Komplexität ist keine Führung

Ich sehe wie die Politik sich müht die aus den Fugen geratene Welt und ihre Reaktionen zu erklären und denke….
Liebe Leute ….Komplexität ist keine Führung!
Ich habe in meinem beruflichen Leben selber gelernt, dass man mit vermeintlich klugen komplexen Erklärungen Vertrauen verlieren kann.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie entscheidend Kommunikation in Krisenzeiten ist.
Ich habe sie selbst manchmal falsch eingeschätzt.
Auf der Meyer Werft habe ich in Umbruchzeiten erlebt, wie wir uns manchmal mit Erklärungen in Deckung begeben haben.
Wir glaubten, je komplexer und vollständiger unsere Argumente seien, desto größer werde das Verständnis.
Das Gegenteil war oftmals der Fall.
Dort, wo wir klar gesagt haben, was notwendig ist, warum es notwendig ist und wohin wir wollen, entstand Reibung aber auch Orientierung.
Dort, wo wir umfassend erklärten, ohne Richtung oder Ziel zu geben, entstand Unsicherheit.
Genau dieses Muster sehe ich heute wieder.
Politik erklärt immer mehr, differenziert feiner, betont Zwänge und Komplexität.
Sachlich oft korrekt – kommunikativ für die von immer mehr Krisen betroffenen Menschen oft nicht aushaltbar (und dann beginnt die Suche nach der einfachen Antwort).
Viele glauben, umfassende Erklärungen schafften Vertrauen.
Doch das ist ein Irrtum.
Menschen folgen eben oftmals nicht der besseren Analyse.
Sie folgen Klarheit.
In Zeiten multipler Krisen wollen Menschen wissen:
Was tun wir?
Was gilt?
Worauf kann ich mich verlassen?
Was es jetzt braucht, ist weniger Erklärung und mehr mutige Führung. Klare Ziele, Ansagen. Geschlossenheit. Verantwortung.
Wer in Krisenzeiten alles erklärt, aber keine Richtung vorgibt,
überlässt Führung dem Zufall.
Vertrauen entsteht nicht durch Erläuterungen von Komplexität, in möglichst vielen Talk Shows, sondern durch ehrliche Haltung, Klarheit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – auch für eigene Fehler.
Komplexität ist keine Führung

Menschen liebt man. Heimat trägt man ….

Menschen liebt man. Heimat trägt man – und hasst sie doch nicht?

Zu meinem letzten Beitrag in den Sozialen Medien wo ich von einem Gespräch mit einem Kranführer in einem Baumarkt schrieb, gab es über mittlerweile mehr als 71.000 Zugriffe.
Es gab viele zustimmende, nachdenkliche, beachtenswerte Kommentare.
Und zahlreiche persönliche Nachrichten.

Was mich hinsichtlich der negativen Rückmeldungen umtreibt, ist der teils verstörende Hass auf unser Land, auf unsere Heimat. Die fast suchthafte Fixierung auf Verfall, Niedergang und Scheitern.

Ich habe viele Jahre in der Industrie gearbeitet. Auch dort lief lange nicht alles glatt. Es wurden Fehler gemacht. Und Fehler hatten Konsequenzen. Auf der Werft bedeutete eine falsche Entscheidung nicht Empörung im Netz, sondern verlorene Aufträge, gefährdete Arbeitsplätze, infrage gestellte Zukunft.
Kritik war und ist dort kein Lifestyle, sondern Teil von Verantwortung.

Es gab und gibt sie auf der Werft auch, die Kritik um der Kritik willen.
Aber in den meisten Fällen kritisierte man nicht, weil man distanziert war, sondern weil man dazugehört hat. Man stritt, weil man verbunden war.
Weil man bleiben wollte. Weil man den Betrieb erhalten wollte. Konflikte waren manchmal hart – aber sie waren eingebettet in Identifikation.
Der unausgesprochene Satz lautete…… Das ist unsere Werft.

Diese Logik ist älter als jede politische Theorie. Man findet sie auch im Sport.

