Wenn die Glocken Freude tragen

Wenn die Glocken Freude tragen

Es war an einem Sonntag im Mai, als Jonas zum ersten Mal den Glockenturm von innen sah.

Eigentlich war er wegen seiner kleinen Cousine in der Kirche. Sie sollte getauft werden, und seine Mutter hatte ihm vorher erklärt, dass das ein ganz besonderer Tag sei. Jonas hatte genickt, obwohl er nicht so recht verstand, was daran besonders sein sollte, wenn jemand Wasser über den Kopf bekam.

Er war acht Jahre alt, und in diesem Alter gab es Dinge, die ihn wesentlich mehr interessierten als eine Taufe.

Zum Beispiel die Frage, wie die riesigen Glocken in einem Kirchturm eigentlich funktionierten.

Er hatte sie schon oft gehört. Sonntags, wenn seine Eltern noch am Frühstückstisch saßen. Manchmal auch mitten in der Woche. Und immer klangen sie so, als käme ihre Stimme von sehr weit her, obwohl die Kirche nur drei Straßen von ihrem Haus entfernt stand.

Nach dem Gottesdienst, während die Erwachsenen vor der Kirche zusammenstanden und sich unterhielten, entdeckte Jonas eine schmale Tür, die einen Spalt offen stand.

Dahinter führte eine steile Treppe nach oben.

Er zögerte einen Augenblick. Dann schlüpfte er hindurch.

Die Stufen waren aus altem Holz und knarrten unter seinen Schuhen. Es roch nach Staub und etwas, das ihn an den Dachboden seiner Großeltern erinnerte. Durch kleine Fenster fiel Licht auf die Balken.

Als er oben ankam, blieb er mit offenem Mund stehen.

Über ihm hingen drei gewaltige Glocken.

Die größte war so hoch, dass er sich fragte, wie man sie überhaupt dort hinaufbekommen hatte.

Neben einem kleinen Schaltkasten stand ein älterer Mann mit grauen Haaren und einem Schlüsselbund am Gürtel.

„Na, wen haben wir denn da?“

Jonas erschrak.

„Ich wollte nur mal gucken.“

Der Mann lächelte.

„Dann bist du hier richtig. Ich bin Herr Petersen. Ich kümmere mich um die Kirche. Und um die Glocken.“

„Dann sind Sie der Glockenmann?“
Der alte Mann lachte.

„Genau, aber man nennt mich auch den Küster.“

Jonas betrachtete die Glocken.

„Müssen Sie die mit Seilen ziehen?“

Herr Petersen lachte.

„Das mussten die Leute früher. Heute geht das elektrisch.“

Er zeigte auf den Schaltkasten.

„Hier kann ich die Glocken einschalten. Aber normalerweise macht das eine Zeitschaltuhr.“

Jonas war ein wenig enttäuscht.

Er hatte sich vorgestellt, wie der alte Mann an einem riesigen Seil hing und mit seinem ganzen Gewicht daran zog.

„Dann brauchen die Glocken Sie ja gar nicht mehr.“

Herr Petersen schmunzelte.

„Doch, mein Junge. Manchmal schon.“

Er setzte sich auf eine alte Holzbank und deutete Jonas an, neben ihm Platz zu nehmen.

„Weißt du eigentlich, warum Kirchenglocken läuten?“

„Weil Sonntag ist.“

„Auch. Aber nicht nur.“

Der Küster zeigte auf die größte Glocke.

„Früher haben die Glocken den Menschen etwas erzählt. Sie haben zur Kirche gerufen, Hochzeiten verkündet und Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Sie haben vor Feuer gewarnt und vor Gefahren. Und manchmal haben sie geläutet, weil es etwas ganz Besonderes zu feiern gab.“

Jonas runzelte die Stirn.

„Wie eine Nachricht?“

„Ja. So ähnlich.“

„Vor den Handys?“

Herr Petersen lachte.

„Lange vor den Handys. Sogar vor dem Telefon.“

Jonas versuchte sich eine Welt ohne Handys vorzustellen. Das gelang ihm nicht besonders gut.

„Und dann wussten alle, was passiert war?“

„Nicht immer. Aber sie wussten, dass etwas passiert war. Und dann kamen sie zusammen. Auf den Marktplatz, vor die Kirche oder einfach auf die Straße. Die Glocken gehörten damals zum Leben der Menschen. Sie waren wichtig.“

„Sind sie das heute nicht mehr?“

Der alte Mann schwieg einen Augenblick.

„Für manche schon. Aber viele hören sie gar nicht mehr richtig. Sie sind so daran gewöhnt, dass sie kaum noch darauf achten.“

Jonas schaute zu den Glocken hinauf.

„Das ist aber schade.“

„Ja“, sagte Herr Petersen. „Manchmal finde ich das auch.“

Unten rief jemand nach Jonas.

Seine Mutter.

Er sprang auf.

„Ich muss gehen.“

„Dann geh mal. Und komm ruhig wieder vorbei.“

Jonas war schon auf der Treppe, als er sich noch einmal umdrehte.

„Herr Petersen?“

„Ja?“

„Haben die Glocken auch geläutet, wenn jemand richtig glücklich war?“

Der Küster überlegte.

„Natürlich. Wenn es einen besonderen Grund gab.“

Jonas nickte zufrieden.

Dann lief er die Treppe hinunter.


Der Sommer verging.

Jonas hatte die Glocken längst wieder vergessen. Es gab Ferien, Fahrradtouren, Fußball und die ersten Wochen in der neuen Schulklasse.

Und dann wurde seine Schwester krank.

Mia war fünf Jahre alt, hatte blonde Locken und konnte Jonas mit ihrer Fragerei manchmal ganz schön auf die Nerven gehen.

Sie wollte immer alles wissen. Warum Regenwürmer keine Beine hatten. Ob Fische Durst bekamen. Und warum Jonas schon länger aufbleiben durfte als sie.

An einem Dienstag bekam sie starke Bauchschmerzen.

Zuerst glaubten die Eltern an einen Magen-Darm-Infekt. Doch die Schmerzen wurden schlimmer. Mia bekam hohes Fieber, und am Abend fuhren sie mit ihr ins Krankenhaus.

Jonas blieb bei seiner Oma.

Am nächsten Morgen erfuhr er, dass seine Schwester operiert werden musste.

Sein Vater erklärte ihm, dass die Ärzte etwas in ihrem Bauch gefunden hätten, das dort nicht hingehörte. Es sei eine schwierige Operation, aber die Ärzte würden alles tun, damit Mia wieder gesund werde.

Jonas fragte, ob sie sterben könne.

Sein Vater antwortete nicht sofort.

Dann nahm er ihn in den Arm.

„Wir hoffen sehr, dass alles gut wird.“

Es war das erste Mal, dass Jonas seinen Vater weinen sah.

Die folgenden Tage waren anders als alle Tage zuvor.

Seine Mutter war fast immer im Krankenhaus. Sein Vater fuhr zwischen der Arbeit, dem Krankenhaus und dem Haus hin und her. Manchmal saß er abends lange am Küchentisch, ohne etwas zu sagen.

Jonas versuchte, möglichst wenig Ärger zu machen.

Er räumte sogar freiwillig sein Zimmer auf.

Einmal hörte er seine Eltern nachts miteinander sprechen. Er verstand nicht alles, aber er hörte seine Mutter weinen.

Und plötzlich hatte er eine Angst, die er vorher nicht gekannt hatte.

Die Angst, dass jemand, der immer da gewesen war, vielleicht nicht wiederkommen könnte.

Er vermisste Mia.

Ihre Fragen. Ihre Unordnung. Sogar die Art, wie sie ihm beim Fernsehen ständig dazwischenredete.

Einmal nahm er ihr Lieblingskuscheltier, einen ziemlich zerzausten Hasen, mit ins Bett.

Nur damit es nicht so allein war.


Es dauerte viele Wochen.

Die Operation war überstanden, aber Mia blieb lange im Krankenhaus. Es gab gute Tage und schlechte. Manchmal durfte Jonas sie besuchen. Dann saß er neben ihrem Bett und erzählte ihr von der Schule.

Mia hörte zu, wurde aber schnell müde.

Einmal fragte sie ihn, ob ihr Fahrrad noch im Schuppen stehe.

„Natürlich“, sagte Jonas.

„Nicht weggeben.“

„Mach ich nicht.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Er hielt ihr den kleinen Finger hin.

Sie hakte ihren ein.

Dann schlief sie wieder ein.

Als die Ärzte schließlich sagten, dass Mia nach Hause dürfe, glaubte Jonas es zuerst gar nicht.

Seine Mutter erklärte ihm, dass Mia noch sehr schwach sei und viel Ruhe brauche. Sie müsse weiter zu Untersuchungen, und es werde noch dauern, bis sie wieder richtig gesund sei.

Aber die Ärzte seien zuversichtlich.

Am Tag ihrer Rückkehr stand Jonas schon eine halbe Stunde vor der Haustür.

Als das Auto in die Einfahrt bog, rannte er los.

Mia saß auf dem Rücksitz. Sie war blass und dünner geworden, aber als sie ihn sah, lächelte sie.

„Jonas!“

Er öffnete die Autotür.

„Dein Fahrrad ist noch da.“

Mia grinste.

„Gut.“

Sein Vater hob sie vorsichtig aus dem Auto. Die Mutter trug die Taschen ins Haus.

Später saßen sie alle zusammen am Küchentisch.

Mia hatte ein kleines Stück Kuchen gegessen und war dann auf dem Sofa eingeschlafen.

Die Mutter betrachtete sie lange.

„Dass wir sie wieder hier haben“, sagte sie leise.

Ihr Vater legte den Arm um sie.

„Manchmal geschehen eben doch Wunder.“

Jonas hörte den Satz.

Er schaute zu seiner Schwester hinüber.

Dann stand er auf.

„Ich geh noch ein bisschen raus.“

Seine Mutter nickte.

„Aber bleib in der Nähe.“

„Mach ich.“


Es war kurz nach vier Uhr am Nachmittag, als die Glocken zu läuten begannen.

Zuerst die kleine.

Dann die mittlere.

Und schließlich setzte die große Glocke ein.

Ihr tiefer Klang rollte über die Dächer, durch die Straßen und hinaus bis zu den Feldern.

Die Menschen blieben stehen.

Eine Frau, die gerade ihre Einkäufe aus dem Auto holte, schaute zur Kirche hinüber.

Zwei Männer vor der Bäckerei unterbrachen ihr Gespräch.

In den Häusern wurden Fenster geöffnet.

Es war kein Sonntag. Kein Feiertag. Und für das gewöhnliche Nachmittagsläuten war es die falsche Zeit.

Die Glocken läuteten weiter.

Eine ältere Frau bekreuzigte sich.

„Ist etwas passiert?“

Niemand wusste es.

Einige Menschen schauten auf ihre Handys. Keine Nachricht, keine Warnung.

Vor der Kirche versammelten sich die ersten Neugierigen.

Auch Herr Petersen hörte das Läuten.

Er war gerade im Pfarrhaus gewesen und hatte mit dem Pastor über die Vorbereitungen für den nächsten Gottesdienst gesprochen.

„Was ist denn jetzt los?“, murmelte er.

Er griff nach seinem Schlüsselbund und eilte zur Kirche.

Die Glocken läuteten immer noch.

Als er die Tür zum Turm öffnete, hörte er die vertrauten Schläge über sich.

Er stieg die Treppe hinauf, so schnell seine alten Beine es zuließen.

