Das Schiff und die Frage der Gerechtigkeit

Die Prognosen sind da. Die Wirtschaft schwächelt.
Die Lebenshaltungskosten steigen.
Fachkräfte fehlen.
Die Bundeswehr ringt um Einsatzfähigkeit.
Die Pflege arbeitet am Limit.
Das Bildungssystem verliert an Substanz.
Und auf dem Wohnungsmarkt wächst der Druck mit jedem Monat.

Niemand kann sagen, er habe es nicht kommen sehen.
Wir stehen nicht vor einer Krise in nur einem Bereich.
Und immer wieder suchen wir die Erklärungen und Entschuldigung in externen Ursachen und vergessen die Suche nach der Zukunft.

Wir stehen vor einer gleichzeitigen Überforderung mehrerer Systeme.
Und wir reagieren, als ginge es um Feinjustierung.

Wir stehen an Deck.
Das Schiff ist mächtig und groß. Es hat uns weit gebracht.
Wohlstand. Sicherheit. Verlässlichkeit.
Aber Wasser bricht herein in den Rumpf.

Nicht plötzlich.
Nicht spektakulär. Sondern leise. Beständig.

Vorne wird geschweißt.
Hinten wird gepumpt.
Überall wird gearbeitet.
Und doch steigt der Pegel und die Schieflage wächst.

Die Pflege – ein Leck.

Die Krankenversicherung – ein Leck.
Die Bildung – ein Leck.
Der Wohnungsmarkt – ein Leck.

Jeder kämpft an seiner Stelle.
Jeder sieht sein eigenes Wasser.

Und niemand stellt die eigentliche Frage:
Trägt uns dieses Schiff noch –
oder tragen wir es nur noch irgendwie?

Wir haben uns daran gewöhnt, Systeme zu reparieren,
die längst an ihre Grenzen stoßen.

Ein bisschen mehr Geld hier.
Ein Programm dort.
Ein Kompromiss, der den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, am Ende niemanden wirklich stört und nichts wirklich verändert.

Das beruhigt.
Aber es trägt nicht.

Es gibt diesen Moment auf See.
Still. Unspektakulär.
Aber endgültig.
Der Moment, in dem man begreift:
Reparatur an dem Schiff allein wird nicht reichen.
Dieses Schiff ist nicht mehr richtig für die See und die Stürme in denen wir fahren.

Und genau hier entscheidet sich alles.
Nicht an der Frage, ob wir uns verändern müssen.
Sondern daran, wie wir es tun.

Denn eines ist klar.
Das habe ich mein ganzes Leben schon erfahren.
Veränderung trennt nicht.
Ungerechtigkeit schon.

Wenn einige weiter oben an Deck stehen, trocken, geschützt und andere längst im Wasser arbeiten, dann zerbricht nicht das Schiff zuerst. Dann zerbricht Seemannschaft.
Dann zerbricht das Vertrauen.

Deshalb…
Der große Schritt beginnt nicht mit Lösungen.
Er beginnt mit Ehrlichkeit.

Nicht alles wird bleiben, wie es ist.
Nicht alles wird finanzierbar sein, wie wir es gewohnt sind.
Und nicht jede Erwartung wird erfüllt werden können.

Das ist keine politische Position.
Das ist die Realität.

Und genau darin liegt die Verantwortung:
Den Übergang so zu organisieren,
dass er trägt.

Mit einer klaren Zusage:

Das Fundament gilt für alle.

Pflege die nicht arm macht.
Medizin für alle.
Bildungschancen für alle.
Ein Dach über dem Kopf.

Nicht verhandelbar.
Nicht ideologisch.
Sondern Grundlage.

Alles andere kann sich verändern.
Muss sich verändern.

Aber nicht auf Kosten derer,
die ohnehin schon am Rand stehen.

Der große Wurf ist kein großes Versprechen.
Er ist ein klarer Schnitt.
Raus aus dem Morast der kleinen Korrekturen.
Raus aus der Illusion, man könne alles gleichzeitig halten.

Hin zu einer Ordnung,
die sagt, was gilt – und die hält, was sie zusagt.

Und vielleicht ist das der eigentliche Maßstab,
Nicht, ob wir das Schiff retten.
Sondern ob wir es schaffen,
dass niemand beim Übergang zurückgelassen wird.

Wir haben uns daran gewöhnt, Systeme zu reparieren, die längst an ihre Grenzen stoßen.

Der große Wurf beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst etwas vorzumachen:

Sicherheit ist kein Versprechen für alles – aber ein Versprechen für das Wesentliche.

Und dieses Wesentliche organisieren wir gemeinsam. Ehrlich. Tragfähig. Zukunftsfähig.

Das Schiff und die Frage der Gerechtigkeit

Stell Dir vor, Dein Leben passt in 12 Minuten…

Genau so müssen wir Pflege organisieren.
Wir haben uns daran gewöhnt.

Dass ein Mensch gewaschen wird wie ein Vorgang.
Dass Zeit in Minuten zerlegt wird.
Dass Nähe kalkuliert wird.

12 Minuten für den Körper.
8 Minuten für Medikamente.
Ein paar Minuten für das, was übrig bleibt, der Mensch.

Und niemand steht auf und sagt…
Das ist ein Skandal.

Unsere Mitarbeiterinnen kommen in Wohnungen, in denen Leben stattfindet.
Nicht ideal. Nicht schön. Aber echt.

Menschen, die rechnen müssen.
Mit Geld. Mit Kraft. Mit Zeit.
Und irgendwann auch mit dem eigenen Körper.

