Lebenskunst

Eine beeinträchtigende Krankheit und langwierige Schmerzen können tatsächlich zu einer Lehrzeit der Lebenskunst und der Gemütsbildung werden (frei nach Novalis).

Das Leben geht nicht immer geradeaus. Es macht manchmal völlig überraschend irre Kurven, geht durch Täler und über Höhen. Und wahre Lebenskunst besteht wohl darin, während dieser Achterbahnfahrt die vorbeiziehende Landschaft (das Leben) in all ihren vielfältigen Facetten aufzusaugen, diese zu genießen und zu bewundern.

Lebenskunst

Legenden und Wunschträume

Legenden!

Manchmal ist es ermüdend ein Deutscher zu sein.
Wir tragen ein Selbstverständnis mit uns herum, das mittlerweile zu einem erheblichen Teil nur noch aus Legenden besteht.
Der Blick auf unsere enormen Exportüberschüsse vernebelt den Blick auf die Herausforderungen die vor uns liegen!
Wir verwalten Erfolge der Vergangenheit.
Wir verkaufen extrem erfolgreich Technik von gestern und heute!
Doch die Ideen für morgen werden woanders entwickelt.

Das Volk der Dichter und Denker wähnt sich in einer sicheren Burg und beobachtet von den Burgmauern das Geschehen um uns herum. Nur in einer solchen vermeintlich sicheren Burg kann man sich der dummen Illusion von politischem Nationalismus ökologischem und ökonomischen Egoismus und fast schon sprichwörtlicher Besserwisserei und Arroganz hingeben.

Wir erlauben uns eine Bildungspolitik die in einer globalen Welt keineswegs Spitze ist. Ein nüchterner Blick in unsere Schulen zeigt wo unsere Prioritäten liegen.
Wir betreiben und verstehen Bildungspolitik, im Übrigen die einzige Kernkompetenz unseres Landes, nicht als strategische nationale Aufgabe sondern als regionale Hobbywerkstatt der einzelnen Bundesländer.

Wir tragen das Gefühl mit uns herum (und pflegen diese Legenden) dass alle anderen unsere Erfindungen nur kopieren und die richtig großen Innovationen aus unserem Land kommen.
Doch dies ist mittlerweile nur noch ein Märchen. Die Realität ist brutal anders! Viele Innovationen kommen schon lange aus anderen Ländern, aus anderen Ideenschmieden! Unser ausschließlicher Optimierungs und Effizienzwahnsinn verwandelt sich in ein Monster das uns am Boden hält während andere fliegen!
Und wir sind so unendlich langsam und „lahmarschig“ geworden.
Wir haben uns daran gewöhnt ein bürokratischer Schneckenstaat zu werden.

Die Umsetzung notwendiger Infrastrukturmaßnahmen unterhalb einer 10 Jahres Grenze? Kaum noch denkbar?!

In der Geschwindigkeit mit der wir uns heute der Zukunft anzupassen versuchen, in der wir wichtige Entscheidungen treffen und neue Gedanken für die Zukunft entwickeln, hätte der Wiederaufbau unseres Landes wahrscheinlich 300 Jahre gedauert.

Nicht nur skandinavische Ländern lassen uns bei der Geschwindigkeit von Entscheidungen, bei Digitalisierung und der Bildungspolitik ganz alt aussehen.

Ganz stolz vermelden die Autobauer dass sie jetzt das Wettrennen mit Tesla aufgenommen haben und sich mit Amazon verbünden.
Wenn es nicht so traurig wäre müsste man lauthals lachen.
Wir rennen einer andernorts entstandenen und bei uns verschlafenen Entwicklung einfach nur wieder hinterher. Wir sind die Ersatzspieler die von der Bank auf das Spielfeld gelassen werden.

