Ihr verliert die Menschen…

Ein offener Brief
An die Politik der Mitte (nach der Wahl am Sonntag)

CDU, SPD, Grüne — ihr seid gemeint.

Ich bin kein Berufspolitiker. Ich bin aber ein politischer Mensch den es graust die Nachrichten nach den Wahlen zu schauen.

Heute schreibe ich euch. Weil ich es nicht mehr schweigend ansehen kann.

Ihr verliert die Menschen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Nicht wegen der großen Erzählungen. Nicht wegen Koalitionsverhandlungen oder Parteitagen.
Ihr verliert sie wegen des Arzttermins, den man seit Wochen nicht bekommt. Und bei dem es nicht besser wird. Wegen des Formulars, das niemand versteht (und immer neue kommen dazu).

Wegen unseres so unglaublich verkopften und verbürokratisierten Landes (das ihr zugelassen und gestaltet habt). Wegen des Gefühls, täglich, handfest, unübersehbar dass sich irgendwie nie jemand für irgend ein Problem tatsächlich zuständig fühlt.

Liebe Leute, das ist keine Stimmung. Das ist Realität. Und ihr habt sie offenbar völlig aus dem Blick verloren.

An meine SPD…

Ihr habt euren Halt verloren. Nicht weil ihr euch um die Schwachen kümmert. Das ist richtig und wichtig. Sondern weil ihr die Energie dort konzentriert und lasst, wo sie euch nie gegeben wurde.
Die Menschen haben euch gewählt, weil die SPD das stärkste war was die Schwächeren haben.
Die Schichtarbeiter, die Krankenschwestern, die kleinen Selbständigen, die wollen keine Verwaltung ihrer Not. Die wollen Respekt und handhabbare Unterstützung. Die wollen, dass ihre Leistung und Arbeit zählt (vor allem anderen). Dass sie im Zentrum stehen, dass man um sie kämpft. Nicht verwaltet.
Es geht nicht um „Pampern“ und schonen.
In der Arbeiterschaft ist man Kummer gewohnt.

Doch gerade in Krisenzeiten ist Soziale Gerechtigkeit, (alle tragen die Last in gleicher Weise) kein Programmpunkt. Sie ist eine Haltung, ein unverrückbarer Ankerpunkt. Zeigt sie endlich wieder. Und wenn eure neuen Leute mit diesem Herzblut nichts mehr anfangen können dann sollen sie die Sozis in den Kommunen mal danach befragen.

An die CDU…

Ich mochte die alten konservativen CDU Leute.
Eure Gründergeneration wusste etwas, das ihr zu oft vergesst. Verantwortung für das Ganze ist keine Option, sie ist Pflicht. Adenauer, Erhard, Kohl, die haben nicht gefragt, wem das nützt. Die haben auch Fehler gemacht aber sie wussten um die Superkraft der Fairness in einer sozialen Marktwirtschaft. Die haben gefragt, was das Land braucht und nicht ob es irgendeiner Lobbygruppe passt oder nicht.

Heute machen eure Leute z.T entsetzliche Klientelpolitik, die sich nicht mal mehr die Mühe macht, sie zu verschleiern.
Die Lasten werden verteilt, aber nicht fair.
Die einen tragen, die anderen werden getragen.

Wie kann man in solchen Zeiten wie den heutigen überhaupt noch darüber diskutieren ob wohlhabende im Sinne der Staatsverantwortung mehr tragen müssen (sie sind es diesem Land doch schuldig …. Verdammig noch mal). Und ihr schaut weg. Das ist nicht konservativ. Das ist Gleichgültigkeit mit Parteibuch.

An die Grünen…

Ihr habt die richtigen Themen. Und ihr habt sie in eine Sprache verpackt, die an der Wirklichkeit der meisten Menschen vorbeizieht. Klimaschutz ist existenziell , ganz ohne Zweifel, aber er muss bezahlbar sein. Transformation ist nötig, aber sie darf die nicht zerreiben, die ohnehin schon am Rand stehen. Und wenn ihr keine Sekte in den großen Oberzentren bleiben wollt dann raus ins Land, da wo es schwierig und nie dogmatisch zugehen wird.

Hört auf, Haltung mit Herablassung zu verwechseln. Der Handwerker, der morgens um sechs auf der Baustelle steht, braucht keine Belehrung.
Er braucht einen Staat der funktioniert und eine Bürokratie die es als ihre wichtigste Aufgabe ansieht ihn zu unterstützen.

Und an euch zusammen

Erklärt euch nicht die Welt wie sie euch gefällt. Nehmt endlich Tempo auf.
Hört auf mit den endlosen Streitereien um Themen die für das Leben der meisten Menschen völlig belanglos sind.

Die Zeit der Entschuldigungen sind vorbei ….
jetzt ist die Zeit der Entscheidungen.

Unsere Heimat hat eine der besten Forschungslandschaften der Welt. Exzellente Ingenieure. Handwerker, die ihresgleichen suchen. Ideen, die in Schubladen liegen, weil niemand den Mut hat, sie rauszuholen.
Stattdessen setzen wir auf alte Technologien, an denen andere verdienen. Wir schützen Ideen von gestern, anstatt die Industrien von morgen zu bauen. Wir schauen zu, wie andere kopieren was wir erfunden haben und wundern uns dann.

Und sind uns zu fein von anderen zu lernen und gute Ideen zu uns rüber zu holen.
Wann sind wir so kompliziert geworden?

Fangt doch bitte an zu handeln.

Und noch eins — das Wichtigste… – wirklich für mich elementar!

Die Extremisten gewinnen nicht, weil sie Antworten haben. Sie haben ja überhaupt keine.
Sie gewinnen, weil sie die Wut spiegeln, die ihr erzeugt habt. Jede Ungerechtigkeit, die ihr stehen lasst. Jede Arroganz, die ihr euch leistet. Jede Verzögerung, jedes Aussitzen, jedes Schulterzucken das ist ihr Wahlkampf.