Und dann kommt ein System, das ihnen sagt helfen zu wollen,  –
indem es sie zerlegt.

Waschen. Lagern. Spritzen und vor allem Dokumentieren.
Das, was fehlt, taucht in keiner Abrechnung auf.

Zeit. Beziehung. Würde.

Wir reden über alle möglichen Probleme.
In Talk Shows, Leitartikeln, Parlamenten.

Und es sind nur Ausreden um ein nicht mehr passendes System künstlich am Leben zu halten.

In vielen persönlichen Nachrichten auf meinen letzten Beitrag haben sich Pflegekräfte gemeldet, die geschildert haben was sie fühlen, wie und wann sie aufgegeben haben.
Menschen die aber alles andere als schwach sind. 

Sie haben innerlich aufgegeben, weil sie täglich gezwungen werden, gegen ihr eigenes Berufsverständnis zu arbeiten.
Weil sie wissen, dass sie mehr könnten, aber nicht dürfen.

Und während wir darüber diskutieren,
liegen die Zahlen längst auf dem Tisch.

Mehr alte Menschen.
Zu wenig Pflegekräfte.
Steigende Kosten die viele sich nicht mehr leisten können.
Steigende Komplexität.

Nichts davon ist überraschend.
Nichts davon ist plötzlich passiert.

Und trotzdem verhalten wir uns,
als hätten wir noch Zeit.

In Wahrheit fahren wir mit Vollgas auf eine Betonwand zu.
Und diskutieren währenddessen über die Farbe des Lenkrads.

Wir wurden gezwungen, Pflege zu industrialisieren.

Zerlegt in Abläufe.
Optimiert auf Geschwindigkeit.
Kontrolliert bis ins Detail.
Ein System, das so gebaut ist, kann keine Menschlichkeit erzeugen.
Es kann sie nur verdrängen.

Und genau das tut es – jeden Tag.

Deshalb reicht keine Reform mehr.

Wer jetzt noch an Stellschrauben dreht,
hat nicht verstanden, wie tief das Problem sitzt.

Dieses System ist nicht reparaturbedürftig.

Es ist in seiner Logik falsch.

Brauchen wir nicht einen radikalen Bruch? 

Weg mit der Minutenpflege.
Verantwortung dorthin, wo sie hingehört, vor Ort zu den Pflegenden, zu den Teams.
Zeitbudgets statt Leistungskataloge.
Vertrauen statt Misstrauensbürokratie.

Nein – eigentlich ist das kein radikaler Wunsch.

Das ist die Mindestvoraussetzung dafür, dass Pflege nicht weiter zerbricht.

Natürlich wird man sagen: Das geht nicht.
Zu teuer.
Zu riskant.
Politisch nicht vermittelbar.

Aber wir leisten uns längst ein System,
das teuer ist, riskant und nicht mehr überlebensfähig ist.

Nur sagt es noch keiner laut genug.

Die Wahrheit ist…
Wir haben uns eingerichtet.

In einem System, das wir kritisieren – aber weiter betreiben.

Vielleicht braucht es tatsächlich einen Bruch.
Nicht morgen.
Nicht irgendwann.

Sondern jetzt.
Was ich gelernt habe seit ich die ambulante Altenpflege begleiten darf.

Pflege ist kein Prozess.
Pflege ist Beziehung.
Und ein System, das das nicht versteht,
hat seine Berechtigung verloren.

Stell Dir vor, Dein Leben passt in 12 Minuten…

Ich habe auch mal anders gedacht …

Pflege….Die stille Enteignung

Dieses Land braucht Reformen.
Dringend.

Aber wir haben uns daran gewöhnt, jede Idee sofort zu bekämpfen. Reflexhaft. Laut. Schrill. Spaltend.
Das sind schlechte Diskussionen.

Sie erzeugen Aufmerksamkeit, aber keine Lösungen.

Und während die demokratischen Parteien sich an sich selber abarbeiten lehnen sich andere zurück.

Die Populisten müssen nichts mehr tun. Sie haben keine Antworten und brauchen auch keine zu geben.

Das System zerlegt sich selbst.

So lösen wir keine Probleme.
Wir verschieben sie.

Und genau das passiert gerade in der Pflege.

Die Politik spricht von Stärkung.
Die Realität ist. Sie wird unterfinanziert.
Systematisch.

Kosten steigen.
Tarife steigen.
Anforderungen steigen.

Nur eines steigt nicht…
die Vergütung.

Die Differenz?
Bleibt bei denen hängen, die das System am Laufen halten.

Pflegedienste.
Leitungskräfte.
Mitarbeitende.

Durch Mehrarbeit.
Durch Verzicht.
Durch Verschleiß.
Durch schlaflose Nächte.

Gleichzeitig wächst die Bürokratie. Ja sie wächst trotz aller gegenteiligen Behauptungen.
Und die Verwaltung soll/ muss dennoch schlanker werden.

Das ist kein Widerspruch.
Das ist ein Konstruktionsfehler.

Wir, die Pflege, kämpfen an mehreren Fronten.
Und wir verlieren nicht, weil wir schlecht arbeiteten
sondern weil das System uns aufreibt.

Und während das passiert, stehen die Menschen davor und sagen. „Wir können uns das nicht mehr leisten.“

Damit ist eine Grenze überschritten.

Pflege richtet sich nicht mehr nach dem,
was notwendig ist, sondern nach dem,
was der Geldbeutel hergibt.

Wir sehen bereits, wohin das führt.

