Die beiden hatten sich bei mir direkt gemeldet.
Weil sie Artikel im Internet gelesen hatten. Irgendwann einen Text zu viel,
der sie nicht losgelassen hatte.

So fangen manche Dinge an.
Der Bildschirm zeigt zwei junge Gesichter.
Neugierig. Wach. Ein bisschen unsicher, was sie erwartet.
Ich auch.
„Herr Bloem, wir haben Ihre Beiträge gelesen und das Sie immer auf der Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind. Jetzt interessiert uns „Was machen Sie da eigentlich genau?“
„Wir begleiten Menschen, die Opfer von Kriminalität geworden sind.
Wir sitzen neben ihnen, wenn sie durch die Hölle gehen — und sorgen dafür, dass sie nicht allein sind.“
Stille.
Man sieht die Gedanken hinter der Stirn.
„Wie lange?“
„Manchmal kurz. Manchmal aber auch Jahre.
Wichtig ist vor allem anderen. Die Betroffenen wissen, wir sind da.“
„Und das Ganze ehrenamtlich?“
„Ja.“
Ein Blick zwischen den beiden.
„Seit wann machen Sie das?“
„Seit 2022.“
„Und davor?“
„Fast fünf Jahrzehnte in der Industrie, auf der Meyer Werft.“
Sie lachen. Offen. Überrascht.
„Und jetzt — statt Rente?“
„Nein. In der Rente.“
„Aber… warum? Sie könnten doch diese Zeit einfach genießen.“
„Ich genieße das.“
Die beiden schauen sich verdutzt an. Ohrenbetäubende Stille.
Das hatten sie nicht erwartet.
„Haben Sie das studiert? Sozialarbeit, Jura?“
„Ich habe Schiffbauer gelernt.“
Jetzt lachen sie richtig. Schauen ungläubig.
Und dann werden sie wieder ernst.
„Und wenn jemand anruft? Wenn jemand wirklich in Not ist?“
„Dann höre ich zu. Erst mal nur das.
Und dann schaut man gemeinsam, was möglich ist.“
Ich erzähle (ohne die Vertraulichkeit zu brechen) von einer Klientin.
Gewalt. Viele viele Jahre. Dunkle Zeiten.
Behörden, die Formulare schicken statt zuzuhören.
Die Gesichter der beiden verändern sich. Das Lächeln verschwindet.
Stille.
„Das ist… eigentlich unvorstellbar.“
„Ja. Aber so ist es – meistens.“
„Und das macht Ihnen nichts aus?“
„Doch.
Und das soll es auch.
Der Tag, an dem es mir nichts mehr ausmacht, an dem Tag höre ich auf.“
Wieder Stille.
„Wir haben uns das eher als Projekt vorgestellt. Für ein Jahr vielleicht.“
„Das geht,- antworte ich. Aber bei der Opferarbeit braucht man oft einen langen Atem.
Und die die diese Arbeit annehmen, – bleiben oft länger.
Nicht weil sie müssen, sondern weil sie verstehen.“
„Und man bekommt nichts dafür?“
„Man gibt etwas.“
Lebenszeit, Energie, Kraft….
Sie schauen sich an.
„Und trotzdem.“
„Und trotzdem.“
Am Ende lehnt sich eine von ihnen näher zur Kamera.
„Wir müssen darüber nachdenken, Herr Bloem.
Das war… anders als gedacht.“
„Wie habt ihr es euch denn vorgestellt?“
„Äääähm ….. vielleicht etwas leichter und etwas ….offizieller.“
Wir alle lachen.
Dann friert das Bild kurz ein.
Und sie sind weg. Digitales Deutschland 😦
Ich bleibe noch einen Moment sitzen und hoffe ich habe etwas bewirkt.
Zwei junge Gesichter.
Staunen.
Und die Frage, warum man so etwas tut.
Sie hatten sich gemeldet wegen ein paar Texten.
Weil irgendetwas sie nicht losgelassen hatte.
Das ist keine Kleinigkeit.
Und ich nehme etwas mit aus diesem Gespräch.
Dass alte weisse Männer (auch wenn sie üblicherweise viel Unsinn in der Welt anstellen) doch auch noch anders wirken können 🙂
Dass vieles von dem, was Ehrenamt trägt, kaum sichtbar ist.
Nicht weil es klein wäre — sondern weil es leise ist.
Und dass die Bereitschaft da ist.
Junge Menschen wollen sich engagieren.
Aber anders.
Vielleicht nicht gleich für Jahre.
Vielleicht liegt die Herausforderung nicht bei ihnen.
Sondern bei uns.
In der Art, wie wir Engagement denken.
Vielleicht müssen wir lernen, es in Etappen zu ermöglichen …..
ohne es kleiner zu machen.
Vielleicht sollte ich das öfter erklären.
Nicht für sie.
Für uns.