Ihr liefert ihn frei Haus.

Das lässt sich ändern.
Nicht mit besseren Kampagnen. Nicht mit neuen Slogans.
Sondern indem ihr anfangt, das zu tun, wofür die Menschen euch gewählt haben.

Regieren, entscheiden, zuhören, respektieren und liefern!

Dieses Land und diese Menschen haben mehr verdient als das, was ihr ihnen gerade bietet.

Kommt jetzt
bitte
bitte
bitte
in die Puschen weil ich nicht mehr erleben möchte das unser Land durch Extremisten in den Abgrund geführt wird.

Ihr verliert die Menschen…

Jede Vierte!

Diese Woche werde ich mit sechs Frauen sprechen.

Sechs Frauen denen Gewalt widerfahren ist.
Vom Partner. Vom Freund. Vom Ex.

Ich werde mit ihnen gemeinsam Anträge erarbeiten — auf Kontakt- und Näherungsverbote.
Ich werde wieder viel telefonieren um Therapien zu erfragen.
Ich werde an Anträgen schreiben für Hilfen bei Missbrauch, der zum Teil viele Jahre zurückliegt.
Um viel Geduld werde ich bitten — weil die Bearbeitung dieser Anträge Jahre dauern können.
Anträge werden wir erstellen, dass sie vor Gericht nicht mit ihren Peinigern konfrontiert werden möchten.
Anders als in den Niederlanden ist das bei uns nicht zwingend opfergerecht geregelt.
Wir werden versuchen Opferanwälte zu finden.

All das erlebe ich jeden Tag.
Und ich spüre dabei großes Unverständnis und ja auch größer werdende Wut.

Diese Woche lese ich gleichzeitig über Collien Fernandes und Christian Ulmen.
Über Vorwürfe einer prominenten Frau die tief gehen — physische Verletzung, Kontrolle, systematische Demütigung, gefälschte Bilder.
Natürlich gilt die Unschuldsvermutung.
Aber die Reaktion die dieser Fall auslöst, ist keine Überraschung.

Sie ist das Ergebnis von zu viel.

Epstein. Pelicot. Diddy.
Steigende häusliche Gewalt laut BKA.
Eklige Deepfakes die Frauen und Kinder entkleiden.
Eine Femizid-Rate gegen die sich offenbar nichts ausrichten lässt.

Jede vierte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal im Leben Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner.

Jede vierte.

Wenn Frauen heute sagen: „Es fühlt sich an, als würden Männer Krieg gegen uns führen“ —
dann ist das keine Hysterie.
Das ist eine Bilanz.

Mehr Schutz und härtere Strafen sind gut.
Aber sie reichen nicht liebe Leute.
Nicht ohne Bildung.
Nicht ohne Prävention.
Nicht ohne den ernsthaften politischen Willen zur Gleichberechtigung.

Genau dieser Wille wird gerade überall in Deutschland in Frage gestellt und eingespart.

Und das ist kein Sachzwang.
Das ist eine Entscheidung.

Ich werde diese Woche sechs Frauen sprechen.
Sechs von Millionen.

Jede mit ihrer Geschichte.
Jede mit ihrem Mut — denn es braucht Mut, Hilfe zu suchen.
Jede mit dem Recht auf ein Leben ohne Angst.

Das ist keine abstrakte Forderung.
Das ist der Mindeststandard einer Gesellschaft die Würde ernst nimmt.

Artikel 1 des Grundgesetzes!?

Jede Vierte!

Na – alles gut?

„Na, alles gut?“

Wie oft hören wir diesen Satz am Tag.
Morgens beim Bäcker, bei der Arbeit, im Treppenhaus, auf dem
Parkplatz.

Und ganz ehrlich, es ist ja keine Frage.
Es ist eine Begrüßung mit Fragezeichen. Eine Art akustisches Nicken.
Und die Antwort kommt so zuverlässig wie das Amen in der Kirche:

„Muss ja.“

Ich muss dabei manchmal schmunzeln.

Wir haben eine ganze Gesprächskultur entwickelt, in der beide Seiten genau wissen dass sie nicht wirklich reden.
Und beide sind damit einverstanden.
Effizient, wenn man so will.

Aber manchmal frage ich mich,
was wäre eigentlich, wenn jemand mal ehrlich antwortet?

„Na, alles gut?“
„Nein, eigentlich nicht. Hast du kurz Zeit?“

Stille.
Leichte Panik. Oh Shit …. das wollte man doch gar nicht.
Und plötzlich hat man keine Zeit mehr, habe einen Termin – ein anderes Mal ja ?

Dabei ist echtes Zuhören keine Kunst.
Es braucht keine Ausbildung und kein Zertifikat.

Es braucht nur einen Moment.
Und die Bereitschaft, ihn auszuhalten.

Innezuhalten.
Wirklich zu schauen. Sich für den anderen zu interessieren.
Die Antwort abzuwarten — bevor man schon weitergeht.

„Na, alles gut?“
Vielleicht die kleinste große Frage die wir stellen können.

Na – alles gut?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Heute Morgen, Supermarkt in Leer.
Ich stehe am Gewürzstand und warte auf meine Frau.
Zwei Männer ein paar Meter weiter. Die Einkaufswagen voll.
Sie reden über Spritpreise. Die Welt wird verrückt, sagen sie.

Dann kippt das Gespräch.
„Wir brauchen auch solche Typen wie Putin oder Trump. Sonst sind wir bald fertig.“
Zustimmendes Nicken.
Kein Zögern. Keine Nachfrage. Keine Skepsis.

Ich stehe da – und denke…
Merken wir eigentlich noch, was wir da sagen?

Wir leben in einem Land, in dem wir frei entscheiden dürfen.
Und sehnen uns nach Systemen, in denen genau das abgeschafft wird.
Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Selbstbestimmung.
Ein großes Wort. Eines, das wir in diesem Land so selbstverständlich benutzen, dass wir kaum noch spüren, was in ihm steckt.