Oben war niemand.

Der Schaltkasten stand offen.

Herr Petersen schaltete die Glocken aus.

Eine nach der anderen verstummte.

Nur die große Glocke schwang noch eine Weile nach, bis auch ihr letzter Ton verklungen war.

Dann sah er den Jungen.

Jonas saß auf der obersten Treppenstufe, die Hände um die Knie gelegt.

Er lächelte.

Herr Petersen blieb stehen.

„Jonas?“

„Hallo, Herr Petersen.“

Der alte Mann sah erst ihn an, dann den Schaltkasten.

„Hast du etwa die Glocken eingeschaltet?“

Jonas nickte.

„Alle drei.“

„Aber Junge! Das kannst du doch nicht einfach machen! Die Leute denken, es ist etwas passiert!“

Jonas schaute ihn verwundert an.

„Ist doch auch.“

Herr Petersen holte tief Luft.

„Was denn?“

„Meine Schwester.“

Der Küster erschrak.

„Ist etwas mit ihr?“

Jonas nickte wieder.

„Sie ist wieder zu Hause.“

Der alte Mann schwieg.

„Sie war ganz lange im Krankenhaus“, erklärte Jonas. „Und die Ärzte wussten erst nicht, ob sie wieder gesund wird. Mama hat ganz viel geweint. Papa auch. Aber jetzt ist sie wieder da.“

Er machte eine kleine Pause.

„Sie kann noch nicht richtig laufen und muss sich viel ausruhen. Aber sie ist wieder bei uns.“

Herr Petersen setzte sich langsam neben ihn.

Jonas schaute zu den Glocken hinauf.

„Mama hat gesagt, dass das ein Wunder ist.“

Der alte Mann legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Das ist eine sehr schöne Nachricht, Jonas.“

Der Junge nickte.

Dann sah er den Küster ernst an.

„Sie haben mir doch erzählt, dass die Glocken früher den Menschen wichtige Sachen gesagt haben.“

„Ja.“

„Und dass sie auch geläutet haben, wenn es etwas ganz Besonderes zu feiern gab.“

Herr Petersen erinnerte sich an ihren Besuch im Mai.

„Ja, das habe ich.“

Jonas überlegte einen Augenblick.

Dann fragte er:

„Wenn meine Schwester wieder nach Hause kommt und das ein Wunder ist, dann müssen die Menschen das doch wissen. Oder?“

Der alte Küster antwortete nicht.

Er sah den Jungen an, der vor ihm auf der Treppe saß und offenbar nicht den geringsten Zweifel daran hatte, dass er genau das Richtige getan hatte.

Unten vor der Kirche standen noch immer Menschen und warteten auf eine Erklärung.

Herr Petersen blickte zum Schaltkasten.

Dann zu den Glocken.

Und schließlich wieder zu Jonas.

„Weißt du was?“, sagte er leise.

„Was?“

„Ich glaube, du hast etwas verstanden, das wir Erwachsenen manchmal vergessen.“

„Was denn?“

Der Küster lächelte.

„Dass Glocken nicht nur läuten sollen, wenn wir jemanden verloren haben.“

Er stand auf und reichte Jonas die Hand.

„Komm. Wir gehen runter. Die Leute warten.“

„Bekomme ich jetzt Ärger?“

Herr Petersen überlegte.

„Ein bisschen wahrscheinlich schon.“

Jonas verzog das Gesicht.

„Aber“, fügte der alte Mann hinzu, „ich werde ihnen erzählen, warum du es getan hast.“

Sie gingen gemeinsam die Treppe hinunter.

Als sie vor die Kirche traten, kamen ihnen die Menschen entgegen.

„Herr Petersen, was war denn los?“

„Warum haben die Glocken geläutet?“

Der Küster blieb auf den Kirchenstufen stehen.

Neben ihm Jonas, der plötzlich ziemlich klein wirkte.

Herr Petersen räusperte sich.

„Meine Damen und Herren“, begann er, „es gibt keinen Grund zur Sorge.“

Er legte seine Hand auf Jonas’ Schulter.

„Im Gegenteil.“

Dann erzählte er von Mia.

Von ihrer schweren Krankheit. Von den Wochen im Krankenhaus. Und davon, dass sie an diesem Nachmittag nach Hause gekommen war.

Die Menschen hörten zu.

Einige lächelten.

Eine Frau wischte sich verstohlen über die Augen.

Als Herr Petersen geendet hatte, war es einen Augenblick ganz still.

Dann trat die ältere Frau, die sich vorhin bekreuzigt hatte, zu Jonas.

Sie beugte sich zu ihm hinunter.

„Weißt du, mein Junge“, sagte sie, „ich habe mich vorhin richtig erschrocken, als die Glocken läuteten.“

Jonas senkte den Kopf.

„Entschuldigung.“

Die Frau strich ihm über die Haare.

„Ach was.“

Sie lächelte.

„Es ist lange her, dass mich Kirchenglocken so glücklich gemacht haben.“


Am folgenden Sonntag läuteten die Glocken wieder.

Wie immer.

Die Menschen gingen zur Kirche, andere saßen beim Frühstück oder schliefen noch.

Nur Herr Petersen blieb einen Augenblick länger als gewöhnlich unter dem Glockenturm stehen.

Er lauschte dem Klang, der über das Dorf zog.

Dann musste er lächeln.

So viele Jahre hatte er sich um diese Glocken gekümmert.

Er hatte sie zu Hochzeiten läuten lassen, zu Beerdigungen, an Feiertagen und zu Gottesdiensten.

Aber an diesem Nachmittag hatte ihm ein achtjähriger Junge etwas beigebracht.

Dass man manchmal nicht läutet, weil die Welt etwas wissen muss.

Sondern weil das Herz etwas zu erzählen hat.

Wenn die Glocken Freude tragen

Der Mann auf dem Deich

Der Mann auf dem Deich

Eine Erzählung von Paul Bloem

Der alte Mann saß auf einer Bank oben auf dem Deich und schaute auf die Ems.

Er tat das an beinahe jedem Nachmittag, solange das Wetter es zuließ. Im Sommer blieb er manchmal bis zum Abend, wenn das Licht über dem Wasser langsam golden wurde und die Schafe sich in den Windschatten der Deichböschung legten. Im Winter genügten ihm oft zwanzig Minuten. Dann kroch die Kälte durch seinen Mantel, und seine Knie erinnerten ihn daran, dass sie inzwischen älter waren als die meisten Menschen, denen er auf dem Deich begegnete.

Die Leute aus dem Dorf kannten ihn. Einige grüßten, andere blieben für ein paar Worte stehen. Wer ihn noch von früher kannte, fragte gelegentlich nach seiner Gesundheit oder erzählte ihm Neuigkeiten von der Werft.

Er hieß Johann.

Neben ihm stand eine grüne Thermoskanne, auf seinem Schoß lag ein altes Fernglas, dessen schwarze Farbe an den Kanten abgegriffen war. Das rechte Okular hatte einen kleinen Riss im Gummi. Johann hatte sich schon oft vorgenommen, es reparieren zu lassen, aber jedes Mal, wenn er es in die Hand nahm, dachte er, dass es eigentlich auch so noch ganz gut funktionierte.

Das Fernglas hatte ihm Hinnerk zu seinem fünfzehnten Geburtstag geschenkt.

Es war damals bereits gebraucht gewesen, ein schweres, russisches Modell, das Hinnerks Vater irgendwo eingetauscht hatte. Die beiden Jungen hatten damit stundenlang Schiffe beobachtet und versucht, ihre Namen zu entziffern, lange bevor sie nah genug herangekommen waren.

Von der Bank aus konnte Johann die Ems weit überblicken. Bei klarem Wetter zeichneten sich flussaufwärts die Hallen und Kräne der MEYER WERFT gegen den Himmel ab. Manchmal ragten die Aufbauten eines unfertigen Kreuzfahrtschiffes über die Bäume hinaus, als sei mitten im flachen Land eine weiße Stadt entstanden.

Johann hatte dort fast vierzig Jahre gearbeitet.

Als junger Schiffbauer war er morgens mit dem Fahrrad durch das Werfttor gefahren, die Brotdose auf dem Gepäckträger und den Geruch von Schweißrauch und heißem Stahl bereits in der Nase. Später waren die Schiffe größer geworden, die Hallen höher und die Maschinen moderner. Die Arbeit hatte sich verändert, aber das Gefühl war geblieben, wenn ein Schiff zum ersten Mal Wasser unter den Kiel bekam.

Er hatte seine Arbeit gemocht.

Vielleicht sogar ein wenig zu sehr, dachte er manchmal.

An einem Nachmittag im April näherte sich ein Junge auf einem Fahrrad. Er fuhr schnell, obwohl der Wind von der Seite kam, und bremste erst, als sein Hinterrad plötzlich zu schlingern begann.

„Scheiße!“

Johann hob den Kopf.

„Das ist aber kein besonders freundlicher Gruß.“

Der Junge stieg ab und betrachtete seinen Reifen.

„Platt.“

„Das sehe ich.“

„Und jetzt?“

„Das weiß ich nicht. Ist ja dein Fahrrad.“

Der Junge schaute ihn an, als müsse er erst entscheiden, ob der Alte ihn ärgern wollte.

Johann rückte ein wenig zur Seite.

„Setz dich erst mal. Vom Stehen wird der Reifen auch nicht wieder rund.“

Der Junge, vielleicht zwölf, ließ sich auf die Bank fallen, zog sein Handy aus der Tasche und tippte darauf herum.

„Kein Netz. Auch das noch.“

„Hier draußen gibt es manchmal mehr Wind als Netz.“

„Sehr witzig.“

Johann lächelte und schaute wieder auf den Fluss.

Ein Frachter kam langsam stromaufwärts. Sein Bug schob eine breite Welle vor sich her, die sich am Ufer brach. Hinter ihm kreisten Möwen, obwohl es für sie dort eigentlich nichts zu holen gab.

„Was machst du hier eigentlich?“, fragte der Junge.

„Sitzen.“

„Das sehe ich.“

„Na also.“

„Ich meine, warum sitzt du hier?“

Johann nahm das Fernglas vom Schoß.

„Ich warte.“

Der Junge blickte den Deichweg entlang.

„Auf wen?“

„Auf einen Freund.“

„Kommt der mit dem Fahrrad?“

„Nein. Mit dem Schiff.“

Der Junge betrachtete den Frachter.

„Mit dem da?“

„Wohl kaum.“

„Wann kommt er denn?“

Johann zuckte mit den Schultern.

„Das weiß ich nicht.“

„Und wie lange wartest du schon?“

Der Alte fuhr mit dem Daumen über eine Kerbe in der Armlehne.

„Mehr als fünfzig Jahre.“

Der Junge drehte sich zu ihm.

„Fünfzig?“

„Ja.“

„Jahre?“

„Nein, Minuten. Natürlich Jahre.“

Der Junge lachte ungläubig.

„Das geht doch gar nicht.“

„Offenbar doch.“

„Und der kommt einfach nicht?“

Johann betrachtete den Frachter, der inzwischen fast auf ihrer Höhe war.

„Bisher nicht.“

Der Junge schwieg eine Weile. Dann fragte er mit jener Unbefangenheit, die Erwachsene manchmal erschreckt:

„Vielleicht ist er tot?“

Johann nickte.

„Das kann sein.“

„Weißt du es nicht?“

„Nein.“

Der Alte nahm die Thermoskanne, goss sich Tee ein und hielt den Becher zwischen den Händen.

