Wer prahlt damit die ältesten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu haben?

Ein Kollege sagte mir vor wenigen Tagen: „Paul, ich zähle die Tage.“ Er war gerade 60.
Er war einer der Besten. Er zählte nicht auf etwas hin — er zählte weg.
Weg vom Betrieb, der ihm längst signalisiert hatte.
Du gehörst nicht mehr zur Zukunft.

Das ist kein Einzelfall. Das ist System.
Sieben Millionen.
In den nächsten fünfzehn Jahren werden dem deutschen Arbeitsmarkt sieben Millionen Menschen fehlen.
Man debattiert über Teilzeit, über Frauen, über Migration.
Was man kaum bespricht: Die Menschen, die schon da sind.
Die über Sechzigjährigen.
Die Zahlen sind beeindruckend. Wenn genauso viele 60- bis 64-Jährige arbeiten würden wie die 55- bis 59-Jährigen, stünden 2,4 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung.
Nicht irgendwann. Jetzt.

Stattdessen läuft eine Zentrifuge die keiner in Frage stellt.
Leise, systematisch, fast unsichtbar.
Sie katapultiert erfahrene Menschen aus dem Arbeitsleben und alle schauen weg.

Ich habe lange gesucht nach jemandem, der einen anderen Weg zeigt. Gefunden habe ich ihn seinerzeit in Finnland.
Juhani Ilmarinen ist Arbeitsmediziner. Seit den 1970er Jahren hat er erforscht, was Menschen arbeitsfähig hält — und was sie zerstört. Daraus wurde das „Haus der Arbeitsfähigkeit“.
Ein Modell, das Gesundheit, Kompetenz und Arbeitsumgebung zusammendenkt.
Nicht als Sozialprogramm, sondern als betriebliche Logik.
Ich habe Ilmarinen mehrfach persönlich getroffen. Er schaute auf Fakten, auf Zahlen, auf Erfahrung. Und auf eine Überzeugung, die er nicht losließ. Das hat mich beeindruckt. Nicht das Konzept allein, sondern der Mensch dahinter.

Diesen klugen Weg haben einige Betriebe versucht und er scheitere so oft an Träumen…

Da ist der Traum vom jungen Unternehmen. Wer prahlt schon öffentlich damit, viele ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben?
Der Fokus liegt auf Jugend.
Erfahrung ist kein Markenwert, sie ist oft nur Hintergrundgeräusch.
Da ist der Traum von der individuellen großen Freiheit.
Menschen wollen im Alter nicht mehr arbeiten und sehen in der Arbeit keine Chance auf Freiheit.
Wie arm an Ideen sind wir eigentlich, wenn wir das so stehen lassen?

Und da ist der Traum vom billigen Weiter-so.
Altersgerechte Arbeit kostet.
Umgestaltung, Gesundheitsförderung, Führungskultur das sind Investitionen.
Also lieber sanfter Druck Richtung Ausgang.
Mit Abfindung. Mit Handschlag.
„Sozialverträglicher Stellenabbau“ nennt man das.
Ich kenne diese Mechanismen aus dem Betriebsrat. Damals als junger Mann habe ich für Frauen in Männerberufen geworben.
Die verwunderte Antwort der Kollegen… zu schwer. Meine Gegenfrage,- Wenn es für Frauen zu schwer ist, warum macht ihr es dann nicht leichter für alle?
Niemand hat geantwortet.

Die Frage nach längerem Arbeiten leidet heute unter Panikattacken.
Die einen fürchten um ihren Traum von großer Freiheit.
Die anderen um Wahlen. Die Betriebe um Investitionen, die sie tätigen müssten. Alle haben Angst.
Und das Ergebnis dieser kollektiven Angst heißt…
2,4 Millionen verlorene Arbeitskräfte.

Eine Rentendebatte die in Kulturkämpfe abgleitet.
Sieben Millionen fehlende Menschen.
Ein Fachkräftemangel, über den wir uns aufrichtig zu wundern scheinen.
Ilmarinen hat einen Traum verwirklicht.

Wir verwalten unsere Ausreden.
Das ist kein Schicksal. Das ist eine Entscheidung.

Wer prahlt damit die ältesten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu haben?

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