Im Namen der Wahrheit (Teil 2)

Die Verhandlung wird fortgesetzt.
Die Luft ist kühl. Die Worte sind es auch.

Richter

Der Beklagte erhält das Wort.
Die Verteidigung möge vortragen.

Die Verteidigung

Verteidiger

„Hohes Gericht,
die Vorwürfe sind völlig überzeichnet.
Was hier als Grenzverletzung beschrieben wird, ist lediglich eine Anpassung meines Mandanten an die Realität. Die Umgebung, die Welt, in der wir eine Partnerschaft haben, hat sich eben verändert.
Und Beziehungen müssen sich anpassen und verändern sich auch.“

Richter

„Bitte konkretisieren sie das!“

Verteidiger

„Partnerschaften sind keine Selbstzwecke. Und Sentimentalität bringt uns nicht weiter!
Partnerschaften müssen funktionieren und sie müssen meinem Mandanten Vorteile bringen. Wer etwas dafür leistet, der kann bleiben.
Wer bremst und die Bedeutung der Wichtigkeit der Vorteile für unseren Mandanten nicht anerkennt wird neu bewertet.“

Anwalt der EU

„Sie sprechen von Bewertung. Meinen Sie damit den Entzug von Dialog auf Augenhöhe, von Respekt, von Kooperationen, von gemeinsamer Verantwortung, von Zugang zu Forschung?“

Verteidiger

„Wir sprechen von Konsequenzen. Die Sichtweise ihrer Mandantin ist die Sichtweise von Verlierern. Jeder hat die Freiheit sein Schicksal zu wählen. Niemand wird ausgeschlossen. Man entscheidet sich nur neu. Wer nicht für meinen Mandanten ist ist gegen ihn und soll sehen wo er bleibt.“

Richter

„Neu entscheiden heißt dann auch die konsequente Trennung?“

Verteidiger

„Trennen ist ein großes Wort. Wir sprechen von Effizienz. Wir wollen nur eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten.“

Anwalt der EU

„Wie steht der Beklagte denn zu bestehenden Regeln, Vereinbarungen und Absprachen?“

Verteidiger

„Regeln sind doch lediglich Instrumente aus einer alten Zeit. Unser Mandant weiß sehr genau was richtig ist. Regeln sind kein Dogma. Man nutzt sie, solange sie nützen. Nur Looser brauchen Wettbewerb und Regeln.“

Richter

„Aber Vereinbarungen und Regeln binden doch auch beide?“

Verteidiger

„Bindung ist doch kein Wert an sich. Völlige Freiheit und Handlungsfähigkeit unseres Mandanten aber schon.“

Anwalt der EU

„Wie erklären Sie denn die öffentliche Herabsetzungen, Demütigungen und Drohungen?“

Verteidiger

„Das ist doch nur Klartext. Mein Mandant ist eben gnadenlos ehrlich. Wer das als Demütigung empfindet, ist zu sensibel.
Respekt folgt Stärke. Nicht umgekehrt. Und mein Mandant verschafft sich Respekt. Und wenn ihre Klientin sich nicht einordnet dann ist eben so – dann können wir nicht auf sie warten.“

Richter

„Respekt wird hier also nur dann vergeben wenn man ihn sich durch Anpassung verdient?“

Verteidiger

„Er wird erwartet, wenn geliefert wird.“

Anwalt der EU

„Wie bewertet der Beklagte Widerspruch?“

Verteidiger

„Kritik ist willkommen. Solange sie loyal ist, das Ziel unseres Mandanten nicht in Frage stellt. Öffentlicher Widerspruch schadet dem Ganzen.“

Richter

„Und wird sanktioniert?“

Verteidiger

„Er zieht Folgen nach sich. Das ist doch normal und gehört zum Leben dazu.“

Anwalt der EU

„Es gibt Hinweise, dass bedingungslose Anerkennung und Unterordnung eingefordert wird.“

Verteidiger

Anerkennung ist keine einfache Forderung.
Sie ist mehr als fällig.

Unser Mandant hat geliefert.
Stabilität.
Ordnung.
Frieden.

Dass man darüber diskutiert, verwundert.

Richter

„Erwartet der Beklagte also Dankbarkeit?“

Verteidiger

„Dank ist angemessen. Wenn Großes geleistet wurde.“

Anwalt der EU

„Es gibt widersprüchliche Aussagen zu früheren Zusagen, wo die Werte so bedeutsam und zentral wären.“

Verteidiger

„Mein Mandant kann sich nicht an alles erinnern. Die Welt ist eben sehr dynamisch.
Positionen entwickeln sich.“

Richter

„Das Gericht nennt das selektives Erinnern.“

Anwalt der EU

„Wie erklärt denn der Beklagte Ansprüche auf bisher unabhängige Räume?“

Verteidiger

„Es geht nicht nur um Besitz.
Es geht um Sicherheit und Ordnung.
Um bedingungslosen Respekt.
Denn Einfluss ist Realität.“

Richter

„Auch ohne Zustimmung?“

Verteidiger

„Zustimmung ist wünschenswert.
Aber nicht immer erforderlich.“

Richter

Dann habe ich jetzt genug gehört und muss zu einer Bewertung kommen.
Festzuhalten ist….
Die Verteidigung ersetzt die Bewertung von Partnerschaft, von Kooperation und Gegenseitigkeit durch Nützlichkeit, Bindung durch Bewertung und Regeln durch Zweckmäßigkeit.

Verteidiger

Hohes Gericht, der Beklagte ist kein Täter.
Er ist Vorreiter einer neuen bedrückenden Zeit.
Wer ihn kritisiert, ihm nicht bedingungslos und loyal folgt,
hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Das alles hatten wir schon einmal – oder?

Die Sitzung wird unterbrochen.

Im Namen der Wahrheit (Teil 2)

Hinterlasse einen Kommentar