Viel zu oft stehen wir schon nicht mehr an der Spitze der Entwicklungen.
Wir reden von Innovation und erfassen kaum was diese tatsächlich bedeuten müssten!
Wir reden von Zielen ohne ernsthaft zu prüfen welche Anforderungen und Aufgaben damit für uns selber verbunden sind. Wir reden den lieben langen Tag von vielen Rechten und Ansprüchen ohne die damit einhergehenden Pflichten auch nur zu erwähnen! Bequemlichkeitsdenken allerorten.

Wo sind unsere mutigen neuen vielleicht sogar revolutionären Ideen und Konzepte für die Zukunft?

Wir wissen doch alle, um bei dem Beispiel der Mobilität zu bleiben, dass die E-Autos nur ein kleiner Teil eines Mobilität Gesamtkonzeptes sein können?! Und wir wissen doch alle, dass wir gar nicht so viele Batteriefabriken herstellen können und wollen um alles auf E-Mobilität umzustellen.
Mal ganz abgesehen von den nur sehr begrenzt zur Verfügung stehenden Grundstoffen für diese Batterien!

Wo ist die große Gesamtstrategie? Oder beobachten wir erst einmal was China, Google, oder Amazon machen, um es dann zu optimieren? Ist das unser Anspruch?

Manchmal ist es in diesen Tagen anstrengend ein Deutscher zu sein und an der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu verzweifeln.

Legenden und Wunschträume

Wie eine Blume in der Arktis …

Eine spannende Online Diskussion in meinem Netzwerk veranlasste mich doch zu einem kurzen Gedankensplitter.
Wir diskutierten sehr leidenschaftlich (soweit dies digital überhaupt geht), über Bildung.
Über die Bedeutung von Wissen in einer sich rasant wandelnden und unkalkulierbaren Welt. Was erfordert diese neue Welt an Wissen, an Aus,- und Weiterbildung?
Welche Anforderungen entstehen, nicht nur an Wissen, sondern auch am „Können“?!
Wissen ist doch Macht!? Dieser Glaubenssatz stand im Raum.
Doch ich mochte diese so oft genutzten Sonntagsphrase nicht unwidersprochen stehen lassen.

Ganz ohne Zweifel ist Wissen elementar. Sie ist der unabdingbare Nährboden für eine funktionierende Demokratie. Für freie und offene Gesellschaften, gegen blindwütigen Populismus. Sie ist die Antibiotika gegen die vielen gärenden Eiterherde von Lügen und Legenden (heute Fake News genannt).
Doch helfen uns wohlfeile Phrasen und oberflächliche Sonntagsreden zur Bildung tatsächlich weiter?

Wissen ist heute allgegenwärtig.
Fast unendliches Wissen ist heute nur einen Mausklick weit entfernt.
Doch reines Wissen ist letztendlich brotlose Kunst, wenn diese nicht zur Anwendung kommt!!!
Wir häufen in einer unglaublichen Geschwindigkeit Unmengen von Wissen und Erkenntnissen an. Aber wir scheitern viel zu oft kläglich daran, die Chancen und die Energie dieser Erkenntnisse auch zu nutzen! Sie bleiben zu oft Theorie und werden nicht Praxis!

Eine gute Zukunft erhalten Nationen, Gesellschaften und Betriebe nur dann, wenn einerseits möglichst vielen Menschen chancengleicher Wissenserwerb ermöglicht wird. Wenn dieses Wissen ohne Unterschied und auf allen Ebenen und nicht nur in den Universitäten und Hochschulen vermehrt, aber andererseits im täglichen Leben auch zur Anwendung gebracht wird.

