Wow! Nightbirde on Stage

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Hier der YouTube Link zu dem wunderschönen Lied
Song

Der zutiefst bewegende und beeindruckende Auftritt einer schwer krebskranken amerikanischen Sängerin geht mir nicht aus dem Sinn.

Ihre Stimme, der Song und die gesamte Ausstrahlung dieser jungen Frau klingen nach wie die Vibrationen großer Kirchenglocken.
Eine 2% ige Überlebenschance geben die Ärzte ihr.
Und Ihre Antwort „Na immerhin!“. „Es sind eben 2% und nicht 0%.“ 

Wir Menschen sind erstaunliche Geschöpfe. Wir haben die Gabe zu großartigen Leistungen, zu innerer Kraft, Kreativität und unglaublich inspirierendem vorbildhaftem Verhalten. 

Und wir können leider auch unglaublich dumm und böse sein. 

Diese junge Frau hat, nach allem, was ich jetzt über sie gelesen habe, eine durchaus wilde Achterbahnfahrt des Lebens hinter sich.
Und sie schrieb ihren eigenen Song mit einer Erkenntnis, die viele erst nach einem langen Leben und manche leider auch nie erreichen. 

„It´s okay“,  so der Titel des Liedes.

Hier einige Textschnipsel:
I moved to California in the summer time
I changed my name thinking that it would change my mind
I thought that all my problems they would stay behind
I was a stick of dynamite and it was just a matter of time, yeah
All day, all night, now I can′t hide
Said I knew myself but I guess I lied
It’s okay, it′s okay, it’s okay, it’s okay
If you′re lost, we′re all a little lost and it’s alright
It′s okay, it’s okay, it′s okay, it’s okay
I wrote a hundred pages but I burned them all
(Yeah, I burned them all)
I drove through yellow lights and don’t look back at all
I don′t look back at all

Yeah, you can call me reckless, I’m a cannonball
Don’t know why I take the tightrope and cry when I fall

All day, all night, now I can’t hide
Said I knew what I wanted but I guess I lied

Das, was Dir widerfährt, meint nicht Dich alleine.
Du bist keine Zielscheibe des Schicksals.
Wir sind alle auf die eine oder andere Weise betroffen.
Denn das Leben ist nichts für Feiglinge.
Alles ist so, wie es ist, und es wird letztendlich das, was wir daraus machen. 

Die Frau fasst auf der Bühne ihre Lebensphilosophie in einem klugen Satz zusammen der, in Anbetracht ihres Schicksals, alles andere als eine Kalenderphrase ist.

„Du kannst nicht warten, bis das Leben nicht mehr hart zu Dir ist, bevor Du entscheidest, glücklich zu sein.“

Wow!

und bleib wie Du bist ..?

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Gestern habe ich einen Geburtstagsgruß an einen echten Menschen, nicht nur an einen SMFF (Social Media Fake Freund) versendet.

 

 

 

Neben den üblichen Glückwünschen rutschte die Zeile:
„Und bleib wie Du bist“ in den Gruß hinein.
Heute bekam ich einen freundlichen Dank zurück. 

Und doch ärgere ich mich über die Gedankenlosigkeit des Wunsches:
„Und bleib wie Du bist“.
Wir alle sind Wesen der stetigen Veränderung.
Auch die angenehmsten und liebsten Menschen verändern ihr Aussehen, ihre Gedanken, Einstellungen, Wahrnehmungen, Fähigkeiten. Täten wir das nicht, könnten wir als Spezies nicht existieren.
Veränderungen und Anpassungen bestimmen unser Leben.
Also – ein wirklich gedankenloser Satz in einer Geburtstagskarte.
Den werde ich nicht wieder verwenden ….

Anbei einige Zeilen dazu aus einem anderen Gedankensplitter.

Nur Schneider handeln vernünftig.

Die Vergangenheit ist …?

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„The past is never dead. It’s not even past.“
Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.

Gestern Abend habe ich diesen Text von William Faulkner im Requim für eine Nonne gelesen. 

Und ich denke dieser Satz trifft zu.

