir oftmals noch nicht kennen, auseinander.

Die Entwicklung des Menschen, sein Überleben hing an der Fähigkeit zur verstehenden Kooperation.

Bis heute versündigen wir uns mit der Erzählung über unsere Spezies an uns selber. Uns wird vorgegaukelt das der dominante gewalttätig aggressive Typ das Überleben der Spezies garantiert. Eine völlige Verzerrung der Tatsachen.
Diese Annahme bildet zwar den Stoff für Action Filme und viele Bücher aber nicht für die wahrhaftige Geschichte unserer Entwicklung.

Nur die kooperativ zusammenarbeitenden, sich vertrauenenden, voneinander lernenden Menschen haben überlebt und sich entwickelt.
Ich weiß wie viel Unglauben mir bei diesen Thesen oftmals entgegengebracht wird.
Dazu empfehle ich die Lektüre entsprechender Erkenntnisse der Wissenschaft.
Diese Fähigkeit, des sich in einen anderen Hineinversetzens, ist eine, wenn nicht sogar die entscheidende Erbschaft und Stärke in der menschlichen Evolution.

Unsere Kooperationsfähigkeit schützt, entwickelt und ernährt unsere Körper und den Geist. Liebe, Freude, positive Gefühle bauen auf dieser Fähigkeit auf.
Kooperation, Mitgefühl und Empathie braucht das Gespräch, den Dialog. Nicht zu verwechseln mit der Predigt. Wir erweitern unseren Horizont um den des anderen. Nur so entstehen gemeinsame Gewinne, die wir für unsere Entwicklung und den Erhalt unserer Spezies überhaupt nutzen können.

Und unsere Stärke beziehen wir nicht aus der unendlichen Gleichheit und Harmonie. Gerade die ehrlichen Kontroversen bringen uns weiter.
Reinhard Sprenger spricht „Von der Magie des Streits“. Ein ehrlicher Streit ist eine bedeutsame Form der Zuwendung zu einem anderen Menschen. Wir sollten uns gerne und weise mit denen streiten, bei denen wir erkennen und bei denen wir glauben, dass sie etwas beizutragen hätten für die Suche nach Antworten.
Auch dann, wenn wir uneins bleiben, erzeugt alleine der Versuch und das erkennbare Bemühen, den Gegenüber zu verstehen, einen Zugewinn.

Und genau hier, an dieser „magischen Stelle“ setzt die Bösartigkeit des aggressiven Populismus an.

Warum habe ich mich aus vielen sozialen Medien verabschiedet?

Weil es immer mehr spürbar wurde, wie viel Bösartigkeit unterwegs ist, die gar keinen Dialog will. Es wurde mir immer deutlicher, dass der Dialog oftmals gar keine Bedeutung mehr hatte. Das Ziel ist, auf welche Weise auch immer, das reine Zerstören, das vernichten des anderen missliebigen Arguments.
Instrumente wie Verdächtigungen und bösartige Herabsetzungen gehören heute zum Waffenarsenal in vielen Medienformaten.
Die Legimitation des Gegenüber wird einfach bestritten, indem zu der Methodik „Wir“ gegen „Die“ gegriffen wird. Die Suggestion eine Mehrheitsmeinung zu vertreten geht einher mit der Negierung der Verantwortung, Ehre oder Aufrichtigkeit der jeweiligen Gegenüber. Komplexe Zusammenhänge werden auf Twitterkürze zusammengestrichen und bewusst simplifiziert. Simple Probleme und simple Botschaften. So einfach ist Populismus.

Ich habe oftmals viele Antworten bekommen, die ganz offensichtlich nicht die Kommunikation zum Ziel hatten. Sie waren vielmehr interessiert an der ganz grundsätzlichen Konfrontation von der sie leben und saugten wie Vampire an der Hauptschlagader.
Nicht das geduldige Zuhören und der Versuch des Verstehens stehen immer öfter im Mittelpunkt, sondern das ungeduldige Warten darauf die längst fertigen schablonierten Antworten hinausblasen zu können. Ich mag das einfach nicht mehr.

Es ist noch nicht lange her, da habe ich mich aufrichtig bemüht zu überzeugen.
Doch umso mehr ich dies versucht habe, umso tiefer geriet ich in den Strudel derer, die durch ihre unverfälschte Negativität populäre Fallen aufgestellt haben, in deren klebrigen Saft man unweigerlich hängen bleibt.

Zu theoretisch? Bitte schaut Euch einfach mal an wie die Struktur der meisten Gäste in Talk Shows oder ähnlichen Formaten ist.
Wer die meisten Aufreger gebiert, die meisten „Klicks“ in den sozialen Medien oder auch in den Kommentarspalten erhält, ist gut für die Unterhaltung und die Quote.
Es sind enttäuschend oft jene, die die Strategien des Bösen, die Erregung, die Erniedrigung, die Aggression perfektioniert haben.

Am Lagerfeuer unsere Vorfahren wären solche Menschen zu Recht alleine geblieben und ein ausgestoßenes Opfer der Raubtiere geworden.
An den Lagerfeuern unserer Vorfahren war der aufrichtige Wunsch, dem anderen zuzuhören, von ihm zu lernen, die Zukunft zu erahnen, sie im Dialog zu finden, überlebensnotwendig.

Unsere Herausforderungen sind groß und wieder einmal brauchen wir den Mut in dieser lauten Zeit den Wert des Dialogs, des ergebnisoffenen Gespräches neu zu entdecken.

Wie sagte der Desmond Tutu „Mein Vater pflegte zu sagen, Sprich nicht lauter, argumentiere weiser“.

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