Aufmerksam zuhörend verfolgte ich an unser Auto gelehnt eine Diskussion an der Waschanlage bei uns im Ort.
Die beiden Diskutanten waren auswärtige und beachteten den Zuhörer kaum.
Zuhören und aufnehmen was passiert, das tue ich in letzter Zeit oft mit großer Aufmerksamkeit um zu verstehen was geschieht.
Nicht in der großen weiten Welt, oder in den Oberzentren, sondern auch in unserem ländlichen Bereich.
Zwei Welten trafen dort an der Waschanlage aufeinander.
Der eine. Selbstbewusst, angriffslustig, mit einem Gesichtsausdruck des Gewinners.
Seine rechte Gesinnung hing an ihm wie Mehltau.
Höhnisch den Staat verachtend, zutiefst destruktiv mit Methode.
Er brauchte keine Lösung. Er brauchte nur den Finger in die Wunde und diesen erhobenen Finger zeigte er oft und fuchtelte damit herum.
Ich dachte bei mir, das es schon einmal Zeiten gegeben hat, wo ausgestreckte Körperteile benutzt wurden.
Der andere. Ein mittelalter Mann. Legere Business Kleidung.
Er gab sich, wenn ich dies durch das Röhren eines abfahrenden Audi Sportwagens richtig verstanden habe, als Kreistagsmitglied aus.
Relativierend, verteidigend, erklärend. Ausweichend, wenn es konkret wurde.
Voller Vorsicht an den falschen Stellen z.B bei Problemen bei der Migration, bei Sicherheit, bei sozialen Fragen.
Was mir auffiel – so kompliziert in der Sprache, moralisch im Ton.
Und ohne, das war das Entscheidende, ohne ein einziges greifbares Bild davon, wie es besser aussehen könnte.
Ein ungleicher Kampf. Nicht weil einer klüger war. Sondern weil einer wusste, wofür er kämpft.
(Gegen die da oben, die Versager, die Dumpfbacken … und was da sonst noch alles für Begriffe flogen).
Und der andere nur noch wusste, wogegen und was er verteidigte.
(Mein alter Fußballtrainer in Wymeer hat uns eingeprügelt …. mit nur verteidigen gewinnt man kein einziges Spiel).
Zerstören, das ist das Leichteste der Welt. Kritik kostet nichts. Wut braucht kein Programm.
„Alles kaputt“ ist ein heute leider ein vollständiger Satz.
„Wie wir es besser machen“ ist jahrelange Arbeit… unbequem, angreifbar, nie fertig.
Die destruktive Kraft hat deshalb immer einen strukturellen Vorteil.
Sie muss nichts liefern. Sie muss nur zeigen, was nicht stimmt.
Und das, das stimmt ja leider oft sogar.
Die Missstände sind ja real. Die Wut ist oft berechtigt.
Nur die Schlussfolgerungen und Richtung daraus ist falsch.
Ich mache mir überhaupt keine Sorgen um die Rechten. Die sind mir so was von fremd und egal.
Ich mache mir aber große Sorgen um die anderen.
Um die, die Verantwortung tragen wollen oder zu tragen behaupten.
Die, die sagen. Wir wissen, wie eine offene, gerechte, zukünftige menschliche Gesellschaft aussieht.
Denn wenn das stimmt warum kann ich es nicht sehen?
Wo ist das Bild? Wo ist die Geschichte, die Erzählung?
Nicht die Kritik am Gegner will ich hören.
Das Bild unserer Zukunft will ich hören, sehen, spüren.
Das konkrete, greifbare, lebendige Bild davon, wie das Leben der Menschen besser wird.
Nicht in Sonntagsreden. Nicht in Wahlprogrammen, die niemand liest.
Sondern in einer Geschichte, mit Sätzen, denen die Menschen folgen, mit denen sie morgens aufstehen.
Das ist keine Kommunikationsfrage. Das ist eine Existenzfrage für die Politik.
Wer keine handhabbare Vision hat, verteidigt nur noch den Status quo.
Und die Wirkung des Status quo das spüren die Menschen täglich. Im Geldbeutel. Im Wartezimmer. Im Briefkasten.
Eine Politik ohne das Bild von morgen ist keine politische Kraft mehr. Sie ist die Verwaltung des Gestern.
Die Zumutung lautet…
Hört endlich auf, euch zu entschuldigen.
Hört auf, Tabus zu verwalten, die in der Realität längst gebrochen werden
Und fangt an zu sagen, wofür ihr steht nicht nur, wogegen.
Was meine ich mit Tabus?
Ich meine nicht das Verschieben von Grenzen.
Nicht das Infragestellen von Würde, Recht oder Anstand.
Ich meine etwas anderes.
Ich meine Themen, die im Alltag der Menschen längst Realität sind,
über die politisch aber nur vorsichtig gesprochen wird.
Bei der Migration.
Wenn Integration nicht gelingt weil unsere Werte, Normen und unsere Gesellschaft nicht akzeptiert werden.
Wenn Kommunen an ihre Grenzen kommen. Wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderlaufen.
Bei der inneren Sicherheit.
Wenn Menschen sich nicht mehr geschützt fühlen. Räume anders wahrnehmen. Wenn Vertrauen in Ordnung schwindet. Wenn Probleme benannt werden müssten aber relativiert werden.
Beim Sozialstaat.
Wenn sich die Frage nach Gerechtigkeit stellt.
Nach Leistung. Nach Balance. Und viele das Gefühl haben, dass etwas kippt.
Und beim Staat selbst.
Wenn Misstrauen gegen die eigenen Bürger überall sichtbar wird.
Verfahren zu lange dauern. Wenn Verwaltung überfordert ist. Aber auch wenn Regeln nicht mehr durchgesetzt werden.
Das sind keine Randthemen für die Menschen.
Das ist Alltag.
Und genau darüber wird zu oft nicht klar gesprochen. Und diese Räume füllen dann die anderen.
Also liebe Politiker.
Zukunft definieren. Nicht nur für die Wähler.
Auch für die Politik selbst.
Denn eine Politik, die nicht mehr weiß, wohin sie will,
wird ersetzt von denen, die dies von sich nur laut genug behaupten.

