Meinungsflutwelle

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Heute bekam ich aus einem Ministerium eine diffizile Frage zu einem Bereich gestellt, in dem ich nicht so tief in der Materie bin. Und ich war drauf und dran eine Antwort zu geben, eine Meinung zu haben. Das sind wir gewohnt.

Doch ich sagte nach kurzem Zögern: „Das weiß ich nicht. Darüber muss ich noch einmal nachdenken“.

Und diese Antwort fiel mir überraschend schwer.
Die verdutzte Reaktion des Gesprächspartners, regte mich zum Grübeln an.

Ich hätte mit rhetorischem Geschick eine Antwort geben können.
Aber ob es die richtige, eine von mir aus vielen Perspektiven durchdachte Stellungnahme gewesen wäre?

Dies führt mich zu der Frage, – erwarten wir zu allen möglichen Themen zu oft von uns selber und leider auch von anderen eine sofort abrufbare Meinung?!
Wie kommt es zu der Erwartung, dass wir alle zu fast allem eine Meinung haben müssen? Rührt dies daher, dass in der heutigen vibrierenden Medienwelt vielfach die oberflächliche Geschwindigkeit und nicht mehr vorrangig die qualitativen Ergebnisse tiefen Nachdenkens gefragt sind?

Wir sind es heute gewohnt das Internet für schnelle Recherchen zu bemühen (Google weiß das?). Dort finden wir tausendfach verfügbare Antworten und Meinungen. Diese Art der gedanklichen Almosen ziehen wir dem zeitintensiven Sinnieren und tiefem Nachdenken vor.

Ohne es zu bemerken, bilden diese Internetschubladen daraufhin leider oftmals den gedanklichen Rahmen, in dem wir uns dann nur noch bewegen.
Oft wird heute geklagt, dass wir in einer Flutwelle von Informationen zu ertrinken drohen.  Doch ist es nicht vielmehr so, dass wir in einer Meinungssturmflut unterzugehen drohen?
Ununterbrochen fliegen uns auf allen Kanälen Meinungen zu allem und jedem um die Ohren. Wir sind aber nicht dazu gezwungen, zu allem eine Meinung haben zu müssen.

Ich weiß schon, dass dies für einige Social Media Junkies eine unmögliche Feststellung sein dürfte.

Meine verweigerte Antwort des heutigen Tages hat mich dazu veranlasst doch einmal im Internet zu recherchieren, was zu der mir gestellten Frage schon geschrieben oder gesagt wurde. Es war bestürzend. Viele Menschen, deren Profile kaum vermuten ließen, dass sie Spezialisten für dieses Thema wären, schleuderten Meinungsströme wie ein aktiver Vulkan in die Welt.

Ich erinnere mich an norwegische und kanadische Studien. Diese stellten fest, dass die Digitalisierung auch dazu führen kann, dass die Menschen dümmer werden.

Es wurde empirisch belegt, das immer mehr Menschen die Bereitschaft und Fähigkeit zum tiefen Nachdenken und zum intensiven Lesen und Erfassen von Sachverhalten immer mehr verlieren. (Hierzu hatte ich schon einmal einen Gedankensplitter verfasst:

https://wp.me/p6MD1g-cy

Um nicht in die typischen Fehler der Meinungsmaschinerie zu geraten habe ich mir folgende Werkzeuge gebaut.

  1. Ich typisiere Themen die mich wirklich interessieren und zum denen ich eine Meinung haben will und sollte.
  2. Ich sortiere Themen aus, die ich in ein Regal „Irgendwann oder überhaupt?“ ablege.
  3. Ich versetze mich vor Meinungsäußerungen in eine vorgestellte Diskussionsrunde mit mindestens 4 hartgesottenen Gegnern. Nur wenn meine Argumente gegen die härtesten Einwände „über Wasser bleiben“ hat diese Meinung es verdient als meine Meinung Bestand zu haben.

Diese Meinung hat es dann auch verdient überall vertreten und kommuniziert zu werden. Und dabei geht es mir auch gut!

 

2 Kommentare zu „Meinungsflutwelle

  1. Hallo Paul, wieder mal ein sehr zum Nachdenken anregender Artikel. Du hast Recht, wenn das Informationsgewitter sich über uns ausschüttet hilft es den Schirm des Rückzugs aus der Medienwelt aufzuspannen und einfach mal abschalten und sich mit schönen Gedanken zurück zuziehen. Mit einem Glas Wein an Bord aufs Wasser zu schauen und die Seele baumeln lassen. Lieben Gruß aus Emden, Hans

    1. Moin Hans.
      Mit zunehmenden Alter greift die Erkenntnis immer stärker, dass man bestimmte Themen die man sowieso nicht beeinflussen kann und die außerhalb des eigenen Einflusses liegen, ruhig und mit gehöriger Distanz betrachten sollte. Dies schafft ein besseres Leben 🙂
      Lg
      Paul

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