Ich habe früh gelernt, was es bedeutet.

Auf der alten Werft, in der Reparatur.
Kein Plan war je vollständig. Kein Schiff identisch.
Und oft stand da in der Zeichnung ein Satz, den ich geliebt habe…

„Nach Örtlichkeit.“

Das war kein Lückenbeschreiber. Das war Vertrauen.
Die Aufforderung, vor Ort zu entscheiden.
Zu sehen, zu denken, zu handeln.
Verantwortung zu übernehmen, wo es darauf ankommt.

Dort habe ich verstanden…
Selbstbestimmung ist nicht Theorie.
Sie ist gelebte Praxis.
Und sie funktioniert nur, wenn man sie sich zutraut.

Auch später, im Kleinen wie im Großen.

Wenn ich zu Hause etwas gestalte. Am Haus, im Garten.
Einfach mache, ohne erst zu fragen.
Gut – mit einer kleinen Einschränkung 🙂
Das eheliche Oberkommando hat natürlich ein Vetorecht.
Aber genau darin liegt ja das Wesen von Freiheit.
Sie bewegt sich im Raum der Beziehungen, nicht im luftleeren Raum.

Und als Betriebsratsvorsitzender auf der Werft.
Dort war Selbstbestimmung für mich kein nur schönes Wort.
Dort war sie Lebenselixier.
Frei entscheiden.
Den eigenen Überzeugungen folgen.
Auch gegen Widerstände.
Gerade dann.

Und dann ist da mein Vater.
Landarbeiter.
Ein Leben, geprägt von harter Arbeit und wenigen Wahlmöglichkeiten.
Ich habe gesehen, was es mit einem Menschen macht, wenn Selbstbestimmung begrenzt oder verweigert wird.
Was es mit Würde macht. Mit Glück.
Man zerbricht nicht unbedingt daran.
Aber das Leben wird enger. Leiser.
Ein Stück weniger man selbst.

Vielleicht reagiere ich deshalb so sensibel, wenn ich heute sehe, wie beiläufig wir mit diesem Wert umgehen.

Denn Selbstbestimmung ist kein Detail unserer Gesellschaft.
Sie ist ihr Kern.
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal gegenüber autokratischen Systemen.

Dort entscheidet das System über den Menschen.
Hier soll der Mensch über sich selbst entscheiden.

Nicht perfekt. Nie gewesen.
Aber im Anspruch klar.

Und doch…
Wir tun vieles, um genau diese Selbstbestimmung klein zu halten.
Bürokratie zum Beispiel.
Sie gibt sich alle Mühe, Entscheidungen einzuhegen, zu regeln, zu standardisieren.
Aus Misstrauen.
Aus dem tief sitzenden Zweifel daran, dass Menschen verantwortlich mit Freiheit umgehen können.

Vielleicht steckt darin sogar eine alte Wahrheit.
Selbstbestimmung ist anstrengend.
Sie verlangt Urteilskraft. Mut. Verantwortung.

Aber genau diese Energie ist es, die eine demokratische Gesellschaft trägt.

Wenn wir sie ersticken, ersticken wir mehr als nur Initiative.
Wir ersticken den Kern unserer Freiheit.

Dabei vergessen wir manchmal, wie kostbar das ist.

Milliarden von Menschen folgen autoritären Strukturen oder wählen sie sogar herbei.
Systemen, die genau diese Selbstbestimmung nicht bieten können und auch nicht wollen.

Das wirft eine unbequeme Frage auf.
Was sagt das über uns Menschen aus?

Suchen wir vielleicht am Ende gar nicht die Freiheit,
sondern die Entlastung von ihr?

Denn Autokratie hat einen verführerischen Vorteil.
Sie nimmt dir Entscheidungen ab.
Sie nimmt dir Verantwortung ab.
Sie nimmt dir Zweifel ab.

Selbstbestimmung tut genau das Gegenteil.

Und vielleicht liegt genau darin ihre größte Gefahr…
Dass wir sie unterschätzen, weil sie uns fordert.

Selbstbestimmung ist kein Geschenk.
Sie ist eine Aufgabe.

Keine einmal errungene Errungenschaft.
Sondern eine tägliche Entscheidung.
Eine Haltung.

Und vielleicht sollten wir uns wieder öfter fragen…
Nicht, was uns zusteht.
Sondern was wir bereit sind zu tragen, um es zu bewahren.

Denn am Ende ist die Frage keine politische.
Sie ist persönlich.

Wie viel ist uns Selbstbestimmung wirklich wert?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Kein Platz, wenn jemand endlich reden will

Ich sitze heute Morgen an meinem Schreibtisch in Weener und lese einen Bericht, der mich nicht überrascht.
Der mich aber trotzdem trifft und wütend macht.

Ab April kürzen die Krankenkassen die Honorare für Psychotherapeuten um bis zu 4,5 Prozent.
Klingt technisch. Ist es aber nicht.

Ich begleite Menschen, die Gewalt erlebt haben. Körperliche Gewalt. Psychische Gewalt.
Menschen, die als Kinder zusehen mussten, wie ihre Geschwister oder die Mutter geschlagen wurde. Menschen, die jahrelang gebraucht haben, um überhaupt den Mut aufzubringen, Hilfe zu suchen.

Und wenn sie diesen Mut endlich haben, dann fange ich an zu telefonieren.
Praxis nach Praxis. Ein Kontakt nach dem anderen. Ostfriesland ist nicht München. Hier gibt es keine Warteliste von drei Monaten. Hier gibt es manchmal gar keinen Platz.

Und jetzt wird das System, das ohnehin schon maximal am Limit läuft, noch weiter ausgeblutet.

