Der Moses-Moment in Schwerin
1997 trat ich meine neue Aufgabe als Sonderbeauftragter der Meyer Werft für die Neptun Industrie an. Es war eine herausfordernde Zeit. Umstrukturierungen, politische Gespräche, Kontakte zu Verbänden, Ministerien, Gewerkschaften – ein dichtes Geflecht aus Interessen, Einfluss und Unsicherheiten.
Irgendwann gab mir Bernard Meyer einen freundlichen, aber unmissverständlichen Hinweis: „Lassen Sie sich auch mal bei den größeren Arbeitgebertagungen blicken.“
Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Der Arbeitgeberverband Mecklenburg-Vorpommern hatte zu einer Diskussion mit der neuen Landesregierung geladen – rot-rot regiert, was für viele in der Wirtschaft einem politischen Erdbeben gleichkam.
Ich fuhr also nach Schwerin, in die Landeshauptstadt. Ein großer Konferenzsaal, auf Hochglanz poliert. Reihen voller Anzugträger, sachlich, distanziert – und doch gespannt, fast elektrisiert. Ich war ein neues Gesicht in dieser Runde, wurde mit neugierigen Blicken gemustert. Einige kannten meinen Namen, andere nur die Meyer Werft.
Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands begrüßte die Versammlung. Besonders hervorgehoben wurden der Chef der Staatskanzlei Otto Ebnet und Innenminister Gottfried Timm – beide auf den vorderen Plätzen.
Kaum war das Protokoll beendet, brach eine Welle los, die ich so nicht erwartet hatte.
Redner um Redner erhob sich. Und mit jedem Beitrag wurde der Ton schärfer, die Kritik lauter, die Angriffe persönlicher. Es war keine Diskussion, es war eine Kanonade. Eine Tirade gegen die neue Landesregierung, gegen Sozialdemokraten, gegen die rot-rote Koalition, gegen angebliche wirtschaftliche Katastrophen, die bevorstünden.
Ich saß da, als langjähriger, überzeugter Sozialdemokrat, und spürte, wie mir der Schweiß über den Rücken lief.
Der Vertreter der Rostocker Arbeitgeber, der meine Vergangenheit als Betriebsratsvorsitzender kannte, schaute mich verunsichert an. Ich lächelte dünn zurück.
Der Gipfel der Empörung kam in Gestalt des CDU-Fraktionsvorsitzenden Otto Rehberg. Er donnerte mit bebender Stimme gegen die Landesregierung, malte Untergangsszenarien, und als er zum Schluss kam, brandete frenetischer Applaus auf. Stampfende Füße, begeisterte Zurufe – ich erwartete jeden Moment, dass jemand auf den Tisch sprang.
Und die beiden Regierungsvertreter? Lächelten milde, machten ein paar harmlose Bemerkungen – keine Replik, kein Konter. Ich konnte es kaum glauben.
Dann fragte der Vorsitzende nach weiteren Wortmeldungen.
Ich schaute mich um. Niemand regte sich.
Also hob ich die Hand.
Der Rostocker Arbeitgebervertreter sah mich erschrocken an – sein Blick sagte: „Lass das lieber.“
Doch es war zu spät.
Ich stand auf.
„Mein Name ist Paul Bloem, ich bin Sonderbeauftragter der Meyer Werft für die Neptun Industrie, ehemaliger Betriebsrat, IGM-Mitglied – und bekennender Sozialdemokrat.“
Totenstille.
Alle Augen auf mich gerichtet.
Man hätte trotz des Gemurmels zwischendurch eine Stecknadel fallen hören können.
Ich atmete tief durch.
„Zuerst einmal möchte ich daran erinnern, dass wir es hier mit einer demokratisch gewählten Regierung zu tun haben und keinem Militärputsch. Und ich finde, – so, wie wir hier miteinander umgehen, gehört sich das nicht.“
Dann sprach ich ruhig, aber bestimmt einige sachliche Punkte aus den vorangegangenen Reden an. Keine Polemik. Keine Parolen. Nur eine andere Perspektive.
Kein Applaus, als ich mich wieder setzte. Nur ein Räuspern hier und da.
Der Vorsitzende eierte etwas herum, bedankte sich verlegen.
Ich glaube, dass wohl alle bemerkt hatten, dass man an diesem Tag ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war.
Da sich niemand weiter zu Wort meldete, war die Versammlung damit beendet.
Die beiden Regierungsvertreter verließen zügig den Raum. Ich blieb noch, packte meine Tasche – und ging zum Buffet.
Und dort erlebte ich einen Moment, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Als ich mich dem Tisch näherte, teilte sich die dicht stehende Menge wie das Rote Meer bei Moses. Die Menschen traten zur Seite. Neugierige, aber auch ablehnende Blicke trafen mich.
Ich konnte mich völlig ungehindert bedienen – der Moses-Effekt.
Wenig später saß ich im Auto. Der Sommerabend war warm, das Laub einer mächtigen Eiche rauschte leise im Wind. Ich dachte kurz nach, zögerte – und griff dann doch zum Telefon.
„Hallo Herr Meyer“, sagte ich.
„Ich war heute bei der Versammlung …“
Gespanntes Lauschen am anderen Ende.
„… und ich habe mich auch zu Wort gemeldet.“
Schweigen.
Dann, leise, fast erschüttert.
„Oh Gott.“