Ungleichheit wächst weiter.
Menschen werden unterschiedlich alt, nicht aus biologischen Gründen, sondern aus finanziellen.

Das ist keine These.
Das ist Realität (auch bei uns im Rheiderland)

Und genau so stirbt dieses System.
Nicht mit einem Knall.

Sondern still.
Schleichend.

Erst die Liquidität.
Dann die Strukturen.
Dann die Versorgung.

Und vielleicht müssen wir auch uns selbst hinterfragen
Die sozial arbeitenden Organisationen,
Diakonie, Wohlfahrt, Träger, alle stark und bedeutsam in der Hilfe.

Aber so erschreckend schwach in der Durchsetzung.

Während andere Branchen gelernt haben,
wie Interessenpolitik funktioniert, durch Bündelung, durch Druck, durch Präsenz arbeitet die soziale Seite oft nebeneinander her. Die Dachverbände sind keine „Kampfverbände“.

Jeder für sich.
Jeder verantwortungsvoll.
Jeder leise.

Aber so entsteht keine Wirkung.
So entsteht Vereinzelung.
Und Vereinzelung ist gefährlich.

Das haben andere Branchen bereits erlebt.
Der deutsche Schiffbau ist daran nicht zuletzt gescheitert.
Zu spät, zu zersplittert, zu wenig gemeinsamer Druck.

Die Kräfte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten,
dürfen nicht gleichzeitig die sein,
die politisch am leisesten sind.

Ein Blick nach außen zeigt. Es geht anders

Andere Länder haben anders entschieden.

In den Niederlanden:
mehr Selbstorganisation, weniger starre Strukturen, stärkere Rolle der Pflege vor Ort

In Skandinavien:
klarere sichere Finanzierung, stärkere öffentliche Verantwortung, weniger Abwälzung auf Einzelne

Der Unterschied ist nicht Kultur.
Der Unterschied ist Entscheidung.

Dort wird Pflege als öffentliche Aufgabe und Daseinsvorsorge verstanden. Hier zunehmend als individuelles Risiko.

Und vielleicht braucht es noch etwas anderes.

Einen Perspektivwechsel

Ich kenne beide Seiten.

Früher, im Management, haben mich die Debatten über Pflege oft genervt. Zu teuer. Zu komplex. Zu viele Forderungen.
Ein Kostenproblem.

Heute, mit dem Blick aus der Diakonie, sehe ich das anders.

Was wir brauchen, sind weniger Scheuklappen.
Sondern die Bereitschaft, die Perspektive des anderen wirklich zu verstehen.

Die wirtschaftliche Seite.
Und die soziale Realität.

Denn eines ist ebenso wahr.
Die Verantwortung für Stabilität,
für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit,
für funktionierende Strukturen
liegt auch bei den Trägern selbst.

Bei der Diakonie.

Bei allen, die dieses System tragen.

Es geht nicht um ein Entweder-Oder.
Nicht um Moral gegen Ökonomie.

Nicht um Anspruch gegen Machbarkeit.
Es geht um ein Sowohl-als-auch.

Eine Pflege, die menschlich ist.
Und ein System, das wirtschaftlich tragfähig bleibt.

Und vielleicht ist genau das der schwierigste Teil dieser Debatte:

Dass viele auf der einen Seite heute dort stehen,
wo ich früher stand.

Und andere dort, wo ich heute stehe.

Wenn wir das nicht zusammenbringen,
werden wir weiter aneinander vorbeireden.
Und genau das können wir uns nicht mehr leisten.

Was jetzt notwendig ist.

Wir müssen anders herangehen.

Weniger Empörung.
Mehr Ehrlichkeit.
Weniger Reflexe.
Mehr Verantwortung.

Reformen, ja.

Aber nicht mehr vom den ewig gestrigen Ideen.

Sondern:

* Vergütung der Pflege die die Realität abbildet

* Bürokratie, die wirklich verschwindet

* Strukturen, die auch im ländlichen Raum tragen

* Eigenanteile, die begrenzt sind

Und vielleicht noch etwas… (an uns alle im sozialen Bereich)

Mehr gemeinsame Stimme.
Mehr Druck.
Mehr Klarheit.

Und ja.

Das wird nicht ohne Zumutungen gehen.

Für die Gesellschaft.
Für den Staat.
Für uns alle.

Aber der Unterschied sollte sein…

Das die Zumutungen ehrlich und fair auf alle Schultern verteilt werden und das jene die stärkere Schultern haben mehr tragen.

Was wir gerade erleben, ist leider etwas anderes.

Der Staat organisiert durch die Art seines Umgangs die Pflege,
und delegiert die Unterfinanzierung.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr…

Wie organisieren wir Pflege?

Sondern,- haben wir den Mut, sie so zu reformieren,
dass sie für alle funktioniert, oder lassen wir zu, dass sie sich still nach dem Geldbeutel sortiert?

Ich habe auch mal anders gedacht …

Wir haben den Krieg erklärt :-)

Meine Frau und ich haben der Fossilindustrie den Krieg erklärt.
Ja, ich weiß. Das klingt groß.
Und eigentlich habe ich es nicht so mit Krieg und solchem Gedöns.
Aber ein Texteinstieg braucht manchmal Reibung 🙂

Und wenn man sich anschaut, wer gerade alles „Krieg“ erklärt, gegen Menschen, gegen Staaten, gegen Freiheiten …. dann dürfen die Bloems auch einmal gegen eine Abhängigkeit antreten.
Wir haben angefangen, uns unabhängig zu machen.

