Ich bin ein Zukunfts Junkie

 

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Zukunft ist eine Entscheidung!

Stapelweise bekomme ich Einladungen zu Zukunftskonferenzen.
Corona scheint hier wirklich als Aufputschdroge zu wirken.

Einige Beispiele:

  • Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.
  • Corona als Chance.
  • Disruption jetzt
  • ………

Ja – ich bin ein Zukunfts Junkie.

Jeden Tag denke ich darüber nach, wie unsere Zukunft wohl aussehen mag. Warum treibt mich dieser Gedanke um? Weil dort das Leben meiner Kinder und unserer Enkel stattfinden wird? Weil Eltern und Großeltern stets so denken?

Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit. Sie ist vorbei, lässt sich nicht mehr beeinflussen. Wir existieren nur noch vorübergehend im Heute, aber wir alle leben miteinander in der Zukunft.

Mein ganzes Leben war geprägt von der Neugier und Vorfreude auf die kommende Zeit. Daher finde ich es schlimm, wie belastet der Begriff Zukunft geworden ist.
Wann habt ihr das letzte Mal bei Zukunftsdiskussionen eine überwiegend positive Erwartungshaltung zur der vor uns liegenden Zeit erlebt? Sie ist sehr selten geworden, nicht wahr?

Meine Zukunft lasse ich mir nicht vorhersagen.
Nicht von den Anhängern einer düsteren, dystopischen oder apokalyptischen Vorhersehung. Aber auch nicht von Tech Gurus die wie Priester die zukünftigen Techniken als Erlöser allen Mühsals anbeten.
Scheinbar feststehende Megatrends werden bei Zukunftskonferenzen an die Wand geworfen. Manchmal skizzieren sie das Ende der Welt oder als Gegenentwurf unsere Erlösung durch technologische Revolutionen.
Beide Szenarien gleichen sich in der Gedankenrichtung. Sie lassen sich von einem linearen Denken bestimmen.

Modische Wörter fliegen durch die Luft. Disruption, Zerschmetterung des Heute, Veränderung, revolutionäre Individualität, Schnelligkeit, Mobilität, Globalisierung. Alles voller Füllwörter, Worthülsen, Kampfbegriffe in tausenden von Vorträgen.
Irgendwann im letzten Jahr, auf einer solchen Erweckungsveranstaltung, reichte es mir. Ich stellte die Glaubensgrundsätze in dem Vortrag mit einem lauten NEIN in Frage.

Prognosen, Trends und Erkenntnisse sind wichtige Hinweise für unsere Zukunft. Nicht mehr und auch nicht weniger. Prognosen sind nur Optionen. Sie zeigen Alternativen. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Mein nicht ganz so kurzes Leben lehrte mich, das Entwicklungen fast nie linear sind.
Unser Leben und die meisten Entwicklungen auf unserem Planeten, verlaufen seit Urzeiten in Kurven. Sie entwischen unseren Blicken mit wilden Sprüngen, manchmal machen sie sogar Rückschritte.
Doch die angesprochenen Megatrends wollen mehr sein als nur Möglichkeiten. Sie leben von ihrer scheinbaren Alternativlosigkeit und wollen unsere Erfahrung eines oftmals unkalkulierbaren Lebens vergessen machen.

Eine Armee von Rednern und Beratern leben von der Illusion linearer, also vorhersehbarer Szenarien. Würden sie gebucht werden wenn sie bei ihren Vorträgen auf Möglichkeiten, auf alternative Wege von Entwicklungen hinweisen würden? Wohl kaum?! Viele Zukunftsgurus sind wie die Hellseher früherer Jahrmärkte.
Nur benutzen sie heute Power Point und Laptops statt Glaskugeln.

Zukunft entwickelt sich eben nicht linear, lässt sich nicht in Tabellenkalkulationen erfassen oder von Algorithmen steuern! Zukunft überkommt uns nicht wie ein Tsunamie. Zukunft wird von uns entschieden! Durch unser Handeln oder auch durch Unterlassungen.

Wenn ich Zukunftsdebatten erlebe, verwende ich ein einfaches Mittel für die „Füllwörter und Bullshitkontrolle“.

Hier einige beispielhafte vergleichende Tipps:

  • Wenn Ihr ein Vorstellungsgespräch habt, Eure Arbeit und Lebenszeit verkaufen wollt (also Arbeitgeber seid), dann hört euch die Gegenüber genau an. Sprechen diese nur über sich selber, die Erwartungen an Euch, die einzuhaltenden Regeln und stellen sich selber und nicht euch in das Zentrum ihres Interesses – lasst es bleiben! Es ist nicht Eure Zukunft! Ihr landet in einem Zombie Betrieb.
  • Trefft ihr auf Menschen, mit denen ihr euer Leben verbringen wollt, passt gut auf. Dreht sich deren Tun, Denken und Handeln hauptsächlich um sich selber? Reden sie unentwegt über ihre Erlebnisse, ihre Gedanken und Pläne und steht nicht ihr im Zentrum des Interesses (und zwar dauerhaft), dann lasst es sein. Es ist nicht eure Zukunft!
  • Wenn ihr Politiker wählen wollt, hört ihnen genau zu. Wenn sie sich nur um sich selber und ihre Partei drehen, ihre Programme ihre Wünsche, ihre Ideen, ihre Schwerpunkte und sie euch nicht zuhören – wählt sie nicht. Sonst geht es euch wie den Amerikanern, den Brasilianern, den Ungarn oder den Russen.
    Ihr wählt mit diesen Leuten nicht eure gute Zukunft!
  • Und wenn vermeintliche Fachleute von Zukunft sprechen, hört genau hin. Dreht sich deren Zukunftsbild nur um Technik, um Entwicklungen und Trends, bei denen ihr nicht das Gefühl habt, das dies euch berührt, ihr euch nicht darauf freuen könnt, dann ist dies nicht Eure Zukunft.

Löst euch von linearen und scheinbar alternativlosen Zukunftsentwürfen. Beschäftigt euch vor allem damit, was ihr für euch und eure Lieben von der Zukunft erwartet. Und wenn ihr dies herausgefunden habt, dann arbeitet mit aller Kraft daran, genau diese Zukunft umzusetzen.

So werdet ihr auch Zukunfts Junkies.

Ich bin ein Zukunfts Junkie

Gemeinsam so blöd

2020-05-12_13-37-09.jpegManchmal werden wir Menschen auf diesem Planeten mit unvorhersehbaren Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert. Erschreckend oft wird dann deutlich, wie viele Mitglieder der selbsternannten „Krone der Schöpfung“, leider immer noch extrem einfältig und kurzsichtig sind.

