Pflege….Die stille Enteignung
Dieses Land braucht Reformen.
Dringend.
Aber wir haben uns daran gewöhnt, jede Idee sofort zu bekämpfen. Reflexhaft. Laut. Schrill. Spaltend.
Das sind schlechte Diskussionen.
Sie erzeugen Aufmerksamkeit, aber keine Lösungen.
Und während die demokratischen Parteien sich an sich selber abarbeiten lehnen sich andere zurück.
Die Populisten müssen nichts mehr tun. Sie haben keine Antworten und brauchen auch keine zu geben.
Das System zerlegt sich selbst.
So lösen wir keine Probleme.
Wir verschieben sie.
Und genau das passiert gerade in der Pflege.
Die Politik spricht von Stärkung.
Die Realität ist. Sie wird unterfinanziert.
Systematisch.
Kosten steigen.
Tarife steigen.
Anforderungen steigen.
Nur eines steigt nicht…
die Vergütung.
Die Differenz?
Bleibt bei denen hängen, die das System am Laufen halten.
Pflegedienste.
Leitungskräfte.
Mitarbeitende.
Durch Mehrarbeit.
Durch Verzicht.
Durch Verschleiß.
Durch schlaflose Nächte.
Gleichzeitig wächst die Bürokratie. Ja sie wächst trotz aller gegenteiligen Behauptungen.
Und die Verwaltung soll/ muss dennoch schlanker werden.
Das ist kein Widerspruch.
Das ist ein Konstruktionsfehler.
Wir, die Pflege, kämpfen an mehreren Fronten.
Und wir verlieren nicht, weil wir schlecht arbeiteten
sondern weil das System uns aufreibt.
Und während das passiert, stehen die Menschen davor und sagen. „Wir können uns das nicht mehr leisten.“
Damit ist eine Grenze überschritten.
Pflege richtet sich nicht mehr nach dem,
was notwendig ist, sondern nach dem,
was der Geldbeutel hergibt.
Wir sehen bereits, wohin das führt.
Ungleichheit wächst weiter.
Menschen werden unterschiedlich alt, nicht aus biologischen Gründen, sondern aus finanziellen.
Das ist keine These.
Das ist Realität (auch bei uns im Rheiderland)
Und genau so stirbt dieses System.
Nicht mit einem Knall.
Sondern still.
Schleichend.
Erst die Liquidität.
Dann die Strukturen.
Dann die Versorgung.
Und vielleicht müssen wir auch uns selbst hinterfragen
Die sozial arbeitenden Organisationen,
Diakonie, Wohlfahrt, Träger, alle stark und bedeutsam in der Hilfe.
Aber so erschreckend schwach in der Durchsetzung.
Während andere Branchen gelernt haben,
wie Interessenpolitik funktioniert, durch Bündelung, durch Druck, durch Präsenz arbeitet die soziale Seite oft nebeneinander her. Die Dachverbände sind keine „Kampfverbände“.
Jeder für sich.
Jeder verantwortungsvoll.
Jeder leise.
Aber so entsteht keine Wirkung.
So entsteht Vereinzelung.
Und Vereinzelung ist gefährlich.
Das haben andere Branchen bereits erlebt.
Der deutsche Schiffbau ist daran nicht zuletzt gescheitert.
Zu spät, zu zersplittert, zu wenig gemeinsamer Druck.
Die Kräfte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten,
dürfen nicht gleichzeitig die sein,
die politisch am leisesten sind.
Ein Blick nach außen zeigt. Es geht anders
Andere Länder haben anders entschieden.
In den Niederlanden:
mehr Selbstorganisation, weniger starre Strukturen, stärkere Rolle der Pflege vor Ort
In Skandinavien:
klarere sichere Finanzierung, stärkere öffentliche Verantwortung, weniger Abwälzung auf Einzelne
Der Unterschied ist nicht Kultur.
Der Unterschied ist Entscheidung.
Dort wird Pflege als öffentliche Aufgabe und Daseinsvorsorge verstanden. Hier zunehmend als individuelles Risiko.
Und vielleicht braucht es noch etwas anderes.
Einen Perspektivwechsel
Ich kenne beide Seiten.
Früher, im Management, haben mich die Debatten über Pflege oft genervt. Zu teuer. Zu komplex. Zu viele Forderungen.
Ein Kostenproblem.
Heute, mit dem Blick aus der Diakonie, sehe ich das anders.
Was wir brauchen, sind weniger Scheuklappen.
Sondern die Bereitschaft, die Perspektive des anderen wirklich zu verstehen.
Die wirtschaftliche Seite.
Und die soziale Realität.
Denn eines ist ebenso wahr.
Die Verantwortung für Stabilität,
für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit,
für funktionierende Strukturen
liegt auch bei den Trägern selbst.
Bei der Diakonie.
Bei allen, die dieses System tragen.
Es geht nicht um ein Entweder-Oder.
Nicht um Moral gegen Ökonomie.
Nicht um Anspruch gegen Machbarkeit.
Es geht um ein Sowohl-als-auch.
Eine Pflege, die menschlich ist.
Und ein System, das wirtschaftlich tragfähig bleibt.
Und vielleicht ist genau das der schwierigste Teil dieser Debatte:
Dass viele auf der einen Seite heute dort stehen,
wo ich früher stand.
Und andere dort, wo ich heute stehe.
Wenn wir das nicht zusammenbringen,
werden wir weiter aneinander vorbeireden.
Und genau das können wir uns nicht mehr leisten.
Was jetzt notwendig ist.
Wir müssen anders herangehen.
Weniger Empörung.
Mehr Ehrlichkeit.
Weniger Reflexe.
Mehr Verantwortung.
Reformen, ja.
Aber nicht mehr vom den ewig gestrigen Ideen.
Sondern:
* Vergütung der Pflege die die Realität abbildet
* Bürokratie, die wirklich verschwindet
* Strukturen, die auch im ländlichen Raum tragen
* Eigenanteile, die begrenzt sind
Und vielleicht noch etwas… (an uns alle im sozialen Bereich)
Mehr gemeinsame Stimme.
Mehr Druck.
Mehr Klarheit.
Und ja.
Das wird nicht ohne Zumutungen gehen.
Für die Gesellschaft.
Für den Staat.
Für uns alle.
Aber der Unterschied sollte sein…
Das die Zumutungen ehrlich und fair auf alle Schultern verteilt werden und das jene die stärkere Schultern haben mehr tragen.
Was wir gerade erleben, ist leider etwas anderes.
Der Staat organisiert durch die Art seines Umgangs die Pflege,
und delegiert die Unterfinanzierung.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr…
Wie organisieren wir Pflege?
Sondern,- haben wir den Mut, sie so zu reformieren,
dass sie für alle funktioniert, oder lassen wir zu, dass sie sich still nach dem Geldbeutel sortiert?