Und plötzlich merkt man, wie politisch ein Hausdach werden kann.
Unser Schlachtfeld. Unser Hausdach.
Unsere Waffe. Die Sonne.

Und die gehört, das ist das Entscheidende, keinem Konzern.
Wir werden unseren Strom künftig mit dem produzieren, was wir haben.
Was uns gehört. Was niemand abschalten, verteuern oder als Druckmittel einsetzen kann.

Während wir das planen, registriere ich, was wir als Land alles tun, weil wir abhängig sind.
Wozu wir bereit sind, wie wir uns klein machen, nur damit die nächste Lieferung gesichert ist.
Haltung. Prinzipien. Würde.

Alles gerät ins Rutschen, wenn Versorgung zur Achillesferse wird.

Flüssiggas aus Staaten, bei denen wir sehr genau wissen, wie ihre Regime funktionieren. Öl von Lieferanten, die wir gestern noch kritisiert haben. Und heute? Handschlag. Verlegen lächeln, wegducken. Weiter.

Wir haben nach dem Beginn des Russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine so getan, als hätten wir verstanden.
Als wäre der russische Gasschock die Lektion gewesen, die wir gebraucht haben.
Als würden wir jetzt anders denken, strategischer, unabhängiger, ehrlicher mit uns selbst.

Haben wir nicht.
Denken wir nicht.

„Wir haben die Lieferanten gewechselt. Die Logik nicht“.

Parallel dazu erleben wir eine Politik, die fossile Infrastruktur immer noch als „Brücke“ beschreibt. (Lachhaft).
Eine Brücke, die bemerkenswert selten ein Ende findet.
Man gewinnt den Eindruck, dass hier eine Industrie verteidigt wird, deren Geschäftsmodell wir eigentlich überwinden müssten.

Ich sage das nicht mit Häme.
Ich sage das mit wachsender Unruhe.

Mein Vorschlag — halb ernst und vielleicht halb verzweifelt…
Wir brauchen ein neues Ministerium….. Jawohl!

Achtung Trump Spoiler 🙂
Ein ….“SUPERUNABHÄNGIGKEITSMINISTERIUM“.

Zuständig für nichts anderes als diese eine Frage:
Wovon hängen wir ab und wie kommen wir da raus?
Mit Durchgriffsrecht auf alle anderen Ministerien.
Mit der Pflicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Und mit dem Auftrag, sich nicht nach Quartalszahlen, Wahlterminen oder Lobbyinteressen zu richten.

Klingt utopisch? Ja – weiß ich doch.
Aber wissen Sie, was auch utopisch klang?

Dass wir innerhalb von zwei Jahren die russische Gasabhängigkeit auf null fahren.
Wir haben es geschafft, weil wir mussten.

Wir sollten nicht immer warten, bis wir müssen.

Das Problem mit Abhängigkeiten ist nicht, dass wir sie nicht kennen. Wir kennen sie. Wir analysieren sie. Wir schreiben Strategiepapiere. Wir veranstalten Konferenzen.
Und dann unterschreiben wir den nächsten Vertrag.

Ein Ministerium wird das nicht lösen. Das weiß ich auch.
Was es bräuchte, lässt sich nicht verordnen.

Den kollektiven unbändigen Willen, Abhängigkeit als das zu behandeln, was sie ist.
Ein sicherheitspolitisches Risiko ersten Ranges.
Nicht als reine Marktfrage.
Nicht als betriebswirtschaftliche Kalkulation.
Sondern als Frage der Souveränität.

Wer den Ausbau erneuerbarer Energien bremst oder kleinredet, verkennt diese Dimension oder nimmt sie billigend in Kauf.

Meine Frau und ich haben unsere Antwort für eine teilweise Unabhängigkeitserklärung gefunden.

Sie passt auf ein Hausdach.
Die Frage ist, ob die Politik ihre wiederfindet.
Bevor sie wieder muss.

Und bevor wir erneut lernen, dass Abhängigkeit erst dann ernst genommen wird, wenn sie weh tut.

Wir haben den Krieg erklärt :-)

Das Wasser lügt nicht.

Einige Gedanken und Erinnerungen nach den abendlichen Nachrichten.

Ich sitze im Kajak. Vor mir die Ems. Ebbe, leichter Gegenwind.
Kein Netz, kein Nachrichtenstrom, kein Streit. Nur die Frage, ob mein Paddelschlag sitzt.

Das Wasser interessiert sich nicht für meine Meinung. Es war Äonen vor mir da und wird auch noch lange nach mir da sein.

Es reagiert nicht auf Lautstärke. Es lässt sich nicht überzeugen.
Es kennt keine Likes, keine Punkte für Bekanntheit oder Schlagfertigkeit.
Entweder ich paddele richtig oder ich treibe ab.
Entweder ich lese die Strömung oder sie liest mich.

Diese Ehrlichkeit beim Kajakfahren ist brutal.
Und sie fehlt mir in vielen Debatten, die wir gerade führen.

Wir verhandeln Wirklichkeit, als wäre sie verhandelbar.
Wer am lautesten spricht, gilt als stark.
Wer sich am schnellsten empört, als wählbar.
Wer den anderen moralisch niedermacht, als überlegen.

Aber nichts davon ändert die Strömung.

Ich bin viele Jahre so unglaublich gerne Seekajak gefahren.
Nicht als Sport. Als Zustand, als Ausgleich, fast als Meditation.

Diese unmittelbare Verbindung, Körper, kleines Boot, Wasser.
Jede Bewegung hat eine Antwort.
Keine Verzögerung. Kein Filter. Keine Interpretation.

