Warum Vertrauen wirkt – Gedanken zu Büchern an den Feiertagen
Mit Muße habe ich an den letzten ruhigen Tagen zwei Bücher noch einmal gelesen.
Nicht quer.
Nicht flüchtig.
Sondern mit Genuss und Zeit.
Von Rutger Bregman, „Im Grunde gut“,
und von Michael J. Sandel, „Das Unbehagen in der Demokratie“.
Zwei sehr unterschiedliche Bücher.
Und doch erstaunlich kompatibel.
Der niederländische Denker Rutger Bregman schreibt über ein Menschenbild,
das in diesen Zeiten fast schon als naiv gilt.
Der Mensch ist im Kern kooperationsfähig, verantwortungsbereit und sozial.
Ich mag Rutger Bregman sehr.
Nicht, weil er schönredet.
Sondern weil er präzise formuliert.
Und weil man seine Thesen mit offenen Augen jeden Tag überprüfen kann.
Ich bin kein Akademiker.
Ich habe mein Berufsleben nicht in Vorlesungssälen und Seminarräumen verbracht,
sondern im Industriebetrieb.
In Werkhallen. Auf unseren Schiffen, in Sozialräumen. In Besprechungszimmern.
Bei Konflikten, Krisen und Entscheidungen unter Druck.
Und ich habe immer wieder dasselbe erlebt:
Wenn man Menschen wirklich ernst nimmt, wachsen sie.
Wenn man ihnen vertraut, übernehmen sie Verantwortung.
Wenn man sie kontrolliert, ziehen sie sich zurück.
Nicht aus Böswilligkeit.
Sondern als rationale Reaktion auf ein System, das Misstrauen organisiert.
Bregman beschreibt kein Idealbild vom Menschen.
Er beschreibt, was passiert, wenn Systeme dem Menschen nicht grundsätzlich misstrauen.
Michael Sandel hat mich aus einem anderen Grund gepackt.
Er spricht nicht zuerst über Effizienz.
Sondern über Würde.
Über Arbeit als etwas, das mehr ist als Broterwerb.
Über Anerkennung.
Über Stimme.
Seine Kritik an der Leistungsideologie, an der Erzählung „Jeder ist seines Glückes Schmied“ –
trifft einen wunden Punkt.
Denn diese Erzählung habe ich oft als unehrlich erlebt.
Erfolg wird individualisiert.
Scheitern moralisiert.
Und Strukturen die ausbremsen werden systematisch ausgeblendet.
Sandel zeigt, warum Demokratien Schaden nehmen, wenn Menschen erleben, dass ihre Arbeit gebraucht wird, – ihre Stimme aber nicht.
Auch das kenne ich.
Nicht aus Büchern.
Sondern aus eigener Verantwortung.
In meiner Zeit im Management habe ich Fehler gemacht.
Ich habe unter Zeitdruck und unter Sachzwängen Entscheidungen getroffen, ohne immer jene mitzunehmen, die sie tragen mussten.
Erkenntnisse kommen manchmal spät.
Aber sie kommen.
Warum also diese Zeilen zu Bregman und Sandel?
Weil beide zusammenbringen, was ich über Jahre praktisch erlebt und gelernt habe.
Bregman liefert das Menschenbild….
Vertrauen ist kein Risiko.
Sondern eine realistische Annahme. und eine Chance.
Sandel zieht die Konsequenz…..
Ohne Beteiligung, ohne Anerkennung von Meinung und Arbeit,
ohne hörbare Stimme, wird Demokratie eine leere Hülle.
Im Staat wie im Betrieb.
Zusammen ergibt das eine schlichte Wahrheit.
Gute, lebensfähige und agile Organisationen
funktionieren nicht trotz Vertrauen und Beteiligung.
Sondern genau ihretwegen.
Ich denke bei Mitbestimmung nicht an Paragraphen und Passagen in Gesetzbüchern.
Nicht an formales Recht.
Sondern an die tägliche Erfahrung,
ob das eigene Wissen zählt,
ob Widerspruch erlaubt ist
und ob Entscheidungen gemeinsam getragen werden.
Menschen lassen sich dauerhaft nur dann gewinnen,
wenn sie Teil eines gemeinsamen Projekts sind.
Das gilt für Betriebe.
Und es gilt für Gesellschaften.
Wer Betriebe und Gesellschaften auf Misstrauen gründet,
wird Misstrauen ernten.
Oder einfacher gesagt……
Unsere Demokratie endet nicht am Eingang zu den Verwaltungen, den Behörden, dem Werkstor.
Sie zeigt sich dort.
Sie wird dort trainiert, oder sie verkümmert.
Wie heißt es so treffend… (und passend für Demokratie, Freiheit und Würde)
If you don’t use it, you lose it.