„Sein Schiff ist damals vor Norwegen in einen schweren Sturm geraten. Es ist nicht wieder angekommen. Man hat Wrackteile gefunden und einige Männer gerettet. Von anderen hat man lange nichts gehört.“

„Und dein Freund war einer von denen?“

„Ja.“

Der Junge betrachtete das Wasser.

„Dann ist er wahrscheinlich tot.“

„Wahrscheinlich.“

Johann nahm einen Schluck Tee.

„Aber manchmal ist da noch so ein kleines Gefühl. Hier drin.“

Er legte die Hand auf seine Brust.

„Als würde etwas darauf warten, dass es weitergeht.“

Der Junge dachte nach.

„Wie Standby.“

„Wie bitte?“

„Na, beim Computer. Oder bei einem Spiel. Wenn du Pause machst, sieht es manchmal so aus, als wäre alles vorbei. Aber irgendwo blinkt noch ein kleines Zeichen. Das Spiel läuft nicht weiter, ist aber auch nicht zu Ende.“

Johann betrachtete ihn.

„Und was macht man dann?“

„Man drückt wieder auf Start.“

Der Alte lächelte.

„So einfach ist das?“

„Eigentlich schon.“

Eine halbe Stunde später kam die Mutter des Jungen mit dem Auto. Er hatte sie schließlich doch erreicht, nachdem er ein Stück den Deich entlanggelaufen war.

Als sie das Fahrrad in den Kofferraum hoben, drehte sich der Junge noch einmal um.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Johann.“

„Ich bin Ben.“

„Na dann, Ben. Fahr vorsichtig.“

„Kann ich ja schlecht. Hab einen Platten.“

Johann lachte.

Als das Auto verschwunden war, blieb er noch lange sitzen.

Der Frachter hatte die nächste Flussbiegung erreicht. Bald würde er hinter den Bäumen verschwinden.

Johann hob das Fernglas.

Er wusste selbst nicht, wonach er suchte.

* * *

Ben kam wieder.

Nicht am nächsten Tag und auch nicht in der folgenden Woche. Aber irgendwann im Juni stand sein Fahrrad erneut neben der Bank.

Diesmal waren beide Reifen heil.

„Moin.“

„Moin.“

„Ist hier noch frei?“

Johann betrachtete die leere Hälfte der Bank.

„Sieht ganz danach aus.“

Ben setzte sich und holte eine kleine Thermosflasche aus seinem Rucksack.

„Tee?“

Johann hob seine eigene Kanne.

„Hab ich.“

„Meiner ist besser.“

„Das behauptet jeder Teetrinker.“

Ben schenkte ihm einen Becher ein.

Johann probierte.

„Ziemlich süß.“

„Meine Oma macht immer Kluntje rein.“

„Deine Oma versteht was vom Tee.“

Damit war die Sache entschieden.

Von nun an kam Ben häufiger. Manchmal zweimal in der Woche, manchmal nur Sonntags. Er erzählte von der Schule, von seinem Fußballverein und von Computerspielen, bei denen Johann trotz ausführlicher Erklärungen nicht verstand, warum man unbedingt gegen Menschen kämpfen musste, die man überhaupt nicht kannte.

Johann erzählte zunächst wenig. Er fragte lieber, ob Ben Geschwister habe, was er später einmal werden wolle und warum Kinder heute ständig auf ihre Telefone schauten, selbst wenn sie nebeneinandersaßen.

„Weil da unsere Freunde sind“, erklärte Ben eines Tages.

Er zeigte Johann sein Handy.

„Guck mal. Vierhundertachtunddreißig.“

„Was ist das?“

„Meine Freunde.“

Johann setzte seine Brille auf.

„Alle auf einmal?“

„Nein. Auf Snapchat.“

„Aha.“

„Auf Instagram hab ich noch mehr.“

„Donnerwetter.“

Ben grinste stolz.

Johann gab ihm das Telefon zurück.

„Und was macht ihr so zusammen?“

„Wir schicken uns Sachen. Videos. Bilder. Nachrichten.“

„Und sonst?“

„Was sonst?“

„Na, habt ihr irgendetwas vor?“

Ben verstand nicht.

„Wie meinst du das?“

Johann schaute auf die Ems.

„Habt ihr einen gemeinsamen Traum? Etwas, das ihr unbedingt zusammen erleben wollt?“

Ben überlegte.

„Vielleicht mal zusammen nach Mallorca.“

„Zum Saufen?“

„Johann!“

„War nur eine Frage.“

Ben musste lachen.

Dann wurde er neugierig.

„Hattest du früher auch so viele Freunde?“

„Nein.“

„Wie viele denn?“

Johann überlegte.

„Einen.“

„Einen einzigen?“

„Einen richtigen.“

„Das ist aber wenig.“

„Kommt darauf an, wie man zählt.“

Johann nahm einen Schluck Tee.

„Er hieß Hinnerk.“

* * *

Die beiden hatten sich kennengelernt, als Johann elf Jahre alt gewesen war.

Hinnerk war neu ins Dorf gekommen. Sein Vater fuhr auf einem kleinen Küstenmotorschiff, und die Familie hatte ein Haus nahe dem Hafen bezogen.

Am ersten Schultag hatte Hinnerk sich neben Johann gesetzt, weil dort noch ein Platz frei gewesen war. Er hatte rote Haare, Sommersprossen und einen Gesichtsausdruck, der verriet, dass er sich von Erwachsenen nur ungern etwas sagen ließ.

In der großen Pause hatte er Johann gefragt, ob es hier irgendwo etwas Interessantes gebe.

Johann hatte auf die Ems gezeigt.

„Da fahren Schiffe.“

„Das sehe ich.“

„Na also.“

Es war der Beginn einer Freundschaft gewesen, die in den folgenden Jahren kaum einen Tag ohne gemeinsame Unternehmungen verging.

Sie bauten Flöße aus alten Brettern, angelten im Hafen und streiften durch die Wiesen am Fluss. Einmal hatten sie dem alten Lehrer Petersen sein Ruderboot auf das Dach seines Hühnerstalls gesetzt.

Es hatte vier Jungen, zwei Leitern und beinahe einen ganzen Nachmittag gebraucht.

Am nächsten Morgen war das ganze Dorf auf den Beinen gewesen.

Petersen hatte unter dem Stall gestanden, die Hände in die Hüften gestemmt und so lange geschimpft, bis ihm die Worte ausgegangen waren.

Hinnerk und Johann hatten aus sicherer Entfernung zugesehen.

„Der weiß nie, wer das war“, hatte Hinnerk geflüstert.

Dann war Petersen auf eine Leiter gestiegen und hatte oben auf dem Dach einen einzelnen Holzschuh entdeckt.

Hinnerks Holzschuh.

Die beiden mussten das Boot wieder herunterholen und drei Wochen lang Petersens Garten umgraben.

Noch Jahre später hatten sie darüber gelacht.

Aber ihre eigentliche Leidenschaft galt den Schiffen.

Hinnerks Vater brachte manchmal alte Seekarten mit nach Hause. Die Jungen breiteten sie auf dem Küchenboden aus und zeichneten mit rotem Bleistift ihre zukünftige Reiseroute ein.

Sie wollten nach Amerika, nach Australien und einmal um Kap Hoorn segeln. Hinnerk bestand darauf, dass sie auch nach Japan fahren müssten, weil er irgendwo gelesen hatte, dass dort Häuser aus Papier gebaut würden.

Johann wollte lieber nach Südamerika.

Warum, wusste er selbst nicht genau.

Es klang einfach weit weg.

Sie begannen zu sparen.

Hinnerk fand eine alte Blechdose, in der einmal Butterkekse gewesen waren. Johann malte mit schwarzer Farbe ein Schiff darauf. Jeder Pfennig, den sie nicht für Süßigkeiten ausgaben, kam hinein.

An einem Sommerabend saßen sie mit der Dose und ihrer Seekarte am Fluss.

Die Sonne stand tief, und auf der anderen Seite des Wassers grasten Kühe.

Hinnerk zählte das Geld.

„Achtundvierzig Mark und siebzig Pfennig.“

Johann betrachtete die Karte.

„Reicht das?“

„Für den Anfang.“

„Und wenn wir unterwegs kein Geld mehr haben?“

Hinnerk zuckte mit den Schultern.

„Dann arbeiten wir eben irgendwo.“

„Wo denn?“

„Auf einem Schiff. Oder in Amerika.“

Johann nickte.

Hinnerk schloss die Dose.

„Wir fahren auf jeden Fall zusammen.“

Johann streckte ihm die Hand hin.

„Versprochen.“

Sie schlugen ein.

Dann saßen sie noch lange am Wasser und beobachteten einen Frachter, der langsam die Ems hinauffuhr.

* * *

„Und?“, fragte Ben.

Johann hatte aufgehört zu erzählen.

„Was und?“

„Seid ihr gefahren?“

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum nicht?“

Johann betrachtete seine Hände.

„Weil das Leben dazwischenkam.“

Er erzählte von seinem Vater, der schwer krank geworden war, von der Mutter, die plötzlich nicht mehr wusste, wie sie die Familie ernähren sollte, und von seiner Lehrstelle auf der Werft.

Er hatte damals nicht lange überlegen müssen.

Ein regelmäßiger Lohn war wichtiger gewesen als eine Weltreise.

Anfangs hatte er geglaubt, die Reise nur um ein paar Jahre zu verschieben. Doch die Jahre vergingen schneller, als er erwartet hatte.

Er lernte Lene kennen, die Tochter eines Tischlers aus dem Nachbardorf.

„Meine Lene“, sagte er und lächelte.

„Die hatte ein Lachen, das man durch drei geschlossene Türen hören konnte.“

Sie heirateten, bekamen Kinder und bauten ein kleines Haus.

Johann war zufrieden gewesen.

Jedenfalls meistens.

Hinnerk dagegen hatte nie aufgehört, von der großen Fahrt zu sprechen.

Er arbeitete zunächst im Hafen, später fuhr er auf Küstenmotorschiffen mit. Wenn er nach Hause kam, erzählte er von fremden Städten, von Häfen, in denen die Luft nach Gewürzen roch, und von Menschen, deren Sprache er nicht verstand.

Johann hörte ihm gern zu.

Aber mit jedem Besuch wurde etwas zwischen ihnen schwieriger.

Hinnerk verstand nicht, warum Johann sich mit seinem Leben zufriedengab.

Und Johann ärgerte sich darüber, dass Hinnerk seine Verantwortung für die Familie offenbar für eine Ausrede hielt.

Eines Abends kam Hinnerk mit einer Nachricht, auf die er lange gewartet hatte.

Er hatte eine Heuer auf einem Frachter bekommen, der nach Übersee fahren sollte.

Die Nordstern.

Er stand in Johanns Küche, die Reisetasche bereits gepackt.

„Jetzt oder nie“, sagte er.

Johann war müde von der Schicht. Seine Hände rochen noch nach Öl, und auf dem Tisch lag ein Brief der Krankenkasse wegen seines Vaters.

„Dann fahr doch.“

Hinnerk sah ihn an.

„Du könntest mitkommen.“

Johann lachte kurz.

„Und wer bezahlt hier die Rechnungen?“

„Du findest überall Arbeit.“

„Das sagst du so einfach.“

„Weil es einfach ist.“

Johann spürte, wie ihm die Wut in den Hals stieg.