Freiheit beim Paddeln entsteht dort nicht durch Unabhängigkeit,
sondern durch Übereinstimmung.
Ich habe mit diesem kleinen Boot und alleine auf dem Wasser Dinge verstanden, die sich an Land schwer erklären lassen.

Vielleicht auch deshalb irritiert mich der Kontrast so sehr.
Ich habe beruflich mein Leben lang mit den größten Schiffen gearbeitet, die Menschen bauen können.
Schwimmende Städte. Präzision, Planung, Macht.

Und doch war ich selten so nah an der Wirklichkeit
wie in diesem schmalen Boot, das nichts verzeiht.

Ich vermisse das so sehr. Es fehlt mir. Wirklich!
Nicht nur die Bewegung. Nicht nur die Stille (obwohl sie paradiesisch ist). Sondern diese Form von Ehrlichkeit.

Auf dem Wasser gibt es keine Ausreden.
Wenn ich den Wind falsch einschätze, zahle ich den Preis, mit Kraft, mit Zeit, manchmal mit Risiko.
Wenn ich die Welle nicht lese und akzeptiere, kentere ich.
Niemand diskutiert das weg. Niemand gibt mir recht, nur weil ich es lauter sage oder das Element anbrülle.

Ich denke daran, wenn ich sehe, mit welcher Gewissheit über Dinge gesprochen wird, die kaum verstanden sind.
Wie Komplexität zum Makel wird.
Wie Nachfragen als Angriff gilt.

Das Kajak zwingt zur Demut.
Nicht zur Unterwerfung, zur Demut.

Demut heißt. Ich erkenne an, was größer ist als ich.
Ich lese, bevor ich urteile.
Ich passe mich mit meinem kleinen Boot an, nicht aus Schwäche, sondern weil die Realität manchmal stärker ist als meine Wünsche.

Das ist keine Esoterik, kein Naturbild.
Das ist Handwerk.

Und es ist genau das, was fehlt, wenn Haltung zur Pose wird.
Wenn Lautstärke ersetzt, was eigentlich Beobachtung sein müsste.

Nicht wer am lautesten ruft, versteht.
Sondern wer das Wasser und seine Gesetze akzeptiert.

Ich bin wirklich kein besserer Mensch, weil ich Kajak gefahren bin. Aber vielleicht hat es mich etwas ehrlicher gemacht.
Es hat mir gezeigt, was trägt und was nur behauptet.

Vielleicht brauchen wir nicht mehr Stimmen.
Nicht noch ein Argument. Nicht noch ein Urteil.

Vielleicht brauchen wir Momente,
in denen nichts zwischen uns und der Wirklichkeit steht.

Nur Wasser.
Und die ehrliche Bewegung darin.

Das Wasser lügt nicht.

Wer satt ist kauft kein zweites Mittagessen

Eine Waschmaschine und eine Lektion in Wirtschaft

Vor ein paar Tagen im Geschäft.
Ein Mann und seine Frau stehen vor einer Waschmaschine.
Nebenbei höre ich, wie er dem Verkäufer strahlend erzählt das er eine Steuerrückzahlung bekommen hat.
Jetzt kann die alte, störanfällige endlich weg.

Ein Satz.
Und darin steckt mehr Wirtschaft als in mancher Talkshow.

Das Geld kommt zurück und es bleibt nicht liegen.
Es wird ausgegeben. Sofort.
Für ein Gerät, das jemand produziert hat.
Verkauft von jemandem, der davon lebt.
Transportiert, installiert, bezahlt.

Ein Kreislauf. Direkt. Sichtbar.

Stell dir vor, du gibst zehn Menschen je hundert Euro.
Fünf davon haben gerade genug zum Leben. Die kaufen morgen ein.
Zahlen Miete. Tanken.
Das Geld ist übermorgen wieder draußen in der Wirtschaft.

Die anderen fünf haben bereits alles, was sie brauchen.
Ein Teil des Geldes wird investiert. Ein Teil bleibt im System der Vermögenswerte.
Es arbeitet, aber viel langsamer.
Indirekter. Leiser.

Beide Gruppen bekommen dasselbe.
Nur eine setzt es sofort in Bewegung.

Und trotzdem hält sich hartnäckig die Idee des sogenannten Trickle-down.
Gib oben mehr, entlaste die Vermögenden und unten kommt etwas an.
Klingt plausibel.
Klingt nach Physik.
Klingt nach Naturgesetz.

Das ist nicht völlig falsch.
Aber es funktioniert nur unter Bedingungen, die heute oft nicht mehr gegeben sind.
Es ist immer öfter ein Märchen.
Und eines der hartnäckigsten, die die Wirtschaftspolitik kennt.
Und wie alle guten Märchen hat es einen Kern, der sich wahr anfühlt.
Wer investiert, schafft Arbeitsplätze. Wer Kapital hat, setzt es ein.
Wer Steuern spart, hat mehr zum Reinvestieren.
Stimmt.
Manchmal. Unter bestimmten Bedingungen.
In einer anderen Zeit.
Was die Daten zeigen, seit Jahrzehnten, in allen entwickelten Volkswirtschaften, ist etwas anderes.
Die Reichen werden reicher.
Die Mitte stagniert, steht auf der Stelle während alles teurer wird.
Die Armen werden immer ärmer.

Die Ungleichheit wächst.
Das Vermögen wächst viel schneller als die Einkommen.

Was dabei oft und gern von den zahlreichen „Fachleuten“ übersehen wird…

Eine Wirtschaft lebt nicht vom Vermögen allein.
Sie lebt von Bewegung.

