Ich bin ein Fossil – vielleicht fehlen die gerade?

Ich bin ein Fossil. Und genau das fehlt uns gerade.

Heute wurde ich auf meine Rente angesprochen. Mit dem Zusatz,- Sei froh.

Der Kollege wusste auf den Tag genau, wie lange er noch arbeitet. Countdown läuft. Ziel: Abstand. So schnell wie möglich.
Ich habe geschwiegen. Und gedacht.

Was macht das mit uns, wenn das Berufsleben zum Restposten wird?
Wenn Erfahrung nicht mehr als Kapital gilt, sondern als Altlast?

Wenn der Gedanke an Führung, an Verantwortung, an Zukunft gestalten irgendwann kippt in,-
Hauptsache, ich komm da raus?

Ich bin ein Fossil. Das stimmt.
Ich komme aus einer Zeit ohne tagtägliche Dashboards, ohne Feeds, ohne Echtzeit-KPIs.
Aus einer Zeit, in der ein Wort Folgen hatte.

In der Vertrauen nicht mit Umfragen gemessen, sondern verdient wurde.
In der Führung bedeutete.
Du gehst voran. Nicht Du fällst auf und bist jederzeit sichtbar.

Aber ich schwärme nicht in Nostalgie.

Die Vergangenheit war nicht besser. Sie war anders.
Manches war gut. Manches war falsch. Manches war schlicht die einzige Möglichkeit, die man hatte.

Was mich umtreibt, ist etwas anderes.

Die Trosse.

Zwischen einem Schiff und dem Kai hängt und hält eine Trosse.
Nicht elegant. Nicht modern. Einfach stark.
Sie hält das Schiff, damit es nicht von Strömung und Wind dahin getrieben wird, wo gerade alle hintreiben.

Führung heute braucht diese Trosse.

Eine Verbindung zwischen dem, was war, und dem, was kommt.

Keine Unterwerfung unter die Vergangenheit. Kein Abriss um des Abrisses willen.

„Das haben wir immer so gemacht“ — ja, das ist großer Quatsch.
Wer so denkt, führt nicht. Der verwaltet Gewohnheiten.

Aber das Gegenteil ist genauso falsch:
Alles lächerlich zu machen, was früher funktioniert hat.
Zerstörung um der Zerstörung willen.

Das ist kein Mut. Das ist Bequemlichkeit mit modernem Anstrich.

Die Kunst liegt dazwischen. Und die ist schwer.
Weil sie Urteilsvermögen verlangt und Algorithmen das nicht ersetzen.

Weil sie Haltung, Mut und Nachdenklichkeit, manchmal Demut verlangt nicht Methoden.

Was Führung heute tun muss, ist im Grunde einfach und genau deshalb so schwer:

Wer zuhört, führt.
Vertrauen entsteht nicht schneller, weil der Feed schneller wird.

Wer Führung spielt, verliert die Menschen. Sichtbarkeit ohne Substanz wird irgendwann durchschaut.
Wer nur noch reagiert und kontrolliert, hat aufgehört zu führen. Er verwaltet und zwar mit Vollgas.

Neue Werkzeuge? Ja, unbedingt.
Alte Werte? Ja, genauso.

Das ist kein Widerspruch. Das ist die Aufgabe.

Tempo ist kein Maßstab für Güte.
Erfahrung ist kein Ballast. Sie ist das Einzige, was bleibt, wenn die Modelle versagen und moderne Hypes wieder einmal in der Mülltonne landen.

Zurück zum Kollegen.

Ich gönne ihm seinen Countdown. Wirklich.
Verantwortung für mich nicht endet, wenn ein Datum kommt.
Vielleicht beginnt sie da erst richtig.

Die Welt dreht sich schneller.
Menschen tun es nicht.
Das ist kein Befund.

Das ist der Ausgangspunkt.

Ich bin ein Fossil – vielleicht fehlen die gerade?

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