Momentan gibt es zwei Pandemien.
Das Corona Virus ist schlimm, die Flut an Verschwörungsphantasien aber nicht minder.
Zehntausende Menschen sterben in vielen Ländern dieser Welt in überfüllten Krankenhäusern. Und hier demonstrieren hirnlose Spacken gegen die verordnete Vorsicht. Es ist einfach unglaublich!
Um politisch korrekt zu bleiben, hier der Zwischensatz:
„Natürlich hat jeder das Recht zu demonstrieren. Das Handeln der Regierung kann jederzeit kritisch hinterfragt werden. Und selbstverständlich ist es jedem unbenommen, seine Ablehnung gegen Auflagen zu zeigen. Zugespitzte und harte Kritik ist in unserer Demokratie erlaubt und erwünscht.“

Unverantwortlich.
Doch ein Protest, bei dem man andere Menschen in Gefahr bringt, ist erbärmlich und absolut unverantwortlich. Wenn durch individuelles, stures und uneinsichtiges Verhalten, die Gesundheit von Polizisten, von Älteren oder anfälligen Menschen riskiert wird, ist dies inakzeptabel.
Ich schaue mir die Corona Demos an und frage mich woher diese unerklärliche, unsägliche Wut kommt. Auf vielen Gesichtern der Demonstranten liegt überschäumender Hass, fast Fanatismus.
Ich bekomme Zweifel, ob diese Menschen eine solche Toleranz wie jene, die sie für sich einfordern, auch anderen entgegenbringen würden?

Wenn moderne Wutbürger die Regeln der solidarischen Gemeinschaft individuell in Frage stellen, müssen sie sich auch harter Kritik stellen und diese aushalten!
Diese bunten irrlichternden Demo Truppen sind erschreckend unverantwortlich. Dicht an dicht, ohne Distanz, halten sie Schilder mit merkwürdigen Botschaften hoch. Überall sehen sie Verdächtiges und Verschwörungen.
Bill Gates hat die WHO gekauft – aha! Es gibt keine Pandemie – (ob die 80.000 verstorbenen Amerikaner dies auch so sehen?) Flugzeuge sprühen Chemie am Himmel. Das Corona Virus wird durch Funkmasten verbreitet usw usw. So eine Menge an gequirltem Blödsinn ohnegleichen.

Ernsthaft?
Einen Lachanfall löste bei mir gestern einer der interviewten Demonstranten aus.

Zitat: „Ich informiere mich nicht mehr bei den Mainstreammedien (Fernsehen/ Zeitungen) sondern im Internet. Da bekomme ich alle Informationen und kann über die weltweite gigantische Verschwörung lesen. (Ein Blick in die Kamera und ein Appell….) Fangt an zu denken“.

Wikipedia Übersetzung von Verschwörung:
Eine Verschwörung ist eine geheime Zusammenarbeit mehrerer Personen zum Nachteil Dritter.

Na so was? Das ist dann doch mal eine innovative Verschwörung, die da Milliardenfach von allen Deppen im Internet zu lesen ist?!

Wie naiv muss man eigentlich sein, um so einem Verschwörungsschwachsinn aufzusitzen?
Früher dachte man, nur einige wenige wissen Bescheid und viele andere tappen blind hinterher. Doch das Internet hat alles verändert.

Massenhafte Besserwisserei 
Früher stressten Amateurbesserwisser am Stammtisch oder auf dem Fußballplatz.
Heute ergießen vermeintliche Internet Genies, ihre gedanklichen Absonderungen in die asozialen Medien. Sie verbreiten ungeprüft alles, wenn es nur ihrem Weltbild und ihrer jeweiligen Paranoia entspricht.
Sie misstrauen und bezweifeln wissenschaftliche Fakten und durch harte Arbeit erworbenem Wissen.
Diese Demos gegen ein Virus (!!) und seine Folgen, sind so völlig sinnentleert wie die ebenso idiotischen Pegida Demos.
Die Botschaften auf Bannern, Transparenten und in den Reden bei diesen Demos erreichen zwar einerseits den Humorlevel einer durchgeknallten Satiresendung.
Doch andererseits sind bei einigen dieser Mitmenschen die Gehirnwindungen gefährlich verknotet.

Geht gar nicht!
Wenn diese Hansels bei ihren Hygiene Demos auf Schildern die wohlbegründeten Ausgangsbeschränkungen zum Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft, mit dem Dritten Reich in Verbindung bringen, dann könnte ich mich erbrechen. Sagt mal, hakt es da oben irgendwie?

Neueste Erkenntnisse zeigen, dass der Virus offenbar auch die Blut Hirn Schranke durchbrechen kann. Sollte man bei diesen Corona Demonstranten vielleicht einmal ausgiebig testen, was dieses Virus dort eventuell schon angerichtet hat?

Uns geht es allen derart gut. Wir haben alles. Im Vergleich mit den meisten Ländern dieser Welt leben die meisten von uns immer noch in paradiesischen Zuständen.
Auf eine begrenzte Zeit und aus wirklich gutem Grund sollen wir mit unserem Verhalten dem Virus die Existenz erschweren. Was sollen dann solche Hygienedemos?

Was wird bloß aus diesen ganzen „Verquerdenkern“  wenn wir alle realisieren was die Klimaveränderungen und ihre Folgen uns noch an Anpassungen aufzwingen werden. Gegen wen werden denn dann diese Wutbürger demonstrieren?

Gemeinsam so blöd

Selbstverständlichkeiten und Angst

In meiner morgendlichen Presseschau studiere ich, was sich in den nächsten Tagen alles ändern wird. Nachdenklichkeit entsteht.

Wieso kann man die Tugend der verständigen gegenseitigen Geduld in der politischen Debatte nicht mehr länger aufbringen? Die ergriffenen Maßnahmen zur Virusbekämpfung waren hart, politisch heikel, aber notwendig. Bisher waren sie auch erfolgreich.

DEM VIRUS IST ES HERZLICH EGAL

Jeder von uns sehnt den früheren „Normalzustand“ des Lebens wieder herbei.

Doch diese Verhältnisse wird es so schnell nicht wieder geben. Wir bekommen einen Vorgeschmack auf Gegebenheiten die wir weder mit Demos, mit dummen einfältigen Twitter Nachrichten und auch nicht mit klugen Artikeln oder Appellen aus der Welt schaffen können. Da können sich die Verschwörungstheoretiker auf Facebook oder anderen Netzwerken noch so überschlagen.
Dem mutierten Virus ist es herzlich egal.