Eine Therapeutin, über die berichtet wird, hat 15 Jahre gebraucht, um ihren Kassensitz zu bekommen. 15 Jahre. Studium, Ausbildung für 6,27 Euro die Stunde, zehntausende Euro eigene Investition – und am Ende ein Einkommen, das oft unter dem eines Facharbeiters liegt. Und jetzt soll sie noch weniger bekommen.
Gleichzeitig fehlen in Deutschland rund 7.000 Kassensitze.
Die durchschnittliche Wartezeit liegt bei knapp fünf Monaten.
In einer ländlichen Region wie unserer ist sie noch viel, viel länger.

Und das Bundesgesundheitsministerium?
Wollte sich nicht äußern. Zuständigkeit liege woanders.

Ich kenne diesen Satz. Ich höre ihn so oft.

Was ich auch kenne, ist der Moment, wenn ein Mensch nach Monaten oder Jahren endlich bereit ist.
Bereit, über das zu sprechen, was ihm passiert ist.
Bereit, Hilfe anzunehmen.

Und ich muss ihm dann sagen… Es gibt gerade keinen Platz.
Warten Sie.
Wie lange?
Das weiß ich nicht. Ich tue mein Bestes.

Wer jetzt denkt, das ist ein Problem für andere – der irrt.
Psychische Erkrankungen kennen keine Einkommensgrenze. Aber die Behandlung kennt eine.

Wer sich Privattherapie leisten kann, bekommt in zwei Wochen einen Termin. Wer es nicht kann, wartet.
Oder wartet nicht mehr.

Ich frage mich immer öfter, wie viele Menschen wir wohl verlieren, während das System über Strukturveränderungen verhandelt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das steht in unserem Grundgesetz. Artikel 1.
Bei mir der wichtigste Satz für meine Arbeit.

Psychische Gesundheit ist keine Luxusleistung. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Würde überhaupt gelebt werden kann.

Wer das kürzt, kürzt nicht an einem Honorar.
Der kürzt an Menschen.
Deshalb bleibt am Ende keine abstrakte Debatte.
Sondern eine einfache Forderung der Außenstelle des WEISSEN RING Leer:

Schafft ausreichend Therapieplätze!
Bezahlt die Menschen, die diese Arbeit tragen, angemessen.
Und hört auf, ein System weiter zu schwächen, das für viele der letzte Halt ist.

Alles andere ist kein Sachzwang.
Es ist eine Entscheidung.

Kein Platz, wenn jemand endlich reden will

Jede Tür eine andere Welt

Sie war wegen etwas anderem bei mir.
Ein WEISSER-RING-Gespräch, mit einem Anliegen, das seinen Raum bekommen hat.

Aber dann fing sie an zu erzählen.
Und ich durfte zuhören.

Von ihrer Arbeit.
Sie ist Pflegerin in der ambulanten Altenpflege.
Fährt morgens los – von Haushalt zu Haushalt, von Tür zu Tür.
Und weiß nie, was sie erwartet.

Manchmal vibriert die Luft vor Freude.
Manchmal vor Leid.
Manchmal ist es einfach still – und die Stille sagt mehr als jedes Wort.

Der dunkle Raum des Erlebten, der Grund, warum sie zu mir gekommen war, rückte langsam in den Hintergrund.
Überstrahlt von der Erzählung ihrer Arbeit. Mit leuchtenden Augen.

Sie erzählte von den Menschen hinter den Türen.
Die Aufgeweckten, die schon warten.
Die Brummeligen, die erst einmal in Ruhe gelassen werden wollen.
Die Dankbaren, die jede Berührung festhalten möchten.
Die Distanzierten, die Nähe suchen, aber nicht wissen wie.
Die Schweigsamen.
Die Redseligen.

Die, die Schmerzen haben und sie wegbeißen, weil sie es so gelernt haben. Weil Klagen nicht zu ihnen gehört.
Und die, die leiden und langsam verwelken in ihren Schmerzen – sichtbar und letztendlich doch so allein damit.

Menschen, die Geschichten in sich tragen, schwerer als alles, was danach kam.
Krieg. Entbehrung. Verlust.
Und trotzdem noch da.

Jede Tür eine andere Welt.
Jeden Morgen neu.

Ich weiß nicht, ob sie sich bewusst ist, was sie tut.
Aber ich weiß es.
Menschen, die jeden Morgen losfahren, ohne zu wissen, was hinter der nächsten Tür wartet.
Die sich einlassen – auf Freude und auf Leid.
Auf Schweigen.
Auf Geschichten, die sonst niemand mehr hört.
Das ist kein Job.
Das ist eine Haltung.

Ambulante Altenpflege ist so großartig. Hinter jeder Tür wartet ein ganzes Leben.
Eine Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt – still, verlässlich, oft unsichtbar.

Diesen Menschen gehört mehr als Applaus.
Ihnen gehört unser Respekt.
Jeden Tag.
Nicht nur dann, wenn eine Pandemie uns daran erinnert, dass sie da sind.


Opfern zur Seite zu stehen, sie zu begleiten – das ist mir eine Ehre und Aufgabe.

Und manchmal, wie in diesem Fall, ist es auch ein Geschenk.

Jede Tür eine andere Welt

„Mein Vater hat dieses Land getragen. Gefragt hat ihn niemand.“

Gedanken zu den Wahlergebnissen

Mein Vater war die längste Zeit seines Lebens Landarbeiter.
In Wymeer, an der niederländischen Grenze.

Als ich klein war, gab es in unserem Zuhause kein fließendes Wasser und keinen Strom.

Meine Eltern – und viele Arbeiterfamilien wie sie – haben dieses Land buchstäblich getragen.
Mit den Händen.
Mit dem Rücken.
Ohne dass irgendjemand gefragt hätte, was sie darüber denken.

Niemand hat gefragt.
Das hat meinen Vater nicht gebrochen.
Aber es hat ihn geprägt.

In meinem Zuhause und bei der Arbeit habe ich gelernt, was Würde bedeutet – und was es kostet, wenn man sie einem Menschen nimmt.

