Das Schicksal ist keine Bitch

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Die Prüfung zum Facharbeiter durchlief im Schiffbau mehrere Stufen.

Ein wichtiger Teil war die Erstellung einer Zeichnung bzw. der sogenannten Abwicklung eines Schiffsbauteiles. Dieses Bauteil wurde aus einem Spantenriss herausgemessen und es musste eine entsprechend maßstabsgetreue Sperrholzschablone hergestellt werden. Eine Abwicklung zerlegt, wie es schon der Name sagt, ein Bauteil in seine Einzelteile. Dies ist insbesondere dann anspruchsvoll, wenn es sich um dreidimensionale Bauteile in einer gebogenen Schiffskontur wie z.B eine Ankertasche handelt.

Dieser Teil der Prüfung wurde auf dem sogenannten Schnürboden durchgeführt. Dies war ein großer Raum, wo Mess,- und Maßlatten sowie Schablonen für Stahlbauteile aus den Querschnitten der Schiffsprojekte herausgemessen und hergestellt wurden. Die Prüflinge kamen aus den verschiedenen Werften der Umgebung.

Unsere Ausbilder und die Prüfungsausschussmitglieder beobachteten, wie wir uns den Prüfungsaufgaben stellten.

Mein Prüfplatz befand sich in einer Ecke und Ausbuchtung des Schnürbodens. Mit Feuereifer und sehr überzeugt von meiner Lösung, ging ich ans Werk. Nach der ersten intensiven Stunde machte ich mich unauffällig auf den Weg, um meine Bleistifte zu schärfen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass viele Zeichnungen einen deutlich anderen Weg einschlugen als jenen, den ich selber gewählt hatte. Ich war erschüttert und verzweifelt. Mein Selbstbewusstsein zerplatzte mit jeder Beobachtung wie Seifenblasen im Wind.

Deprimiert machte ich mich auf den Weg zurück, nahm den Radierer und wollte anfangen, die sorgsam errechneten Linien zu eliminieren.

Plötzlich hörte ich ein Zischen. Erstaunt sah ich hoch und sah meinen Ausbildungsmeister mit ernsten Blick neben mir stehen und mit minimalsten Bewegungen den Kopf schütteln. Ein Blick auf die anderen Prüflinge. Kein Zeichen von Unsicherheit. Maximale, stille Konzentration. Bestimmt hatte ich die Zeichen missverstanden. Doch kaum hatte ich den Radierer neu angesetzt, kam unser Ausbildungsleiter  vorbeigeschlendert und zischte mir kaum hörbar zu „Lass es“.
Es war zum Verzweifeln.
Alle Sensoren schrien mir förmlich zu, – gleich Dich an, fang an zu radieren. Dir läuft die Zeit davon. Und plötzlich sehe ich den ersten meiner Freunde mit Schweißperlen auf der Stirn mit dem Radierer agieren. Und dann fängt einige Meter weiter ein Kollege der Jansen Werft an und auch ganz hinten höre ich ein lautes Stöhnen.
Und wie ein Phönix aus der Asche wächst die Sicherheit. Dankbarkeit für die kleinen Warnsignale durchfluten mich.

In der Pause wird streng darauf geachtet das keine Gespräche stattfinden. Still essen wir unsere Butterbrote. Neben mir sitzt einer meiner Kollegen, der ganz verzweifelt auf seinen Notizzettel schaut und versucht, den Weg zur Lösung zu skizzieren.

Ein ganz offensichtlicher Gendefekt, den meine Eltern mir mitgegeben haben ist es, dass ich es einfach nicht gleichgültig hinnehmen kann, wenn ein Mensch in Not ist.
Also nehme ich unauffällig einen Stift und kritzle den Lösungsweg auf eine Ecke der Bild Zeitung. Mein Kollege Gerhard schaut kurz darauf. Seine Augen blitzen. Er hat verstanden.

Ich fange nach der Pause an meine Schablonen auszumessen. Plötzlich kommt das älteste Prüfungsausschussmitglied unserer Werft, der auch das Oberkommando über den Schnürboden und eines Konstruktionsbüros hat, in meine Ecke.

In der Hand hält er die skizzierte Ecke der Bild Zeitung. Grimmig beugt er sich zu mir herunter: „Das wirst Du büßen Bloem“ zischt er mir zu. „Du hast meine ganze Aufmerksamkeit. Mal sehen ob Du tatsächlich bestehst“.

Eine schlimmere Situation kann man sich für einen Prüfling kaum vorstellen. Das Herz rast. Der Atem rasselt. Kalter Schweiß rinnt. Die Finger zittern.

Völlig verunsichert gehe ich daran die Schablonen anhand meiner Zeichnung abzumessen und zuzuschneiden. Der Alte kommt regelmäßig vorbei, schaut süffisant lächelnd auf meine Bauteile und schüttelt mitleidig den Kopf. Die anderen Prüfer schauen betreten zur Seite.

Doch wieder kommt mein Ausbildungsmeister vorbei und nickt unmerklich. Noch nie in meinem ganzen Leben vorher und auch nachher habe ich so intensiv Mikronachrichten aus der Mimik eines anderen Menschen abgelesen.

Kaum mache ich das Handzeichen das ich Zeichnung und Schablone fertiggestellt habe stürmt der alte Prüfer herbei und legt in meiner Gegenwart die Prüfschablonen auf Zeichnung und Schablonenholz.
Ein noch nie dagewesener Vorgang. Bleierne Stille wabert durch den Prüfungsraum. Und trotz intensivster Messungen passen alle Linien und alle Bauteile.

Es war das erste Mal in der gesamten Ausbildung, das alles bis auf den letzten Millimeter passte.

Solidarität ist eben doch keine Einbahnstraße und das Schicksal keine Bitch.