Alles, was wir jemals erfahren, spüren, aushalten, genießen, alles was wir in unserem Leben erleben, begleitet uns in der Gegenwart und läuft neben uns her in unsere Zukunft.
Und alle Erfahrungen, die wir jemals gemacht haben, beeinflussen auf die eine oder andere Weise jede unserer Entscheidungen.

 

Das Ende der Worte.

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Vor einigen Tagen las ich von einer sogenannten Biografieübung.
Die beschriebenen Übungen weckten meine Neugier und regten mich zur Nachahmung an. 

Zuerst macht man etwas Außergewöhnliches.
Ich bin Rechtshänder und sollte doch mit der linken Hand die rechte Hand als Umriss nachzeichnen. Dann oblag es der linken Hand in die Umrisse der rechten Hand hineinzuschreiben, was diese alles schon gemacht hat.
Die ersten Begriffe hatten viel mit der Arbeit zu tun. Doch das schwierige Schreiben mit links fordert die Konzentration auf Qualität und nicht Quantität. Ich musste mich also fokussieren und reduzieren. Und so brachen Assoziationen hervor, die mich meine Hand anders, als nicht mehr so selbstverständlich betrachten ließen. 

Nach den ersten Begriffen im Zusammenhang mit der Arbeit, dominierten immer stärker andere Rückblenden die Erinnerung. Die Erlebnisse der Hand, der Faust, mit Raufereien und Härte. Doch noch viel mehr an Zärtlichkeiten, an Berührungen von und zu Menschen, dem Partner, den Kindern, den Eltern, Pflanzen, Erde und Wasser, den vielen analogen Spielen der Kindheit und auch so etwas profanen wie das formen von Schneebällen.  So viele Erlebnisse, die allesamt mit der so selbstverständlich vorhandenen Hand zusammenhängen.
Doch dann sollte ich, jetzt durchaus mit der rechten Hand, aufmalen oder auch skizzieren, an welche Erlebnisse ich mich ganz besonders gerne erinnern würde.
Und wie bei einer sanften Skifahrt auf einem leichten und wunderschön glitzernden Schneehang gleite ich in schöne Bilder der Erinnerung.
Die moderne, die heutige Welt, die ich durchaus mag, die ich schätze und auch nicht ablehne, wird aus der ersten Reihe verdrängt.
Kaum etwas von dem, was den Tag so dominiert, steht jetzt noch im Vordergrund.
Schon fast vergilbte Bilder der letzten Jahrzehnte tauchen auf. Ich erinnere mich an den Stolz der ersten Treckerfahrt auf dem Kartoffelacker, an die Begeisterung des Kletterers wenn ich die höchsten Baumwipfel eroberte. An den unverwechselbaren Geruch des Heimatdorfes. Der saftige schwere süßliche Duft der allgegenwärtigen Birken vor einem Regen, des frisch geschnittenen Grases und auch dem Gefühl der großen Freiheit bei den Fahrten mit meinem Kreidler Moped. An viele Dinge, die damals einfach auftauchten, die ich nicht einordnen konnte, wollte oder musste. Die ich nur zur Kenntnis nahm und deren Gewichtung erst im Abstand von Jahrzehnten erfolgt. Und natürlich prägt ganz besonders die Geborgenheit und Erlebnisse mit meiner damaligen und heutigen Familie (Doch wie zeichnet man so etwas – nicht wahr?)

Das Blatt füllte sich mit vielen mit Untertiteln versehenen Graffiti (Zeichnungen waren das ganz bestimmt nicht). Erinnerungen, die spannend und aufregend und auch nicht immer nur schön waren. Doch auch diese Ereignisse fühlen sich heute gut, vertraut und prägend an. Sie gehören einfach dazu.

Als letzte Übung werde ich gebeten, noch einmal auszuharren und zu erkennen, welche Werte sich durch die Erinnerungen ziehen und bis heute prägen. 

Und plötzlich erlebe ich das Ende der Worte.
Worte, gesprochene wie auch geschriebene bestimmen mein Leben. Doch bei dieser Aufgabe entstehen und bleiben fast nur Bilder und Gefühle. 