Wenn immer mehr Kaufkraft oben gebunden wird und unten fehlt, dann verlangsamt sich genau diese Bewegung.
Dann fehlt Nachfrage. Dann fehlen Impulse. Dann fehlt Dynamik.
Das ist kein moralisches Argument.
Es ist ein ökonomisches und keine Neiddebatte.

Eine Entwicklung, die die Mitte schwächt und die unteren Einkommen unter Druck hält, ist kein solides Fundament für Wachstum.
Sie macht eine Volkswirtschaft anfälliger, träger und am Ende ärmer an Möglichkeiten.

Die entscheidende Frage ist deshalb keine Frage des Neids.
Sondern eine Frage der Wirkung.

Wo entfaltet ein Euro die größte Kraft? Die Antwort ist schlicht.
Und sie ist seit Jahrzehnten dieselbe.

Wer satt ist, kauft kein zweites Mittagessen.

Wer satt ist kauft kein zweites Mittagessen

Gedenkfeier Buchenwald – Rede von Hape Kerkeling

Lieber Hape Kerkeling.

Was für eine Rede bei der Gedenkfeier….

Die Rede im Wortlaut

Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Überlebende,

wenn ich heute durch das Tor von Buchenwald gehe, dann tue ich das nicht als öffentliche Person, sondern als Enkel eines Überlebenden. Ich gehe den Weg, den mein Großvater, Hermann Kerkeling, ab dem 2. Juli 1942 gehen musste. Er war kein Mann der großen Worte, aber ein Mann der Tat. Ein Zimmermann aus Recklinghausen, der zupacken konnte, der Strukturen schuf, der mit seinen Händen arbeitete. Er war ein Mensch, der schlichtweg nicht bereit war, wegzusehen, als die Dunkelheit über Deutschland hereinbrach.

Doch am 2. Juli 1942 wurde er zur Nummer 6177. Ein sogenannter „politischer Häftling“. In den Augen des faschistischen Apparats war er ein „Hochverräter“. Hier wurde er gefoltert, gedemütigt und wurde Zeuge unzähliger Morde. Dass er diesen Wahnsinn überlebt hat, ist ein Wunder.

Für mich steht sein „Hochverrat“ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit.

Mein Opa Hermann hatte unmittelbar nach der Machtergreifung im Jahre 1933 Flugblätter gegen Hitler verteilt. Er hat nicht geschossen, er hat nicht sabotiert – er hat lediglich die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt. Das kostete ihn zwölf Jahre seines Lebens.

Zwölf Jahre! Denken Sie kurz darüber nach.

Was haben Sie in den letzten zwölf Jahren getan? Sie haben Kinder großgezogen, Karrieren verfolgt, geliebt, gelebt.

Hermann saß in Haft, zunächst in der sogenannten „Hölle von Recklinghausen“, in diversen Zuchthäusern und schließlich hier, auf dem Ettersberg.

Mein Großvater musste hier in der Effektenkammer seine Zwangsarbeit verrichten. Im Maschinenraum der Entmenschlichung. Er musste den Raub an seinen Mitmenschen verwalten. Uhr, Ehering, Brille, Brosche, Gebiss – alles wurde registriert, als handele es sich um bloße Lagerware.

Hier liegt eine der bittersten historischen Lehren… Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss; sie beginnt dort, wo Menschen nur noch Nummern in einer Statistik sind, wo das Mitgefühl der Buchhaltung weicht und das Gewissen der sinnentleerten Gehorsamspflicht.

Als mein Großvater hier heute vor 81 Jahren, 1945, befreit wurde, war er 44 Jahre alt. Körperlich ein gebrochener Mann, geplagt von Krankheiten, die ihn nie wieder verlassen sollten; von einer tiefen Müdigkeit, die keine Nachtruhe der Welt heilen konnte. Eine echte Wiedergutmachung hat er nie erhalten; man hat ihn nach dem Krieg mit ein paar Mark abgespeist.

Und das Bitterste: Die Aufhebung seines Unrechtsurteils wegen „Hochverrats“ hat es zu seinen Lebzeiten nie gegeben. In den Augen der Bürokratie blieb der Verfolgte ein Vorbestrafter.

Aber das Schwerste für uns als Familie war sein bleiernes Schweigen. Dieses dröhnende Schweigen war wie eine Mauer aus Glas, die seine Seele umgab. Wir – seine Familie – konnten ihn sehen, aber wir konnten ihn nur selten erreichen. Vielleicht wollte er uns schützen? Er wollte nicht, dass die grausame Kälte und der blinde Hass dieses Ortes in unsere warme Wohnstube in Recklinghausen kriecht.

Viele der Überlebenden der Nazi-Diktatur haben für sich den Weg des Schweigens gewählt. Das mag uns Erben eine Ahnung vom Horror des Durchlebten geben. Es war und ist unbeschreiblich und unsagbar.

Wir, die Bürger der Bundesrepublik Deutschland, tragen keine Schuld an den Taten von damals. Aber wir tragen die Verantwortung für die Konsequenzen dieser Taten im Hier und Jetzt.

So etwas wie eine „Gnade der späten Geburt“ gibt es nicht, es gibt nur die Pflicht der späten Erkenntnis. Wer heute behauptet, die Geschichte des Faschismus in Deutschland sei ein abgeschlossenes Kapitel, der hat nicht verstanden, dass die bösen Geister von damals nicht in den Ruinen von Buchenwald geblieben sind.