Eine zukunftsorientierte Wissensgesellschaft werden wir nur dann, wenn das Wissen nicht auf einige wenige konzentriert wird. Es gilt den Tendenzen entgegenzutreten, dass sich eine neue Bildungsaristokratie herausbildet.
Schaut man sich die Stellenausschreibungen von heute an, erkennt man schnell ein Muster.
Chancen basieren heute viel zu oft auf der reinen Dokumentation von erworbenem Wissen und weniger daran, zu erkunden welche praktische Bedeutung, welches Können sich hinter der Theorie verbirgt. Welche Bereitschaft und Fähigkeit vorhanden ist dieses auch praktisch umzusetzen. Und unsere heutigen Organisationen und Organigramme wirken wie Sperrwerke gegen die praktische Anwendung von neuem Wissen und draus resultierenden Erkenntnissen.
Wir müssen aber lernen, dass erworbenes theoretisches Wissen die eine und dass das Können und die Bereitschaft zur Anwendung die andere Seite der gleichen Medaille sind. Dies klingt banal, ist aber keine Selbstverständlichkeit!

Schülern reden ganz offen darüber, wie wenig sie glauben, dass ihr erworbenes Wissen ein wichtiger Baustein im Leben sein wird.
Auszubildende wissen in viel zu vielen Betrieben, dass ihr Wissen und ihre neuen Gedanken keineswegs sehnsüchtig erwartet werden!

Wir konzentrieren uns in den besagten Sonntagsreden wesentlich lieber auf die reine Wissensvermittlung. Doch damit springen wir für die Zukunft zu kurz.

Wissenserwerb ohne organisierte, selbstverständliche Anwendung im richtigen Leben, erstarrt und erfriert wie eine Blume in der Arktis.

Die neue Welt, fordert von uns allen extrem schnelle Anpassungen und viele Ideen.
Wer diese Spielregeln akzeptiert und jetzt an die Schwerfälligkeit unseres Landes und vieler Betriebe denkt, der wird sich fragen wie wir dies denn bewerkstelligen können?

Vielleicht indem wir völlig neu denken?

Bisher werkeln viel zu oft nur wenige Spezialisten (oder jene die sich dafür halten) an den Systemen, Bürokratien, an der Gesellschaft, an den Organisationen der Betriebe.

Alle anderen leben in (!) diesen Systemen.

Die Zukunft wird aber von uns fordern das wir alle mit unseren Fähigkeiten, Erfahrungen und unserem Wissen, am System, an der Gesellschaft und an den Betrieben und nicht nur in denselben arbeiten.

Wissen entwickelt uns alle weiter, wenn es nicht nur erworben, sondern angewendet werden darf und soll!

Zukunft bedeutet, dass nicht mehr die Menschen in den politischen oder wirtschaftlichen Rahmen „zurechtgestutzt“ werden, sondern die Menschen ändern Systeme, Ordnungen, Betriebe!
Anpassungsfähigkeit, die Grundlage allen ökologischen und ökonomischen Überlebens, bedeutet dass Menschen mit ihrem kollektiven Wissen ununterbrochen die Umgebungsbedingungen verändern und flexibilisieren.
Alte Organigramme und Hierarchien, zu denen u.a auch die Wissenshierarchien gehören, sind in der entstehenden neuen Welt Relikte einer dem Untergang geweihten Zeit. Nur wer bereit ist liebgewordene Strukturen, Hierarchien, Abläufe und Organigramme grundsätzlich in Frage zu stellen ist bereit für diese Zeit.

Eine solche Diskussion zum Zielpunkt von Bildung zu führen macht Spaß und ist mehr als eine beliebige Phrase in einer Sonntagsrede.

