Diakonische Altenpflege ist anders

In einigen Tagen werden wir in der Diakoniestation Weener einen Angehörigen Abend gestalten.
Dabei wird gemeinsam derer gedacht, die von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufopferungsvoll gepflegt wurden und im Laufe des Jahres verstarben.
Für uns in der Diakoniestation Weener steht der Mensch im Mittelpunkt.
Die Pflege ist für Diakonie Beschäftigten kein „normaler“ Beruf, sondern vielfach eine Berufung. Unser Team macht in einer Zeit, wo Profit und Individualismus zu oft im Mittelpunkt stehen, einen deutlichen Unterschied.
Der Angehörigen Abend dokumentiert die wertschätzende und diakonische Pflegearbeit in unserer Station. Ich freue mich sehr auf diese ganz besondere Veranstaltung, die von unserem Team und den Pastorinnen der Kirchengemeinden des Trägervereins liebevoll gestaltet wird. 

Zu Anfang dieses Jahres durfte ich Gast bei einem Neujahrsempfang in Weener sein. Während der Veranstaltung konnten die Teilnehmenden den anwesenden Politikern Fragen stellen zu Themen, die ihnen wichtig erschienen.

Da wurde Nachfragen gestellt von z.B zu vielen Krähen im Stapelmoorer Park bis hin zu Wölfen am Deich, der Friesenbrücke, dem generellen Zustand der Straßen aber auch zum Ukraine Krieg.

Bemerkenswert war für mich, dass annähernd 80 % der anwesenden alterstechnisch schon „Kandidaten“ für die Pflege waren, bzw. kurz davor standen. Doch keine einzige Frage hinsichtlich der Zukunft der Altenpflege wurde gestellt.

Es wurde keine Frage gestellt, in einer Zeit in der 16 Millionen Babyboomer jetzt in Rente gehen. Voraussichtlich werden ca. 6 – 8 Millionen dieser Menschen gesundheitliche Probleme bekommen die eine Pflege notwendig machen könnten.
Es wurde dennoch keine Frage zur Altenpflege gestellt, obwohl bekannt sein dürfte das schon heute mehr als 100.000 Menschen in der Pflege fehlen. Es gab keine Frage zur Finanzierung der Altenpflege, obwohl bekannt ist, dass diese neben der Personalsituation auch wirtschaftlich hart zu kämpfen hat.

Ich glaube, dass die Menschen sich äußerst ungern mit den Folgen des Alterns auseinandersetzen und einfach glauben möchten, dass sich schon alles irgendwie „hinruckeln“ wird.
Ob diese Art der Zukunftsvorsorge allerdings funktionieren wird, darf bezweifelt werden.

Ich bin gespannt auf die Themen des nächsten Neujahrsempfanges! 

Diakonische Altenpflege ist anders

180.715 Gewalttaten gegen Frauen und Mädchen

Die Scham muss die Seiten wechseln

180.715. Diese Zahl muss man sich einmal vergegenwärtigen.
So viele Frauen in Deutschland waren laut Bundeskriminalamt 2023 von partnerschaftlicher Gewalt betroffen.

52.330 Frauen und Mädchen waren Betroffene von Sexualstraftaten.

938 Frauen und Mädchen waren Opfer von versuchten oder vollendeten Femiziden.

360 von ihnen wurden ermordet.

Im Durchschnitt findet also an jedem einzelnen Tag eine solche Tat statt.

Vor einigen Tagen wurde ich von einer Journalistin zu den Folgen von Wohnungseinbrüchen angefragt. Ein wichtiges Thema – sicherlich!Betroffene von solchen Taten, der Verletzung des ureigenen persönlichen Lebensbereiches, haben lange mit den Folgen zu tun. Tatsächlich haben wir in der Außenstelle Leer nur einen einzigen Fall in der Bearbeitung.

Doch Einbruch, Diebstahl, Betrug, Drogenmissbrauch, True Crime typisch „populäre“ Gewaltdelikte wie Körperverletzungen o.ä sind Themen, die lebhaft und offen diskutiert werden. Die meisten haben eine recht konkrete Meinung bzw eine Haltung dazu.

Deutlich anders werden die Reaktionen, sobald es um partnerschaftliche oder sexualisierte Gewalt geht.
Die Tendenzen aus dem BKA Bericht spiegeln sich auch in unserer vermeintlich so ruhigen ländlichen Idylle.

Wenn ich berichte, was die Schwerpunkte unserer Arbeit sind, nämlich die, die sich in der Statistik des BKA spiegeln, erschrecken die Menschen.
Gewalt gegen Frauen und Mädchen dominieren fast 90 % der Opferarbeit unserer Außenstelle
Die Idylle unserer ländlichen Bereiche ist leider nur ein Wunschbild der Realität.