Fans pfeifen ihre Mannschaft aus, sie fordern Konsequenzen, sie leiden an Niederlagen. Aber niemand liebt seinen Verein, indem er seinen Abstieg oder Zerfall feiert. Kritik im Sport ist oft brutal – aber sie bleibt gebunden.
Sie zielt auf Verbesserung, auf Aufstieg, nicht auf Zerstörung.

Genau diese Bindung geht in der politischen Debatte zunehmend verloren. Kritik am Staat ist legitim, notwendig, unverzichtbar. Doch immer häufiger wird sie ersetzt durch eine Haltung der inneren Kündigung. Der Staat erscheint nicht mehr als reformbedürftiges Gemeinwesen, sondern als hoffnungsloser Schadensfall. Nicht als etwas, das besser werden muss, sondern als etwas, das man verachtet, auf Zerstörung wartet. Man sucht schlechte Nachricht, ist süchtig danach, kopiert und vervielfältigt sie.

Das ist keine Radikalität aus Sorge. Es ist Distanzierung – und sie ist bequem.

Wer sich innerlich so verabschiedet, fühlt sich nicht mehr zuständig.
Empörung, Wut und Frust ersetzt Engagement. Zynismus ersetzt Verantwortung. Man zeigt auf alles, was nicht funktioniert – und entzieht sich zugleich der Verpflichtung, es besser zu machen.
Dabei lese ich in den Statements nichts davon, wie wir Kräfte für unser Land mobilisieren. Ich lese Zerrbilder von einem verlotterten gescheiterten Staat.

Und es scheint das einige politisch doch recht gut von der Erzählung von Ausweglosigkeit und nicht von der Suche nach Lösungen leben können. Und dieses politische Geschäftsmodell lebt nicht von Verbesserung, sondern von Zerstörung.

Überbordende hasserfüllte Kritik ohne eine aktive Suche nach kompromissfähigen Lösungen und ohne Identifikation mit dem Staat, der Gesellschaft, dem Verein oder dem Betrieb ist laut, klickträchtig aber folgenlos. Sie erzeugt nur weitere Wut und Aufmerksamkeit, aber keine Lösungen.

Ein Staat ist kein Betrieb und auch kein Fußballclub. Aber er lebt von derselben Voraussetzung. Dem Gefühl, Teil von etwas zu sein. Ohne dieses Gefühl wird Politik abstrakt. Dann bleibt nur noch Verwaltung oder Verachtung. Und beides erzeugt keine Zukunft.

Ja, vieles läuft falsch. Und vieles muss sich ändern – dringend.

Aber kein Gemeinwesen wird besser, wenn man seinen Niedergang genießt.

Wer wirklich verändern will, muss sich bekennen. Zu diesem Land, zu dieser Heimat.

Zur Sache. Zum Ort. Zum Ganzen.

Ich trage diese Heimat, dieses Land, diese Gesellschaft in mir. Ich mag dieses Land wirklich sehr und ich mag die Menschen. Die Meyer Werft war für mich nie nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Ankerplatz.
Heute ist es meine Arbeit im WEISSEN RING und in der Diakonie.
Und ich wünsche jedem Menschen solche Ankerplätze.

Denn eines habe ich in meinem Leben gelernt.

Nur wer sich identifiziert, übernimmt Verantwortung.
Und nur wo Verantwortung übernommen wird, entsteht Zukunft.

Menschen liebt man. Heimat trägt man ….

Gedanken zu unseren Herausforderungen (2.Teil)

Warum Vertrauen wirkt – Gedanken zu Büchern an den Feiertagen

Mit Muße habe ich an den letzten ruhigen Tagen zwei Bücher noch einmal gelesen.
Nicht quer.
Nicht flüchtig.
Sondern mit Genuss und Zeit.

Von Rutger Bregman, „Im Grunde gut“,
und von Michael J. Sandel, „Das Unbehagen in der Demokratie“.

Zwei sehr unterschiedliche Bücher.
Und doch erstaunlich kompatibel.

Der niederländische Denker Rutger Bregman schreibt über ein Menschenbild,
das in diesen Zeiten fast schon als naiv gilt.
Der Mensch ist im Kern kooperationsfähig, verantwortungsbereit und sozial.

