Man muss kein Held sein.
Heute war Ostermarsch in Oldenburg. Wir hatten einen anderen Termin und sind langsam vorbeigefahren.
Ich habe die Plakate oberflächlich gezählt. USA, USA, USA. NATO. Trump.
Und mir fehlte etwas,- Mehr Russland. Mehr Putin.
Die Raketen die auf Kyjiw fallen. Die Kinder in den Kellern.
Ich sage das nicht um den wichtigen Marsch kleinzureden.
Ich sage es weil Glaubwürdigkeit unteilbar ist. Wer Frieden will muss alle Aggressoren beim Namen nennen. Sonst wird aus Haltung Selektivität. Und Selektivität ist keine Haltung — sie ist Komfort.
Und dann ertappe ich mich selbst.
Weil die Enttäuschung über das heutige Amerika gerade so tief sitzt dass sie ungerecht macht.
Es ist leicht. Ein extrem engstirniger Mensch (Minister Hegseth) im Pentagon. Tech Milliardäre aus dem Silicon Valley die sich Demokratien kaufen wie Ferienhäuser.
Eine Elite die Stärke brüllt und Verantwortung flüstert.
Aber dann halte ich in meinem Furor inne.
Weil ich die anderen vergesse.
Amerika hat Menschen hervorgebracht die die Welt verändert haben, nicht durch Macht, durch Geld, durch Geschrei sondern durch Haltung.
Toni Morrison die geschrieben hat was Amerika über sich selbst nicht hören wollte. James Baldwin der aus Paris zurückschaute auf sein Land — ohne Illusion, ohne Hass, mit einer Klarheit die wehtut.
Harper Lee die mit einem einzigen Buch einer ganzen Generation gezeigt hat was Gerechtigkeit bedeutet.
Martin Luther King der nicht mit Waffen kämpfte sondern mit Worten und der wusste dass er dafür sterben könnte.
Rosa Parks die einfach sitzen blieb. John Lewis der immer wieder aufstand, immer wieder verprügelt wurde, und nie aufgehört hat zu glauben.
Die Wissenschaftler.
Jonas Salk der den Polio-Impfstoff entwickelte und ihn nicht patentieren ließ. Er hätte Milliarden verdienen können. Wären Menschen wie Trump, Musk, Zuckerberg, Thiel oder Bezos auch nur ansatzweise auf einen solchen Gedanken gekommen?
Richard Feynman der Physik erklären konnte wie ein Geschichtenerzähler. Barbara McClintock die jahrzehntelang belächelt wurde und trotzdem weiterforschte, bis der Nobelpreis kam.
Die Unbequemen. Noam Chomsky. Susan Sontag.
T.C. Boyle der in Romanen wie “América” oder “The Tortilla Curtain” geschrieben hat was Amerika über Einwanderung und soziale Kälte nicht hören wollte und der nie aufgehört hat unbequeme Fragen zu stellen. Neil Young der seine Musik von Spotify nahm weil er Haltung wichtiger fand als Reichweite.
Und die Stillen. Die Millionen Lehrer, Ärzte, Sozialarbeiter, Nachbarn die jeden Tag das Land zusammenhalten das gerade so laut auseinanderzufallen scheint.
Das lässt sich nicht wegdiskutieren.
Und dann liegt es vor mir auf dem Tisch. Dick. Abgegriffen. Der Rücken leicht gebrochen, die Seiten wellig vom Lesen. Jemand hat dieses Buch vor mir in den Händen gehalten, vielleicht mehrere. Man sieht es ihm an.
Norman Schwarzkopf. “It Doesn’t Take a Hero.” 1992.
Schwarzkopf gehört in diese Reihe. Ein General der nach dem größten Triumph seiner Karriere sagte: Ich bin kein Held. Hört auf damit.
Er hat Vietnam erlebt. Er hat Führungsversagen aus nächster Nähe gesehen, Menschen die Dienstgrad mit Charakter verwechselt haben. Er hat geschworen, nicht so.
Ein Mensch der bei den heute mächtigen in den USA in Ungnade fallen würde.
Seine Rückschlüsse aus dem Erlebnis des Krieges ist keine militärische Lektion. Das ist eine menschliche.
Wir leben in einer Zeit die Führung mit Inszenierung verwechselt. Die Lautstärke für Entschlossenheit hält. Die Fehler eingestehen für Schwäche erklärt. Minister Hegseth steht dafür. Laut, selbstgewiss, aber ohne jede Substanz.
Schwarzkopf war das Gegenteil.
Nicht die Pose. Nicht der Auftritt. Sondern die Frage die sich jeder selbst stellen muss, in der Sitzung, im Gespräch, im Spiegel. Stehe ich auf wenn etwas falsch ist? Oder schaue ich weg?
Verlässlichkeit ist keine Tugend. Sie ist Charakter. Ein Wort ist ein Wort.
Man muss kein Held sein. Man muss nur der sein, der aufsteht.