„Für dich vielleicht. Du hast ja auch niemanden, für den du Verantwortung übernehmen musst.“

Hinnerk wurde rot.

„Du findest immer einen Grund, nicht zu fahren.“

„Und du findest immer einen Grund, vor allem davonzulaufen.“

Eine Weile standen sie einander schweigend gegenüber.

Dann sagte Hinnerk etwas, das Johann noch Jahrzehnte später hören konnte.

„Vielleicht hast du einfach Angst.“

Johann starrte ihn an.

Angst.

Das Wort traf ihn härter, als er zugeben wollte.

Er wusste es nicht.

Und weil er es nicht wusste, wurde er noch wütender.

„Wenn du jetzt gehst“, sagte er, „brauchst du nie wiederzukommen.“

Hinnerk stand einen Augenblick reglos da.

Dann nahm er seine Tasche.

„Dann ist das wohl so.“

Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Drei Tage später lief die Nordstern aus.

Johann stand nicht am Hafen.

Er hatte Frühschicht.

* * *

„Und dann ist das Schiff untergegangen?“, fragte Ben.

Johann nickte.

„Vor Norwegen. Ein schwerer Sturm.“

Er erzählte von den ersten Nachrichten, von den Wrackteilen, die man gefunden hatte, und von den Männern, die gerettet worden waren.

Hinnerks Name stand auf einer Liste der Vermissten.

Später hatte es weitere Meldungen über Überlebende gegeben, aber Johann hatte nie erfahren, ob Hinnerk darunter gewesen war.

Hinnerks Eltern waren inzwischen fortgezogen. Die Verbindung zu seiner Familie war abgerissen.

Und Johann hatte nicht nachgefragt.

Anfangs aus Stolz.

Später aus Scham.

Irgendwann war so viel Zeit vergangen, dass er nicht mehr wusste, wie er überhaupt hätte anfangen sollen.

„Warum hast du ihn nicht gesucht?“, fragte Ben.

Johann schaute lange auf die Ems.

„Weil ich ein Feigling war.“

Ben runzelte die Stirn.

„Du hast doch eben gesagt, du hattest keine Angst.“

„Das habe ich damals auch geglaubt.“

Er nahm einen Schluck Tee.

Ben schwieg.

Dann fragte er:

„Und warum sitzt du jetzt immer hier?“

Johann hob das Fernglas.

„Weil ich irgendwann angefangen habe, nach den Schiffen zu schauen. Erst nur manchmal. Später immer öfter.“

Er betrachtete das Wasser.

„Und weil ich nie ganz aufhören konnte zu hoffen.“

* * *

Im August wurde ein neues Kreuzfahrtschiff von der Werft überführt.

Schon am Vormittag waren die Deiche voller Menschen. Fahrräder lehnten an Zäunen, Kinder saßen auf den Schultern ihrer Väter, und aus Thermoskannen wurde Kaffee ausgeschenkt.

Ben hatte Johann überredet, früh zur Bank zu kommen.

Als das Schiff langsam um die Biegung erschien, stand der Junge auf.

„Wahnsinn!“

Die weißen Aufbauten ragten hoch über die Deiche hinaus. Schlepper begleiteten das gewaltige Schiff, während es sich mit kaum merklicher Geschwindigkeit durch den Fluss bewegte.

Johann betrachtete es mit seinem Fernglas.

„An solchen Schiffen habe ich mitgebaut“, sagte er.

„An dem auch?“

„Nein. Da war ich schon in Rente.“

„Aber an anderen?“

Johann nickte.

Ben sah ihn an, als hätte er gerade erfahren, dass der alte Mann neben ihm einmal auf dem Mond gewesen sei.

„Dann hast du ja Schiffe gebaut, mit denen Menschen um die ganze Welt fahren.“

Johann ließ das Fernglas sinken.

„Ja.“

„Und bist du selbst mal mitgefahren?“

„Nein.“

Ben schaute wieder zu dem Schiff.

„Komisch.“

„Was ist komisch?“

„Dass du anderen Leuten ihre Weltreise gebaut hast und deine eigene nie gemacht hast.“

Johann antwortete nicht.

Das Schiff glitt langsam vorbei. Hinter den großen Fenstern waren noch keine Passagiere zu sehen, und auf den Außendecks standen Männer in Arbeitskleidung.

Johann dachte an die vielen Stunden in den Hallen, an die Schweißnähte, die Stahlplatten und die langen Schichten.

* * *

Im September wurde das Gras auf dem Deich dunkler. Die Schafe standen mit dem Rücken zum Wind, und an manchen Tagen trieb der Regen so waagerecht über die Ems, dass selbst die Möwen Schwierigkeiten hatten, dagegen anzufliegen.

Ben kam trotzdem.

Nicht mehr so häufig wie im Sommer. Die Schule hatte wieder begonnen, und manchmal musste er zum Fußballtraining.

Aber wenn er kam, brachte er Tee mit.

Eines Nachmittags saßen sie lange schweigend nebeneinander.

Dann sagte Ben:

„Ich hab nachgedacht.“

Johann zog die Augenbrauen hoch.

„Freiwillig?“

„Sehr witzig.“

„Worüber denn?“

„Über Hinnerk.“

Johann bewegte sich nicht.

„Was ist mit ihm?“

„Wir könnten ihn suchen.“

Der Alte drehte langsam den Kopf.

„Ben, das Schiff ist vor über fünfzig Jahren untergegangen.“

„Ja. Aber du hast doch gesagt, dass später noch Männer gefunden wurden.“

„Das stimmt.“

„Also wissen wir nicht, ob er tot ist.“

Johann schwieg.

Ben zog sein Handy hervor.

„Im Internet kann man ziemlich viel finden.“

„Nach fünfzig Jahren?“

„Warum nicht?“

„Junge, damals gab es noch nicht einmal Computer.“

„Aber Zeitungen gab es.“

Johann betrachtete ihn.

„Und Schiffsregister“, fuhr Ben fort. „Mein Opa sagt, früher wurde so was alles aufgeschrieben.“

„Dein Opa ist ein kluger Mann.“

„Manchmal.“

Sie lachten.

Dann wurde Johann ernst.

„Und wenn wir nichts finden?“

Ben zuckte mit den Schultern.

„Dann haben wir wenigstens gesucht.“

Johann blickte über den Fluss.

„Na gut“, sagte er schließlich.

Ben grinste.

„Dann brauchen wir erst mal den Namen vom Schiff.“

„Die Nordstern.“

„Und wann ist sie untergegangen?“

Johann nannte das Jahr.

Ben tippte.

Damit begann eine Suche, die den ganzen Herbst dauern sollte.

* * *

Zunächst fanden sie fast nichts.

Ben durchsuchte das Internet, probierte verschiedene Schreibweisen und stieß auf Schiffe, die zwar Nordstern hießen, aber zu ganz anderen Zeiten unterwegs gewesen waren.

Einmal fand er einen Bericht über ein Unglück in der Ostsee. Ein anderes Mal ein Foto eines Frachters, der erst zwanzig Jahre nach Hinnerks Verschwinden gebaut worden war.

Johann betrachtete die Ergebnisse geduldig.

„Vielleicht sollten wir es lassen“, sagte er irgendwann.

„Warum?“

„Weil es offenbar nichts bringt.“

Ben klappte den Laptop zu.

„Du hast über fünfzig Jahre gewartet. Da kannst du wohl noch ein paar Wochen suchen.“

Johann musste lachen.

„Du bist ganz schön frech.“

„Sagt meine Mutter auch.“

In der Schule begann Ben, in den Pausen nach dem Schiffsunglück zu suchen.

Mats schaute ihm über die Schulter.

„Was machst du da?“

„Ich suche einen Mann.“

„Wen denn?“

„Einen Seemann. Der ist vor über fünfzig Jahren verschwunden.“

„Warum?“

Ben erzählte ihm von Johann und der Bank auf dem Deich.

„Und du glaubst, der lebt noch?“

„Ich weiß es nicht.“

„Dann ist das Zeitverschwendung.“

Ben antwortete nicht.

Im Englischunterricht fragte er Frau Kramer, ob sie ihm bei einem Brief an ein norwegisches Schifffahrtsmuseum helfen könne. Sie las seinen Entwurf.

„Worum geht es?“

Diesmal erzählte Ben ausführlicher. Von zwei Jungen, die um die Welt segeln wollten. Von einem Streit, einem verschwundenen Schiff und einem alten Mann, der auf einer Bank wartete.

„Das ist eine große Aufgabe“, sagte Frau Kramer.

„Ich weiß.“

„Keine schlechte.“

Sie half ihm mit dem Brief. Am nächsten Tag brachte sie eine alte Seekarte mit und fragte, ob er der Klasse davon erzählen wolle.

„Die lachen doch.“

„Vielleicht.“

Am Freitag stand Ben vor der Tafel. Er hatte drei Bilder dabei: ein altes Frachtschiff, eine Karte der norwegischen Küste und ein Foto von Johanns Bank.

Als er sagte, dass Johann seit über fünfzig Jahren auf seinen Freund wartete, rief jemand aus der letzten Reihe: „Der spinnt doch.“

Einige lachten. Ben spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Er wollte sich setzen.

Dann dachte er an die roten Haare, die Sommersprossen und den Holzschuh auf Petersens Hühnerstall.

Er erzählte von zwei Jungen, von einer Blechdose voller Pfennige und einer Karte mit roten Linien.

Als er fertig war, war es still.

Mats meldete sich als Erster. „Ich könnte mal nach alten Fotos von dem Schiff suchen.“

Ein Mädchen aus der zweiten Reihe sagte, ihre Mutter arbeite mit einer Norwegerin zusammen. Sie hieß Liv.

Aus Bens Suche wurde ein kleines Klassenprojekt. Die meiste Arbeit blieb an ihm hängen. Er legte Listen an, verwechselte zwei Schiffe und schickte eine Anfrage zweimal ab.

Eines Nachmittags kam die Antwort eines Schifffahrtshistorikers. Er schrieb, er finde die Geschichte ungewöhnlich, und bot an, in einem alten Register nachzusehen.

Ben las die Nachricht dreimal.

Dann rannte er in die Küche zu seiner Mutter.

„Mama! Der schreibt mir!“

* * *

Ende Oktober traf eine weitere Nachricht ein.

Der Historiker hatte tatsächlich einen Eintrag über die Nordstern gefunden.

Das Schiff war während eines schweren Sturms vor der norwegischen Küste in Seenot geraten. Ein Teil der Besatzung war von einem anderen Schiff aufgenommen worden. Weitere Seeleute hatten in einem Rettungsboot versucht, die Küste zu erreichen.

In den deutschen Meldungen galten mehrere Männer zunächst als vermisst.

Doch der Historiker wies auf einen Vermerk hin, den Ben zunächst übersehen hatte.

Einige Wochen nach dem Unglück waren weitere Überlebende registriert worden. Einer von ihnen hatte offenbar in Norwegen bleiben wollen.

Der Name war in den Unterlagen nur unvollständig verzeichnet.

Ben las den Absatz immer wieder.

Dann fuhr er zu Johann.

Der saß in seiner Küche. Draußen schlug Regen gegen die Fensterscheiben.

Ben legte den Ausdruck vor ihn.

„Ich glaube, wir haben ihn gefunden.“

Johann las langsam.

„Einen Überlebenden?“

„Ja.“

„Aber da steht doch gar kein vollständiger Name.“

„Nein. Aber es könnte Hinnerk sein.“

Johann legte das Blatt auf den Tisch.