Und nach dieser interessanten Erfahrung, zurück in der hektischen Wirklichkeit, denke ich darüber nach ob und was von dieser modernen Zeit in einigen Jahren solchen prägenden Bestand hat wie die Rückblicke, die mich bei dieser Übung mit Wärme erfüllten.  Aus langsameren (?), aus anderen Zeiten.

Wissen ist Macht?

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Angeregt durch einen Artikel erinnere ich mich gerade an eine Veranstaltung, bei der es um die Frage „Zukunft der Arbeit“ ging. Die Vorträge des Vormittags waren so prall gefüllt mit Allgemeinplätzen, Satzsplittern aus den typischen Sonntagsreden (Bedeutung der Bildung; Digitalisierung etc.) das ich schon ernsthaft überlegt hatte früher nach Hause zu fahren. 

 

Doch wie bei so vielen Konferenzen entstehen die aufschlussreichsten Gespräche oftmals an den Kaffeetischen oder beim Mittagessen. 

So saß ich also zur Mittagszeit mit ca. 15 Teilnehmern an einem langen „Rittertisch“. 

Aus den Gesprächen wurde für mich deutlich, das ich ganz offensichtlich der einzige Nichtakademiker am Tisch war. Und es kam, wie es kommen musste.
Inmitten einer angeregten Konversation wurde ich gefragt, was und wo ich denn studiert hätte.
Mein diesbezügliches Geständnis („nur Schiffbauer“ und alles Weitere erlernt in der Biografie) führte zu sehr lang anmutenden Sekunden eines überlauten Schweigens.  Erstaunlich“ merkte mein Nachbar zur Linken, ein diplomierter Betriebswirt und Geschäftsführer, an.
„Wie sie sich dieses ganze erforderliche Wissen so aneignen konnten,“
(Unausgesprochen – ohne Studium). 

„Denn wir wissen doch
(ein nach Zustimmung fordernder Blick in die aufmerksam lauschende Runde)
wie sagt man: Wissen ist alles, Wissen ist Macht.“ 

„Nein“,  widersprach ich höflich aber bestimmt.
„Das ist leider, wie es so oft passiert, ein unvollständiges Zitat.“
„Das korrekte und vollständige Zitat von Peter Rosegger lautet so: 

„Wissen ist Macht.
Wie falsch gedacht.
Wissen ist wenig.
Können ist König.“ 

Wir müssen so aufpassen vor den modischen Begriffen und Glaubensbekenntnissen in die Knie zu gehen. Oft sind es hipe, angesagte aber auch inhaltsleere Vokabeln, die oft so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.
Ich bin in meinem Leben so oft auf Menschen gestoßen, deren einzigartigen Talente und Potenziale verkannt wurden, weil man nur nach Zeugnissen, nach formeller Bildung gefragt hat. 

Weil so viele Beurteilenden so sehr mit sich selber beschäftigt und von sich eingenommen sind, das sie andere Lebensentwürfe und Biografien schnell abtun.
Wenn ich Menschen ehrlich kennenlernen will, frage ich nicht nach dem, was sie gerade tun (Dies ist ja offensichtlich). Mich interessiert was sie sonst machen in ihrer Freizeit, in der Familie, in Vereinen oder wo auch immer.
Und dabei erlebt man so oft Überraschungen. Man ist entzückt, wie groß unser menschliches Potenzial ist, wenn man bereit ist zuzuhören und sich aus Dogmen zu lösen.
Bei so vielen Menschen kann man wahre Schätze, so viel Können (!!) entdecken wenn man abseits der ausgetretenden Pfade nachschaut“ 

Ich weiß nicht wie meine Einlassungen gewirkt haben. Doch ich fühlte mich nach diesen Positionierungen richtig gut! Und dies ist am Ende das wichtigste nicht wahr?

Bestmarken!

