Ich sitze heute Morgen an meinem Schreibtisch in Weener und lese einen Bericht, der mich nicht überrascht.
Der mich aber trotzdem trifft und wütend macht.
Ab April kürzen die Krankenkassen die Honorare für Psychotherapeuten um bis zu 4,5 Prozent.
Klingt technisch. Ist es aber nicht.
Ich begleite Menschen, die Gewalt erlebt haben. Körperliche Gewalt. Psychische Gewalt.
Menschen, die als Kinder zusehen mussten, wie ihre Geschwister oder die Mutter geschlagen wurde. Menschen, die jahrelang gebraucht haben, um überhaupt den Mut aufzubringen, Hilfe zu suchen.
Und wenn sie diesen Mut endlich haben, dann fange ich an zu telefonieren.
Praxis nach Praxis. Ein Kontakt nach dem anderen. Ostfriesland ist nicht München. Hier gibt es keine Warteliste von drei Monaten. Hier gibt es manchmal gar keinen Platz.
Und jetzt wird das System, das ohnehin schon maximal am Limit läuft, noch weiter ausgeblutet.
Eine Therapeutin, über die berichtet wird, hat 15 Jahre gebraucht, um ihren Kassensitz zu bekommen. 15 Jahre. Studium, Ausbildung für 6,27 Euro die Stunde, zehntausende Euro eigene Investition – und am Ende ein Einkommen, das oft unter dem eines Facharbeiters liegt. Und jetzt soll sie noch weniger bekommen.
Gleichzeitig fehlen in Deutschland rund 7.000 Kassensitze.
Die durchschnittliche Wartezeit liegt bei knapp fünf Monaten.
In einer ländlichen Region wie unserer ist sie noch viel, viel länger.
Und das Bundesgesundheitsministerium?
Wollte sich nicht äußern. Zuständigkeit liege woanders.
Ich kenne diesen Satz. Ich höre ihn so oft.
Was ich auch kenne, ist der Moment, wenn ein Mensch nach Monaten oder Jahren endlich bereit ist.
Bereit, über das zu sprechen, was ihm passiert ist.
Bereit, Hilfe anzunehmen.
Und ich muss ihm dann sagen… Es gibt gerade keinen Platz.
Warten Sie.
Wie lange?
Das weiß ich nicht. Ich tue mein Bestes.
Wer jetzt denkt, das ist ein Problem für andere – der irrt.
Psychische Erkrankungen kennen keine Einkommensgrenze. Aber die Behandlung kennt eine.
Wer sich Privattherapie leisten kann, bekommt in zwei Wochen einen Termin. Wer es nicht kann, wartet.
Oder wartet nicht mehr.
Ich frage mich immer öfter, wie viele Menschen wir wohl verlieren, während das System über Strukturveränderungen verhandelt.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das steht in unserem Grundgesetz. Artikel 1.
Bei mir der wichtigste Satz für meine Arbeit.
Psychische Gesundheit ist keine Luxusleistung. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Würde überhaupt gelebt werden kann.
Wer das kürzt, kürzt nicht an einem Honorar.
Der kürzt an Menschen.
Deshalb bleibt am Ende keine abstrakte Debatte.
Sondern eine einfache Forderung der Außenstelle des WEISSEN RING Leer:
Schafft ausreichend Therapieplätze!
Bezahlt die Menschen, die diese Arbeit tragen, angemessen.
Und hört auf, ein System weiter zu schwächen, das für viele der letzte Halt ist.
Alles andere ist kein Sachzwang.
Es ist eine Entscheidung.