Ich denke oft an meinen Vater, wenn ich heute höre:
„Die Arbeiter wählen jetzt AfD.“

Als wäre das eine Überraschung.
Als hätten wir nicht jahrzehntelang zugeschaut, wie genau diese Menschen – die schuften, die tragen, die liefern – das Gefühl bekamen, dass ihre Stimme nichts zählt.
Dass über sie geredet wird.
Aber nicht mit ihnen.

Irgendwann kippte etwas.

Aus dem Streit um gerechte Verteilung wurde ein Streit um Anerkennung.
Wer dazugehört.
Wessen Sprache richtig ist.
Wessen Bildung zählt.
Wessen Erfahrung überhaupt noch Gewicht hat.

Und wer wirtschaftliche Sicherheit, eine einigermaßen verlässliche Zukunft und gleichzeitig das Gefühl von kultureller Heimat verliert, der wird wütend.
Oder er verschwindet.

Das Vakuum hat die AfD gefüllt.

Nicht weil sie auch nur ansatzweise bessere Antworten hätte.
Sondern weil sie genau diese offene Wunde bedient.
Weil sie vorgibt, diese Menschen zu vertreten.

Auch wenn das, was sie tatsächlich anstrebt, vielen von ihnen und unserer Heimat am Ende schaden würde.

Doch was bräuchte es stattdessen?

Keine neuen Slogans.
Keine Kampagnen.
Keine Talkshow-Runden über „abgehängte Regionen“.

Sondern überzeugte, mit Leidenschaft kämpfende Menschen mit Rückgrat.
Menschen, die ohne Schutzdistanz auf andere zugehen.
Die wissen, was Schichtarbeit bedeutet.
Die nicht erklären müssen, wie sich ein rauer Arbeitstag anfühlt. Wie anstrengend es sein kann, heute mit dem Verdienst auszukommen.

Menschen, die nicht von oben herab schauen,
weil sie nie vergessen haben, woher sie kommen.

Respekt kann man nicht trainieren.
Man kann ihn auch nicht plakatieren.
Man spürt ihn.
Oder eben nicht.

Mein Vater hat dieses Land getragen.
Niemand hat ihn gefragt.

Das war falsch.

Und es ist noch nicht zu spät, das zu ändern.

Aber dafür müsste jemand anfangen, offen zu sagen:
Ja, wir haben Fehler gemacht.
Fehler im Umgang mit den Menschen, die dieses Land tragen.
Ohne Hintertür. Ohne Ausreden.

Denn eines stimmt bis heute.
Deine Arbeit trägt dieses Land.
Und deine Stimme sollte es auch.

Und die Radikalen hätten ausgedient.

„Mein Vater hat dieses Land getragen. Gefragt hat ihn niemand.“

Andere hätten lauter geklatscht….

Mut zur Veränderung – eine Betriebsversammlung im Herbst 1993

In Zeiten, in denen sich unser Land zwischen Beharrung, Überforderung und populistischer Verheißung verliert, wird Veränderung schnell zur Bedrohung und Haltung zur Zumutung. Dabei zeigt die Erfahrung: Menschen können sehr viel ertragen, sehr viel leisten und sehr viel aushalten – wenn sie spüren, dass leidenschaftlich um sie gekämpft wird und nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Im Herbst 1993 stand unsere Werft vor einer entscheidenden Wegmarke. Die Auseinandersetzungen um die notwendige Emsvertiefung hatten sich zu einem erbitterten Streit ausgewachsen. Tag für Tag prasselten Presseberichte, politische Statements und Klagedrohungen auf uns ein. Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung luden wir zur Betriebsversammlung ein – eine Veranstaltung, die unter völlig anderen Vorzeichen stand als sonst.

Zuvor hatten in den Jahren zuvor zwei Kreuzfahrtschiffe – Zenith und Horizon – erfolgreich an Celebrity Cruises abgeliefert. Im Frühjahr war dann mit der ORIANA für P&O der bislang prestigeträchtigste Neubau auf Kiel gelegt worden. Ein Flaggschiff für Großbritannien, gefertigt im Binnenland – das war ein gewagtes, aber symbolträchtiges Projekt. Wir wussten, wie viel davon abhing – für uns, für die Reederei, für das Land Niedersachsen. Auch Ministerpräsident Schröder hatte sich für die Emsanpassung ausgesprochen. Doch es blieb eine Baustelle unter Vorbehalt. Die Ungewissheit lastete auf uns allen.

In dieser Situation war mir klar: Wir dürfen keine Kommunikationslücken zulassen. Die Betriebsversammlung war sehr gut besucht – und die Anspannung war mit Händen zu greifen. Keine Show, keine Routine. Es ging um mehr.

Die Werft war im Umbruch. Neue Fertigungsprinzipien, Vorausrüstung, Gruppenarbeit, das Ende des traditionellen „Makersystems“. Vieles veränderte sich in rasantem Tempo. Für viele, gerade ältere Kollegen, wurde das zu einer Dauerbelastung. Die Zahl der Anfragen zur 58er-Regelung nahm zu. Und hinzu kamen politische Forderungen, die Werft doch lieber an die Küste zu verlegen – was für viele einem sozialen Kahlschlag gleichgekommen wäre. Denn hier hingen Familienleben, Nachbarschaften, ganze Kommunen am Arbeitsplatz Werft.

Ich war in dieser Zeit mehr als nur Betriebsratsvorsitzender. Ich wurde Sprecher, Verteidiger, manchmal auch Projektionsfläche. Es gab Zustimmung, aber auch Widerstand. Und es gab immer wieder extrem bösartige Gerüchte. Alles frei erfunden, aber schmerzhaft für meine Familie. Heute wären solche Kampagnen in sozialen Medien kaum noch kontrollierbar.

Trotz allem war mir klar. Wir dürfen nicht bloß reagieren – wir müssen gestalten. Auch gegen Widerstände. Ich hatte bei Volvo in Uddevalla die Gruppenarbeit gesehen und war überzeugt: Das brauchen wir auch. Doch das war nicht nur technisch, sondern auch kulturell eine Zäsur – selbst im Betriebsrat und in der IG Metall.