Sie warten darauf, in verunglimpfender Sprache, bösartiger Hetze, im dumpfen Ressentiment und in der alltäglichen Gleichgültigkeit wieder geweckt zu werden.

Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt.

Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen! Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 1 des Grundgesetzes ist die direkte, in Stein gemeißelte Antwort auf Buchenwald. Er ist die Antwort auf die Effektenkammer, auf die Selektion, auf die Vernichtung von Menschen.

Am Tor von Buchenwald steht dieser furchtbare Satz: „Jedem das Seine“. Die Nazis meinten damit: Den Häftlingen den Tod, uns die Macht. Aber wir, die Nachfahren, wir deuten das heute um. „Jedem das Seine“ bedeutet für uns: Jedem Menschen seine unveräußerliche Würde. Jedem Menschen seine Freiheit. Jedem Menschen sein Recht, so zu sein, wie er ist – egal, woher er kommt, woran er glaubt oder wen er liebt.

Ich habe lange gebraucht, um über das Schicksal von Opa Hermann zu sprechen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. Wir, die Nachfahren der Überlebenden, müssen die Wächter der Erinnerung sein – nicht aus Bitterkeit, sondern aus tiefer Liebe zur Freiheit.

Demokratie ist kein Geschenk, das man einmal erhält und dann besitzt; sie ist ein Versprechen, das jede Generation aufs Neue gegen die Bequemlichkeit des Wegsehens verteidigen muss.

Opa Hermann hat geschwiegen, um seine Familie zu bewahren. Ich spreche heute, um ihn und alle Opfer, die hier litten und starben, zu ehren. Und ich bitte Sie alle: Sprechen auch Sie. Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt. Denn die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das „Nie wieder“ kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass ist.

Gedenkfeier Buchenwald – Rede von Hape Kerkeling

Moin

Moin.
Vier Buchstaben.
Ein Laut. Eine Welt.
Bei uns im Rheiderland ist das kein Gruß, das ist Luft.
Morgens, mittags, abends.
Moin beim Bäcker.
Moin über die Hecke oder den Zaun.
Moin beim dritten Treffen am selben Tag.

Keine große Geste.
Kein Aufhebens.

Einfach Moin.

Ich sehe dich.
Du gehörst dazu.

Ich bin viel herumgekommen.
Andere Länder.
Häfen, Werften, Konzernzentralen, Parlamente.

Überall gibt es Grüße.
Aber so etwas wie das Rheiderländer Moin habe ich nirgends gefunden.

Diese Tonlagen.
Das gedehnte Moin, wenn Zeit ist.
Das knappe, wenn es schnell gehen muss.
Das leise, wenn jemand etwas trägt.

Wer das Moin kennt, braucht keine großen Worte.

Und doch verändert sich etwas.
Nicht laut.
Nicht plötzlich.
Aber spürbar.

Die Stille im Laden.
Der Blick aufs Handy, wenn jemand entgegenkommt.
Das Nicken, das früher ein Moin war.

Gemeinschaft wird zur Option.
Nicht mehr zur Selbstverständlichkeit.

Und dann sind da die anderen.

Die Neuankömmlinge.
Sprache noch unsicher.
Der Klang noch fremd.
Und einige sagen tatsächlich…
„Moin.“
Fröhlich.
Mit Akzent.
Ein bisschen schief.
Aber genau richtig.
Weil sie verstanden haben, worum es geht.

Das ist der Spiegel.

Vielleicht liegt es daran, dass wir gelernt haben, uns anders wichtig zu machen.
Sichtbarer. Lauter. Einzelner.
Und dabei etwas verlieren, das leise war und gerade deshalb so stark.

Vielleicht merken wir erst, was dieses kleine Wort bedeutet,
wenn es noch seltener wird.

Moin ist Heimat.

Und für viele, die hier ankommen und es lernen, ist es das immer noch.

Vielleicht sollten wir es einfach wieder öfter oder immer wieder sagen?

Moin

Der Stein in der Seele

Kein Verfahren, kein Urteil, keine Reue, keine Sühne.
Die Justiz hat die Tür zugemacht.
Was bleibt, ist ein Stein in der Seele.
So hat sie es genannt.
Mal ist dieser glühend heiß vor Wut.
Mal eiskalt vor Trauer und Verzweiflung.
Und ich saß da.
Hörte zu.
Und spürte, wie schwer dieser Stein ist.

Ich bin kein Therapeut.
Und wir haben beim WEISSEN RING keine Therapieplätze zu vergeben.
Was wir haben, ist Zeit.
Und eine klare Haltung.
Kein Mensch soll und darf mit diesem Stein in der Seele allein bleiben.

Leid verschwindet nicht, nur weil man darüber spricht.
Manchmal braucht es etwas, das man greifen kann.
Den schlimmen Gedanken eine Form geben, sie aufschreiben.
Sie aus dem Kopf holen.
Sie an einen Ort geben.
Und dann, loslassen.

Ich schlage vor, – schreiben Sie diese Gedanken auf einen Zettel.
Und werfen sie weg.
In einen Mülleimer.
Eine Kleinigkeit. Keine Therapie.
Und trotzdem meldet sie sich später und sagt ….
„Schon etwas befreiend.“
Leise Worte. Vorsichtig. Tastend.
Aber für jemanden, dem als Kind unendliches Leid angetan wurde
und dem später auch noch die Gerechtigkeit verwehrt blieb,
sind das große Worte.
Da ist etwas in Bewegung.

Der Stein ist noch da.
Aber er ist nicht mehr unantastbar.
Nach den Gesprächen mit uns bekommt er Risse.

