„Mein Vater hat dieses Land getragen. Gefragt hat ihn niemand.“

Gedanken zu den Wahlergebnissen

Mein Vater war die längste Zeit seines Lebens Landarbeiter.
In Wymeer, an der niederländischen Grenze.

Als ich klein war, gab es in unserem Zuhause kein fließendes Wasser und keinen Strom.

Meine Eltern – und viele Arbeiterfamilien wie sie – haben dieses Land buchstäblich getragen.
Mit den Händen.
Mit dem Rücken.
Ohne dass irgendjemand gefragt hätte, was sie darüber denken.

Niemand hat gefragt.
Das hat meinen Vater nicht gebrochen.
Aber es hat ihn geprägt.

In meinem Zuhause und bei der Arbeit habe ich gelernt, was Würde bedeutet – und was es kostet, wenn man sie einem Menschen nimmt.

Ich denke oft an meinen Vater, wenn ich heute höre:
„Die Arbeiter wählen jetzt AfD.“

Als wäre das eine Überraschung.
Als hätten wir nicht jahrzehntelang zugeschaut, wie genau diese Menschen – die schuften, die tragen, die liefern – das Gefühl bekamen, dass ihre Stimme nichts zählt.
Dass über sie geredet wird.
Aber nicht mit ihnen.

Irgendwann kippte etwas.

Aus dem Streit um gerechte Verteilung wurde ein Streit um Anerkennung.
Wer dazugehört.
Wessen Sprache richtig ist.
Wessen Bildung zählt.
Wessen Erfahrung überhaupt noch Gewicht hat.

Und wer wirtschaftliche Sicherheit, eine einigermaßen verlässliche Zukunft und gleichzeitig das Gefühl von kultureller Heimat verliert, der wird wütend.
Oder er verschwindet.

Das Vakuum hat die AfD gefüllt.

Nicht weil sie auch nur ansatzweise bessere Antworten hätte.
Sondern weil sie genau diese offene Wunde bedient.
Weil sie vorgibt, diese Menschen zu vertreten.

Auch wenn das, was sie tatsächlich anstrebt, vielen von ihnen und unserer Heimat am Ende schaden würde.

Doch was bräuchte es stattdessen?

Keine neuen Slogans.
Keine Kampagnen.
Keine Talkshow-Runden über „abgehängte Regionen“.

Sondern überzeugte, mit Leidenschaft kämpfende Menschen mit Rückgrat.
Menschen, die ohne Schutzdistanz auf andere zugehen.
Die wissen, was Schichtarbeit bedeutet.
Die nicht erklären müssen, wie sich ein rauer Arbeitstag anfühlt. Wie anstrengend es sein kann, heute mit dem Verdienst auszukommen.

Menschen, die nicht von oben herab schauen,
weil sie nie vergessen haben, woher sie kommen.

Respekt kann man nicht trainieren.
Man kann ihn auch nicht plakatieren.
Man spürt ihn.
Oder eben nicht.

Mein Vater hat dieses Land getragen.
Niemand hat ihn gefragt.

Das war falsch.

Und es ist noch nicht zu spät, das zu ändern.

Aber dafür müsste jemand anfangen, offen zu sagen:
Ja, wir haben Fehler gemacht.
Fehler im Umgang mit den Menschen, die dieses Land tragen.
Ohne Hintertür. Ohne Ausreden.

Denn eines stimmt bis heute.
Deine Arbeit trägt dieses Land.
Und deine Stimme sollte es auch.

Und die Radikalen hätten ausgedient.

„Mein Vater hat dieses Land getragen. Gefragt hat ihn niemand.“

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