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Einer meiner Bekannten war früher Leistungssportler. Heute führt er sein eigenes Unternehmen. Doch immer wieder beeindruckt er mich mit seinem immer noch hohen Detailwissen über die Entwicklung in seinem alten Sport. 

Er war Triathlet. Und es gibt wenige Sportarten die eine vergleichbare hohe Leistungs,- und Leidensbereitschaft abverlangen. 

Selbstdisziplin, so habe ich es bei meinem Bekannten gelernt, ist elementar.
Man muss die eigenen Stärken, aber auch die Schwächen erkennen. Man muss um sie wissen. Man muss diese annehmen und daran konsequent arbeiten.
Denn die Kräfte im Wettbewerb müssen genau eingeteilt werden.
Und auf gar keinen Fall darf man sich etwas vormachen.
Man darf nicht der Selbstzufriedenheit zum Opfer fallen oder die Schuld für Probleme bei anderen suchen.
Die Abläufe die zum Erfolg führen, müssen mit traumwandlerischer Sicherheit immer und immer wieder trainiert werden. Sie müssen sitzen. 

Mein Bekannter beschrieb mir, das fast alle herausragenden Athleten die Weltbestenlisten ihrer Sportart quasi im Schlaf herunterbeten können. 

In einer sich schnell und gravierend verändernden Welt stellt sich die Frage nach unserer Zukunft. Und unsere aktuellen Antworten gefallen mir nicht immer.

Unsere Bequemlichkeit und Saturiertheit sind, im Vergleich zu den Herausforderungen, krass.
Warum fragen wir nicht viel öfter, was wir in Politik, in Unternehmen, Gewerkschaften und Betriebsräten von anderen Sektoren lernen könnten?
Vom Sport, von der Kunst, der Biologie, der forschenden und suchenden Wissenschaft aber auch von alten Organisationen wie z.B der Kirche oder auch dem Militär?!

Wir stehen alle zusammen vor geopolitischen Verwerfungen, vor gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökonomischen und demografischen Herausforderungen. 

Wissen wir, wie die Leistungssportler, wo die Bestmarke in dem Feld liegt, in dem wir uns dem Wettbewerb stellen?!  Oder vielleicht wollen wir es auch gar nicht wissen?
Verweigern uns lieber der Erkenntnis, da diese zum Handeln führen müsste? 

Stellen wir uns die Frage nach der Höchstleistung, dem Maßstab den andere prägen, so nachdrücklich wie es die Sportler machen?
Denn nur dann ist man nicht mehr Amateur, sondern spielt in der Liga der Profis.

Na, – fallen Euch auch Beispiele ein, wo wir aus verschiedenen Gründen gar nicht gerne wissen wollen, wie und wo der sogenannte „Vergleichsmaßstab“ ist? 

Krummer Baum

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Heute Morgen durfte ich wieder einmal ein inspirierendes Gespräch mit einem guten Bekannten, einem sehr interessanten und klugen Menschen führen. Wir schauten beide auf etliche Jahrzehnte des gemeinsamen Gedankenaustausches zurück. Dabei unterhielten  wir uns auch über die verschiedenen Lebenswege von uns gut bekannten Personen.

Täuscht der Eindruck, oder waren die Lebensläufe früher viel „kurviger“ und abenteuerlicher und nicht so „berechenbar“, fast schon systematisch schnurgerade wie dies heute oftmals der Fall ist?

Dabei denke ich an eine asiatische Weisheit zurück, die mich in der Reflexion für mein eigenens Leben immer zufrieden und glücklich gemacht hat:

„Der krumme Baum lebt sein Leben!
Der gerade Baum wird ein Brett.“

Strafe dank Zeus …..

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Gerade verfasse ich wieder einmal Notizen zu verschiedenen Gesprächen. Dies sind ja auch irgendwie Nacherzählungen.
Und dabei fliegen meine Gedanken zurück an ein Erlebnis aus meiner Schulzeit.
Mein Buchhunger war groß. Und eine gewisse Zeit war ich geradezu besessen von den griechischen Sagen.
In der Schule hatten wir ein kleines weißes Buch mit den prägnantesten Legenden dazu erhalten. Und ich hatte ganz genaue Vorstellungen der Helden.
Im späteren Leben waren alle Filme, um und über griechische Heroen, nur schwache und unzulängliche Kopien im Vergleich mit meinen damaligen Vorstellungen.
Eines Tages arbeiteten wir in einer Deutschstunde eine der Erzählungen durch und mussten in der darauffolgenden Stunde eine Nacherzählung dazu schreiben.