Doch die Wirklichkeit ist noch viel dramatischer.

Denn erschreckend viele der Gewalttaten tauchen in keiner Statistik auf. Längst nicht alle weiblichen Opfer von partnerschaftlicher Gewalt erstatten Anzeige.
Denn die Opfer wissen um das dröhnend laute Schweigen des Umfeldes, wenn sie sich öffnen.
Sie wissen um die manchmal nur geflüsterten Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit.
Die Betroffenen wissen wie oft unsere Gesellschaft ihnen, manchmal ausgesprochen oft nur angedeutet, die Verantwortung zuschieben.
Weil sie an einer Beziehung festhielten und sich nicht getrennt haben.
Warum tun sie dies? Weil Kinder da sind.
Weil sie wirtschaftlich abhängig sind oder die Angst vor Rache ihres gewalttätigen Mannes zu groß ist.

Und meine Erfahrungen mit verzweifelten Betroffenen zeigt auch eine unvollkommene, bzw stark verbesserungsfähige Informations,- und Hilfestruktur.
An wen sollen sich betroffene Frauen wenden?
Ich wertschätze die Polizeiinspektionen in meinem Zuständigkeitsbereich wirklich sehr. Dort wird sehr gute Arbeit geleistet. Aber ich muss eben auch konstatieren, dass etliche betroffene auch schlechte Erfahrungen mit ihrem Umfeld, den Strukturen und der schwerfälligen Langsamkeit unseres Rechtsstaates machen mussten.

Zu oft werden Frauen, die Gewalt erfahren mussten, zu Mitschuldigen gemacht: Zu den sowieso latent vorhandenen selbstkritischen Gedanken kommen dann die aus dem Umfeld noch dazu. Wieso bist Du nicht früher gegangen? Warum hast Du Dich auch immer so angezogen? Wieso hast Du Dich mit dem Mann getroffen? Konntest Du denn nicht wissen, was das für ein Typ ist?
Klassische Täter Opfer Umkehrungen gibt es insbesondere bei der Gewalt gegen Frauen und Mädchen zuhauf. Sie sind ein beliebtes Mittel, um Verantwortungen wegzuschieben.

Doch die zunehmende Gewalt gegen Frauen ist kein nur kein individuelles Problem. Gewalt gegen Sie sind ein strukturelles systematisches Problem.

Frauen und Mädchen, die partnerschaftliche Gewalt erfahren, brauchen sehr konkrete, verlässliche Hilfen, um die Chance zu haben, sich aus ihrer Situation zu befreien.

Viel zu wenige arbeiten mit viel Engagement, um die großen Löcher behelfsmäßig zu stopfen, die der staatliche Schutz für Frauen und Mädchen hat.
Trotz der bedrückenden Zahlen fehlen bundesweit schon jetzt 14.000 Plätzen in Frauenhäusern. Auch der Schutz durch Polizei und Behörden reicht durch viele Begrenzungen, Vorschriften und einem signifikanten Täterschutz lange nicht aus. Und Fußfesseln und Gesetzesverschärfungen müssen mühsam in männerdominierten Politikdebatten erkämpft werden und greifen dann oft zu spät.
Denn wer meldet sich bei der Polizei? Das sind Menschen, denen bereits lange vorher psychische und körperliche Gewalt angetan wurde.

Hass auf Frauen darf man nicht ignorieren. Aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden reale und zunehmend digitale Hassräume. Und aus Hassräumen werden Taten.

Hass auf Frauen entsteht nicht in einem luftleeren Raum. Achselzuckende Akzeptanz von Machogehabe und falschverstandene kulturelle Zugeständnisse eines toxischen Männerbildes befeuern Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Zahlen wie die vom BKA veröffentlichten und Entwicklungen, die vom WEISSEN RING schon lange warnend vorhergesagt, können nur entstehen, weil wir als Gesellschaft so etwas stillschweigend tolerieren. Mit der gezielten Erniedrigung von Frauen sollte man nur noch in den Vereinigten Staaten Präsident werden können, aber in einer guten Zivilgesellschaft im völligen Abseits stehen.
Wer, aus welchen Gründen auch immer, schweigt oder wegsieht, verfestigt die Strukturen die Gewalt begünstigen Es gilt vieles zu ändern.

Im viel beachteten Vergewaltigungsprozess um die Französin Gisèle Pelicot heißt es nicht zufällig: „Die Scham muss die Seite wechseln.“

180.715 Gewalttaten gegen Frauen und Mädchen