Pflege ist mehr (Teil 1)

Viel wird in diesen politisch aufgeladenen Tagen von wichtigen Themen für die nächsten Jahre gesprochen. Wirtschaft, Verteidigung, Infrastruktur, Bürokratisierung, innere Sicherheit. Endlich, so könnte man meinen, hetzt man nicht nur hinter dem Thema Migration her. Dieser „einzige“ Wahlkampfschlager, im Übrigen das einzige Thema der AfD, ist ein Teilaspekt von vielen wichtigen Zukunftsfragen, auf die wir Antworten finden müssen. 

Doch das Thema Pflege betrifft uns alle über kurz oder lang.

Und trotz dieser Bedeutung kommt die Pflege in den Debatten und der Lösungssuche kaum prominent vor. Wir verdrängen diese Fragen zu gerne.

Aus diesem Grund möchte ich als Teil des Teams der Diakonie Weener in einigen aufeinanderfolgenden Beiträgen einige Gedankensplitter hierzu skizzieren.

Ambulante diakonische Pflege – so nah am Menschen, und oft unter Druck

Ein Beruf, eine Berufung, zwischen Belastung und sinnvollem Leben.

Eine Entscheidung zur Mitarbeit in der ambulanten Pflege ist eine Entscheidung zu menschlicher Nähe. Zu pflegenden Menschen begegnet man in diesem Beruf auf Augenhöhe. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben Menschen in ihrer vertrauten Umgebung, im Wohnzimmer, in der Wohnküche oder im Schlafzimmer im Bett. 

Wir treffen Menschen mit außergewöhnlichen, einmaligen, individuellen Lebensgeschichten. Eine unserer Pflegerinnen sagte mir einmal, dass dies kein Beruf ist, den sie nur „macht“, sondern das sie quasi mit Menschen lebt – für Minuten, für Stunden, Tag für Tag.

Und doch steht diese menschliche Nähe sehr oft unter Druck.

Um möglichst vielen Menschen die nötige Unterstützung zu geben, fahren unsere Pflegekräfte im Rheiderland täglich viele Kilometer. Auf immer volleren Straßen, mit schmalen Zeitfenstern und spontanen Änderungen wird Pflege zur logistischen Meisterleistung. Doch weil diakonische Altenpflege Beziehung zu Menschen ist und mehr als nur Versorgung, besteht die Kunst darin, den Patienten genau diesen Druck nicht spüren zu lassen. Trotz immenser Herausforderungen die Menschlichkeit und das Mitgefühl nicht zu verlieren. 

Aber das ist schwer, wenn zu wenig Personal für immer mehr Patienten da ist, die Wege lang und die Ressourcen knapp sind. Viele unserer Pflegekräfte erleben einen Spagat zwischen dem, was sie wirklich gerne geben möchten, und dem, was im Alltag möglich ist.

Trotzdem: Warum unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesen Beruf lieben

Trotz aller Herausforderungen ist die diakonische ambulante Pflege etwas Besonderes. Kein Beruf lässt einen so direkt erleben, wie wichtig man für andere Menschen sein kann. Wenn Menschen nach einer guten oder auch einer schlechten Nacht aufatmen, wenn die Diakonie die Tür öffnet, dass wir da sind. Wenn Angehörige dankbar sagen: „Ohne Euch könnten wir das nicht schaffen.“ Manchmal genügt aber auch das kleine fast unscheinbare Lächeln. Es zeigt, was es bedeutet, das die Diakonie präsent da ist.

Diakonische ambulante Pflege bedeutet: Jeden Tag erleben wir Sinn. Und jeden Tag übernehmen wir Verantwortung für andere.

Was es jetzt braucht?

Warum schreibe ich über diese Arbeit?
Wir brauchen meines Erachtens eine Debatte über die Bedeutung der diakonischen Arbeit in einer funktionierenden Gemeinschaft. Sicherlich brauchen wir vernünftige, faire und bessere Bedingungen – ja. Dies sind Erwartungen, für die wir in der Politik kämpfen werden. 

Aber wir brauchen auch eine neue Erzählung unserer ambulanten Altenpflege.
Eine, die nicht nur von Stress und Problemen spricht, sondern von mitfühlender Stärke, von Menschlichkeit und von dem Sinn und echten Wert, den diese Arbeit hat. Wir brauchen junge Menschen, die sich mit Mut und Offenheit auf diesen Weg machen. Und wir brauchen eine Gesellschaft, die Pflege nicht nur beklatscht, sondern diese auch trägt.

Denn: Pflege ist nicht das Problem – Pflege ist ein Teil der Lösung.
Für ein würdevolles Leben. Für ein gutes Miteinander.
Für uns alle.

Pflege ist mehr (Teil 1)