Dabei machte ich einen wirklich ärgerlichen Fehler.
Statt die mir so geläufige Sage mit meinen eigenen Worten zu schildern, gab ich diese einfach Wort für Wort wieder. Zwei Tage später bekamen wir unsere Arbeiten zurück. Bei mir prangte eine unübersehbare dicke fette rote 6 auf den Blättern!
Meine Lehrerin übergab mir meine Ausarbeitung mit wütenden Blicken. „Betrug lohnt sich nicht„, zischte sie. Sie war der festen Überzeugung ich hätte, von ihr unbemerkt, irgendwie abgeschrieben. Es war ganz flüsterleise in der Klasse.
Die Blicke meiner Mitschüler*innen waren unangenehm. Und der Vorwurf des Betruges rührte an meiner Ehre.
Zuerst etwas unsicher und leise, dann aber immer energischer protestierte ich. Doch mein Widerspruch wirkte wie ein Brandbeschleuniger für den Frust meiner Lehrerin. Leider wurde ich durch meinen Tischnachbarn bei der Nachfrage, ob er von dem Betrug etwas gemerkt habe, nicht gerade unterstützt.
Er gab lediglich ein undefinierbares Genuschel von sich.
Die Auseinandersetzung eskalierte leider immer mehr und meine Lehrerin warnte mich wutbebend vor einem Termin bei dem Schuldirektor.
Ein Einlenken war ohne bedingungslose Kapitulation nicht mehr möglich. Und da ein Wymeester Junge in Ehrenfragen selten nachgibt, befanden wir uns kurze Zeit später im Zimmer von Direktor de Buhr.
Er hörte sich beide Seiten an.
Strenge Blicke beider Lehrer trafen mich wie die Blitze des Zeus (um im Bild zu bleiben).
Natürlich blieb ich bei meinem Widerspruch und stritt den Vorwurf des Betruges bei einer Klassenarbeit strikt ab. „Wir können das Ganze ja leicht klären„, meinte der Direktor. „Ich beginne eine Passage aus dem Buch und Du vervollständigst das Ganze – in Ordnung?“ Siegessicher schaute er meine Deutschlehrerin und mich an. Er schlug das kleine Heft auf und begann die entsprechende Passage vorzulesen, – hörte auf, blickte mich an und …… ich vervollständigte das Kapitel Wort für Wort.
Meine anfängliche Unsicherheit schlug um in ein siegesgewisses Grinsen.
Schon etwas hektischer wurden Seiten umgeblättert. Die nächste Passage.
Und wieder eine Kleinigkeit bei der Wiedergabe.
Der Direktor schlug die ersten Seiten auf, dann die letzten und wieder einen Part in der Mitte des Buches. Ich kannte das Buch auswendig.
Schweigen erfüllte den Raum und ich sah einen ratlosen Schuldirektor und eine Lehrerin mit einem hochroten Kopf.
Tja liebe Kollegin„, so der Direktor. „Der Junge scheint tatsächlich das ganze Buch auswendig gelernt zu haben„. „Aber warum?“ – so seine Frage an mich.
Diese Frage war überraschend und ich hatte keine passende Antwort.
Ich kann es eben“,  stammelte ich nur und wurde in die Pause entlassen. Natürlich musste ich erzählen, wie es mir ergangen war. 

Schon damals konnte ich allerdings feststellen, dass die Fähigkeit zum fehlerfreien Rezitieren griechischer Sagen nicht dazu taugt, Eindruck bei den Mädchen zu machen.
Die 6 in der Klassenarbeit wurde ersetzt. Der Vorwurf des Betruges war aus der Welt. Allerdings wurde meine Arbeit als die schlechteste Nacherzählung der ganzen Klasse beispielhaft seziert und mit einer 4 Minus abgestraft.  

