Mut zur Veränderung – eine Betriebsversammlung im Herbst 1993
In Zeiten, in denen sich unser Land zwischen Beharrung, Überforderung und populistischer Verheißung verliert, wird Veränderung schnell zur Bedrohung und Haltung zur Zumutung. Dabei zeigt die Erfahrung: Menschen können sehr viel ertragen, sehr viel leisten und sehr viel aushalten – wenn sie spüren, dass leidenschaftlich um sie gekämpft wird und nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.
Im Herbst 1993 stand unsere Werft vor einer entscheidenden Wegmarke. Die Auseinandersetzungen um die notwendige Emsvertiefung hatten sich zu einem erbitterten Streit ausgewachsen. Tag für Tag prasselten Presseberichte, politische Statements und Klagedrohungen auf uns ein. Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung luden wir zur Betriebsversammlung ein – eine Veranstaltung, die unter völlig anderen Vorzeichen stand als sonst.
Zuvor hatten in den Jahren zuvor zwei Kreuzfahrtschiffe – Zenith und Horizon – erfolgreich an Celebrity Cruises abgeliefert. Im Frühjahr war dann mit der ORIANA für P&O der bislang prestigeträchtigste Neubau auf Kiel gelegt worden. Ein Flaggschiff für Großbritannien, gefertigt im Binnenland – das war ein gewagtes, aber symbolträchtiges Projekt. Wir wussten, wie viel davon abhing – für uns, für die Reederei, für das Land Niedersachsen. Auch Ministerpräsident Schröder hatte sich für die Emsanpassung ausgesprochen. Doch es blieb eine Baustelle unter Vorbehalt. Die Ungewissheit lastete auf uns allen.
In dieser Situation war mir klar: Wir dürfen keine Kommunikationslücken zulassen. Die Betriebsversammlung war sehr gut besucht – und die Anspannung war mit Händen zu greifen. Keine Show, keine Routine. Es ging um mehr.
Die Werft war im Umbruch. Neue Fertigungsprinzipien, Vorausrüstung, Gruppenarbeit, das Ende des traditionellen „Makersystems“. Vieles veränderte sich in rasantem Tempo. Für viele, gerade ältere Kollegen, wurde das zu einer Dauerbelastung. Die Zahl der Anfragen zur 58er-Regelung nahm zu. Und hinzu kamen politische Forderungen, die Werft doch lieber an die Küste zu verlegen – was für viele einem sozialen Kahlschlag gleichgekommen wäre. Denn hier hingen Familienleben, Nachbarschaften, ganze Kommunen am Arbeitsplatz Werft.
Ich war in dieser Zeit mehr als nur Betriebsratsvorsitzender. Ich wurde Sprecher, Verteidiger, manchmal auch Projektionsfläche. Es gab Zustimmung, aber auch Widerstand. Und es gab immer wieder extrem bösartige Gerüchte. Alles frei erfunden, aber schmerzhaft für meine Familie. Heute wären solche Kampagnen in sozialen Medien kaum noch kontrollierbar.
Trotz allem war mir klar. Wir dürfen nicht bloß reagieren – wir müssen gestalten. Auch gegen Widerstände. Ich hatte bei Volvo in Uddevalla die Gruppenarbeit gesehen und war überzeugt: Das brauchen wir auch. Doch das war nicht nur technisch, sondern auch kulturell eine Zäsur – selbst im Betriebsrat und in der IG Metall.
An diesem Tag der Betriebsversammlung lag all das in der Luft. Nach den Berichten der Betriebsräte und der Geschäftsleitung kam die übliche Runde der Wortmeldungen. Als die letzten Fragen gestellt waren, war es an mir, das Schlusswort zu halten. Und obwohl hinten bereits erste Bewegung war – die Versammlung neigte sich dem Ende zu – hatte ich noch etwas vorbereitet. Ohne Absprache. Ohne doppelten Boden.
Meine Schlusssätze waren folgende:
Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir alle haben in den letzten Jahren gezeigt, zu welchen Leistungen wir fähig sind, welch außerordentliche Kräfte in uns stecken. Wir als ein Team, als solidarische Gemeinschaft haben schwierige Zeiten hinter uns. Und heute stehen wir wieder vor großen Herausforderungen.