„Du hast eben gesagt, ihr habt ihn gefunden.“

Ben spürte, wie ihm heiß wurde.

„Ja. Ich dachte …“

Johann sah ihn lange an.

„Weißt du, was du da mit mir machst?“

Ben schwieg.

„Über fünfzig Jahre lang habe ich mich daran gewöhnt, dass er nicht mehr lebt. Und jetzt kommst du hier herein und sagst, du hättest ihn gefunden.“

„Ich wollte doch nur helfen.“

„Dann sag mir bitte nicht, dass du etwas weißt, wenn du es nur hoffst.“

Ben stand auf.

„Tut mir leid.“

Er nahm seinen Rucksack und ging.

Johann blieb am Tisch sitzen.

Er hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel.

Draußen schlug der Regen gegen die Scheiben.

Er betrachtete den Ausdruck.

Dann schob er ihn zur Seite.

* * *

Ben kam nicht mehr.

Nicht am nächsten Tag und auch nicht in der folgenden Woche.

Johann saß wieder allein auf seiner Bank. Der Wind war kälter geworden, und die Schiffe fuhren durch graues Wasser.

Manchmal sah er den Deichweg entlang, wenn ein Fahrrad näherkam.

Es war nie Ben.

Er wusste, dass er den Jungen verletzt hatte.

Eines Nachmittags stand Johann vor Bens Elternhaus.

Er hatte lange gebraucht, um die richtige Straße zu finden, obwohl Ben ihm mehrmals erzählt hatte, wo er wohnte.

Bens Mutter öffnete.

„Johann!“

Sie wirkte überrascht.

„Ist Ben da?“

„Ja. Einen Augenblick.“

Ben kam die Treppe herunter.

Als er Johann sah, blieb er stehen.

„Moin.“

„Moin.“

Johann drehte seine Mütze in den Händen.

„Ich wollte mal fragen, ob du noch weißt, wie die Sache mit Petersens Ruderboot wirklich ausgegangen ist.“

Ben runzelte die Stirn.

„Du hast doch gesagt, ihr musstet den Garten umgraben.“

„Ja. Aber ich habe dir noch nicht erzählt, was Petersen uns am letzten Tag gegeben hat.“

Ben sah ihn an.

„Was denn?“

„Zwei Mark.“

„Wofür?“

„Weil wir seinen Garten so ordentlich gemacht hatten.“

Ben musste lachen.

Johann lächelte.

Dann wurde er ernst.

„Ich hätte dich neulich nicht so anfahren dürfen.“

Ben schaute auf den Boden.

„Ich hätte nicht sagen sollen, dass wir Hinnerk gefunden haben.“

„Nein.“

Johann nickte.

„Aber du hast es gut gemeint.“

Er zögerte.

„Und ich habe mich gefreut, dass du wieder Hoffnung hattest. Ich hatte nur Angst davor.“

Ben sah auf.

„Wollen wir weitersuchen?“

Johann streckte ihm die Hand hin.

„Wenn du noch Lust hast.“

Ben schlug ein.

„Klar.“

* * *

Der erste Frost kam Anfang Dezember.

Auf den Pfützen des Deichwegs lag morgens eine dünne Eisschicht, und die Schafe drängten sich in den Windschatten der Böschung.

Johann saß jetzt seltener auf seiner Bank. Seine Knie machten ihm zu schaffen, und an manchen Tagen blieb er lieber zu Hause.

Ben besuchte ihn dann.

Das kleine Haus stand am Rand des Dorfes. In der Küche tickte eine alte Wanduhr, und auf der Fensterbank standen zwei Orchideen, um die Johann sich mit einer Sorgfalt kümmerte, die er früher für unmännlich gehalten hätte.

An einem Nachmittag kurz vor Weihnachten saßen sie am Küchentisch.

Ben hatte seinen Laptop mitgebracht.

„Ich hab was gefunden.“

Johann sah von seiner Zeitung auf.

„Schon wieder ein Schiffsregister?“

„Nein.“

Ben drehte den Bildschirm zu ihm.

„Livs Mutter hat eine Antwort aus Norwegen bekommen. Von einer Frau, die in einem kleinen Küstenmuseum arbeitet. Sie hat in alten Gemeindeunterlagen nachgesehen.“

„Und?“

„Einer der Männer, die damals gerettet wurden, hat später in einer Bootswerft gearbeitet. In einem kleinen Ort an einem Fjord.“

Johann beugte sich vor.

„Wie hieß er?“

„Das ist das Problem. In den alten Unterlagen steht nur ein Vorname. Henrik.“

Johann sagte nichts.

„Aber die Frau hat noch etwas gefunden.“

Ben öffnete eine zweite Seite.

Es war ein Zeitungsartikel.

Darunter stand das Foto eines alten Mannes.

Er saß auf einer Bank am Wasser.

Hinter ihm erhoben sich dunkle Berge. Kleine Fischerboote lagen an einem Steg, und über dem Fjord hing ein grauer Himmel.

„Die Zeitung hat vor ein paar Jahren über ihn geschrieben“, erklärte Ben. „Weil er fast jeden Tag dort sitzt.“

Johann betrachtete das Bild.

Der Mann hatte weißes Haar, ein schmales Gesicht und tiefe Falten um die Augen.

„Was steht da?“, fragte er.

Ben hatte den Artikel mit Liv und ihrer Mutter übersetzt.

„Er ist als junger Mann nach einem Schiffsunglück nach Norwegen gekommen. Später hat er Boote gebaut. Er war verheiratet, seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben.“

Johann beugte sich noch weiter vor.

„Und warum sitzt er dort?“

Ben las aus seiner Übersetzung.

„Die Journalistin hat ihn gefragt, warum er so oft aufs Wasser schaut.“

Er hielt inne.

„Und?“

„Er hat gesagt: Ich habe einmal jemandem versprochen, mit ihm die Welt zu entdecken.“

Johann legte die Zeitung aus der Hand.

„Lies das noch mal.“

Ben wiederholte den Satz.

Johann nahm seine Brille ab, putzte sie mit dem Taschentuch und setzte sie wieder auf.

„Kannst du das Bild größer machen?“

Ben vergrößerte es.

Johann betrachtete das Gesicht.

Lange.

Dann zeigte er mit dem Finger auf eine kleine Narbe über der linken Augenbraue.

„Die hat er von mir.“

Ben schaute ihn an.

„Was?“

„Wir haben als Kinder mit Holzschwertern gekämpft. Ich habe ihn aus Versehen getroffen.“

Johann fuhr mit dem Finger über die Narbe auf dem Bildschirm.

„Er hat geblutet wie ein abgestochenes Schwein. Und anschließend behauptet, es hätte überhaupt nicht wehgetan.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Dann begann seine Hand zu zittern.

„Das ist Hinnerk.“

Ben sagte nichts.

Johann lehnte sich zurück.

Über fünfzig Jahre hatte er sich vorgestellt, wie sein Freund irgendwo auf dem Meeresgrund lag.

Und nun saß Hinnerk auf einer Bank in Norwegen.

Alt geworden.

Genau wie er.

„Der lebt“, flüsterte Johann.

Ben nickte.

„Ja.“

Johann schüttelte ungläubig den Kopf.

„Der alte Dummkopf.“

Er lachte.

Und plötzlich liefen ihm Tränen über die Wangen.

Ben sah diskret zum Fenster hinaus.

Draußen begann es zu schneien.

* * *

Es dauerte noch einige Wochen, bis Johann sich entschloss, einen Brief zu schreiben.

Die norwegische Journalistin hatte angeboten, ihn weiterzuleiten.

Johann saß lange vor einem leeren Blatt Papier.

„Was soll ich denn sagen?“, fragte er.

Ben saß ihm gegenüber.

„Hallo.“

„Nach fünfzig Jahren?“

„Na ja. Vielleicht ein bisschen mehr.“

Sie überlegten gemeinsam.

Schließlich schrieb Johann:

Lieber Hinnerk,

ich weiß nicht, ob du dich noch an unsere letzten Worte erinnerst. Ich habe sie jedenfalls nie vergessen.

Ich habe damals gesagt, du brauchst nie wiederzukommen.

Das war der größte Blödsinn meines Lebens.

Ich habe oft an dich gedacht. An unser Boot auf Petersens Hühnerstall, an die Blechdose und an unsere Weltreise.

Ich habe Lene geheiratet. Wir hatten ein gutes Leben miteinander. Sie ist vor einigen Jahren gestorben. Ich habe Kinder und Enkel und bin ein alter Mann geworden.

Aber manchmal sitze ich auf dem Deich und schaue auf die Ems.

Wenn du noch Lust hast, würde ich gerne mit dir einen Tee trinken.

Dein Johann.

Drei Wochen später kam die Antwort.

Ein Umschlag mit einer norwegischen Briefmarke.

Johann öffnete ihn mit einem Küchenmesser.

Darin lag ein einzelnes Blatt Papier.

Die Handschrift war zittrig.

Mein lieber Johann,

du alter Dickschädel.

Ich habe mehr als fünfzig Jahre darauf gewartet, dass du endlich zur Vernunft kommst.

Natürlich erinnere ich mich an unseren Streit.

Ich habe damals auch Dinge gesagt, die ich besser für mich behalten hätte.

Ich bin nicht zurückgekommen, weil ich dachte, du wolltest mich nicht mehr sehen. Und irgendwann war so viel Zeit vergangen, dass ich nicht mehr wusste, wie ich den ersten Schritt machen sollte.

Ich habe hier ein gutes Leben gehabt. Meine Frau war ein wunderbarer Mensch. Wir hatten zwei Kinder. Sie leben inzwischen weit weg.

Aber manchmal sitze ich am Fjord und schaue aufs Wasser.

Ich habe oft an dich gedacht.

An unser Boot auf Petersens Hühnerstall.

An die Blechdose.

Und an unsere Weltreise.

Die haben wir übrigens immer noch nicht gemacht.

Dein Hinnerk.

P.S. Auf der Rückseite steht meine Nummer.

Johann las den Brief dreimal.

Dann reichte er ihn Ben.

Der las ihn und grinste.

„Siehst du.“

„Was?“

„Standby.“

Johann lachte.

„Ja, Junge. Standby.“

* * *

An einem sonnigen Nachmittag im Mai saßen Johann und Ben wieder auf der Bank.

Die Ems glänzte im Gegenlicht. Ein großes Kreuzfahrtschiff wurde langsam von Schleppern flussabwärts begleitet. Seine weißen Aufbauten ragten hoch über die grünen Deiche hinaus, und auf beiden Seiten des Flusses hatten sich Menschen versammelt, um die Überführung zu beobachten.

Johann kannte diese Bilder seit Jahrzehnten.

Früher hatte er manchmal gedacht, dass die Menschen auf diesen Schiffen in die Welt hinausfuhren, während er zurückblieb.

Heute betrachtete er das Schiff mit anderen Augen.

Ben hatte sein Handy auf den Knien.

„Und?“, fragte er.

„Was und?“

„Wann fährst du hin?“

Johann betrachtete das Schiff.

„Nach Norwegen?“

„Nein, nach Borkum. Natürlich nach Norwegen.“

Johann schwieg.

„Ich bin ein alter Mann, Ben.“

„Das weiß ich.“

„Meine Knie sind nicht mehr die besten.“

„Meine Oma sagt, du sollst nicht immer so viel jammern.“

„Deine Oma ist eine sehr kluge Frau.“

Ben grinste.