Wie eine Blume in der Arktis …

Compassion

Alles im Leben hat seine Zeit.
„Geboren werden hat seine Zeit,
sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit,
ausreißen was gepflanzt ist, hat seine Zeit,
………
Doch haben wir heute eine Zeit in der wir wichtige humane Haltungen einer bedingungslosen Individualität opfern sollten?
Nach dem Terror aus Neuseeland machen die Reaktionen auf die sehr menschliche und mitfühlende Position der Premierministerin von Neuseeland nachdenklich. Sie demonstrierte ihr ehrlich empfundenes Mitgefühl für die Opfer des Terrors. Sie sprach, auch in Erwiderung zu dem völlig entgegengesetzt agierendem amerikanischen Präsidenten, von einer selbstverständlichen „Compassion“ also Barmherzigkeit.
Sie sprach angesichts des Elends der Opfer von Demut.
In der heutigen übernervösen, nach Neuigkeiten, Schlagzeilen und Skandalen gierenden Zeit, altmodische und doch so elementare Begriffe für eine menschliche Haltung. Sie fixiert den mitfühlenden, humanen Blick auf Opfer in einer Zeit in der der Begriff „Du Opfer“ tatsächlich als Schimpfwort benutzt wird.
Begriffe wie Demut oder Barmherzigkeit zeigen eine andere, eine große Dimension unseres Daseins.
Anders eben als die oftmals charakterliche Zwergenhaftigkeit von Akteuren, die übertüncht wird durch omnipotente Schlagzeilen, Twitter oder Social Media Präsenz.
In unseren Empfindungen geraten die alten Generaltugenden immer mehr in Vergessenheit.
Begriffe wie Demut, Tapferkeit, Barmherzigkeit verschwinden aus unserem Wortschatz und mit ihnen viele Inhalte die damit verbunden waren.
Was sagen die überraschten Reaktionen auf das Bekenntnis der Neuseeländischen Regierungschefin eigentlich über uns alle aus?
Wir alle sollten uns erinnern das es Haltungen, dass es Dinge gibt, die wichtiger und bedeutsamer sind als wir selber und unsere jeweiligen individuellen Interessen. Das Wort Barmherzigkeit lesen wir eigentlich nur noch zu Weihnachtszeiten.
Ist das richtig?
Und an all jene die so leidenschaftlich einen Kampf gegen alles Fremde und für ein „Christliches Abendland“ führen, hier noch einmal ein Auszug aus der christlichen Botschaft, was dieses Abendland unter Barmherzigkeit, unter „Compassion“ versteht:

Die Hungrigen speisen.
Den Dürstenden zu trinken geben.
Die Nackten bekleiden.
Die Fremden aufnehmen.
Die Kranken besuchen.
Die Gefangenen besuchen.
……….

Compassion

Was werden unsere Enkel sagen?

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Für unsere Zukunft scheint die neueste Version des jeweiligen Smartphones oder eine große Modellpalette der Autohersteller eine große Bedeutung zu haben. Eines fernen Tages werden Historiker es kaum fassen können wie viel wir über unsere Umwelt wissen, aber wie wenig dieses Wissen unsere Prioritäten geprägt hat. Wir scheinen zu glauben, mit einem taumelnden Klima, einer beschädigten Umwelt, massenhaft aussterbenden Tieren und einer immer geringeren Vielfalt (Biodiversität) leben zu können.

Was wir wie wichtig nehmen, lässt sich momentan in Ägypten gut beobachten. Bei der UN Konferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt sind kaum Staatenlenker  anwesend. Schon beim Schutz des Klimas prägen Worthülsen und Lippenbekenntnisse die Realität.

Die menschliche Rasse akzeptiert und wählt ein unbegreifliches Ausmaß an Engstirnigkeit, nationalen Egoismen und eine alles bestimmende Profitsucht.
Aus Genusssucht, Gleichgültigkeit, ohne Ethik, Moral und Verantwortung für die Zukunft setzen wir die Zukunft kommender Generationen aufs Spiel.
Zeit und die Gelegenheiten zum Kurswechsel rennen uns davon!
Dies gilt nicht nur für den Klimawandel, sondern auch insbesondere für die bedrohlichen Entwicklungen bei der Artenvielfalt.
Ausgestorben ist ausgestorben – unwiederbringlich für alle Zeiten!

Doch anders als bei dem Klimawandel, den verblendete Menschen immer noch abstreiten, ist das massenhafte Aussterben in der Natur eindeutig, fühl,- und messbar.

