Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Heute Morgen, Supermarkt in Leer.
Ich stehe am Gewürzstand und warte auf meine Frau.
Zwei Männer ein paar Meter weiter. Die Einkaufswagen voll.
Sie reden über Spritpreise. Die Welt wird verrückt, sagen sie.

Dann kippt das Gespräch.
„Wir brauchen auch solche Typen wie Putin oder Trump. Sonst sind wir bald fertig.“
Zustimmendes Nicken.
Kein Zögern. Keine Nachfrage. Keine Skepsis.

Ich stehe da – und denke…
Merken wir eigentlich noch, was wir da sagen?

Wir leben in einem Land, in dem wir frei entscheiden dürfen.
Und sehnen uns nach Systemen, in denen genau das abgeschafft wird.
Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Selbstbestimmung.
Ein großes Wort. Eines, das wir in diesem Land so selbstverständlich benutzen, dass wir kaum noch spüren, was in ihm steckt.

Ich habe früh gelernt, was es bedeutet.

Auf der alten Werft, in der Reparatur.
Kein Plan war je vollständig. Kein Schiff identisch.
Und oft stand da in der Zeichnung ein Satz, den ich geliebt habe…

„Nach Örtlichkeit.“

Das war kein Lückenbeschreiber. Das war Vertrauen.
Die Aufforderung, vor Ort zu entscheiden.
Zu sehen, zu denken, zu handeln.
Verantwortung zu übernehmen, wo es darauf ankommt.

Dort habe ich verstanden…
Selbstbestimmung ist nicht Theorie.
Sie ist gelebte Praxis.
Und sie funktioniert nur, wenn man sie sich zutraut.

Auch später, im Kleinen wie im Großen.

Wenn ich zu Hause etwas gestalte. Am Haus, im Garten.
Einfach mache, ohne erst zu fragen.
Gut – mit einer kleinen Einschränkung 🙂
Das eheliche Oberkommando hat natürlich ein Vetorecht.
Aber genau darin liegt ja das Wesen von Freiheit.
Sie bewegt sich im Raum der Beziehungen, nicht im luftleeren Raum.

Und als Betriebsratsvorsitzender auf der Werft.
Dort war Selbstbestimmung für mich kein nur schönes Wort.
Dort war sie Lebenselixier.
Frei entscheiden.
Den eigenen Überzeugungen folgen.
Auch gegen Widerstände.
Gerade dann.

Und dann ist da mein Vater.
Landarbeiter.
Ein Leben, geprägt von harter Arbeit und wenigen Wahlmöglichkeiten.
Ich habe gesehen, was es mit einem Menschen macht, wenn Selbstbestimmung begrenzt oder verweigert wird.
Was es mit Würde macht. Mit Glück.
Man zerbricht nicht unbedingt daran.
Aber das Leben wird enger. Leiser.
Ein Stück weniger man selbst.

Vielleicht reagiere ich deshalb so sensibel, wenn ich heute sehe, wie beiläufig wir mit diesem Wert umgehen.

Denn Selbstbestimmung ist kein Detail unserer Gesellschaft.
Sie ist ihr Kern.
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal gegenüber autokratischen Systemen.

Dort entscheidet das System über den Menschen.
Hier soll der Mensch über sich selbst entscheiden.

Nicht perfekt. Nie gewesen.
Aber im Anspruch klar.

Und doch…
Wir tun vieles, um genau diese Selbstbestimmung klein zu halten.
Bürokratie zum Beispiel.
Sie gibt sich alle Mühe, Entscheidungen einzuhegen, zu regeln, zu standardisieren.
Aus Misstrauen.
Aus dem tief sitzenden Zweifel daran, dass Menschen verantwortlich mit Freiheit umgehen können.

Vielleicht steckt darin sogar eine alte Wahrheit.
Selbstbestimmung ist anstrengend.
Sie verlangt Urteilskraft. Mut. Verantwortung.

Aber genau diese Energie ist es, die eine demokratische Gesellschaft trägt.

Wenn wir sie ersticken, ersticken wir mehr als nur Initiative.
Wir ersticken den Kern unserer Freiheit.

Dabei vergessen wir manchmal, wie kostbar das ist.

Milliarden von Menschen folgen autoritären Strukturen oder wählen sie sogar herbei.
Systemen, die genau diese Selbstbestimmung nicht bieten können und auch nicht wollen.

Das wirft eine unbequeme Frage auf.
Was sagt das über uns Menschen aus?

Suchen wir vielleicht am Ende gar nicht die Freiheit,
sondern die Entlastung von ihr?

Denn Autokratie hat einen verführerischen Vorteil.
Sie nimmt dir Entscheidungen ab.
Sie nimmt dir Verantwortung ab.
Sie nimmt dir Zweifel ab.

Selbstbestimmung tut genau das Gegenteil.

Und vielleicht liegt genau darin ihre größte Gefahr…
Dass wir sie unterschätzen, weil sie uns fordert.

Selbstbestimmung ist kein Geschenk.
Sie ist eine Aufgabe.

Keine einmal errungene Errungenschaft.
Sondern eine tägliche Entscheidung.
Eine Haltung.

Und vielleicht sollten wir uns wieder öfter fragen…
Nicht, was uns zusteht.
Sondern was wir bereit sind zu tragen, um es zu bewahren.

Denn am Ende ist die Frage keine politische.
Sie ist persönlich.

Wie viel ist uns Selbstbestimmung wirklich wert?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

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