Dann wurde er ernst.

„Johann, ihr habt euch doch mal versprochen, zusammen mit einem Schiff in die Welt zu fahren.“

„Ja.“

„Und warum macht ihr das jetzt nicht?“

Johann sah ihn ungläubig an.

„Junge, wir sind zusammen fast hundertsechzig Jahre alt.“

„Na und?“

„Na und?“

„Es gibt doch Kreuzfahrtschiffe. Da musst du nicht selbst rudern.“

Johann lachte so laut, dass sich zwei Schafe erschrocken umdrehten.

„Du bist vielleicht einer.“

Ben zuckte mit den Schultern.

„Ich meine ja nur.“

Eine Weile schauten sie auf die Ems.

Dann sagte Johann:

„Weißt du, was das Verrückte ist?“

„Was?“

„Ich habe mein ganzes Leben gedacht, Hinnerk sei irgendwo draußen auf dem Meer geblieben. Und dabei hat er genauso auf das Wasser geschaut wie ich.“

Ben nickte.

„Nur von der anderen Seite.“

Johann betrachtete ihn.

„Ja. Nur von der anderen Seite.“

Das Schiffshorn dröhnte über den Fluss.

Johann sah Ben an.

„Sag mal, Junge. Hast du eigentlich inzwischen jemanden gefunden, mit dem du einmal die Welt entdecken willst?“

Ben überlegte.

Er dachte an Mats, an Liv, an Frau Kramer und an die vielen Menschen, die bei der Suche geholfen hatten.

„Ich glaube, ich habe sogar mehrere.“

Johann lächelte.

„Dann pass gut auf sie auf.“

Ben nickte.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.

Dann stand Ben auf und schulterte seinen Rucksack.

„Ich muss los. Hab noch Hausaufgaben.“

„Na dann.“

Ben ging ein paar Schritte, blieb stehen und drehte sich um.

„Johann?“

„Ja?“

„Was ist eigentlich aus eurer Blechdose geworden?“

„Die steht noch im Schrank.“

„Mit den achtundvierzig Mark?“

„Und siebzig Pfennig.“

Ben grinste.

„Dann würde ich mal anfangen zu sparen.“

Er schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr davon.

Johann blieb sitzen.

Er schaute dem Jungen nach, bis dieser hinter der Deichkurve verschwunden war.

Dann zog er den Brief aus der Manteltasche, den er seit Wochen bei sich trug.

Auf der Rückseite stand eine Nummer mit norwegischer Vorwahl.

Er nahm sein Handy und tippte sie langsam ein.

Es klingelte lange.

Schließlich meldete sich eine brüchige Stimme.

„Hallo?“

Johann schluckte.

„Hinnerk?“

Am anderen Ende blieb es still.

Dann hörte er ein leises Lachen.

„Johann?“

„Ja.“

Wieder Schweigen.

Schließlich räusperte sich Johann.

„Sag mal, Hinnerk …“

„Ja?“

„Hast du eigentlich noch Lust auf unsere Weltreise?“

Am anderen Ende der Leitung war es einen Augenblick still.

Dann hörte Johann seinen alten Freund lachen.

Dieses Lachen.

Er hätte es unter tausend anderen erkannt.

„Du alter Dummkopf“, sagte Hinnerk.

„Was denn?“

„Ich habe doch die ganze Zeit auf dich gewartet.“

„Hinnerk?“

„Ja?“

„Ich glaube, wir sollten uns beeilen.“

Bild

Ihr seid ein Segen

Vor einigen Tagen sagte eine Frau nach einem WEISSE RING Gespräch diesen Satz…
„Ihr seid ein Segen.“

Wenige Tage zuvor hatte ich ihn schon einmal gehört und mich an ihm so was von erfreut. Da ging es um unsere tollen engagierten Pflegerinnen und Pfleger der Diakoniestation Weener.
Ein Segen.

Was für ein wunderbares, beinahe altmodisches Wort.
Und was für eine tiefe Bedeutung.

Es erinnert mich daran, warum mir die christliche Botschaft so wichtig ist.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Eigentlich ein einfacher Satz.
Und doch steckt darin vielleicht die wichtigste Voraussetzung für unser Zusammenleben.
Menschen, die sich um andere kümmern.
In der Pflege, bei der Feuerwehr, der Polizei, der Tafel, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Nachbarschaft. Hauptamtlich oder ehrenamtlich.

Menschen, die nicht zuerst fragen, was ihnen selbst etwas bringt.
Sie sind das, was die Bibel das Salz der Erde nennt.

Wir erleben eine Zeit, in der gewaltige Zentrifugalkräfte an unserer Gesellschaft zerren. Spaltung, Isolation, Hass und Wut treiben uns auseinander.

Und mittendrin gibt es unendlich viele Menschen, die genau das Gegenteil tun.
Sie halten uns zusammen.

Und vielleicht sollten wir ihnen viel öfter sagen…
Du bist ein Segen.

Denn eine Gesellschaft wird nicht allein durch Gesetze, Institutionen und wirtschaftlichen Wohlstand zusammengehalten.
Sondern vor allem durch Menschen, die füreinander da sind.
Das ist für mich gelebte Nächstenliebe.

Und davon können wir gar nicht genug haben

Ihr seid ein Segen

30.000 Jahre – dieselbe Hand

„Der Mensch hat die falschen Zähne“

Acht Milliarden Schwächlinge oder ….
warum Freundlichkeit vielleicht unsere erfolgreichste Überlebensstrategie war

***

Ich sehe gerade wieder die Nachrichten. Es schüttelt mich.
Hass. Kriege. Aggression.
Menschen, die einander zu Feinden erklären.

Und manchmal frage ich mich, – warum gibt es uns eigentlich noch?

Wir Menschen sind, nüchtern betrachtet, für das Überleben erstaunlich schlecht ausgestattet.
Keine Krallen.
Keine Reißzähne.
Kein Panzer.
Kein Fell gegen die Kälte.

Wir sind nicht besonders schnell.
Nicht besonders stark.

Und trotzdem sind wir heute mehr als acht Milliarden.

Vielleicht, weil unsere stärkste Waffe nie eine Waffe war.
Es waren die anderen.

Unsere Fähigkeit, miteinander zu reden.
Einander zu vertrauen.
Wissen weiterzugeben.
Zu teilen.

Gemeinsam etwas zu bauen, was keiner allein hätte bauen können.
Kooperation.

Die Evolutionsforscher Brian Hare und Vanessa Woods nennen dieses Prinzip.

„Survival of the Friendliest.“ Das Überleben der Freundlichsten.

Nicht unbedingt der Stärkste kommt weiter.
Sondern derjenige, der mit anderen kann.

Auch der beeindruckende Niederländische Historiker Rutger Bregman hat viele Beispiele dafür zusammengetragen.
Seine These.
Der Mensch ist im Grunde gut.
Kooperation ist nicht die seltene Ausnahme, sondern ein wesentlicher Teil unseres Wesens.

Selbst in Katastrophen bricht nicht zwangsläufig das Chaos aus.

Menschen helfen.
Sie teilen.
Sie organisieren sich.
Sie retten Fremde.

Und wenn das stimmt, bleibt doch eine verdammt interessante Frage.

Warum sehen wir dann gerade so viel Hass?
Warum lassen wir uns von den schlechtesten Charakteren führen, überzeugen, begeistern?

Vielleicht auch deshalb, weil sich mit unseren schlechtesten Eigenschaften ausgezeichnete Geschäfte machen lassen.

Wut verkauft sich besser als Vertrauen.
Empörung klickt sich schneller als Vernunft.
Angst bindet Menschen stärker als eine nüchterne Nachricht.

Und Politik hat längst gelernt, damit zu arbeiten.

Und Soziale Medien haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht.

Gerade erlebt deshalb ein Menschentyp Hochkonjunktur, den wir eigentlich längst kennen und der uns Menschen noch nie Gutes gebracht hat.

Hart.
Misstrauisch.
Abgrenzend.
Wir gegen die.
Unser Land zuerst.
Unsere Gruppe zuerst.

Die anderen sind das Problem.

Das ist kein neuer Mensch.
Das ist ein sehr alter Mensch aus dunkler Vergangenheit – allerdings mit einem Smartphone in der Hand.

Stammesdenken war einmal nützlich.
Die eigene Gruppe schützen.
Fremde als mögliche Gefahr betrachten.

Nur die Welt, für die dieses Denken gemacht war, die gibt es nicht mehr.

Wir haben ein Klima.
Eine Atmosphäre.
Ozeane, die keine Staatsgrenzen kennen.
Viren, die keinen Pass vorzeigen.
Eine Wirtschaft, in der kaum noch ein Land allein existieren kann.

Und Probleme, die sich einen Dreck um Schlagbäume oder nationalistisches Geschwätz kümmern.

Die Erde hat längst einen einzigen Stamm aus uns gemacht.

Nur unsere Köpfe haben das teilweise noch nicht begriffen.

Vielleicht entscheidet sich unsere Zukunft deshalb nicht daran, ob wir wieder härter werden.
Sondern daran, ob wir uns an jene Fähigkeit erinnern, die uns überhaupt erst so weit gebracht hat.

Miteinander reden,
einander vertrauen,
Wissen teilen,
Fremden helfen,
Fremden helfen,
gemeinsam handeln.

Nicht die Klaue.
Nicht der Reißzahn.

Der andere Mensch.

Vielleicht war das unsere größte Stärke.
Vielleicht ist es auch unsere letzte.

30.000 Jahre – dieselbe Hand

2031?

„Wir haben so unendlich viele Fähigkeiten in Ostfriesland…“

2031 – Gedankenspiele zur Schließung des VW Werkes Emden?
Das klingt weit weg.

Für Emden und Ostfriesland ist es plötzlich verdammt nah.

Nach aktuellen Berichten plant der VW-Vorstand, die Produktion im Werk Emden 2031 auslaufen zu lassen.
Noch ist zwar nichts endgültig entschieden.

Und selbstverständlich muss um dieses Werk gekämpft werden.
Aber vielleicht sollten wir dabei einen Fehler nicht machen.
Nur um das kämpfen, was wir heute haben.

Ich habe Jahrzehnte meines Berufslebens im Schiffbau verbracht und dort extreme und heftige Krisen erlebt.
Und eine Erfahrung daraus ist mir geblieben.

Eine Krise beginnt selten an dem Tag, an dem die Aufträge fehlen.
Meistens hat sie Jahre vorher begonnen.

Mit Entscheidungen, die nicht getroffen wurden.
Mit Entwicklungen, die unterschätzt wurden.
Mit Investitionen, die zu spät kamen.
Mit Halbherzigkeiten.

Und mit dem beruhigenden Glauben, dass das, was jahrzehntelang funktioniert hat, irgendwie auch morgen noch funktionieren werde.

Der deutsche Schiffbau hat dafür ganz bitter bezahlt.

Viele Werften verschwanden.
Andere überlebten.

Aber nicht, weil sie die Schiffe von gestern einfach etwas billiger bauten.
Sie bauten andere Schiffe.

Spezialschiffe.
Kreuzfahrtschiffe.
Hochkomplexe Einzelanfertigungen.
Sie automatisierten. Entwickelten neue Fertigungsverfahren.
Spezialisierten sich. Investierten in Wissen und Technik.