WIR LERNEN MACHTLOSIGKEIT

Wir machen eine völlig neue Erfahrung. Es werden uns Grenzen aufgezeigt. Wir lernen,  dass es Dinge gibt, die der Mensch nicht, oder nur sehr begrenzt unter Kontrolle hat.

Wir bekommen schmerzhaft demonstriert, dass aus Handeln oder auch dem Unterlassen von Handeln Konsequenzen folgen.

Dies werden wir bei dem Klimawandel noch wesentlich drastischer begreifen müssen. Dieser geht nicht nach einigen Wochen vorbei! Seine Folgen werden völlig unbeeindruckt von Task Forces oder Beschlüssen von Parlamenten oder vermeintlich mächtigen Menschen eintreten. Dies wird Generationen betreffen und unsere Lebensführung für lange lange Zeit betreffen und  tiefgreifend verändern.

Krankheitswellen hat es in unserer Menschheitsgeschichte immer gegeben. Doch durch unser Handeln bringen wir die Gefahren dichter an uns heran. Exotische und völlig sinnlose Wildtiermärkte, Zerstörungen natürlicher Lebensräume und Debalancierung natürlicher Gleichgewichte, kombiniert mit der Globalisierung von Waren und Menschen.  Dies alles sind ideale Bedingungen für die vielen Erreger, die sonst für ihre Reise um die Welt viel länger bräuchten.

VIREN UND NATIONALISMUS SIND TÖDLICH

Eines der größten Probleme bei der Bekämpfung globaler Katastrophen ist neben den mutierenden Viren der gleichfalls wuchernde egoistische Nationalismus. Diese beiden Erreger sind für die Menschheit extrem tödlich und gefährlich. Statt gemeinsamen Lernens, gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Abwehr, glauben viele Staaten einen Virus durch nationalistisches Gehabe beeindrucken zu können.
Die Quittung für dieses dummen und einfältigen Denkens kann man sich in den Krankenhäusern, in Leichensäcken oder Kühllastern anschauen.

ICH HABE ANGST

Ich persönlich gehöre weiß Gott nicht zu den ängstlichen Menschen. Doch eines habe ich in meinem Leben gelernt. Selbstverständlichkeiten gibt es nicht. Im politischen Bereich glauben wir, das Demokratie selbstverständlich ist. Wir sehen aber, wie schnell offene und freie Gesellschaften zerstört werden können, wenn wir unsere Demokratie nicht verteidigen und nicht jeden Tag und an allen Stellen für sie eintreten.

Erstaunlich viele begegnen diesem Virus mit einem Achselzucken. Mit einer fatalistischen Haltung. Irgendwann werden wir das alle, wie eine Erkältung, einmal bekommen haben. Manchmal beneide ich fatalistisches oder stoisches Denken. Vielleicht lebt man so besser und sorgenfreier?

Ich kann das leider nicht. Ich weiß, was es bedeutet, um Atem kämpfen zu müssen. Dieser selbstverständliche Vorgang die Lungen zu füllen, das Leben zu spüren, wird erst dann zum Geschenk, wenn man weiß das es auch anders sein kann.
Mir geht der Fernsehbeitrag mit einem schweißgebadeten Mann im Krankenbett, der die wochenlange künstliche Beatmung überstanden hat, nicht aus dem Sinn.

Ich weiß wie es ist in der Nacht aufzuwachen und manchmal, Gott sei Dank nur einige Sekunden (die sich wie Minuten anfühlen), um Atem ringen zu müssen. Wenn das Herz wie ein Kolben einer Dampflok den Brustkorb mit Panik erfüllt.

Und dies erfüllt mich, ich gebe es zu, mit Angst.

LASST UNS REDEN

Ich kann alle Debatten der letzten Tage nachvollziehen. Wir stehen vor riesigen wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten.

Und ich finde es zwingend geboten, dass wir die gesamten Folgen dieser Krise für uns alle abwägen. Und dass wir Menschen und Betrieben helfen, wo wir nur können.

Auch eine Debatte wie die von Herrn Schäuble, dass das Leben nicht alles andere in den Schatten stellen kann, muss man führen.
Und doch frage ich mich bei den Bildern prallgefüllter Fußgängerzonen, nach dem möglichen Preis für unsere liebgewordenen Freiheiten des Konsumierens und des Freizeitverhaltens.

Sind sie es am Ende wert, dass viele Menschen (oder auch möglicherweise ich selber), in Gefahr geraten, auf Intensivstationen um jeden Atemzug kämpfen zu müssen?
Wie sieht unsere Kosten/Nutzen Rechnung aus, falls doch noch mehrere Wellen dieses Krankheitserregers über uns hinwegbrechen würden?

Herr Schäuble sagt in seinem Aufsatz beim Tagesspiegel, dass nicht der Erhalt des Lebens jedes einzelnen um jeden Preis, sondern der Erhalt der Würde des Menschen (Artikel 1) über allen anderen Grundsätzen steht.

Weitgehend stimme ich ihm zu.
Nicht umsonst ist dieser Grundgesetzartikel mein persönliches politisches Mantra.

Aber – um Freiheit und Würde erleben zu können, muss ich auch leben?!

Selbstverständlichkeiten und Angst

Der weiße Hai im Kopf

Musik tackert Bilder im Kopf fest.

Ich mag gute Filmmusik. Einige Musikstücke lassen für mich die Filme und ihre bedeutensten Szenen lebendig werden.

Ich habe dies selber schon einmal sehr plastisch erlebt.

Die Arbeit als Sonderbeauftragter auf dem alten Gelände der Neptun Werft in Rostock war eine Zumutung. Mein Büro bot einen unglaublich sensationellen Ausblick auf den Rostocker Hafen und versüsste damit lange Arbeitstage. Die Familie war zuhause in Ostfriesland. Der Weg ins Hotelzimmer war wenig verlockend.

Im Sommer des Jahres 1998 erlebte ich in vielerlei Hinsicht eine Superwoche. Erfolgreiche Termine reihten sich aneinander. Wir genossen wundervolles Sommerwetter und die Wessis waren auch noch nicht wie eine Invasionsarmee eingefallen. Auch dieser Mittwoch war warm, richtig heiß gewesen. Am darauffolgenden Tag stand die Besichtigung einer Rohrwerkstatt durch einen interessierten Käufer an. Ich hatte noch einmal kontrolliert, ob alle Vorbereitungen für das Gespräch so wie vereinbart abgeschlossen wurden.

Ein Blick auf die Uhr. 21.00 Uhr – wieder einmal war es spät geworden. Nach einem schweißtreibenden Tag konnte ich mich im Treppenhaus tatsächlich selber riechen.