Und es gibt tatsächlich einen Konsens. Das Massensterben und der Verlust der Artenvielfalt hat für uns Menschen Konsequenzen, die mindestens so schwerwiegend sind wie der Klimawandel. Zumal eins ins andere greift. Die Zerstörung komplexer Ökosysteme und das Massensterben bei den Arten bedrohen das Überleben der Menschheit. Wenn die Meere weiterhin so überfischt, die Insekten weiter so ausgerottet und (wie aktuell in Brasilien) die Wälder weiter so kurzsichtig abgeholzt werden, potenzieren sich die negativen Effekte. Wir verursachen all das (mit) und bekämpfen lediglich engagiert die Folgen (Flucht von Menschen vor den globalen Katastrophen).

Nichts auf dieser Welt kann die Natur ersetzen. Ist der Begriff Biodiversität oder Vielfalt zu abstrakt? Da die meisten Verantwortlichen offenbar wenig fühlen aber besser rechnen können, hier eine Zahl. Nur Bienen und andere Insekten können Obst und Gemüse bestäuben. Dies entspricht einem Gegenwert von jährlich mehr als 150 Milliarden Euro.

Da diese bedrohlichen Entwicklungen also unstrittig sind, sollte eine gemeinsame Anstrengung zur Sicherung der Lebensgrundlagen dem Egoismus der Menschen eigentlich entsprechen – oder?

Leider steht dem aber unsere Bequemlichkeit entgegen…….

Was werden unsere Enkel sagen?

29. November – Recht/ Unrecht

Die nachfolgende Meldung lässt schon am frühen Morgen Zorn entstehen!

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DONNERSTAG, 29. NOVEMBER 2018
FRANKFURTER RUNDSCHAU

Griechische Putzfrau aus Haft entlassen

Fall wird neu aufgerollt
Von Gerd Höhler

Es war ein Urteil, das ganz Griechenland empörte: Für zehn Jahre sollte die 53-jährige Putzfrau Dimitra ins Gefängnis, weil sie bei ihrer Einstellung Mitte der 1990er Jahre ein manipuliertes Schulzeugnis vorgelegt hatte. Nach drei Wochen Haft konnte sie am Mittwoch das Gefängnis vorerst verlassen. Ein Berufungsgericht ordnete ihre Freilassung an, bis der Oberste Gerichtshof neu über den Fall entscheidet.

Die Frau, die als eines von neun Geschwistern in einem Waisenhaus aufgewachsen war, hatte die Grundschule nach dem fünften Jahr verlassen. Ihrem Arbeitgeber, einem städtischen Kindergarten in der Hafenstadt Volos, legte sie jedoch seinerzeit ein gefälschtes Zeugnis vor, das ihr sechs Jahre Schulbesuch bescheinigte – das Minimum für eine Einstellung als Reinigungskraft im öffentlichen Dienst Griechenlands. In erster Instanz wurde die Frau vor zwei Jahren wegen Urkundenfälschung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Berufungsgericht reduzierte die Strafe Anfang November auf zehn Jahre Haft. Von ihrem Lohn ernährte die Frau über 20 Jahre ihren behinderten Mann und ihre Töchter.

Das Urteil löste einem Sturm der Empörung aus – nicht zuletzt deshalb, weil in Griechenland jüngst mehrere Staatsbedienstete, die Examen gefälscht hatten, freigesprochen wurden und ihre Stellen behalten durften.
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Auch durch solche abgehobenen Urteile entsteht Unfrieden!

Nichts, dem die Gerechtigkeit mangelt, kann moralisch richtig sein.
(Marcus Cicero)

29. November – Recht/ Unrecht

Extrem sein ist heute hip ….?