Sie begriffen irgendwann das man gegen niedrigere Kosten allein auf Dauer keinen Wettbewerb gewinnt.
Gegen sie gewinnt man mit einem Motivation,- Wissens,- Qualitäts,- Schnelligkeits,- Innovationsvorsprung den man jeden Tag hart neu erarbeiten und verteidigen muss.

Vielleicht liegt genau darin eine Lehre für Emden.

Natürlich müssen Politik, Betriebsrat und Gewerkschaft um eine Zukunft des VW-Werks kämpfen.

Aber die entscheidende Frage darf nicht nur lauten, welches Auto bauen wir nach 2030 in Emden?

Die größere Frage lautet doch, was können Tausende hervorragend ausgebildete Menschen mit einem modernen Industriewerk, einem Seehafen vor der Tür und großen Mengen erneuerbarer Energie produzieren, das Deutschland und Europa 2035 und danach dringend brauchen?

Denn vielleicht müssen wir aufhören, ausschließlich über die Zukunft des VW-Werks Emden zu reden.
Und anfangen, über die Zukunft des Industriestandorts Emden und Ostfriesland nachzudenken.

Denn das ist ein Unterschied. Wohin lenken wir unsere Kraft, Zeit und Energie in den kommenden Monaten und verbleibenden Jahren?

Da stehen Hallen und Produktionsanlagen.
Da gibt es automatisierte Fertigung.
Logistik.
Ingenieurwissen.
Facharbeiter.
Einen bedeutenden Seehafen.
Eine Hochschule.
Windenergie.
Eine entstehende Wasserstoffwirtschaft.

Und vor allem Tausende Menschen, die gelernt haben, industrielle Produkte in hoher Qualität zu bauen.

Das muss kein sterbender Industriestandort sein.
Das ist pures industrielles Kapital.

Also sollten wir in Ostfriesland nicht erst 2030 darüber nachdenken, was damit geschehen könnte.

Unsere Heimat hat vielleicht fünf Jahre.
Das klingt lange.

Für Strukturpolitik ist es aber erschreckend kurz.
Deshalb müsste eigentlich jetzt ein Tisch entstehen.

VW.
Land Niedersachsen.
Bund.
Stadt und Region.
Gewerkschaften.
Hochschule.
Hafenwirtschaft.
Energiewirtschaft.

Und vor allem Unternehmen und Investoren und Ideengeber, die heute vielleicht noch gar nichts mit Automobilbau zu tun haben.

Und dann gehört eine einzige Frage auf diesen Tisch:

Was wollen wir 2035 in Emden produzieren?

Klar – der Wunsch wäre weiterhin Autos – aber was außerdem?

Batterien und Speichertechnik?
Komponenten für Offshore-Windenergie?
Wasserstofftechnik?
Maritime Energiesysteme?
Großmodule?
Recycling und Kreislaufwirtschaft?

Oder vielleicht etwas, das heute noch niemand auf dem Zettel hat?
Vielleicht sogar mehrere Dinge?

Denn auch das sollte uns eine Lehre aus vergangenen Strukturkrisen sein.

Eine ganze Region sollte ihre industrielle Zukunft niemals von einem einzigen Produkt und einem einzigen Unternehmen abhängig machen.

Natürlich gilt es zu analysieren, welche Fehlentscheidungen bei Volkswagen getroffen wurden.
Natürlich muss darüber gesprochen werden, warum ein Werk, in dessen Transformation gerade erst mehr als eine Milliarde Euro investiert wurde, wenige Jahre später wieder grundsätzlich infrage gestellt wird.

Verantwortung gehört benannt.

Aber Schuldige erklären zunächst nur die Vergangenheit.
Aber Ideen verändern die Zukunft.

Aus dem Schiffbau habe ich noch etwas gelernt.

Man kann sehr lange darüber streiten, warum ein Schiff auf Grund gelaufen ist.
Das muss man sogar, damit es nicht noch einmal passiert.
Aber irgendwann braucht man Schlepper.

Und anschließend einen neuen Kurs.

2031 ist nicht morgen.
Noch nicht.

2031?

Wanderer zwischen den Welten


Manchmal wird aus einer Idee ein Manuskript.
Aus einem Manuskript wird ein Buch.

Und irgendwann hält man es tatsächlich in den Händen.
Wie ich heute 🙂

„Wanderer zwischen den Welten“ ist meine Geschichte.
Aber keine Autobiografie, die ein Leben in Jahreszahlen, Ämtern und beruflichen Stationen sortiert.

Ich wollte von den Geschichten erzählen, die geblieben sind.
Von Menschen, die mich geprägt haben.

Von Entscheidungen, die richtig waren – und von solchen, die ich heute vielleicht anders treffen würde.
Von Aufbrüchen und Niederlagen. Von Verantwortung, Freundschaft, Familie und Abschied.

Von einer Kindheit die schön war und in der im Vergleich zu heute vieles fehlte.
Vom Schiffbau und von der Meyer Werft.

Von unterschiedlichen Welten, zwischen denen ich mich manchmal mein ganzes Leben lang bewegt habe.
Und von der Erfahrung, dass ein Leben im Rückblick selten eine gerade Linie ergibt.

Ende dieser Woche kommt „Wanderer zwischen den Welten“ in die Buchhandlungen.

Dass ich mein eigenes Buch dort zwischen all den anderen Büchern stehen sehen werde, ist ein eigenartiger, aufregender und ziemlich schöner Gedanke.

Vielleicht sogar einer dieser Momente, die irgendwann selbst zu einer Geschichte werden.

Wanderer zwischen den Welten

Die Fragen die bleiben

Heute hätte mein Vater Geburtstag gehabt.

Und obwohl er nicht mehr da ist, ist er auf schöne und seltsame Weise doch gegenwärtig.

In Erinnerungen.
In Bildern.
In Sätzen, die plötzlich wieder auftauchen.

In Gesten, die man irgendwann selbst übernommen hat, ohne es zu merken. Man schaut in den Spiegel und sieht ihn.

Es fasziniert mich immer wieder, wie wir Menschen mit Erinnerung umgehen.

Solange Menschen mitten in unserem Alltag stehen, sehen wir oft nur Ausschnitte. Das Funktionieren. Die Gewohnheiten. Die kleinen Reibungen des täglichen Lebens.

Erst mit Abstand verändert sich der Blick.
Dann wird Vergangenes ausgeleuchtet.

Von vielen Seiten betrachtet.

Man erkennt Facetten, die wunderschön waren.
Man sieht Ecken und Kanten.
Man erinnert sich auch an das, was nicht „prickelnd“ war.

Aber plötzlich entsteht Tiefe.

Man versteht vielleicht zum ersten Mal, unter welchem Druck Menschen gelebt haben. Welche Verantwortung sie getragen haben. Welche Kämpfe sie geführt haben, ohne darüber große Worte zu machen.

Und ich frage mich oft, warum uns dieser weisere Blick so selten schon in der Gegenwart gelingt.

Warum erkennen wir die Kostbarkeit eines Moments oft erst dann, wenn er vergangen ist?

Warum verdrängen so viele profane Dinge das Wesentliche?

Vielleicht weil wir Menschen selten im Bewusstsein der Endlichkeit leben.

Wir funktionieren. Organisieren. Erledigen. Verschieben Gespräche und Begegnungen auf später.
Bis irgendwann kein später mehr kommt.

Und dann bleiben Fragen.
Fragen, die man gerne noch gestellt hätte.

Über das Leben.
Über Entscheidungen.
Über Ängste.
Über Träume.

Ich hätte meinem Vater so gerne noch so viele Fragen gestellt.

Vielleicht liegt genau darin eine stille Mahnung des Lebens:Nicht zu warten, bis Erinnerungen sprechen müssen, weil die Menschen selbst es nicht mehr können.

Die Fragen die bleiben

Aktuelle Umfragen und ich habe Fragen dazu

Die reichsten und freiesten Gesellschaften der Geschichte zerstören sich gerade selbst.
Und viele Akteure strahlen dabei vor Glück.

Ein Teil der Gesellschaft wirkt plötzlich wie Menschen, die im Zorn ihre eigene Wohnung verwüsten.

Faschistische Grüße, Gedanken, Worte, Symbole (Nicht versteckt sondern offen!)
Kränkungen, Schmähungen, Verachtung als Programm.
Menschenjagden auf Andersdenkende und Fremde.
Hass als Event und Gruppenklebstoff.

Und immer wieder diese Gesichter der Anhänger der Rechtspopulisten.
Nicht Angst.
Nicht Verzweiflung.
Sondern pure Lust und Glück über die Sorgen und Ängste der anderen.

Die Lust, endlich das zu tun, was eine zivilisierte Gesellschaft normalerweise unterdrückt.
Lust an Zerstörung ohne Interesse was danach kommt.

Denn Demokratie ist anstrengend.

Sie lebt von Kompromissen, Rücksicht, Regeln und permanenter Impulskontrolle.
Nicht alles sagen.
Nicht alles tun.
Nicht jedem Reflex folgen.

Vielleicht liegt genau dort das Problem.

Wir leben seit Jahrzehnten in großer Freiheit, ohne Krieg, ohne Hunger, ohne existenzielle Not und trotzdem, (oder gerade deswegen ?) wächst das Bedürfnis nach Grenzüberschreitung, nach Zündeln, nach dem großen Tabubruch.

Der Rechtspopulismus verkauft dafür ein Versprechen.
Raus aus der komplizierten Kompromissgesellschaft.
Raus aus der Zumutung der Rücksichtnahme.

Tu es einfach.

Und viele empfinden genau das als Befreiung.

Wir haben alles, was frühere Generationen sich erträumt haben.
Und können es offenbar nicht ertragen.

Der Apfel im Paradies war nie verschwunden.

Er hängt immer noch da.

Und manche von uns beißen mit sichtbarer Begeisterung hinein.

Aktuelle Umfragen und ich habe Fragen dazu

Eine Geschichte die mir auf der Seele liegt

Die Abstrichliste

Es war ein Anruf wie viele auf meinem WEISSEN RING Handy.
Eine Mutter. Ihre Stimme am Telefon.
Geflüchtet aus Afrika. Lange Jahre hier. Kinder hier geboren. Der Sohn in der Ausbildung. Mittendrin im Leben, das hier begonnen hat.

Und dann das.

Kollegen führen eine Liste. Dargestellt die Wochen bis zur nächsten Bundestagswahl. Danach, sagen sie, geht es zurück nach Afrika. Vorher aber, ganz kollegial, eine Riesenparty. Gebührender Abschied.

Ha ha. Sehr witzig.

Ich sitze nach diesem Anruf lange still. Nicht weil mir die Worte fehlen. Sondern weil das, was ich fühle, sich zunächst nicht sortieren lässt. Wut. Trauer. Und diese schwere, lähmende Hilflosigkeit, die manchmal noch schlimmer ist als beides zusammen.

Der junge Mann hat seiner Mutter strikt verboten, etwas zu unternehmen. Er hat Angst vor Nachteilen. Er kennt die Regeln seines Umfelds besser als ich. Er hat sie vermutlich früh gelernt, auf eine Art, die ich mir nicht ausdenken will.

Das ist kein Schweigen aus Gleichgültigkeit. Das ist das Schweigen eines Menschen, der weiß, was passiert, wenn er aufsteht.

Was mich aber nicht loslässt, was mich wirklich nicht loslässt, ist die Beschreibung des Drumherums.

Andere sehen es. Einige schütteln den Kopf. Andere grinsen.
Kopfschütteln als stärkste Form des Widerstandes.
Ansonsten. Schweigen. Grinsen. Zustimmen.