Das Auto hatte den ganzen Tag auf dem schattenlosen Parkplatz in der Sonne gestanden. Es galt jetzt die Türen zu öffnen und dem herausspringenden Schwall von Saunaluft auszuweichen. Wie blöd war ich eigentlich? Da arbeite ich direkt an der Ostsee und sehe das Meer oft nur bei Besprechungen im Neptun Hotel?

Die Entscheidung war schnell getroffen. Statt in Richtung Stadtmitte drehte ich ab in Richtung Überseehafen und Marktgrafenheide.

Etwa 45 Minuten später, biege ich auf einen geschotterten Dünenparkplatz. Alleine bin ich dort. Über mir spannt sich mittlerweile ein traumhafter, wolkenloser Nachthimmel. Der helle Sand zeigt den Trampelpfad durch die Büsche wie einen Leuchtpfad. Der breite Sandstrand erstreckt sich menschenleer vor mir. Von links streicht der Lichtkegel des Leuchtturms aus Warnemünde über die sanft anrollende schöne Brandung. Es würde den Werbefilmen entsprechen, wenn ich mir auf dem Weg zum Wasser die Kleider Stück für Stück ausgezogen hätte.
Doch das macht ein ordentlicher Ostfriese nicht.

Meine Wäsche stapelte sich zu einem akkuraten Haufen.

Und ein ansonsten etwas prüder Ostfriese braucht so alleine auch keine Badehose.

Das Wasser umspült meine Füße und es ist herrlich angenehm. Der funkelnde Sternenhimmel über dem Meer, das Geräusch der Brandung. Es hätte das Intro zu einem unglaublich kitschigem Film werden können. Mit energischen Schwimmzügen entferne ich mich vom Ufer. Ich drehe mich auf den Rücken und bewundere die Diamanten am Himmel, höre das glucksende Wasser, spüre den sanften Wind, genieße den Frieden.

Und plötzlich beginnt im Kopf die Filmmusik. Dunkel und bedrohlich baut sich eine dramatische Tonfolge auf. Ungläubig registriere ich die gedankliche Lawine, die sich in Bewegung setzt.
Ich sehe eine Frau in glasklarem Wasser. Etwas nähert sich von unten – einen Augenblick später färbt sich das Wasser schäumend blutrot.
Im Ostseewasser bei Marktgrafenheide spielt sich jede Szene aus dem weißen Hai in meinem Kopf in Super Slow Motion ab. Die Entspannung ist vorbei. Ich werde unruhig. Schaue auf und in das plötzlich bedrohlich schwarze Wasser. War es eben auch schon so? Der Verstand schreit protestierend, dass es diese Raubfische in der Brandung in Marktgrafenheide nicht gibt. Es nützt nichts. Wenn mir hier etwas passiert? Kein Mensch in der Nähe. Schnelle Schwimmzüge bringen mich zum Strand und 45 Minuten später, stelle ich mein Auto in der Hoteltiefgarage ab.

Hans Zimmer und ihr Hollywoodkomponisten.
Was habt ihr mit eurer Musik für Schablonen in meinen Kopf getackert 🙂 ?

Der weiße Hai im Kopf

Ledermenschen

Vor einigen Tagen habe ich einen sehr beeindruckenden Bericht über die Alzheimer Krankheit gelesen. Ich versuchte mir vorzustellen, was eine solche Krankheit für mich bedeuten könnte. Hier der amateurhafte Versuch einer Reflexion.

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Die Sonne wärmt meine Hände. Ich betrachte die alte Haut an den Fingern und die  Altersflecken auf dem Handrücken. Waren die schon lange da?

Wie ein Blatt im Herbst fliegt eine Erinnerung vorbei.

In meinem Heimatdorf gab es einige sehr alte Menschen, die aussahen wie Ledermenschen. Wenn sie außer Hörweite waren, haben wir Dorfjungs uns schon mal lustig über sie gemacht. Die Haut dieser Alten war gefaltet und vernarbt wie meine alte Schultasche.
Die Eltern hatten sie von einem fahrenden Händler gekauft.
Diese Ledertasche war mein ganzer Stolz gewesen.

Wann waren denn meine Hände so alt geworden?

Ein klein wenig hatte es geregnet und ich ziehe den unverwechselbar herrlichen Duft der Birken tief in mich hinein. Dieser begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Es ist der Geruch meiner Heimat. Im Frühjahr Sommer und Herbst öffnen die Düfte der Natur die Schließfächer mit Erinnerungen. Sie haben immer den passenden Schlüssel.

Die Sonne wärmt mein Gesicht. Ich schließe die Augen und fühle mich wohl. Gedämpft durch die saftig grünen Büsche und Bäume kriechen Autogeräusche über den Rasen. Der Mercedes war doch ein tolles Auto – wo stand es jetzt auch noch?

Ach da ist er wieder, der Schmerz von Gedanken die ihr Ziel nicht finden und wie rasende Dämonen von einer Ecke meines Verstandes in die andere rauschen.

Immer wieder entsteht dieser Schmerz, wenn ich Gedanken habe, die keinen Anker mehr haben. Wenn sie wie Sturmwolken, herangetrieben werden. Ich weiß wann die Schmerzen kommen.
Sie sind da, wenn ich an meine Frau denke. Ein Name liegt in meinem Geist wie ein verwitterter Gedenkstein. Ein verschwommenes Gesicht wie der suchende Blick durch ein beschlagenes Fenster. Viele Gefühle branden dann hoch wie eine Sturmsee. Sie sind immer unklar, manchmal sekundenlang beängstigend schön. Lange vergessene Bruchstücke von Erinnerungen, die im Kopf herumfliegen wie eine zerfetzte Gardine im Sturmwind.

Kinderlachen auf dem Rasen. Eine junge Frau Arm in Arm mit einer alten Frau, die mir zuwinkt. Woher kennt sie mich? Meine Söhne spielen auch gerne Fußball – und wieder zuckt der Blitz im Kopf. Wie hießen die Jungs auch noch?

Weg ihr Gedanken, bitte keine rasende schmerzende Suche.
In meiner Hand halte ich ein klobiges Mobiltelefon. Unübersehbar große Tasten mit Ziffern und ein Klebeband mit einer Nummer? Lange schaue ich mir diese Nummer an. Was passiert wohl, wenn ich sie wähle?
Ich glaube, dass ich sehr viele telefoniert habe in meinem Leben. Doch mit wem?
Wie Gespenster bewegen sich Schemen in einem dichten wabernden Nebel.
Ich drücke die Tasten. Laut und deutlich hörbar kommt ein Zeichen aus dem Lautsprecher.

