„Plattdeutsch versteht jeder auf der Welt“

Es war eine dieser Baustellen, die von Anfang an mehr Energie versprühen als Kontrolle. Das Reparaturschiff lag an der Alten Werft. Die Duchesse Ann, wenn mich die Erinnerung nicht trügt — und sollte zum Viehtransporter werden.

Klingt unspektakulär. War es nicht.

Denn zuerst musste weg, was drauf war. Wir brannten ab, demontierten, schafften fort. Die Stimmung war gut, der Fortschritt sichtbar.

Dann… Stop. Sofort. Alles stehen lassen.

Der erste Krängungsversuch war daneben gegangen. Die Daten stimmten nicht.

Wer nicht auf einer Werft groß geworden ist: Bei einem Krängungsversuch lässt man ein Schiff absichtlich auf die Seite kippen, kontrolliert, mit Gewichten, die von Deck zu Deck wandern. So ermittelt man den Stabilitätsschwerpunkt. Klingt nach Theorie. Ist bitterer Ernst.

Die Stabilität ist elementar. Ein Schiff, das kippt weil man vorher nicht gerechnet hat, kippt nicht zurück.
Und für diesen Versuch brauchten wir ein ausgewogenes Schiff.
Steuerbord? Anker draußen. Backbord? Noch drin.
Also ran. Einer musste das Ankerspill bedienen, damit der Anker ablaufen konnte.

Einer.
Der Franzose.

Er war das einzige Besatzungsmitglied dass noch an Bord war.
Kein Deutsch. Kein Englisch. Nur Französisch und ein Gesicht, das sagte…
Ich verstehe euch sehr gut. Ich mache nur nicht mit.

Wir versuchten es mit Händen. Mit Zeigen. Mit internationalem Zeichenvokabular, Arme die Ankerketten imitieren, Finger nach unten, Blicke, die flehen.

Nichts.

Dann schwere Schritte hinter uns.

Unser alter Schiffbaukollege. Ein Altgeselle. Eine Legende auf der Werft. Einerseits war er einer besten Kollegen die man haben konnte hatte aber auch eine Stimmgewalt, die Stahl biegen konnte.

Er sah die Situation. Er sah den Franzosen. Zwei Sekunden. Mehr brauchte er nicht.

Und dann brüllte er, auf Platt, aus voller Lunge:

„Düvel satan Blixen, lot de Anker ondall, du blöde Franzmann, anners drei ik die de Hals um!“

Was ungefähr bedeutet: Lass den Anker runter — aber auf Platt klingt es überzeugender.

Der Franzose starrte ihn an. Dieses brüllende Ungeheuer mit den roten Wangen unter dem gelben Helm und den zusammengekniffenen Augen wie Scheinwerfer.

Eine Sekunde. Zwei.

Dann drehte er sich um. Betätigte den Anker. Ließ ihn auf den im Wasser treibenden Ponton fallen.
Sauber. Ruhig. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Der alte Haudegen sah es. Drehte sich um. Grinste. Dieses Grinsen, das sagt,- Hab ich mir gedacht.
Und sagte dann — für uns alle hörbar:

„Sag ich ja. Plattdeutsch versteht jeder auf der Welt.“

Ich habe seither viel mit Kommunikation zu tun gehabt und nachgedacht.
Über Sprache, Ton, Körperhaltung.
Darüber, was einen Menschen wirklich erreicht.

Meine persönliche Feldstudie zu dem damaligen Erlebnis sagt bis heute…
Es war, glaube ich, nicht das Plattdeutsch.

Aber widerlegen kann ich es auch nicht.

„Plattdeutsch versteht jeder auf der Welt“

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