Ich kenne diese Bilder aus Büchern über eine Zeit, von der wir alle sagten; Nie wieder.
Wir haben Fotos gesehen. Augenzeugenberichte gelesen. Haben uns gefragt…
Wie war das möglich? Wie haben Menschen das einfach zugelassen?

Dieses Telefonat zeigt mir zumindest einen Teil der Antwort.

Es war nicht immer das große dramatische Entscheidungsmoment. Oft beginnt es kleiner. Mit einer Liste. Mit einem Witz. Mit einem wegschauen. Tausendmal. In ganz normalen Betrieben. Unter ganz normalen Menschen.

Menschen gewöhnen sich erschreckend schnell an das, was sie gestern noch empört hätte.

Und irgendwann entsteht eine Atmosphäre, in der andere spüren,- Man darf das wieder. Man kann wieder demütigen, verhöhnen, ausgrenzen. Und viele werden nicht widersprechen. Sie werden gucken. Schweigen. Vielleicht grinsen.

Ich will nicht in Hysterie verfallen. Aber ich will auch nicht kleinreden, was das ist.

Das ist kein Einzelfall schlechten Humors. Das ist keine Entgleisung in einer ansonsten integren Belegschaft.
Das ist eine Atmosphäre, von der ich in letzter Zeit öfter höre.
Erst vor wenigen Tagen in einem anderen Kontext.

Eine Atmosphäre, die sich einschleicht. Erst als Witz. Dann als Selbstverständlichkeit. Dann als Schweigen der anderen. Dann als stille Billigung.
Und irgendwann kennt jemand seinen Platz. Nicht weil man es ihm gesagt hat. Sondern weil er es gespürt hat. Jeden Tag. In kleinen Dosen.

Die Mutter hat angerufen, weil sie innerlich explodiert. Weil sie wissen wollte, was getan werden kann. Nicht weil sie eine Beschwerde einreichen wollte. Nicht weil sie Strategie suchte.
Sie hat wahrscheinlich angerufen, weil es ihr die Brust zuschnürt. Weil irgendwo jemand da sein muss, der sagt.
Ja. Ich höre das. Das ist real. Und das ist alles so falsch.

Das ist manchmal das Einzige, was ich anbieten kann.
Und es ist, bei aller Hilflosigkeit, nicht nichts.

Aber die bleierne Wut bleibt. Und bricht sich Bahn in diesem Text. Diese stille, schwere Wut, die fragt, was ist aus uns geworden? Oder genauer… Was haben wir zugelassen, dass wir werden?

Nachtrag! Die Heldin?!

Ich hätte fast vergessen zu erwähnen, dass ich auch fragte, ob sich denn niemand für ihn eingesetzt hätte. Ob es nicht irgendjemanden gab, der aufgestanden ist, als die anderen johlten, grinsten oder schwiegen oder wegschauten.

Die Mutter zögerte hörbar kurz. Dann…
Ja. Eine junge Frau dort im Betrieb. Sie hat sich schützend vor ihn gestellt und mit den anderen geschimpft.
Ich dachte.
Gut. Gut, dass es sie gibt.

Und dann kam der nächste Satz.

Für den jungen Mann war das, so seine Mutter, fast schlimmer als das Mobbing selbst.

Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu sortieren.

Dann fragte ich, ob er sich wenigstens bei ihr bedankt habe.
Die Mutter schwieg. Kurz nur. Aber ich hörte in diesem Schweigen viel. Dann sagte sie… Es gehöre sich nicht, dass eine Frau sich in die Angelegenheiten der Männer einmischt.

Was für eine Welt. Oh Shit!

Da ist ein junger Mann, der Rassismus erlebt. Täglich. Systematisch. Mit Ansage. Der schweigt, weil er die Regeln kennt. Der die Demütigung in sich hineinfrisst, weil er gelernt hat… Aufstehen macht es schlimmer.

Und dann steht eine junge Frau auf.
Mutig. Klar. Ohne zu zögern.

Und das ist für ihn noch schwerer zu tragen als die Liste selbst.

Weil er in einer kulturellen Ordnung aufgewachsen ist, in der Schutz durch eine Frau keine Geste der Solidarität ist, sondern eine weitere Kränkung der Würde. Weil Männlichkeit in dieser Ordnung bedeutet. Du stehst selbst. Oder du gehst unter.
Aber du wirst nicht gerettet oder geschützt. Nicht von einer Frau.

Ich schüttele mich darüber. Es graust mich. Aber ich verurteile es nicht vorschnell.

Denn kulturelle Prägungen sind nicht einfach Meinungen, die man morgens wechselt. Sie sitzen tief. In Identität, Scham, Stolz und Selbstbild.

Und trotzdem bleibt es fassungslos machend.

Diese junge Frau hat etwas getan, das die Männer in diesem Betrieb nicht getan haben. Sie ist aufgestanden. Sie hat ein Risiko für einen anderen Menschen auf sich genommen. Sie hat mit ihrer Stimme und ihrer Präsenz offenbar gesagt… Das hier ist falsch. Nicht mit mir.

Und der Dank dafür ist Ablehnung. Schweigen. Distanz.
Das ist aktuell so modische Misogynie. Vielleicht nicht bewusst. Vielleicht nicht böse gemeint. Aber wirksam.

Und sie sitzt mitten in einer Geschichte, die ich erzählen musste, die ohnehin kaum auszuhalten ist. Rassismus. Mobbing. Gleichgültigkeit. Feigheit. Und dann noch das.
Der junge Mann ist Opfer. Und gleichzeitig trägt er Bilder, Gedanken und Verhaltensmuster in sich, die eine andere Person beschädigen, herabsetzen, ausgerechnet diejenige, die für ihn eingestanden ist. Plötzlich ist er irgendwie auch Täter.

So ist beides ist wahr. Gleichzeitig.

Da ich keinen Weisse Ring Fall aufnehmen durfte weiß diese junge Frau wahrscheinlich nicht einmal, dass ich von ihr weiß. Sie hat keinen Dank erhalten. Vielleicht wird sie ihn nie erhalten. Und trotzdem hat sie getan, was sie für richtig hielt.
Dafür verdient sie mehr als Schweigen.
Sie verdient, dass jemand sagt: Das war so was von richtig. Das war mutig.
Und der Rest, der Rest ist eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Ich habe keine Auflösung anzubieten. Kein Happy End. Keinen Trost, der nicht lügt.

Nur das hier…
Manchmal trägt eine Geschichte so viel Ungerechtigkeit in sich, dass man sie nicht in eine ordentliche Moral falten kann.
Dann muss man sie trotzdem erzählen. Genau so, wie sie ist. Rau. Widersprüchlich. Ohne Erlösung am Ende.

Weil das die Wahrheit ist. Und weil die Wahrheit, auch wenn sie wehtut, mehr wert ist als jede Beruhigung.

Eine Geschichte die mir auf der Seele liegt

„Ich habe ihn im Rückspiegel gesehen und wusste – So geht es doch nicht weiter“

Auch auf die Gefahr das einige Leser glauben ich würde große Teile des Tages in Bauläden zubringen 🙂 – Nein, das tue ich nicht. Aber ich treffe dort auf Menschen die etwas mehr Zeit haben, höre aufmerksam zu und nicht selten lernt man dort zwischen Pflastersteinen und Hölzern mehr als in vielen Veranstaltungen.

Ich stehe also mit dem Pkw Anhänger in Weener beim Baustoffhandel und brauche etwas Konstruktionsholz.
Ein alter Weeneraner Sozialdemokrat erkannte mich und wir unterhielten uns über vieles, über die Politik, den verrückten Trump und Entwicklung der Kosten.
Wie solle man sich das alles noch leisten können?
Und sichtbar erschüttert schilderte er mir dass einige langjährige Freunde als Wähler der SPD zur AfD gewechselt wären.
Das hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen.
Er war gefrustet, ratlos und so „durch den Wind“, dass er fast vergessen hatte, was er kaufen wollte.
Ich habe ihn im Rückspiegel gesehen, als ich wegfuhr.
Er stand noch da. Dieses Bild von verloren sein hat mich beschäftigt und nicht losgelassen.

Was hilft gegen die AfD?

Nicht nur empören. Nicht nur ausgrenzen. Sondern demontieren.
Wir reden viel über Populisten.
Zu wenig reden wir darüber, warum sie verlieren können.

Die Beispiele liegen auf dem Tisch.

In den Niederlanden hat die D66 gezeigt, wie es gehen kann. Voller Lust auf die Zukunft.
Nicht den Rechten nachlaufen sie nicht nachahmen aber auch nicht ignorieren, sondern die echten Themen besetzen.
Klar. Sachlich. Regierend.

Und echte Themen sind keine Schlagworte. Sie haben Namen!

Bezahlbares Wohnen.
Eine Wohnung finden, die man sich leisten kann – mitten im Leben, nicht am Rand.

Funktionierende Gesundheitsversorgung.
Ein Arzttermin, der nicht Monate dauert. Pflege, die nicht am Limit arbeitet.

Migration und Integration, die Ordnung hat.
Klare Regeln. Klare Erwartungen. Und eine Praxis, die beides durchsetzt.

Sicherheit im Alltag.
Saubere und sichere Bahnhöfe. Funktionierende Schulen. Respekt im öffentlichen Raum.

Arbeit, von der man leben kann.
Keine abstrakten Debatten, sondern Löhne, die tragen, und Energiepreise, die nicht erdrücken.

Ein Staat, der funktioniert.
Verwaltungen, die entscheiden. Verfahren, die nicht Jahre dauern.

Ein Staat, der nicht erklärt, warum etwas nicht geht – sondern zeigt, dass es geht.

Und in Ungarn?
Dort ist Viktor Orbán nicht an großen Idealen gescheitert, sondern an der Wirklichkeit, die rechtsradikaler Politik folgt wie Motten dem Licht. Preise, die steigen. Vertrauen, das schwindet. Antworten, die ausbleiben. Korruption, Vetternwirtschaft. An Dingen, die sich nicht wegreden lassen.
Das ist die unbequeme Wahrheit.

Populisten sind stark im Versprechen.
In Schuldverschiebungen.
In Emotionalisierung.

Aber schwach im Regieren.

Sie leben von Angst.
Aber sie lösen keine Probleme.

Und genau hier liegt der Schlüssel, auch für Deutschland.
Nicht nur empören.
Nicht verbieten wollen.
Nicht so tun, als verschwänden die Themen von allein.

Sondern besser sein!
Besser erklären.
Besser handeln.
Besser regieren.

Das wissen wir. Wir handeln nur nicht danach.

Denn Menschen wählen nicht die lauteste Parole.
Sie wählen die glaubwürdigste Lösung.
Aber nur, wenn es sie gibt.

Wenn Politik weiter ausweicht, passiert etwas Gefährliches.
Dann wird aus Protest Vertrauen.
Und aus Lautstärke Macht.

Wenn Politik aber liefert, passiert das Gegenteil.
Dann zerfällt das Versprechen der Populisten an der Realität.

Der Punkt ist einfach.

Rechtspopulisten verlieren nicht nur durch Abgrenzung.
Sie verlieren, wenn sie sich an der Wirklichkeit messen lassen müssen.

Und vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe:
Nicht nur gegen die AfD zu sein.

Sondern endlich wieder für etwas, das trägt.

„Ich habe ihn im Rückspiegel gesehen und wusste – So geht es doch nicht weiter“