Das Wasser lügt nicht.

Einige Gedanken und Erinnerungen nach den abendlichen Nachrichten.

Ich sitze im Kajak. Vor mir die Ems. Ebbe, leichter Gegenwind.
Kein Netz, kein Nachrichtenstrom, kein Streit. Nur die Frage, ob mein Paddelschlag sitzt.

Das Wasser interessiert sich nicht für meine Meinung. Es war Äonen vor mir da und wird auch noch lange nach mir da sein.

Es reagiert nicht auf Lautstärke. Es lässt sich nicht überzeugen.
Es kennt keine Likes, keine Punkte für Bekanntheit oder Schlagfertigkeit.
Entweder ich paddele richtig oder ich treibe ab.
Entweder ich lese die Strömung oder sie liest mich.

Diese Ehrlichkeit beim Kajakfahren ist brutal.
Und sie fehlt mir in vielen Debatten, die wir gerade führen.

Wir verhandeln Wirklichkeit, als wäre sie verhandelbar.
Wer am lautesten spricht, gilt als stark.
Wer sich am schnellsten empört, als wählbar.
Wer den anderen moralisch niedermacht, als überlegen.

Aber nichts davon ändert die Strömung.

Ich bin viele Jahre so unglaublich gerne Seekajak gefahren.
Nicht als Sport. Als Zustand, als Ausgleich, fast als Meditation.

Diese unmittelbare Verbindung, Körper, kleines Boot, Wasser.
Jede Bewegung hat eine Antwort.
Keine Verzögerung. Kein Filter. Keine Interpretation.

Freiheit beim Paddeln entsteht dort nicht durch Unabhängigkeit,
sondern durch Übereinstimmung.
Ich habe mit diesem kleinen Boot und alleine auf dem Wasser Dinge verstanden, die sich an Land schwer erklären lassen.

Vielleicht auch deshalb irritiert mich der Kontrast so sehr.
Ich habe beruflich mein Leben lang mit den größten Schiffen gearbeitet, die Menschen bauen können.
Schwimmende Städte. Präzision, Planung, Macht.

Und doch war ich selten so nah an der Wirklichkeit
wie in diesem schmalen Boot, das nichts verzeiht.

Ich vermisse das so sehr. Es fehlt mir. Wirklich!
Nicht nur die Bewegung. Nicht nur die Stille (obwohl sie paradiesisch ist). Sondern diese Form von Ehrlichkeit.

Auf dem Wasser gibt es keine Ausreden.
Wenn ich den Wind falsch einschätze, zahle ich den Preis, mit Kraft, mit Zeit, manchmal mit Risiko.
Wenn ich die Welle nicht lese und akzeptiere, kentere ich.
Niemand diskutiert das weg. Niemand gibt mir recht, nur weil ich es lauter sage oder das Element anbrülle.

Ich denke daran, wenn ich sehe, mit welcher Gewissheit über Dinge gesprochen wird, die kaum verstanden sind.
Wie Komplexität zum Makel wird.
Wie Nachfragen als Angriff gilt.

Das Kajak zwingt zur Demut.
Nicht zur Unterwerfung, zur Demut.

Demut heißt. Ich erkenne an, was größer ist als ich.
Ich lese, bevor ich urteile.
Ich passe mich mit meinem kleinen Boot an, nicht aus Schwäche, sondern weil die Realität manchmal stärker ist als meine Wünsche.

Das ist keine Esoterik, kein Naturbild.
Das ist Handwerk.

Und es ist genau das, was fehlt, wenn Haltung zur Pose wird.
Wenn Lautstärke ersetzt, was eigentlich Beobachtung sein müsste.

Nicht wer am lautesten ruft, versteht.
Sondern wer das Wasser und seine Gesetze akzeptiert.

Ich bin wirklich kein besserer Mensch, weil ich Kajak gefahren bin. Aber vielleicht hat es mich etwas ehrlicher gemacht.
Es hat mir gezeigt, was trägt und was nur behauptet.

Vielleicht brauchen wir nicht mehr Stimmen.
Nicht noch ein Argument. Nicht noch ein Urteil.

Vielleicht brauchen wir Momente,
in denen nichts zwischen uns und der Wirklichkeit steht.

Nur Wasser.
Und die ehrliche Bewegung darin.

Das Wasser lügt nicht.

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