Wer bleibt?

Einige überaus kritische Briefe und Gespräche lasse ich etwas „nachklingen“. Anmerkungen mit Gehalt und Tiefgang machen mich nachdenklich. Darüberf freue ich mich. Anderes ruft Ärger hervor.

Für nur wütende, aggressive, unsachliche, vorhersehbare und unanspruchsvolle Kritik fällt mir ein schöner Satz von Theodore Roosevelt ein, den ich hier etwas abgewandelt habe:

„Es ist am Ende nicht der Kritiker, der zählt.
Er oder Sie ist auch nicht die Person die am Ende wichtig sind.
Denn Geschichte schreiben nicht jene die stets mit dem Finger auf andere zeigen wenn diese irren oder wenn sie stolpern… Die Anerkennung bekommen die Akteure in der Arena.“

Ära

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In den letzten Tagen beendete ich einen, von mir lange Jahre am Leben erhaltenen und sehr geschätzten Diskussionskreis.
Die dort geführten leidenschaftlichen Debatten über die Arbeitswelt verlangen meines Erachtens, das man in derselben auch noch stehen sollte.
Mehr als drei Jahrzehnte konnte ich dort Ideen und Gedanken austauschen und diese im Feuer der Kritik dahinschmelzen, oder aber bestärkt und gestählt sehen.

Einer meiner Freunde sprach angesichts meines bevorstehenden Ruhestandes vom Ende einer Ära. Dieser Begriff schmeichelte mir, gleichzeitig fühlte er sich etwas unangenehm und übertrieben an.
Andererseits macht dieses selten gebrauchte Wort auch deutlich, was wir mit einer Ära verbinden. 

Die Kollegen begründeten ihre Einschätzung mit meinem Lebenslauf.
Daran, mit welcher Leidenschaft ein Spagat gelebt wurde.
Den steten Kampf mit mir selber, mit meiner Herkunft, meiner Realität  und mit anderen um den Begriff und den Inhalt des Begriffes Loyalität.
Die konsequente Arbeit zum Wohlergehen und Entwicklung des Betriebes wie aber auch der emotionale und temperamentvolle Wille zur wertschätzenden und würdevollen Behandlung der arbeitenden Menschen. All dies sei in und durch die Biografie begründet worden. Die Kooperation und gleichberechtigte Interaktion zwischen Management und Arbeitnehmervertretung sei, von außen betrachtet, ein bedeutsames Alleinstellungs-merkmal gewesen. Die Politiker in der besagten Runde (die uns weiß Gott nicht immer nur wohlgesonnen waren) betonten, wie schier unüberwindbar dieses Bollwerk für sie gewesen sei.

Doch kann man beanspruchen eine Ära eingeleitet oder repräsentiert zu haben?
Und folgt daraus, dass eine Ära endet, wenn die Wirkungszeit eines Menschen ein Ende hat? Und ist eine Ära überhaupt an einzelnen Personen festzumachen?
Prägen nicht vielmehr Zufälle, plötzliche Einflüsse und ein jeweiliger Zeitgeist einen Zeitabschnitt? 

Doch, wie schon gesagt, mit einer Ära in Verbindung gebracht zu werden, schmeichelt auch. Denn sie ist in unserer Vorstellung etwas durchaus Großes, etwas einschneidendes. Eine Ära hinterlässt „Spuren im Sand der Geschichte“. Sie ist bemerkenswert. 

In der Hektik unserer kurzlebigen Zeit ragt die Ära als Bild (manchmal auch als Fantasiegebilde) heraus.
Es ist auf eine gewisse Art eine beruhigende Verlässlichkeit im steten Auf und Ab unberechenbarer Zeitläufe. 

Der Begriff der Ära lässt uns hoffen oder glauben, dass nicht die plötzliche und abrupte Disruption, sondern längerfristige Verläufe geschichtlich gesehen die Regel sind.