Und liebe Kolleginnen und Kollegen, ich kann euch versprechen, morgen und übermorgen werden die Hürden noch höher sein.
Dies ist kein tragisches Schicksal, dies ist unsere Chance.
Denn diesen Hürden müssen sich auch alle anderen stellen. Wir müssen keine Angst vor den Veränderungen haben. Wir sind nie schwächer, sondern ganz im Gegenteil, wir sind immer stärker geworden, je schwerer es für uns war.
Herausforderungen, ja fast unmöglich Erscheinendes anzunehmen, daran zu wachsen das steckt in unserer Geschichte, das ist in unserer DNA.
Wie oft hat man mir auf den Versammlungen, als wir die kleinen und die anderen die großen übermächtigen Werften waren, gezeigt und auch gesagt, dass wir doch eigentlich keine Chance hätten.
Es schwang immer mit, dass ein solcher Schiffbau wie wir ihn betreiben doch eher nach Hamburg, Bremen oder Emden aber doch ganz sicher nicht nach Papenburg gehöre.
Und wann immer meine Kollegen von den anderen Werften ganz offen oder ganz neidisch auf unser Scheitern wetteten, dann war es das Wissen um unsere Stärke, die wir aus unserer Tradition ziehen, die mich stolz und stark machte.
Man hat mich immer wieder in verschiedenen Diskussionen (auch in den Diskussionen zur Ems) davor gewarnt euch falsche Hoffnungen zu machen.
Wir lägen so tief im Binnenland, gehören keinem Konzern an der hinter uns stände, (unausgesprochen – warum gebt ihr nicht auf?). Warum sollte es uns anders gehen als den vielen anderen stolzen Werften in Deutschland?
Doch diese ganzen Leute kennen uns eben nicht!
Man hat immer neue Hindernisse herbeigeredet, unsere Vorwärtsstrategie bezweifelt. Doch immer wieder haben wir in unserer Geschichte gezeigt das wir eine so große kollektive Stärke, Begeisterung und so starke Träume haben, die so viel größer sind als jede mögliche Verzagtheit, größer sind als die Angst vor einem Scheitern.
Wir haben Aufträge und wir werden das beste daraus machen, dessen bin ich mir ganz sicher.
Wir werden auch die Politik und alle Zauderer immer wieder überzeugen auf die richtige Werft zu setzen. Doch, liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns keine Illusionen.
Uns wird nur geholfen, wenn wir erfolgreich sind.
Heinrich Hövelmann sagte vor kurzem zu mir: Wenn die ersten Mitleid bekunden, dann habt ihr verloren.
Lassen wir es nicht so weit kommen.
Unsere Tradition ist es, uns immer wieder in Frage zu stellen, nie zufrieden zu sein.
Unsere Tradition ist es immer als erste das Unmögliche möglich zu machen.
Und deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Herren der Geschäftsleitung, liebe Führungskräfte sollten wir jetzt die Zeit nach unseren Erfolgen bei der Zenith und der Horizont nutzen ums uns neu zu erfinden.
Wir ändern uns noch zu wenig.
Wir sind noch zu vorsichtig.
Wir sind nicht aggressiv genug.
Wir sind zu langsam.
Wir sollten ausnahmslos alles in Frage stellen und auch bereit sein sogar unsere Erfahrungen über Bord zu werfen, wenn sie uns am Neuen hindern.
Wir sollten jetzt, heute, hier in Frage stellen was wir in den letzten Jahren gemacht haben, was wir kennen, was wir wissen. Wir sollten uns nicht zufriedengeben mit dem, was wir bisher erreicht haben.
Nichts sollte unserem kritischen Blick entgehen.
Denn jetzt ist die Zeit um unsere Werft nochmals neu zu erfinden, jetzt ist die Zeit und nicht erst morgen.
Ich hatte lange an diesen Sätzen gearbeitet. Und wie so oft begleitete mich dabei die Musik von Bruce Springsteen. Sie gab mir Kraft, Rhythmus, Haltung. Und ich hatte auf Beifall gehofft – vielleicht auch darauf, dass die Mannschaft in meinem Appell eine gemeinsame Vision erkennt. Doch was folgte, war für mich ein Schock. Nur vereinzeltes Klatschen. Dann Stille.