Ich schaue der Familie auf dem Rasen zu. Irgendwie entsteht ein Echo tief in mir drin. Doch ich gebe der Verlockung nicht nach. Blitzschmerzen würden mich quälen.
Weiße Schuhe vor mir. Ein junger Mann schaut mich freundlich an. Ist es nicht wunderschönes Wetter, fragt er.

Jetzt gibt es gleich Tee und Kuchen höre ich ihn, während er die Bremsen des Rollstuhls löst.

Ich glaube, ich hatte ein glückliches Leben. Ich schaue den jungen Mann fragend an. Wollen Sie ihrer Frau und ihren Enkeln dort auf dem Rasen noch einmal zuwinken?
Ich verstehe seine Frage nicht und denke an Tee. Ich kann ihn fast spüren und schmecke köstliches mit Käse belegtes Schwarzbrot auf dem Kartoffelacker. Angenehme wohlige Gedanken. Ich bin Kind auf einem Acker in meinem Heimatdorf.

Ledermenschen

Dieser 1. Mai hat Mut verdient!

Der 1. Mai war für mich viele Jahre ein sehr verplanter Tag.
Der Tag der Arbeit war als Pflichtveranstaltung für einen Gewerkschafter fest im Kalender eingetragen. Anschließend ging es zur Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter, wo leckere Torte auf mich wartete.

Der bevorstehende 1. Mai 2020 wird völlig anders sein als je zuvor. Als Folge der Corona Krise schrumpft die Wirtschaft in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Nach vielen Jahren des fortwährenden wirtschaftlichen Wachstums, schauen wir in den fast vergessenen Abgrund einer brutalen Rezession.
Noch vor wenigen Monaten war annähernde Vollbeschäftigung mehr oder weniger unsere Realität. Wir alle diskutierten intensiv über die Möglichkeiten einer Zuwanderung aus dem Ausland, um unsere Wirtschaft arbeitsfähig zu erhalten.
Und innerhalb von nur wenigen Wochen verhindern jetzt 10 Millionen (!!!) Kurzarbeitsmeldungen eine schnell und stark steigende Arbeitslosigkeit. Unglaublich.

Nach Expertenmeinung werden wir in wenigen Monaten fast 500.000 Beschäftigungen verlieren. Es wird zu Verwerfungen und Strukturveränderungen kommen.

Einige wenige Annahmen zu den Krisenfolgen:

Die Automatisierung und die Digitalisierung werden schnell und stark ansteigen. Sie bekommen durch die Krise einen richtigen Schub.
Virenunanfällige Algorithmen werden die Automatisierung in Dienstleistungssektoren, Callcentern, Servicebereichen und bei administrativen Aufgaben in Verwaltungen vorantreiben.

Die konsequent auf Just in Time ausgerichteten instabilen Lieferketten zeigten ihre extreme Störanfälligkeit. Die fatale Abhängigkeit von tagesgenauer Anlieferung war überall spürbar. Viele dieser Strukturen, Transport und Logistikketten werden sich verändern. Angepasste etwas größere Lagerkapazitäten bedeuten weniger zeitgleiche Transporte auf der Straße. Weniger bzw. entzerrte Logistik bedeutet weniger Logistiker?

Die Anzahl von Reisen zu Konferenzen und Ähnlichem wird abnehmen. Vieles lässt sich mit digitaler Technik bewerkstelligen. Die Home-Office-Zeit hat Grenzen aber auch viele Möglichkeiten aufgezeigt.

Die Schulen werden anfangen darüber nachzudenken, ihre Unterrichtsformen durch Module in einer Mischung zwischen Präsenz und Fernunterricht zu organisieren. Dies wird Auswirkungen auf Bildung, Bildungsstätten und Bildungspersonal haben.

Diese Entwicklungen werden nun viel schneller kommen als gedacht oder manchmal befürchtet. Dies mag im ersten Augenblick dystopisch klingen.
Doch wenn wir es klug und mutig anstellen und die richtigen Schlüsse aus dem Zeitenwechsel ziehen, müssen wir trotz der bevorstehenden Probleme nicht starr vor Angst sein. Wir müssen uns nur entschlossen anpassen.

Leider werden wir Arbeitsstellen verlieren. Hoffentlich nicht zu viele und hoffentlich nicht die falschen! Mit aller Macht werden wir um unsere innovativen Betriebe und um die Arbeitsplätze ringen.
Aber wir sollten diese Zeitenwende auch klug angehen.
Es wird eine neue Arbeitsteilung in der Welt und in Europa geben. 

Unser Handeln in der vor uns liegenden Zeit, sollte nicht von blanker Panik und lähmender Furcht, sondern von der Gewissheit geprägt sein, dass uns trotz der Krise die Arbeit nicht ausgehen muss (wenn wir mutig, außergewöhnlich und entschlossen agieren).

Anpassung und Neustart nach einer Krise verlangen die bewusste Entscheidung für Betriebe, Arbeitsaufgaben, Bereiche und Sektoren, die wir gemeinsam schützen und erhalten wollen. (Dazu gehört nebenbei bemerkt auch die aktuell notleidende Kultur).

Mit allen finanziellen Konsequenzen werden wir politisch entscheiden müssen, was an Leistungen für uns als Gesellschaft sozialpolitisch wichtig sind (und nicht nur in Krisenzeiten applaudieren).

Wir werden prüfen müssen, ob und wie wir in einer sich neu formierenden internationalen Arbeitsteilung in unserem Land einfachste Arbeiten aufrecht erhalten können oder müssen. Es wird dabei auch Tätigkeiten geben die zukünftig an anderen Orten oder von anderen Menschen durchgeführt werden.
Bei diesen Strukturveränderungen stellt sich die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen völlig neu und sehr drängend! 

Angesichts der vielen Unsicherheiten und wirtschaftlichen Hiobsbotschaften zögere ich ehrlicherweise auch etwas bei folgendem Satz:

Später als gedacht, werden uns dennoch (!!) die Arbeitskräfte ausgehen.

Die Daten aus den demographischen Entwicklungen und ihre Folgen sind nicht mehr beeinflussbare Entwicklungen.

Die Frage ist, ob die aktuelle Krise uns veranlasst, den so lange verschlafenen Sprung in eine neue, eine andere Arbeitswelt zu wagen?
Diese neue Arbeitswelt wird völlig anders aussehen als jene, in der wir es uns so viele Jahre gemütlich gemacht haben.

Das sind sicherlich provokante und herausfordernden aber auch lohnende Fragen in einer Krisenzeit.
Und ein so außergewöhnlicher 1.Mai 2020 hat etwas Querdenken verdient, oder?