Der wahre Mensch wählt das Maß und entfernt sich von den Extremen, dem Zuviel und dem Zuwenig. (Aristoteles)

Es scheint ein Merkmal unserer Zeit zu sein das offenbar nur noch extreme Meinungen und Äußerungen als erfolgreich „politisch und medial optimal verkaufbar“ angesehen werden. Schaut man sich Form und Inhalt der politischen Diskussionen aufmerksam an, stellt man eine bedrückende Fundamentalisierung fest. Ansichten von Personen oder Gruppen die von der eigenen Position abweichen, werden mit einer Talibanähnlichen Engstirnigkeit angegriffen. Manchmal bekommt man den Eindruck das die Vielfalt von Meinungen, eine der elementaren Stärken unserer offenen und demokratischen Gesellschaft, als Belastung empfunden wird.
Eine durchaus unmissverständliche, zugespitzte aber ernsthaft interessierte Auseinandersetzung mit den Argumenten von Andersdenkenden ist der Treibstoff von Demokratie. Eine primitive schnelle Einordnung in modische Typenschablonen und Schubläden ist das genaue Gegenteil.

Viel wird darüber gesprochen, was der Einzug der AfD in die Politik verändert hat. Eigentlich könnte man mit den Populisten von rechts und links, angesichts ihrer ethischen und moralischen Defizite und aufgrund einer fehlenden positiven menschlichen Zukunftsvision Mitleid haben.

Doch durch die Panikreaktionen der Volksparteien werden Radikale erst groß gemacht. Radikale ernähren sich von Verzagtheit, von Unsicherheit, Misstrauen, Anarchie, von politischer ethischer und moralischer Kurzsichtigkeit.

Warum nur laufen intelligente Politiker großer stolzer Parteien sehenden Auges in die Fallen von Populisten?  Nur zwei Beispiele:

Erstes Beispiel: Flüchtlinge und Asyl

Wer wider besseres Wissen eine globale Vereinbarung zu flüchtenden Menschen (UN Migrationspakt) oder ohne Not das Verfassungsrecht auf Asyl in Frage stellt, wirft Benzin auf jene Brände, die von radikalen politischen Brandstiftern gelegt wurden. Unzählige freiwillige Helfer der von Flucht betroffenen Menschen geben unserem Staat durch ihr Ehrenamt und durch ihre Uneigennützigkeit ein menschliches Antlitz. Warum opfert man ihre Hingabe und ihr Engagement auf dem Altar einer populistischen medialen Hetzjagd nach Aufmerksamkeit? Nur die Rechtsradikalen applaudieren. Sind solche Themen die Schlagzeilen wert?

Zweites Beispiel Hartz 4.

Wer wider besseres Wissen den Menschen erzählen will das staatliche Hilfen bei Arbeitslosigkeit zukünftig ohne jedwede Gegenleistung gewährt werden sollen, bekommt ebenfalls Schlagzeilen.
Klug wird dies dadurch aber auch noch lange nicht. Unter dem johlenden Beifall der Radikalen führen politisch verantwortliche öffentlich eine masochistische Selbstgeißelung durch.

Wer glaubt, damit Wahlen gewinnen zu können, rennt schnurstracks in die nächsten Niederlagen. Millionen von Menschen leben und arbeiten jeden Tag in einem System, bei dem Forderungen und Erwartungen dazugehören. Für Millionen von Arbeitnehmern ist dies eine tagtägliche Realität. Zu spät oder ohne Grund der Arbeit (oder der Schule) fernzubleiben führt zu Konsequenzen.
Es wäre kaum vermittelbar und eine Gefahr für die Akzeptanz des Sozialstaates, wenn im Falle des Hilfebezuges nicht wahrgenommene Termine, Vorstellungsgespräche oder z.B Weiterbildungsmaßnahmen ohne jede Konsequenz blieben.

Natürlich ist eine deutliche Reformierung der Hartz Regelungen überfällig.
Warum konzentriert man sich nicht darauf?
Dies wäre verantwortlich und schnell machbar. Sicherlich aber keine so schöne Schlagzeile wie die völlige Abkehr von der bisherigen Gesetzgebung…….

Lassen wir uns doch bitte die notwendige Nachdenklichkeit, die Abwägung, die weisen und möglichst klugen Entscheidungen nicht durch die Radikalen oder die Schlagzeilensucht diktieren!

Extrem sein ist heute hip ….?