Das Labyrinth

Der Weg ist das Ziel — aber welcher Weg?


Es liegt in meiner Handfläche. Klein, aus Bronze, abgegriffen von Jahren.
Ein Kreis. Darin verschlungene Linien. Und im Zentrum.
Ein Kreuz.
Kein Schmuckstück mehr. Ein Gegenstand, der benutzt wurde.
Festgehalten. Gesucht. Gefunden. Immer wieder.
Ich trage es seit Jahrzehnten bei mir.
Ich weiß selbst nicht mehr genau, wann es angefangen hat.

Die meisten Menschen verwechseln ein Labyrinth mit einem Irrgarten. Das ist kein kleiner Fehler.
Im Irrgarten verlierst du dich. Falsche Abzweigungen. Sackgassen. Orientierungslosigkeit. Er ist gebaut, um dich zu verwirren.

Das Labyrinth ist anders. Es gibt nur einen Weg.

Er windet sich. Er kehrt um. Er führt dich scheinbar vom Ziel weg, manchmal direkt an ihm vorbei.
Aber er führt. Immer. Unweigerlich zur Mitte.
Kein Zufall. Keine Sackgasse. Nur der Weg.

Vielleicht ist genau das die stille Wahrheit von Ostern.
Kein Hochglanz. Kein gerader Aufstieg.
Sondern ein Weg durch Brüche, durch Zweifel, durch Dunkelheit — der sich nicht erklären lässt, während man ihn geht.

Man hält sich an etwas fest. Nicht an Gewissheiten. Sondern an etwas, das bleibt, während alles andere sich bewegt.

Ich denke an mein Leben.
An meine Kindheit in Wymeer.
An die Werft.
An Rostock.
An meine immer größer werdende Familie.

An Menschen, die ich begleitet habe, als ihr eigener Weg kaum noch sichtbar war.

Von innen sah vieles aus wie Umweg. Manches wie Scheitern. Manches wie Stillstand.
Aber es war kein Irrgarten. Es war ein Labyrinth.
Die Windungen hatten Sinn. Nicht, weil ich ihn immer gesehen hätte, sondern weil er sich gezeigt hat.
Später. Schritt für Schritt. Kehre für Kehre.

Und das Kreuz in der Mitte?
Ich erkläre es nicht. Ich trage es.
Für mich ist es kein Emblem. Es ist ein Haltepunkt.
Der Ort, an dem der Weg nicht mehr weiter muss, weil er angekommen ist.

Nicht außerhalb des Lebens. Mitten darin.

Vielleicht ist das Auferstehung.
Kein Sprung aus der Wirklichkeit, sondern das Wiederfinden der Mitte, nach all den Windungen.

Dieses kleine Stück Metall erinnert mich daran.
Nicht jeden Tag bewusst. Aber jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme.
Der Weg ist nicht gerade. Er ist nicht logisch. Und selten bequem.

Aber er führt.

— Wo ist deine Mitte?

Das Labyrinth