Dieser 1. Mai hat Mut verdient!

Wenn man sie am Schwanz anfasst ….

Gestern habe ich einen Brief geschrieben, dessen Inhalt für mich eigentlich unmissverständlich war. Weil der Empfänger irritiert nachfragte, habe ich die Zeilen noch einmal gelesen. Und tatsächlich, wenn ich nicht gewusst hätte was mich zu dem Text veranlasste, bei mir wären auch Fragen entstanden.
So ist es oft bei der Kommunikation, wenn man vergisst die mögliche Perspektive oder das Wissen des Gegenüber zu berücksichtigen.

Das erinnert mich an eine kleine Geschichte, die mir vor einigen Jahrzehnten von unserem damaligen Senior Chef geschildert wurde.

Auf der Alten Werft wurden in den Pausen allerlei Verkäufe getätigt. Ich habe damals auch Kartoffeln, günstige Butter, selbstgemachten Honig und geräucherten Aal mit nach Hause genommen.

Dann und wann wurden auch frische Makrelen verkauft. Der Verkaufsort war, ich erinnere mich noch gut daran, ein altes Betonfundament am Hafenbecken. Einer der Arbeitskollegen hatte als Verkäufer aber ganz offensichtlich die Haltbarkeit der Fische deutlich überschätzt. Vielleicht wollte er seinen Restposten auch einfach noch verkaufen.
Tags darauf lag im Postkasten des Verwaltungsgebäudes ein Brief.
Laut Herrn Meyer war dieser Brief adressiert an
„Chef Herrn Meyer“.

Im Umschlag ein handgeschriebener Beschwerdebrief, der folgendermaßen begonnen hatte:
Herr Meyer, sie stinken. Wenn man sie am Schwanz anfasst, dann fallen sie auseinander …..“
Aus den folgenden Zeilen sei zwar die Beschwerde über einen unredlichen Umgang durch einen Kollegen sichtbar geworden. Aber erst durch Nachfragen und Recherche wurde deutlich, dass der Briefeschreiber sich über die vergammelten Makrelen, die schon beim Auspacken auseinanderfielen, beschweren wollte.

Fazit:
Der Motor von Kommunikation können auch Missverständnisse sein 🙂

Wenn man sie am Schwanz anfasst ….

Spieglein – Spieglein

Ein Blick in den Spiegel am heutigen Morgen.
Ringe unter den Augen.
Home-Office in der, ich rätsel gerade, wievielten Woche?
Lange Tage. Tage voller intensiver Gespräche, tiefer Nachdenklichkeit, sorgenvoller Überlegungen für alle nur denkbaren Entwicklungen.

Die Gedanken und Träume in der Nacht drehen sich wie in einem Karussell um immer dieselben Dinge. Die so plötzliche entstandene dramatische Situation der Werft.
Die möglichen Folgen, die sich in brutalen Zahlen darstellen, aber sich für mich immer sofort zu Gesichtern, Namen,  Menschen wandeln.

Die Werft dominierte den größten Teil meines Lebens. Nie war es einfach, selbstverständlich oder eindeutig wie der Weg sein würde. Doch wenn es gut lief und das war Gott sei Dank oft der Fall, dann bekamen Menschen Arbeit.
Tolle Arbeit. Sichere Arbeit.

Einige Krisen habe ich mitgemacht und diese nie vergessen. In unterschiedlichen Rollen erlebte ich, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren. Nichts ist schlimmer. Lass das nicht an Dich herankommen – ein Tipp aus den vielen Ratgeberbüchern.
Nur wer kann oder wer will diese Distanz wahren?

Schwere Krisen und ihre Folgen für die Menschen führen zu Verletzungen.
Bei den Menschen die betroffen sind und auch bei denen die darüber entscheiden.
Ich hatte mir geschworen so etwas nie wieder erleben zu wollen.

Und jetzt sorgt so ein Scheiß Virus (Entschuldigung) und seine schlimmen Folgen für die Werft dafür, dass die tief vergrabenen Erinnerungen an vorherige Krisen, wie Monster plötzlich wieder in meinen Gedanken herumgeistern.

Man sagt, dass man in zunehmenden Alter gelassener wird. Dies mag so sein. Doch was die Werft und die Arbeitsplätze der Menschen angeht, gibt es da bei mir wohl irgendwie einen Konstruktionsfehler? Es trifft mich in´s Mark.

Hoffentlich besitzen wir alle, die in Verantwortung stehen, so viel Phantasie, Kraft und Entschlossenheit um die Werft mit aller Macht zu schützen und damit möglichst viele Arbeitsplätze.
Aufgeben das macht man nur mit einem Brief in der Post. Was wir heute in der Wirtschaft an Betrieben aufgeben, ist auf lange Zeit, wenn nicht sogar für immer verloren. Wir müssen uns den Veränderungen dieser Zeit stellen und sie bewältigen.

Wie sagte Charles Darwin:
„Es ist nicht immer die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern diejenige; die am besten auf Veränderungen reagiert!“

So – jetzt geht es in die nächsten Telefonkonferenzen. Mal schauen wie das Spiegelbild morgen aussieht.

Spieglein – Spieglein

Vorsicht vor Erfahrungen

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Gestern hatte mein jüngstes Enkelkind Geburtstag.
Als Großeltern auf Umarmungen, auf Knuddeln und auf Nähe zu verzichten ist schlimm. Meine Frau und ich verhalten uns sehr konsequent.
Doch immer wieder schleicht sich dieselbe Frage heran.

Wie lange noch?

Die sozialen und wirtschaftlich verheerenden Auswirkungen dieser Pandemie sind noch nicht abzusehen. Unser Land und die Gesellschaft werden nach dieser Epidemie anders sein.  Wann und wie werden wir dies spüren und diskutieren?

Noch nie in meinem Leben habe ich so intensiv epidemiologische Modelle verinnerlicht. Orientieren wir uns an den Kurven die allabendlich über die Fernsehschirme fließen, so könnten wir trotz des tragischen hohen Blutzolls dieser Epidemie fast aufatmen.
Wir hätten das gröbste dann fast hinter uns.
Und fast überall entsprechen die Kurven den eingeschlagenen Wegen. Jene die streng waren, haben abflachende Kurven. Die, die dem Leichtsinn, der Dummheit oder Ignoranz verfielen registrieren stark steigende Zahlen.
Die Annahmen stimmen also?! 

Italien, Spanien, New York, die Hotspots der Katastrophe kommen langsam auf den Weg zurück in eine neue „Normalität“.
So soll es sein, weil wir es uns alle so sehr wünschen.