Ich mag Rutger Bregman sehr.
Nicht, weil er schönredet.
Sondern weil er präzise formuliert.
Und weil man seine Thesen mit offenen Augen jeden Tag überprüfen kann.

Ich bin kein Akademiker.
Ich habe mein Berufsleben nicht in Vorlesungssälen und Seminarräumen verbracht,
sondern im Industriebetrieb.
In Werkhallen. Auf unseren Schiffen, in Sozialräumen. In Besprechungszimmern.
Bei Konflikten, Krisen und Entscheidungen unter Druck.

Und ich habe immer wieder dasselbe erlebt:
Wenn man Menschen wirklich ernst nimmt, wachsen sie.
Wenn man ihnen vertraut, übernehmen sie Verantwortung.
Wenn man sie kontrolliert, ziehen sie sich zurück.

Nicht aus Böswilligkeit.
Sondern als rationale Reaktion auf ein System, das Misstrauen organisiert.

Bregman beschreibt kein Idealbild vom Menschen.
Er beschreibt, was passiert, wenn Systeme dem Menschen nicht grundsätzlich misstrauen.

Michael Sandel hat mich aus einem anderen Grund gepackt.
Er spricht nicht zuerst über Effizienz.
Sondern über Würde.
Über Arbeit als etwas, das mehr ist als Broterwerb.

Über Anerkennung.
Über Stimme.
Seine Kritik an der Leistungsideologie, an der Erzählung „Jeder ist seines Glückes Schmied“ –
trifft einen wunden Punkt.

Denn diese Erzählung habe ich oft als unehrlich erlebt.
Erfolg wird individualisiert.
Scheitern moralisiert.
Und Strukturen die ausbremsen werden systematisch ausgeblendet.

Sandel zeigt, warum Demokratien Schaden nehmen, wenn Menschen erleben, dass ihre Arbeit gebraucht wird, – ihre Stimme aber nicht.

Auch das kenne ich.
Nicht aus Büchern.
Sondern aus eigener Verantwortung.
In meiner Zeit im Management habe ich Fehler gemacht.

Ich habe unter Zeitdruck und unter Sachzwängen Entscheidungen getroffen, ohne immer jene mitzunehmen, die sie tragen mussten.
Erkenntnisse kommen manchmal spät.
Aber sie kommen.

Warum also diese Zeilen zu Bregman und Sandel?
Weil beide zusammenbringen, was ich über Jahre praktisch erlebt und gelernt habe.

Bregman liefert das Menschenbild….
Vertrauen ist kein Risiko.
Sondern eine realistische Annahme. und eine Chance.

Sandel zieht die Konsequenz…..
Ohne Beteiligung, ohne Anerkennung von Meinung und Arbeit,
ohne hörbare Stimme, wird Demokratie eine leere Hülle.
Im Staat wie im Betrieb.

Zusammen ergibt das eine schlichte Wahrheit.

Gute, lebensfähige und agile Organisationen
funktionieren nicht trotz Vertrauen und Beteiligung.
Sondern genau ihretwegen.

Ich denke bei Mitbestimmung nicht an Paragraphen und Passagen in Gesetzbüchern.
Nicht an formales Recht.
Sondern an die tägliche Erfahrung,
ob das eigene Wissen zählt,
ob Widerspruch erlaubt ist
und ob Entscheidungen gemeinsam getragen werden.

Menschen lassen sich dauerhaft nur dann gewinnen,
wenn sie Teil eines gemeinsamen Projekts sind.

Das gilt für Betriebe.
Und es gilt für Gesellschaften.

Wer Betriebe und Gesellschaften auf Misstrauen gründet,
wird Misstrauen ernten.

Oder einfacher gesagt……

Unsere Demokratie endet nicht am Eingang zu den Verwaltungen, den Behörden, dem Werkstor.
Sie zeigt sich dort.

Sie wird dort trainiert, oder sie verkümmert.
Wie heißt es so treffend… (und passend für Demokratie, Freiheit und Würde)
If you don’t use it, you lose it.

Gedanken zu unseren Herausforderungen (2.Teil)