An diesem Tag der Betriebsversammlung lag all das in der Luft. Nach den Berichten der Betriebsräte und der Geschäftsleitung kam die übliche Runde der Wortmeldungen. Als die letzten Fragen gestellt waren, war es an mir, das Schlusswort zu halten. Und obwohl hinten bereits erste Bewegung war – die Versammlung neigte sich dem Ende zu – hatte ich noch etwas vorbereitet. Ohne Absprache. Ohne doppelten Boden.

Meine Schlusssätze waren folgende:

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir alle haben in den letzten Jahren gezeigt, zu welchen Leistungen wir fähig sind, welch außerordentliche Kräfte in uns stecken. Wir als ein Team, als solidarische Gemeinschaft haben schwierige Zeiten hinter uns. Und heute stehen wir wieder vor großen Herausforderungen.
Und liebe Kolleginnen und Kollegen, ich kann euch versprechen, morgen und übermorgen werden die Hürden noch höher sein.
Dies ist kein tragisches Schicksal, dies ist unsere Chance.
Denn diesen Hürden müssen sich auch alle anderen stellen. Wir müssen keine Angst vor den Veränderungen haben. Wir sind nie schwächer, sondern ganz im Gegenteil, wir sind immer stärker geworden, je schwerer es für uns war.
Herausforderungen, ja fast unmöglich Erscheinendes anzunehmen, daran zu wachsen das steckt in unserer Geschichte, das ist in unserer DNA.
Wie oft hat man mir auf den Versammlungen, als wir die kleinen und die anderen die großen übermächtigen Werften waren, gezeigt und auch gesagt, dass wir doch eigentlich keine Chance hätten.
Es schwang immer mit, dass ein solcher Schiffbau wie wir ihn betreiben doch eher nach Hamburg, Bremen oder Emden aber doch ganz sicher nicht nach Papenburg gehöre.
Und wann immer meine Kollegen von den anderen Werften ganz offen oder ganz neidisch auf unser Scheitern wetteten, dann war es das Wissen um unsere Stärke, die wir aus unserer Tradition ziehen, die mich stolz und stark machte.
Man hat mich immer wieder in verschiedenen Diskussionen (auch in den Diskussionen zur Ems) davor gewarnt euch falsche Hoffnungen zu machen.
Wir lägen so tief im Binnenland, gehören keinem Konzern an der hinter uns stände, (unausgesprochen – warum gebt ihr nicht auf?). Warum sollte es uns anders gehen als den vielen anderen stolzen Werften in Deutschland?
Doch diese ganzen Leute kennen uns eben nicht!
Man hat immer neue Hindernisse herbeigeredet, unsere Vorwärtsstrategie bezweifelt. Doch immer wieder haben wir in unserer Geschichte gezeigt das wir eine so große kollektive Stärke, Begeisterung und so starke Träume haben, die so viel größer sind als jede mögliche Verzagtheit, größer sind als die Angst vor einem Scheitern.
Wir haben Aufträge und wir werden das beste daraus machen, dessen bin ich mir ganz sicher.
Wir werden auch die Politik und alle Zauderer immer wieder überzeugen auf die richtige Werft zu setzen. Doch, liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns keine Illusionen.
Uns wird nur geholfen, wenn wir erfolgreich sind.
Heinrich Hövelmann sagte vor kurzem zu mir: Wenn die ersten Mitleid bekunden, dann habt ihr verloren.

Lassen wir es nicht so weit kommen.
Unsere Tradition ist es, uns immer wieder in Frage zu stellen, nie zufrieden zu sein.
Unsere Tradition ist es immer als erste das Unmögliche möglich zu machen.
Und deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Herren der Geschäftsleitung, liebe Führungskräfte sollten wir jetzt die Zeit nach unseren Erfolgen bei der Zenith und der Horizont nutzen ums uns neu zu erfinden.
Wir ändern uns noch zu wenig.
Wir sind noch zu vorsichtig.
Wir sind nicht aggressiv genug.
Wir sind zu langsam.
Wir sollten ausnahmslos alles in Frage stellen und auch bereit sein sogar unsere Erfahrungen über Bord zu werfen, wenn sie uns am Neuen hindern.
Wir sollten jetzt, heute, hier in Frage stellen was wir in den letzten Jahren gemacht haben, was wir kennen, was wir wissen. Wir sollten uns nicht zufriedengeben mit dem, was wir bisher erreicht haben.
Nichts sollte unserem kritischen Blick entgehen.
Denn jetzt ist die Zeit um unsere Werft nochmals neu zu erfinden, jetzt ist die Zeit und nicht erst morgen.

Ich hatte lange an diesen Sätzen gearbeitet. Und wie so oft begleitete mich dabei die Musik von Bruce Springsteen. Sie gab mir Kraft, Rhythmus, Haltung. Und ich hatte auf Beifall gehofft – vielleicht auch darauf, dass die Mannschaft in meinem Appell eine gemeinsame Vision erkennt. Doch was folgte, war für mich ein Schock. Nur vereinzeltes Klatschen. Dann Stille.

Ich sah Kopfschütteln, starre Blicke, gesenkte Augen. Meine Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrat tuschelten, schauten verlegen beiseite. Die Geschäftsleitung wirkte überrascht. Die Unsicherheit war spürbar. In den hinteren Reihen setzten sich einige, die bereits aufgestanden waren, wieder hin.

In meinem Inneren tobte ein Sturm. Ich war enttäuscht. Ich war wütend. Ich war allein.

Dann hob sich eine Hand. Ein altgedienter Kollege – Vorarbeiter in der Instandhaltung – bat um das Wort. Ich gab es ihm. Und wurde nicht entlastet, sondern konfrontiert. In seiner typischen sehr ehrlichen Art warf er mir vor, eine klassische Managerrede gehalten zu haben. Kein Lob, kein Dank – nur neue Anforderungen. Die Mannschaft brauche aber Anerkennung. Zeit zum Durchatmen. Eine Pause nach harter Arbeit. Die Halle applaudierte und zeigte Zustimmung. Nicht für mich.