Dass wir auf solche einfachen Schritte zurückgreifen müssen, ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass echte Hilfe oft nicht erreichbar ist.
Zu lange warten. Zu wenig Plätze. Zu viele Hürden.
Das ist die eigentliche Schande.
Nicht der Zettel.
Nicht der Mülleimer.
Sondern die Lücke dazwischen.

Und genau in diese Lücke springen wir.
Gemeinsam.
Nicht mit großen Worten.
Sondern mit Zuwendung und manchmal mit einem beschriebenen Zettel,
der in einen Mülleimer fällt.

Der Stein in der Seele

Den Kopf heben – ein Gespräch…

Die beiden hatten sich bei mir direkt gemeldet.
Weil sie Artikel im Internet gelesen hatten. Irgendwann einen Text zu viel,
der sie nicht losgelassen hatte.

So fangen manche Dinge an.

Der Bildschirm zeigt zwei junge Gesichter.
Neugierig. Wach. Ein bisschen unsicher, was sie erwartet.

Ich auch.

„Herr Bloem, wir haben Ihre Beiträge gelesen und das Sie immer auf der Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind. Jetzt interessiert uns „Was machen Sie da eigentlich genau?“

„Wir begleiten Menschen, die Opfer von Kriminalität geworden sind.
Wir sitzen neben ihnen, wenn sie durch die Hölle gehen — und sorgen dafür, dass sie nicht allein sind.“

Stille.
Man sieht die Gedanken hinter der Stirn.

„Wie lange?“

„Manchmal kurz. Manchmal aber auch Jahre.
Wichtig ist vor allem anderen. Die Betroffenen wissen, wir sind da.“

„Und das Ganze ehrenamtlich?“

„Ja.“

Ein Blick zwischen den beiden.

„Seit wann machen Sie das?“

„Seit 2022.“

„Und davor?“

„Fast fünf Jahrzehnte in der Industrie, auf der Meyer Werft.“

Sie lachen. Offen. Überrascht.

„Und jetzt — statt Rente?“

„Nein. In der Rente.“

„Aber… warum? Sie könnten doch diese Zeit einfach genießen.“

„Ich genieße das.“

Die beiden schauen sich verdutzt an. Ohrenbetäubende Stille.

Das hatten sie nicht erwartet.

„Haben Sie das studiert? Sozialarbeit, Jura?“

„Ich habe Schiffbauer gelernt.“

Jetzt lachen sie richtig. Schauen ungläubig.
Und dann werden sie wieder ernst.

„Und wenn jemand anruft? Wenn jemand wirklich in Not ist?“

„Dann höre ich zu. Erst mal nur das.
Und dann schaut man gemeinsam, was möglich ist.“

Ich erzähle (ohne die Vertraulichkeit zu brechen) von einer Klientin.
Gewalt. Viele viele Jahre. Dunkle Zeiten.
Behörden, die Formulare schicken statt zuzuhören.

Die Gesichter der beiden verändern sich. Das Lächeln verschwindet.

Stille.
„Das ist… eigentlich unvorstellbar.“

„Ja. Aber so ist es – meistens.“

„Und das macht Ihnen nichts aus?“

„Doch.
Und das soll es auch.
Der Tag, an dem es mir nichts mehr ausmacht, an dem Tag höre ich auf.“

Wieder Stille.

„Wir haben uns das eher als Projekt vorgestellt. Für ein Jahr vielleicht.“

„Das geht,- antworte ich. Aber bei der Opferarbeit braucht man oft einen langen Atem.
Und die die diese Arbeit annehmen, – bleiben oft länger.
Nicht weil sie müssen, sondern weil sie verstehen.“

„Und man bekommt nichts dafür?“

„Man gibt etwas.“
Lebenszeit, Energie, Kraft….

Sie schauen sich an.

„Und trotzdem.“

„Und trotzdem.“

Am Ende lehnt sich eine von ihnen näher zur Kamera.

„Wir müssen darüber nachdenken, Herr Bloem.
Das war… anders als gedacht.“

„Wie habt ihr es euch denn vorgestellt?“

„Äääähm ….. vielleicht etwas leichter und etwas ….offizieller.“

Wir alle lachen.

Dann friert das Bild kurz ein.
Und sie sind weg. Digitales Deutschland 😦

Ich bleibe noch einen Moment sitzen und hoffe ich habe etwas bewirkt.

Zwei junge Gesichter.
Staunen.
Und die Frage, warum man so etwas tut.

Sie hatten sich gemeldet wegen ein paar Texten.
Weil irgendetwas sie nicht losgelassen hatte.
Das ist keine Kleinigkeit.

Und ich nehme etwas mit aus diesem Gespräch.

Dass alte weisse Männer (auch wenn sie üblicherweise viel Unsinn in der Welt anstellen) doch auch noch anders wirken können 🙂

Dass vieles von dem, was Ehrenamt trägt, kaum sichtbar ist.
Nicht weil es klein wäre — sondern weil es leise ist.

Und dass die Bereitschaft da ist.
Junge Menschen wollen sich engagieren.
Aber anders.
Vielleicht nicht gleich für Jahre.

Vielleicht liegt die Herausforderung nicht bei ihnen.
Sondern bei uns.
In der Art, wie wir Engagement denken.

Vielleicht müssen wir lernen, es in Etappen zu ermöglichen …..
ohne es kleiner zu machen.

Vielleicht sollte ich das öfter erklären.

Nicht für sie.
Für uns.

Den Kopf heben – ein Gespräch…