Doch wie immer, wenn ich mir nicht so ganz sicher bin – dafür gibt es doch Bücher – yeah!

Und so verschlinge ich seit Samstag mit zunehmender Ernüchterung das lesenswerte Buch von Laura Spinney
„1918 Die Welt im Fieber“ Wie die spanische Grippe die Gesellschaft veränderte.
Die Entwicklungen zwischen Viren und ihren Wirten ist eine faszinierende, wenn auch gruselige gemeinsame Geschichte.
In dem Buch von Laura Spinney wird der Verlauf der Spanischen Grippe exemplarisch beschrieben. Diese Pandemie kostete mehr Menschenleben als der erste und zweite Weltkrieg zusammen.

Kriegsfolgen werden manchmal über Generationen im kollektiven Gedächtnis bewahrt. Solche Krankheiten kaum.

Die ersten Überlieferungen von Pandemien stammen aus den Jahren 412 v.Chr. in Griechenland (Perinther Husten/ wahrscheinlich Influenza) sowie eine Pockenepidemie in Athen. Geschichtsschreiber berichten von Leichenbergen in den Athener Tempeln.

Auch diese Epidemie trat in mindestens 3 Wellen (430/ 429 und 426 v.Chr) auf. Ebenso der „Schwarze Tod“, die Beulen und die Lungenpest im Mittelalter. Sie schlugen zu, wurden kurzzeitig schwächer um danach umso brutaler nachzutreten. 

Ich habe gelernt, dass fast alle großen Pandemien in unserer Geschichte in Wellen verlaufen sind.

Doch zurück zur spanischen Grippe. Der erste Krankheitsbefall in den Vereinigten Staaten ist für den 04. März 1918 notiert. 500 Millionen Menschen wurden infiziert und bis zum März 1920 tötete die Grippe zwischen 50 – 100 Millionen Menschen. Nach dem ersten Aufflackern der Grippe überschwemmte eine zweite Welle von Oktober 1918 an die Welt. Und im Januar 1919 entstand eine dritte Welle.
Die mit Abstand meisten Toten waren in der zweiten Welle zu verzeichnen.

In gleicher Weise traten die Epidemien von 1957 bis 1960 auf. Als erstes erwischte es Hongkong, dann die Vereinigten Staaten.
Und wieder waren die meisten Toten in der zweiten und dritten Welle zu finden.

Es wird viel über die berühmte Herdenimmunität philosophiert.
Doch die Erkenntnisse aus der Historie zeigen, wie schwer eine solche massenhafte Immunität (so eine solche überhaupt entsteht) zu erreichen ist. Es ist auf der Grundlage der historischen Erfahrungen nahezu unvorstellbar das die aktuellen Lockerungen bei dem Corona Virus nicht zu einer zweiten Welle heranwachsen. Und ich verstehe die Sorgen der Bundeskanzlerin über die vielfachen Lockerungen. Sie als Wissenschaftlerin weiß um diese historischen Erfahrungen.

Was könnte eine solche Entwicklung abschwächen. Warmes Wetter? Die historischen  Wellenförmigen  Epidemien zeigten sich ziemlich unbeeindruckt vom Wetter. Wieso sollte dieses Virus aus einer so uralten Familie anders sein?
Doch auch dann wenn der Sommer eine Rolle spielt, was wäre, wenn die Kopie der alten Ereignisse aufgelegt wird und sich eine zweite Welle mit der saisonalen Grippe im Herbst verbündet?

Ich bin in den letzten Tagen immer nachdenklicher geworden. Was würde ein solches Szenario, ein zweiter Einschlag, eine neuer Lockdown bedeuten? Politisch, wirtschaftlich, kulturell? Wie soll eine hochtourige Gesellschaft wie wir eine sind, dies überstehen?

Unser Wunschfokus ist so sehr auf die Abflachung der Kurve, auf Normalität ausgerichtet. Ich wünschte mir dies auch.
Doch was wäre, wenn Geschichte sich wiederholen würde? Wir vergessen immer öfter das es auch andere Kurven geben könnte.
Die Lektüre von Laura Spinneys Buch zeigt deutlich, dass nach den sich jetzt wieder füllenden Fußgängerzonen auch eine andere Frage entstehen könnte.
Die könnte lauten:

Gibt es eine zweite Welle wie bei allen großen Pandemien?
Wie groß wird sie sein?
Wird ihr noch eine dritte Welle folgen?

Ich bin sehr nachdenklich …..

Vorsicht vor Erfahrungen

Starr vor Angst in der Antonov…

Heute sprachen wir darüber wie wenig Flugzeuge doch aktuell am Himmel zu sehen sind. Dies inspirierte mich, ein Erlebnis in Russland zu schildern!

Als Sonderbeauftragter für die Neptun Industrie in Rostock, hatte ich mich sehr auf den Termin im Spätsommer 1998 in Moskau gefreut.

Im Schlepptau von Ulrike Bohnenkamp, der beeindruckenden Powerfrau aus Bremen, war ich zu einem 3-tägigen Austausch mit russischen Wirtschaftsvertretern und Politikern eingeladen.
Wir hatten die Chance, eine Diskussion über mögliche Kooperationen oder vielleicht sogar kleinere Aufträge zu führen. Ulrike Bohnenkamp und ihre Firma AgS, betreuten zusammen mit einem Kooperationspartner aus Schwerin, Belegschaften ostdeutscher Betriebe. So viele hatten seit der Grenzöffnung ihre alten Auftraggeber verloren und keine neuen hinzugewonnen.

Doch schon unmittelbar nach der Landung in Moskau zerstob die Hoffnung auf eine Stadtbesichtigung der russischen Metropole mit einem einzigen Anruf.
Die Treuhandanstalt hatte zu einem kurzfristigen Termin am darauffolgenden Tag geladen. Und ein Meeting mit der rigiden Treuhandanstalt Chefin B.Breuel hatte man wahrzunehmen.
Meine Stunden in Moskau waren also begrenzt.
Ich war ärgerlich über die verpasste Gelegenheit zur Erkundung dieser imposanten Stadt. Der Frust steigerte sich stündlich durch die unvermeidlichen, zähen und zeitraubenden Vorstellungsrunden.

Eine freundliche ältere Dolmetscherin unterstützte mich bei den Bemühungen zur Buchung eines Rückflugs nach Berlin am nächsten Tag.

Für diesen Transfer war ich gezwungen, sowohl Fluggesellschaft als auch den Flughafen zu wechseln. Der Abflug sollte am Vormittag des darauffolgenden Tages von einem der ältesten Flughäfen in Moskau, vom Flugfeld Bykowo stattfinden.