Wie sollte ich die Versammlung so beenden? Ich ging zurück zum Mikrofon.

Meine Replik war spontan – aber klar:

Liebe Kolleginnen und Kollegen eins habe ich noch vergessen.
Ich mag Fritz sehr und ich liebe seine Wortbeiträge. Das kann ihm keiner nachmachen.
Und ich finde es gut, wenn Kollegen für ihre Wortbeiträge viel Beifall bekommen.
Das brauchen wir für eine lebendige Versammlung.
Doch heute, gerade eben, liebe Kolleginnen und Kollegen, lagt ihr falsch.
Lasst euch doch bitte noch mal durch den Kopf gehen, für was ihr Applaus gespendet habt.
Es wurde gesagt, Lob habt ihr verdient.
Richtig, Lob habt ihr verdient.
Stolz sollte man auf eure Leistung sein.
Richtig, das könnt ihr alle.
Wer wollte das in Abrede stellen?
Zurücklehnen und etwas ausruhen solltet ihr euch …..???
Das ist grundfalsch!
Ihr habt hierfür applaudiert – das war falsch.
Glaubt mir, wenn in eurer Mitte unsere Konkurrenten, Japaner und Koreaner gesessen hätten, dann hätten diese doppelt so laut geklatscht wie ihr gerade eben.
Denn genau so schlagen sie uns. Wenn wir warten, wenn wir uns bequem zurücklehnen, wenn wir satt und zufrieden sind – dann und nur dann schlagen sie uns!
Überlegt mal ganz genau ob euer Applaus an der Stelle richtig oder vielleicht etwas gedankenlos war?
Die Betriebsversammlung ist geschlossen.

Später, beim Hinausgehen, legte mir ein alter Kollege aus dem Betriebsrat die Hand auf die Schulter. „Such dir schon mal einen neuen Job. Das heute – das kostet dich das Mandat.“
Ich antwortete: „Wenn ich für meine Überzeugung abgewählt werde, dann habe ich es nicht besser verdient – aber dann verdienen mich die Kolleginnen und Kollegen auch nicht.“

In den Folgemonaten war ich in allen Pausen präsent – an Tischen, in Werkshallen, in Pausenräumen. Ich diskutierte, erklärte, hörte zu. War heißer und kämpfte.
Und ich lernte, Menschen wollen Klarheit, nicht Gefälligkeit. Sie spüren, ob du es ernst meinst. Ob du stehst wenn es stürmisch wird.

Bei der Betriebsratswahl erreichte ich fast 90% Zustimmung.

Diese Versammlung hat mich geprägt. Sie war vielleicht meine schwerste Stunde – und vielleicht auch meine wichtigste.

Die Aufgabe unserer Zeit ist es, leidenschaftlich um die Menschen zu kämpfen – um ihre Würde, ihre Sicherheit, ihre Zukunft – und sie nicht den Populisten zu überlassen, die einfache Antworten auf Hass, Wut und Frust züchten, während sie Vertrauen zerstören, Gemeinschaft spalten und die Lasten am Ende anderen aufbürden.

Andere hätten lauter geklatscht….

Die neue Arena

Parabel: Die goldene Arena

Es gibt wieder eine Gladiatorenarena.
Uralte Mauern aber über und über frisch vergoldet.
Im Sand unten quälen sich normale Menschen, hungern, leiden, sterben.
Und oben fließt der Wein.

Auf den Rängen sitzen die Reichen dieser Welt. Mit Milliarden erkaufen sie sich die Gunst des Imperators. In Glanz und Seide.

Sie lachen, wetten, speisen, verbrauchen all das, was die Menschheit für die Zukunft bräuchte, vergiften alles, was gut ist.

Sie hetzen Länder, Menschen, Kulturen aufeinander und ergötzen sich an den Tragödien.

Das Sterben im Sand dieser Arena ist für sie Teil eines Geschäftskonzeptes.
Jede Katastrophe macht sie reicher. Das Verhungern von Kindern infamer Teil der Kulisse.

In der Arena kämpfen keine Krieger. Es kämpfen Länder.
Menschen die sich nicht kennen, aber aufgestachelt werden, sich plötzlich hassen, ohne zu wissen warum.

Mit bloßen Händen. Mit letzter Kraft.
Wer fällt, wird nicht beklagt – er wird abgewickelt, er wird ersetzt.
Wird als schwach bezeichnet und noch zusätzlich in den Staub getreten.

Der Herr der Spiele hebt oder senkt grinsend den Daumen.

Er spricht von Ordnung. Von Sicherheit und vergewaltigt doch Stunde für Stunde Wahrheit, Werte, Anstand und Moral. Er spricht von Deals.

Und der Sand saugt das Blut auf.

Und bleibt erstaunlich sauber.
Denn die, die darüber berichten könnten, gehören den neuen Diktatoren dieser Welt.

Manche auf den Rängen wissen,
dass sie morgen selbst unten stehen könnten.
Doch sie trinken und johlen weiter mit.

Hauptsache, heute nicht.

Und so dauert das Spiel des neuen Imperators und seiner reichen Gönner an.
Nicht weil es gerecht ist.
Nicht weil Zukunft hat.
Nicht weil sie so stark sind.

Sondern weil genug Menschen einfach nur zuschauen.
Und hoffen, niemals in den Sand gerufen zu werden.

Diese Arena lebt nicht vom Mut der Gladiatoren.
Sie lebt von der Gleichgültigkeit der Zuschauer, der Uneinigkeit, des Misstrauens und dem falschen Gefühl der Machtlosigkeit.

Die Frage ist nicht, wer als Nächster fällt.

Die Frage ist, wann die Ränge leer bleiben.

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,
als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

(Mt 19,24)

Auf das heute übertragen…..

