Antrag auf Schutz
Vorbemerkung
In meiner Arbeit als Opferhelfer habe ich gelernt,
dass sich Gewalt selten über einzelne Taten erklärt.
Sie erklärt sich über Strukturen.
Über Muster.
Über Verschiebungen.
Über Sätze, die man schon hundertmal gehört hat
– nur jedes Mal von einer anderen Person.
Manchmal sitze ich in Gesprächen und weiß nach wenigen Minuten,
wie das Verfahren beginnen wird.
Nicht, weil ich hellsehen kann.
Sondern weil sich Beziehungen ähneln, wenn sie kippen.
Was hier jetzt als Gedankenspiel zu lesen ist, ist kein Tatsachenbericht.
Es ist eher ein Kammerspiel.
Der Versuch einer Analogie.
………………………
Der Gerichtssaal;
Amtsgericht
Richter.
Wir verhandeln heute über einen Antrag auf Schutz, Abstand und Neuordnung der Beziehung zwischen der Klägerin, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika.
Das Gericht möchte sich ein Bild machen über den Antrag der Klägerin. Es geht dem Gericht um eine Klärung der Situation und nicht um Schuldzuweisung.
Die Klägerin ist die Europäische Union. Im Haushalt gibt es zwei volljährige Kinder (Freiheit und Demokratie) die noch bei der Klägerin wohnen.
Der Beklagte, die Vereinigten Staaten ist persönlich nicht anwesend und wird durch ihre Verteidiger vertreten.
Sachverhaltsdarstellung (durch das Gericht)
Richter.
„Die Klägerin beantragt eine klare Abgrenzung, die Feststellung wiederholter Grenzverletzungen und Schutz vor dem ehemaligen Partner. Eine Scheidung wird im Moment offenbar geprüft. In dem Gewaltschutzverfahren geht es um die Prüfung, ob diese Beziehung noch auf Gegenseitigkeit beruht.
Es geht offensichtlich nicht nur um einen einmaligen Streit.
Es geht um ein sich wiederholendes und verstärkendes Muster in dieser Beziehung.
Darf ich die Klägerseite also um ihre Ausführungen bitten?“
Die Klägerin
Anwalt der EU
„Frau Klägerin, können sie bitte erläutern, seit wann empfinden Sie die langjährige Beziehung zu ihrem Partner als zunehmend belastend, als nicht mehr gleichwertig? Seit wann fühlen sie sich und auch ihre Kinder bedroht?“
EU.
„Seit er aufgehört hat, von „wir“ zu sprechen. Seit nur noch von Nutzen für ihn die Rede ist. Seit er nur noch sich selber als Maß aller Dinge sieht. Er beschimpft die Kinder will das sie ausziehen, bezeichnet sie als Schmarotzer und verachtet sie.“
Anwalt.
„Können Sie das konkretisieren?“
EU.
„Unsere gegenseitigen Absprachen wurden plötzlich als Belastung bezeichnet. Die Regeln in unserem Leben als Fesseln. Und es führte zu Wutausbrüchen, wenn ich darauf hinwies, dass wir Kompromisse brauchen. Regeln, die unsere Kinder schützen sollten, erklärte er zu Fesseln. Grenzen zu Zumutungen.
Wenn ich nett und freundlich war, wurde dies achselzuckend zur Kenntnis genommen. Wenn ich mal Hilfe von ihm bekam, bezeichnete er dies als außerordentliche Gefälligkeit.
Er beschimpft die Kinder.
Er sagt, sie seien ihm zu teuer, zu laut, zu anspruchsvoll.
Er verlangt, dass sie ausziehen – obwohl sie noch Schutz brauchen.
Er nennt sie Schmarotzer, weil sie Rechte haben.
Und er verachtet sie, weil sie widersprechen.
Er freundete sich mit Schulhofschlägern an die unsere Kinder jeden Tag angriffen, beleidigten und demütigten.
Wenn eines der Kinder wagte, zu widersprechen reagierte er mit Wut.