Nach einer etwas holprigen Identifikation im Flughafengebäude gelangte ich mit einer Gruppe von ca. 45 Passagieren durch eine halbseitig klemmende Glastür und mit einem Slalom durch Gepäckpyramiden zum wartenden Flugzeug. Meine Freude über die gelungene Umbuchung war bei dem Anblick der Maschine schlagartig verschwunden.
Vor mir stand eine Propellermaschine sichtbar älteren Datums.
Wie ich später recherchierte, handelte es sich um eine schon in die Jahre gekommene Antonow AN 24.

Zwei freundliche, uniformierte Stewardessen empfingen uns beim Einstieg. Meine Mitreisenden waren ausnahmslos Einheimische. Viele Geschäftsleute in ihren Anzügen und nur mit kleinem Handgepäck ausgestattet.
Den Geruch in der Flugzeugzelle vergesse ich nicht wieder. Neben dem typischen kalten Zigarettengestank waberte eine irrwitzige Horrormischung aufdringlicher Parfüms durch die enge Röhre.
Neben mir wühlte sich ein schwitzender, reichlich übergewichtiger älterer Vertretertyp in seinen Sitz. Ich hatte einen Fensterplatz und saß auf der Backbordseite direkt unter dem Flügel. Denn die Antonov hatte sogenannte Huckepack Flügel. Diese saßen quasi oben auf dem Rücken des Flugzeugs. Die Spitzen der Propeller befanden sich etwa eine Armlänge von meinem Bullauge entfernt.

Alles drängelte zu den Sitzen. Fluchend wurden nicht passende Handgepäckteile passend gemacht. Und schon starteten die Motoren. Vibrierend, sich etwas schüttelnd und klappernd bewegte sich die Maschine. Eine der Stewardessen wies durch eine kaum zu verstehende Lautsprecheranlage höchstwahrscheinlich auf zu beachtende Sicherheitseinrichtungen hin. Doch keiner hörte ihr zu. Was musste das für eine frustrierende Aufgabe sein?

Langsam rollten wir in Richtung unserer Startposition an den Gebäuden entlang. Meine anfängliche Aufregung wich langsam. Doch genau auf der Höhe eines offenen Flugzeughangars passierte es.
Es knallte laut neben mir, der Motor stieß eine schwarze stinkende Rauchwolke aus und fing an zu husten wie ein Raucher nach 100 Jahren Nikotinsucht.
„So – das war es dann mit dem Treuhandtermin“, so mein erster Gedanke. Die Hand schwebte über dem Gurt. Diesen müssten wir ja sicherlich sogleich lösen. Dieser Flug war vorbei.

Eine russische Durchsage kam von vorne. Wütende, protestierende Rufe waren die Antwort. Ein Geschäftsreisender stand auf und schimpfte laut in Richtung der Stewardessen. Durch die offene Cockpittür konnte man die zwei Piloten in ihren weißen Hemden wild auf ihren Armaturen hantieren sehen.
Wieder gab es eine russische Ansage.

Zufriedenheit machte sich breit. Die erbosten Passagiere setzen sich hin, nahmen ihre Zeitung und lasen weiter. Mein Nachbar machte keinerlei Anstalten sich von seinem Sitz zu erheben und versank schwer schnaufend in seinen Papieren.

Ich nahm aus dem Augenwinkel ein Fahrzeug wahr. Eine fahrbare Hydraulikbühne fuhr direkt neben meinem Bullauge unter den mittlerweile stehenden Backbordmotor. Natürlich war es Einbildung, dass ich die Geräusche des Akkuschraubers hören konnte, den einer der beiden Schlosser betätigte.
Die Hydraulikbühne hatte die beiden so hochgefahren, dass diese die Motorverschalung öffnen konnten. Es kam sodann ein schwerer Schlosserhammer zum Vorschein. Die ältere der beiden schlug einige Male kräftig auf irgendein Bauteil im Motor, nahm eine Spraydose und spritze etwas in die gut zu sehenden Bauteile. Es wurde ein Kabel an den Motor gelegt und der Hydraulikwagen fuhr einige Meter zurück.
Ich sah den erhobenen Monteursdaumen. Der Motor wurde gestartet.
Anfangs hustend, wieder eine dicke schwarze Rauchwolke ausstoßend, steigerte dieser  dann doch seine Umdrehungen und lief anschließend ruhig und rund.

Der Motor wurde wieder in den Leerlauf gestellt. Der Propeller stoppte, der Hydraulikwagen kam zurück, mit dem Akkuschrauber wurden die Blechschrauben wieder in die Verschalung gedreht. Die Bühne senkte sich ab und die beiden Monteure verschwanden aus meinem Blickfeld.

Ein ungläubiger Blick um mich herum bestätigte mir, dass ich offenbar der einzige war, der diesen ganzen Vorgang nicht glauben konnte.

Der Backbordmotor sprang wieder an, sich fröhlich laut schüttelnd, die Luft wurde brüllend geschaufelt und nur wenige Minuten später schwang sich die Antonow mit uns in die Luft, als wenn nie etwas gewesen wäre.

Es war eine ewig anmutende Flugzeit bis Berlin. Keine Minute konnte ich den Blick von dem Motor abwenden. Jeden Augenblick erwartete ich Funken, Feuer oder schwarzen Qualm. Ich war völlig fertig in Berlin und habe den Inhalt des folgenden Treuhandtermins auch völlig vergessen.
Um meine Frau nicht unnötig über solcherlei Reisen zu beunruhigen, habe ich dieses Flugerlebnis erst sehr viel später gebeichtet.

An dieses eindrückliche Erlebnis pragmatischer Problemlösung in Russland erinnert mich immer wieder die Szene aus dem Film Armageddon. Die beiden amerikanischen Space Shuttle nehmen auf ihrem Weg zum Asteroiden, der die Erde zu vernichten droht, einen russischen Kosmonauten von der Raumstation MIR auf. Zum dramatischen Ende des Films, muss das einzig noch funktionsfähige Space Shuttle vom Asteroiden starten. Doch ein streikender Computer verhindert den Start der Triebwerke. Der russische Kosmonaut behebt diese Probleme auf typische Weise. Unter den entsetzten Augen seiner amerikanischen Kollegin bearbeitet er mit dem Hammer den Startcomputer.  Nach einigen gezielten Schlägen auf die vermaledeite Elektronik startet das Shuttle.

Den Blick der Astronautin im besagten Film den kenne ich.
Meine Mimik in Moskau Bykowo wird ganz ähnlich gewesen sein.

Starr vor Angst in der Antonov…