Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen.

In den Betrieben, in Teams, in Werkhallen, Büros und überall wo Menschen arbeiten wächst seit Jahren der Wunsch nach einem neuen Führungsstil – Vertrauensbasiert, kooperativ, menschlich, auf Augenhöhe.
Man will Chefinnen und Chefs, die zuhören, die loben können, die Menschen ernst nehmen. Kein altmodisches autoritäres „Durchregieren“, keine Angstkultur.
Die Führung soll Haltung zeigen, nicht Härte.
Dies habe ich als Arbeitnehmer selber herbeigesehnt, als Betriebsrat gefordert, als Manager erwartet ….. oft vergeblich.
Doch kaum wechselt man die Perspektive von der Werkhalle in die Weltpolitik, kippt das Bild. Ich kennen Kolleginnen und Kollegen kaum mehr wieder. Plötzlich scheinen viele Menschen geradezu erleichtert, wenn „mal einer durchgreift“.
Wenn Politiker schroff auftreten, Grenzen ziehen, Härte zeigen.
„Endlich sagt’s mal einer!“ – heißt es dann.
Kolleginnen und Kollegen, die im Berufsleben nicht müde werden eine demokratische Führung zu fordern, wünschen sich in der Gesellschaft plötzlich autokratische Autorität, klare Ansagen, Kompromisslosigkeit, Ordnung.
Und ich frage mich ….. Wie passt das zusammen?
Der Widerspruch im Herzen
Im Kleinen – am Arbeitsplatz – wollen wir Autonomie.
Im Großen – in der Gesellschaft – verwechseln wir Orientierung aber leider zunehmend mit Autokratie.
Dieser scheinbare Widerspruch hat nach all dem was ich in den Gesprächen höre mit viel Verunsicherung zu tun.
Je komplexer und unübersichtlicher die Welt wird, desto stärker die Sehnsucht nach einfachen Lösungen.
Im Betrieb kennt man die Abläufe, kann mitgestalten, hat Einfluss.
In der hyperventilierenden Politik unserer Zeit fühlen sich die Kolleginnen und Kollegen oft überwiegend ohnmächtig – orientierungslos. Also sucht man Halt bei jenen, die versprechen, das Chaos zu bändigen.
Die Psyche will Sicherheit, nicht Differenzierung und noch mehr Unsicherheiten.
Und so suchen viele Menschen Geborgenheit in der Klarheit, nicht in der Freiheit. Sie verwandeln sich vom mündigen mutigen Mitarbeiter zum bequemen ängstlichen Bürger
Hier verläuft eine feine, aber gefährliche Bruchlinie.
Im Unternehmen übernehmen viele längst Verantwortung. Ich bin immer wieder erstaunt wie viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz vieler Enttäuschungen immer noch bereit sind mit zu gestalten, mit zu denken und mit zu tragen.
Aber in der Gesellschaft geben sie sie ihre Fähigkeiten allzu leicht wieder ab – an jene, die „es schon richten werden“.
Im Büro feiern wir den Teamgeist und an der Wahlurne applaudieren wir dem radikalen Alleinunterhalter?
Die Werte im Arbeitsleben die wir uns alle wünschen werden so zum Inselwert. Wir halten diese hoch im Nahraum der Arbeit, aber verlieren diese plötzlich in der Politik unserer Gesellschaft.
Dabei bräuchten wir gerade jetzt eine gesellschaftliche Übersetzung dieser Haltung –
Führung, die stärkt statt spaltet.
Politik, die zuhört statt verordnet.
Bürger, die mitgestalten statt abnicken.
Die Reife zur Verantwortung
Vielleicht ist das die zentrale Reifeprüfung unserer Zeit?
Die Prinzipien, die wir im Arbeitsleben schätzen, auch gesellschaftlich zu leben.
Verantwortung nicht nur dort zu fordern, wo sie angenehm ist – sondern dort zu übernehmen, wo sie unbequem wird.
Denn Demokratie ist kein Wohlfühlraum, sondern eine gemeinsame Baustelle.
Und wer Empathie im Betrieb fordert, sollte sie in der Gesellschaft nicht vergessen.
