Menschen liebt man. Heimat trägt man – und hasst sie doch nicht?
Zu meinem letzten Beitrag in den Sozialen Medien wo ich von einem Gespräch mit einem Kranführer in einem Baumarkt schrieb, gab es über mittlerweile mehr als 71.000 Zugriffe.
Es gab viele zustimmende, nachdenkliche, beachtenswerte Kommentare.
Und zahlreiche persönliche Nachrichten.
Was mich hinsichtlich der negativen Rückmeldungen umtreibt, ist der teils verstörende Hass auf unser Land, auf unsere Heimat. Die fast suchthafte Fixierung auf Verfall, Niedergang und Scheitern.
Ich habe viele Jahre in der Industrie gearbeitet. Auch dort lief lange nicht alles glatt. Es wurden Fehler gemacht. Und Fehler hatten Konsequenzen. Auf der Werft bedeutete eine falsche Entscheidung nicht Empörung im Netz, sondern verlorene Aufträge, gefährdete Arbeitsplätze, infrage gestellte Zukunft.
Kritik war und ist dort kein Lifestyle, sondern Teil von Verantwortung.
Es gab und gibt sie auf der Werft auch, die Kritik um der Kritik willen.
Aber in den meisten Fällen kritisierte man nicht, weil man distanziert war, sondern weil man dazugehört hat. Man stritt, weil man verbunden war.
Weil man bleiben wollte. Weil man den Betrieb erhalten wollte. Konflikte waren manchmal hart – aber sie waren eingebettet in Identifikation.
Der unausgesprochene Satz lautete…… Das ist unsere Werft.
Diese Logik ist älter als jede politische Theorie. Man findet sie auch im Sport.
Fans pfeifen ihre Mannschaft aus, sie fordern Konsequenzen, sie leiden an Niederlagen. Aber niemand liebt seinen Verein, indem er seinen Abstieg oder Zerfall feiert. Kritik im Sport ist oft brutal – aber sie bleibt gebunden.
Sie zielt auf Verbesserung, auf Aufstieg, nicht auf Zerstörung.
Genau diese Bindung geht in der politischen Debatte zunehmend verloren. Kritik am Staat ist legitim, notwendig, unverzichtbar. Doch immer häufiger wird sie ersetzt durch eine Haltung der inneren Kündigung. Der Staat erscheint nicht mehr als reformbedürftiges Gemeinwesen, sondern als hoffnungsloser Schadensfall. Nicht als etwas, das besser werden muss, sondern als etwas, das man verachtet, auf Zerstörung wartet. Man sucht schlechte Nachricht, ist süchtig danach, kopiert und vervielfältigt sie.
Das ist keine Radikalität aus Sorge. Es ist Distanzierung – und sie ist bequem.
Wer sich innerlich so verabschiedet, fühlt sich nicht mehr zuständig.
Empörung, Wut und Frust ersetzt Engagement. Zynismus ersetzt Verantwortung. Man zeigt auf alles, was nicht funktioniert – und entzieht sich zugleich der Verpflichtung, es besser zu machen.
Dabei lese ich in den Statements nichts davon, wie wir Kräfte für unser Land mobilisieren. Ich lese Zerrbilder von einem verlotterten gescheiterten Staat.
Und es scheint das einige politisch doch recht gut von der Erzählung von Ausweglosigkeit und nicht von der Suche nach Lösungen leben können. Und dieses politische Geschäftsmodell lebt nicht von Verbesserung, sondern von Zerstörung.
Überbordende hasserfüllte Kritik ohne eine aktive Suche nach kompromissfähigen Lösungen und ohne Identifikation mit dem Staat, der Gesellschaft, dem Verein oder dem Betrieb ist laut, klickträchtig aber folgenlos. Sie erzeugt nur weitere Wut und Aufmerksamkeit, aber keine Lösungen.
Ein Staat ist kein Betrieb und auch kein Fußballclub. Aber er lebt von derselben Voraussetzung. Dem Gefühl, Teil von etwas zu sein. Ohne dieses Gefühl wird Politik abstrakt. Dann bleibt nur noch Verwaltung oder Verachtung. Und beides erzeugt keine Zukunft.
Ja, vieles läuft falsch. Und vieles muss sich ändern – dringend.
Aber kein Gemeinwesen wird besser, wenn man seinen Niedergang genießt.
Wer wirklich verändern will, muss sich bekennen. Zu diesem Land, zu dieser Heimat.
Zur Sache. Zum Ort. Zum Ganzen.
Ich trage diese Heimat, dieses Land, diese Gesellschaft in mir. Ich mag dieses Land wirklich sehr und ich mag die Menschen. Die Meyer Werft war für mich nie nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Ankerplatz.
Heute ist es meine Arbeit im WEISSEN RING und in der Diakonie.
Und ich wünsche jedem Menschen solche Ankerplätze.
Denn eines habe ich in meinem Leben gelernt.
Nur wer sich identifiziert, übernimmt Verantwortung.
Und nur wo Verantwortung übernommen wird, entsteht Zukunft.