Wer im Glanz der Logen sitzt,
dem Sterben zusieht
und das Hungern verwaltet,
hat den Zugang zur Menschlichkeit verloren –

Nicht aus Mangel an Geld,
sondern aus Mangel an Haltung.
Wer Leid und Angst in Deals übersetzt steht außerhalb jeder Moral.

Wer Frieden verkauft,
Hunger kalkuliert
und Macht mit Geld verwechselt,
regiert vielleicht im Moment die Arena –
aber nicht die Zukunft.

Die neue Arena

Wie Moses am Roten Meer

Der Moses-Moment in Schwerin

1997 trat ich meine neue Aufgabe als Sonderbeauftragter der Meyer Werft für die Neptun Industrie an. Es war eine herausfordernde Zeit. Umstrukturierungen, politische Gespräche, Kontakte zu Verbänden, Ministerien, Gewerkschaften – ein dichtes Geflecht aus Interessen, Einfluss und Unsicherheiten.

Irgendwann gab mir Bernard Meyer einen freundlichen, aber unmissverständlichen Hinweis: „Lassen Sie sich auch mal bei den größeren Arbeitgebertagungen blicken.“

Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Der Arbeitgeberverband Mecklenburg-Vorpommern hatte zu einer Diskussion mit der neuen Landesregierung geladen – rot-rot regiert, was für viele in der Wirtschaft einem politischen Erdbeben gleichkam.

Ich fuhr also nach Schwerin, in die Landeshauptstadt. Ein großer Konferenzsaal, auf Hochglanz poliert. Reihen voller Anzugträger, sachlich, distanziert – und doch gespannt, fast elektrisiert. Ich war ein neues Gesicht in dieser Runde, wurde mit neugierigen Blicken gemustert. Einige kannten meinen Namen, andere nur die Meyer Werft.

Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands begrüßte die Versammlung. Besonders hervorgehoben wurden der Chef der Staatskanzlei Otto Ebnet und Innenminister Gottfried Timm – beide auf den vorderen Plätzen.

Kaum war das Protokoll beendet, brach eine Welle los, die ich so nicht erwartet hatte.

Redner um Redner erhob sich. Und mit jedem Beitrag wurde der Ton schärfer, die Kritik lauter, die Angriffe persönlicher. Es war keine Diskussion, es war eine Kanonade. Eine Tirade gegen die neue Landesregierung, gegen Sozialdemokraten, gegen die rot-rote Koalition, gegen angebliche wirtschaftliche Katastrophen, die bevorstünden.

Ich saß da, als langjähriger, überzeugter Sozialdemokrat, und spürte, wie mir der Schweiß über den Rücken lief.

Der Vertreter der Rostocker Arbeitgeber, der meine Vergangenheit als Betriebsratsvorsitzender kannte, schaute mich verunsichert an. Ich lächelte dünn zurück.

Der Gipfel der Empörung kam in Gestalt des CDU-Fraktionsvorsitzenden Otto Rehberg. Er donnerte mit bebender Stimme gegen die Landesregierung, malte Untergangsszenarien, und als er zum Schluss kam, brandete frenetischer Applaus auf. Stampfende Füße, begeisterte Zurufe – ich erwartete jeden Moment, dass jemand auf den Tisch sprang.

Und die beiden Regierungsvertreter? Lächelten milde, machten ein paar harmlose Bemerkungen – keine Replik, kein Konter. Ich konnte es kaum glauben.

Dann fragte der Vorsitzende nach weiteren Wortmeldungen.

Ich schaute mich um. Niemand regte sich.

Also hob ich die Hand.
Der Rostocker Arbeitgebervertreter sah mich erschrocken an – sein Blick sagte: „Lass das lieber.“
Doch es war zu spät.

Ich stand auf.

„Mein Name ist Paul Bloem, ich bin Sonderbeauftragter der Meyer Werft für die Neptun Industrie, ehemaliger Betriebsrat, IGM-Mitglied – und bekennender Sozialdemokrat.“

Totenstille.
Alle Augen auf mich gerichtet.
Man hätte trotz des Gemurmels zwischendurch eine Stecknadel fallen hören können.

Ich atmete tief durch.

„Zuerst einmal möchte ich daran erinnern, dass wir es hier mit einer demokratisch gewählten Regierung zu tun haben und keinem Militärputsch. Und ich finde, – so, wie wir hier miteinander umgehen, gehört sich das nicht.“

Dann sprach ich ruhig, aber bestimmt einige sachliche Punkte aus den vorangegangenen Reden an. Keine Polemik. Keine Parolen. Nur eine andere Perspektive.

Kein Applaus, als ich mich wieder setzte. Nur ein Räuspern hier und da.

Der Vorsitzende eierte etwas herum, bedankte sich verlegen.
Ich glaube, dass wohl alle bemerkt hatten, dass man an diesem Tag ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war.

Da sich niemand weiter zu Wort meldete, war die Versammlung damit beendet.

Die beiden Regierungsvertreter verließen zügig den Raum. Ich blieb noch, packte meine Tasche – und ging zum Buffet.

Und dort erlebte ich einen Moment, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Als ich mich dem Tisch näherte, teilte sich die dicht stehende Menge wie das Rote Meer bei Moses. Die Menschen traten zur Seite. Neugierige, aber auch ablehnende Blicke trafen mich.
Ich konnte mich völlig ungehindert bedienen – der Moses-Effekt.

Wenig später saß ich im Auto. Der Sommerabend war warm, das Laub einer mächtigen Eiche rauschte leise im Wind. Ich dachte kurz nach, zögerte – und griff dann doch zum Telefon.

„Hallo Herr Meyer“, sagte ich.
„Ich war heute bei der Versammlung …“
Gespanntes Lauschen am anderen Ende.
„… und ich habe mich auch zu Wort gemeldet.“

Schweigen.

Dann, leise, fast erschüttert.
„Oh Gott.“

Wie Moses am Roten Meer