Wenn sie nach Mitbestimmung fragten, sprach er von Illoyalität und krankhaften Trieben. Wenn sie Freiheit einforderten, nannte er es Undank.
Zuwendung wurde willkürlich. Hilfe zur Ausnahme erklärt.“
Zur Entwicklung der Beziehung
Anwalt
„Wie war es denn zu Beginn?“
EU
„Ich war glücklich und fühlte mich sicher. Unsere Partnerschaft war …..Verlässlich. Ich glaubte lange Zeit das wir beide wollten, dass es uns allen besser gehen sollte. Das Leben war strukturiert.
Wir stritten auch mal, wie alle Paare, aber wir hatten Regeln und wollten den anderen nicht überfordern.“
Anwalt
„Und dann?“
EU
„Der Ton änderte sich. Zuerst beiläufig. Dann öffentlich.
Kritik wurde nicht mehr diskutiert, sondern als Illoyalität gewertet führte zu Bedrohungen, zu wüsten Trennungsfantasien.“
Anwalt
„Wie würden Sie das Klima in ihrer Partnerschaft aktuell beschreiben?“
EU
„Es wurde immer kälter. Es wurde unkalkulierbar. Die Kinder und ich schlichen wie auf Zehenspitzen durch das Leben, weil ich nie wusste, was und warum der nächste Wutanfall kam. Mein Partner machte keinen Hehl daraus, das er sich ein Zusammenleben nur noch unter Bedingungen vorstellen könnte. Bedingungen, die er benannte.
Es gab immer wieder kleine und größere Eskalationen.
Gespräche wurden beendet. Gemeinsame Planungen und Projekte eingestellt.
Zugänge verwehrt.
Und dies Ganze – das war fast schlimmer als alles andere, denn seine Reaktionen entstanden nicht willkürlich im Affekt sondern aus berechnendem Kalkül.“
Anwalt
„Gab es Situationen öffentlicher Herabsetzung?“
EU
„Ja. Immer häufiger. Nicht als einzelner Ausrutscher.
Sondern als Methode.
Ich wurde lächerlich gemacht, beschimpft und demütigt. Ganz offen, nicht versteckt, vor allen anderen die uns nicht mehr als Partner wahrnahmen und mich mitleidig anstarrten. Und das Ganze über alle Kanäle, möglichst laut.
Damit alle es hören.
Damit klar wird,
wer oben sitzt, wer mächtig ist, wer das sagen hat.
Und wer nicht.“
Der Verteidiger der Vereinigten Staaten lacht bei den Ausführungen einige Mal verächtlich.
Richter
„Herr Verteidiger sie sind hier in meinem Gerichtssaal. Hier benehmen sie sich.
Und öffentliche Abwertung ist kein Stilmittel, sie ist ein Machtinstrument.
Fahren Sie fort Frau Klägerin.“
Anwalt
„Warum haben Sie denn die Beziehung nicht früher beendet?“
EU
Ein trauriger Blick auf einen imaginären Punkt auf dem Boden….
„Wegen der Abhängigkeiten. Der Sicherheit. Der Wirtschaft.
Der Geschichte.
Und er war früher anders…..“
Ein Moment der Stille
Richter
Dieser Satz ist dem Gericht aus vielen Verfahren bestens bekannt.
Zum jetzigen Zustand
Anwalt
„Wie erleben Sie die Beziehung heute?“
EU
„Es ist keine Beziehung, keine Partnerschaft mehr. Es ist mehr ein …..Geschäftsmodell.
Dankbarkeit wird erwartet.
Loyalität eingefordert.
Widerspruch sanktioniert.
Und wenn man sich an gute, an bessere Tage erinnert,
wird einem gesagt, – man bilde sich das nur ein.“
Richter
„Danke schön für die Ausführungen.
Am morgigen Tag werden wir den Verteidiger des Angeklagten zu diesen Vorwürfen hören.
Das Gericht stellt fest. Wir befinden uns nicht am Ende eines Konfliktes, sondern am Anfang einer Klärung.
Für heute ist die Verhandlung beendet….“