Ich sah Kopfschütteln, starre Blicke, gesenkte Augen. Meine Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrat tuschelten, schauten verlegen beiseite. Die Geschäftsleitung wirkte überrascht. Die Unsicherheit war spürbar. In den hinteren Reihen setzten sich einige, die bereits aufgestanden waren, wieder hin.
In meinem Inneren tobte ein Sturm. Ich war enttäuscht. Ich war wütend. Ich war allein.
Dann hob sich eine Hand. Ein altgedienter Kollege – Vorarbeiter in der Instandhaltung – bat um das Wort. Ich gab es ihm. Und wurde nicht entlastet, sondern konfrontiert. In seiner typischen sehr ehrlichen Art warf er mir vor, eine klassische Managerrede gehalten zu haben. Kein Lob, kein Dank – nur neue Anforderungen. Die Mannschaft brauche aber Anerkennung. Zeit zum Durchatmen. Eine Pause nach harter Arbeit. Die Halle applaudierte und zeigte Zustimmung. Nicht für mich.
Wie sollte ich die Versammlung so beenden? Ich ging zurück zum Mikrofon.
Meine Replik war spontan – aber klar:
Liebe Kolleginnen und Kollegen eins habe ich noch vergessen.
Ich mag Fritz sehr und ich liebe seine Wortbeiträge. Das kann ihm keiner nachmachen.
Und ich finde es gut, wenn Kollegen für ihre Wortbeiträge viel Beifall bekommen.
Das brauchen wir für eine lebendige Versammlung.
Doch heute, gerade eben, liebe Kolleginnen und Kollegen, lagt ihr falsch.
Lasst euch doch bitte noch mal durch den Kopf gehen, für was ihr Applaus gespendet habt.
Es wurde gesagt, Lob habt ihr verdient.
Richtig, Lob habt ihr verdient.
Stolz sollte man auf eure Leistung sein.
Richtig, das könnt ihr alle.
Wer wollte das in Abrede stellen?
Zurücklehnen und etwas ausruhen solltet ihr euch …..???
Das ist grundfalsch!
Ihr habt hierfür applaudiert – das war falsch.
Glaubt mir, wenn in eurer Mitte unsere Konkurrenten, Japaner und Koreaner gesessen hätten, dann hätten diese doppelt so laut geklatscht wie ihr gerade eben.
Denn genau so schlagen sie uns. Wenn wir warten, wenn wir uns bequem zurücklehnen, wenn wir satt und zufrieden sind – dann und nur dann schlagen sie uns!
Überlegt mal ganz genau ob euer Applaus an der Stelle richtig oder vielleicht etwas gedankenlos war?
Die Betriebsversammlung ist geschlossen.
Später, beim Hinausgehen, legte mir ein alter Kollege aus dem Betriebsrat die Hand auf die Schulter. „Such dir schon mal einen neuen Job. Das heute – das kostet dich das Mandat.“
Ich antwortete: „Wenn ich für meine Überzeugung abgewählt werde, dann habe ich es nicht besser verdient – aber dann verdienen mich die Kolleginnen und Kollegen auch nicht.“
In den Folgemonaten war ich in allen Pausen präsent – an Tischen, in Werkshallen, in Pausenräumen. Ich diskutierte, erklärte, hörte zu. War heißer und kämpfte.
Und ich lernte, Menschen wollen Klarheit, nicht Gefälligkeit. Sie spüren, ob du es ernst meinst. Ob du stehst wenn es stürmisch wird.
Bei der Betriebsratswahl erreichte ich fast 90 % Zustimmung.
Diese Versammlung hat mich geprägt. Sie war vielleicht meine schwerste Stunde – und vielleicht auch meine wichtigste.
Die Aufgabe unserer Zeit ist es, leidenschaftlich um die Menschen zu kämpfen – um ihre Würde, ihre Sicherheit, ihre Zukunft – und sie nicht den Populisten zu überlassen, die einfache Antworten auf Hass, Wut und Frust züchten, während sie Vertrauen zerstören, Gemeinschaft spalten und die Lasten am Ende anderen aufbürden.
