Wut hat viele blinde Augen

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Bild: Pixabay

Angesichts der Corona Schlagzeilen der letzten Tage, den Diskussionen im Freundes und Bekanntenkreis, auf der Straße oder in verschiedenen Sitzungen erschrecke ich schon.
Da nährt sich eine zunehmende Wut aus viel Frust heraus.
Die Debatte wird von Tag zu Tag schärfer, polemischer und undifferenzierter.
Wir wähnen uns, so eine Schlagzeile von heute Morgen, in einer Bananenrepublik?
Und wie bei der Nationalmannschaft gibt es hunderttausende von vermeintlichen Experten, die schnell mal eben überall und auf allen Kanälen Politikversagen auf ganzer Linie konstatieren.

Die gewählten Vertreter unseres Volkes werden dabei gerne alle über einen Kamm geschoren. Als wenn demokratisch gewählte Vertreter allesamt nur darauf warten würden dem Land zu schaden.
Einzelne Fälle von Missbrauch und Korruption werden gezielt generalisiert.
Schaut man in die Nachrichten, Talk Shows und noch mehr in die  „Sozialen Medien“, könnte man meinen, unser Land wäre ein Totalversager in der Krise.
Diese Emotionen lassen uns leider aber auch leicht blind werden für einige wichtige Fakten.

Ganz sicher gibt es eine Menge zu verbessern.
Vieles ist in dieser Jahrhundertkrise wirklich schlecht gelaufen.
Und doch sollten wir uns einmal zurücklehnen, sauber sortieren und in Ruhe abwägen. Hier einige ganz wenige nachdenkliche Halteanker:

1. Impfstoff
Wer hätte denn im letzten Jahr gedacht, das es möglich werden könnte, einen erfolgreichen Impfstoff innerhalb so kurzer Zeit zu entwickeln? Dies ist doch großartig und ein Geschenk, oder? Und natürlich braucht es Zeit für den Aufbau einer Produktion für Billionen Dosen eines neuen Impfstoffes für die ganze Menschheit.

2. Kapazitäten
Wer hätte vor wenigen Monaten denn ernsthaft daran geglaubt, dass innerhalb so weniger Monate schon eine so riesige Anzahl an Menschen weltweit gegen eine globale Pandemie geimpft wären?
Es wurden nun schon fast 450 Millionen Impfdosen verabreicht.
Und auch wenn die Impfgeschwindigkeit bei uns noch unzureichend ist. Wir sollten bei all unserem Frust darüber einen Blick in jene Länder wagen, die ein desolates Gesundheitssystem haben! Viele Menschen in den meisten Ländern unserer Welt haben bei einer Erkrankung eine wesentlich geringere Chance überhaupt behandelt zu werden als dies bei uns der Fall ist.

3. Nationalismus (Impfstoffe vorrangig beschaffen?)
Wer mag sich denn vorstellen in was für einer Europäischen Gemeinschaft wir leben würden, wenn tatsächlich einzelne, wirtschaftlich starke Länder, einen noch stärkeren Wettlauf um die Impfstoffe gegen die ärmeren gestartet hätten?

4. Kosten
Heute gibt es völlig zu recht Schlagzeilen über Korruption bei der Maskenbeschaffung. Aber auch unnötige Kosten zur Beschaffung dieser Masken führen zu Skandalschlagzeilen. Was wäre wohl passiert, wenn man (ohne das Wissen von heute) Milliardenbestellungen für völlig neuartige, in der Entwicklung befindliche und noch nicht geprüfte und zugelassene Impfstoffe ausgelöst und diese sich dann als schädlich oder unwirksam erwiesen hätten?

5. Ländervergleiche hinken
Im europäischen Vergleich haben wir die geringsten Probleme im Gesundheitsbereich. Im Gegensatz z.B zu unseren Freunden in Frankreich mussten wir noch keine Triage anwenden oder Schwerkranke ausfliegen.

Ich will die Probleme und die vielen, auch handwerklichen Fehler, wirklich nicht schönschreiben. Es wurden und werden immer wieder dramatische Fehler gemacht.
Die Überbürokratisierung ist nervig. Das ganze hin und her und die fehlende Kreativität und Flexibilität nervt ebenfalls.
Aber andererseits hat auch keiner von uns Erfahrungen mit einer solchen Pandemie, mit einer solchen Jahrhundertkrise.
Die Todeszahlen sind schlimm. Jeder einzelne Tote ist einer zu viel.
Aber wir liegen immer noch deutlich hinter denen in vielen anderen europäischen Ländern.

