Die Essenz der Macht – oder warum Nachdenken aus der Mode gekommen ist
Wenn man sich anschaut, wo und wie Macht sich heute konzentriert, stellt sich unweigerlich die Frage, wie kann all dieses sprunghafte, unvernünftige, ja willkürliche Handeln geschehen – und warum?
Ist Macht das Vermögen, zuzuhören, Fakten zu verstehen, Realitäten zu begreifen?
Oder ist sie längst zu etwas anderem geworden – zu einem Schauspiel des Unvorhersehbaren, einer Kunst der Willkür, die sich gerade durch ihre Unberechenbarkeit als genial inszeniert?
Vielleicht glauben die Mächtigen, sie müssten sich abheben – nicht nur von den sogenannten „Fachleuten“, die heute so leichtfertig als „Elite“ verspottet werden, sondern auch von der Vernunft selbst.
Denn wer berechenbar ist, wer zweifelt, wer nachfragt, der gilt schnell als schwach.
Und so verwechseln viele Tatkraft mit Unfehlbarkeit.
Goethe erzählt die Geschichte vom eigensinnigen Herzog von Sachsen, den man bat, er möge doch vor Entscheidungen bedenken und sich besinnen. Seine Antwort:
„Ich will nichts bedenken, mich nicht besinnen – ich weiß alles und kann alles entscheiden, denn wozu wäre ich sonst Herzog von Sachsen?“
Dieser Satz klingt erschreckend modern.
Denn immer öfter fällt der Höhepunkt der Macht heute mit dem Moment zusammen, in dem das Nachdenken endet.
Wir erleben, wie Verantwortung sich in Selbstgewissheit verwandelt, wie Komplexität durch Lautstärke ersetzt wird, und wie jene, die sich noch die Mühe machen, differenziert zu denken, als Zauderer verlacht werden.
Doch wohin geraten wir auf diesem Weg?
Vielleicht in eine Zeit, in der das Zufällige zum Stilmittel der Führung wird. In der Willkür als Ausdruck von Stärke gilt – und das Zuhören als Zeichen der Schwäche.
Und dann, irgendwann, bleibt die eigentliche Frage:
Wer führt hier eigentlich wen – die Macht den Menschen, oder der Mensch die Macht?