Und auch jene Länder die wir vor einigen Monaten noch belächelten und heute plötzlich bewundern, haben einen hohen Preis gezahlt.
Schauen wir uns bei aller typisch deutschen Kritik an uns selber, doch einmal die Anzahl der an Corona verstorbenen Menschen in Großbritannien, Schweden oder den USA an. Ja, –  diese Länder impfen nach vielen schweren Fehlern jetzt schneller als wir. Noch sind sie schneller. Doch wir haben Möglichkeiten in unserem Land, die schon in wenigen Wochen, bei entsprechender Impfdosenzahl, eine deutlich andere Situation als möglich erscheinen lässt.
Würden wir bei der Gesamtbetrachtung aller Fakten wirklich mit den oben erwähnten Ländern tauschen wollen?

Würde ich z.B in Schweden oder in England leben, wären meine Mutter und viele andere möglicherweise schon gar nicht mehr am Leben.

Mir blutet das Herz, wenn ich die Probleme sehe in der sich viele kleine Betriebe befinden. Ihnen muss unbedingt schnell und viel viel unbürokratischer geholfen werden.
Aber im Gegensatz zu den meisten europäischen Nachbarn können wir uns dies als Land auch leisten!

Mich beschleicht zunehmend das Gefühl, das bei uns die Maßstäbe für unsere Kritik etwas durcheinandergeraten?
Schütten wir in dieser Frustdebatte gerade das Kind mit dem Bade aus?

Manchmal werden die Wutdebatten so überbordend, dass Zwischentöne und Nachdenklichkeit kaum noch Platz haben.

Politiker müssten eben doch mehr Manager sein, so eine beliebte Schlagzeile.
Aldi und Lidl werden allen Ernstes als Beispiele für erfolgreiches organisieren von Bedarfen (Schnelltests) in einer Krise empfohlen?
Wollen wir allen Ernstes behaupten das mehr privatwirtschaftliches Management in lebenswichtigen Bereichen und in dramatischen Krisenzeiten besser ist?
Dass der Staat, also wir als Gemeinschaft, wichtige Aufgaben in Krisenzeiten an private Anbieter übergeben sollten?
(Dies sind in gern geäußerte und unwidersprochene Slogans in vielen Talkshows und in den Medien).
Schauen wir uns diese Aussagen zum unfähigen Staat und den vorbildlichen privaten Dienstleistern doch einmal etwas genauer an.

Hätten private Entscheidungsträger tatsächlich erst die „ökonomisch unnützen“ Älteren als erste geimpft und priorisiert oder zuerst die „Leistungsträger“?
Was lupenreines Ökonomiedenken anrichten kann, sehen wir an der Situation in vielen Pflegeheimen und in kaputtgesparten Krankenhäusern, die als reine Investitionsobjekte betrachtet werden.
Wir haben sogar Beispiele dafür was passiert, wenn der Staat z.B die Wasserversorgung privatisiert. Großbritannien hat für dieses Experiment einen hohen Preis gezahlt. Da musste die, auf Gewinn und nicht Gemeinwohl ausgerichtete  Privatisierung, wieder zurückgedreht werden.
Warum haben wir denn eine so grottig schlechte Funknetzabdeckung in Deutschland?
Weil die privaten Konzerne bei ihren Investitionsentscheidungen im Blick haben, wo sie den höchsten Gewinn machen. Und dies ist nicht die Fläche, sondern dies sind die Oberzentren. Private Anbieter orientieren sich nun mal eben am Gewinn und nicht am Gemeinwohl! Das ändert auch die schönste Power Point Marketing Offensive nicht.

Und mit diesen Erfahrungen und vielen weiteren Beispielen wollen wir auch im Angesicht der nächsten, am Horizont schon erkennbaren Krisen, den Rückzug des auf Gemeinwohl orientierten Staates forcieren?

Die Befähigung des Staates zu schnellen Entscheidungen und für dynamische und pragmatische Krisenarbeit muss deutlich stärker werden.
Genau da, in der dramatischen Entbürokratisierung unseres Staates ist noch sehr viel Luft nach oben.
Ungezügelte Wut, Frust und negatives Denken lenkt die Energie in falsche Bahnen.
Wir produzieren gerade alle zusammen maßlos viel Politik,-  und vielleicht sogar Demokratieverdrossenheit.

Wir müssen die Fehler, die wir in dieser Pandemie jetzt alle gemeinsam machen nicht verteufeln sondern sauber analysieren, daraus lernen und dann ausmerzen.
Weil es ganz sicher nicht die letzte große Krise sein wird die wir bezwingen müssen, ist dies so wichtig!
Das ist der Weg und nicht das populistische sturmreif schießen unseres Staates.

Ein Kommentar zu „Wut hat viele blinde Augen

  1. Danke für diese Worte — Wir alle – zuvörderst die Politik – navigieren zwischen Scylla und Charybdis und unter Deck wohnen einige, die das Kartenbesteck nicht kennen, oder nicht erfassen —

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