
Ich habe lange im Schiffbau gearbeitet.
Und ich weiß, was passiert, wenn es Leckstellen gibt. Wenn der Rumpf Wasser eindringen lässt.
Dann wird repariert, gebrannt, geschweißt.
Schnell, sofort. Präzise. Ohne Diskussion.
Das ist richtig.
Aber wenn die Leckstellen überall sind, ist es nicht genug.
Wenn ich die Nachrichten anschaue, habe ich das Gefühl… Wir stehen genau dort.
Auf einem Schiff, das an mehreren Stellen Wasser zieht. Das schon Schieflage hat.
Medizinische Versorgung. Pflege. Bildung. Wohnraum. Sicherheit. Finanzen.
Überall wird gearbeitet.
Überall wird erklärt, warum es schwierig ist. Wer schuld hat. Warum gespart werden muss. Warum es nicht anders geht.
Das stimmt ja alles.
Aber es fehlt etwas ganz Entscheidendes.
Niemand sagt den Menschen, wie dieses Schiff morgen aussehen soll.
Die Parteien liefern Zahlen.
Sie liefern Zwänge, Notwendigkeiten, Kürzungen.
Aber sie liefern kein Bild.
Keine Erzählung.
Kein Ziel.
Keine Vorstellung davon, wie es sich für die Menschen anfühlen soll, wenn wir durch diese beschissene Zeit durch sind.
Sie brennen nicht für eine andere, für eine gute Zukunft die sich nicht dadurch auszeichnet das alles nur noch schlechter wird.
Und genau in diese Lücke gehen andere.
Sie zeigen Bilder.
Einfache Bilder. Sie liefern Wut. Sie liefern Frust. Sie liefern Schuldige.
Sie erzählen von Ordnung. Von Kontrolle. Von einem klaren „früher war es besser“.
Das ist oft falsch. Es wird in dieser verrückten Welt auch nicht funktionieren.
Aber es ist ein Bild. Ein gruseliges, aber Bilder wirken stärker als Tabellen.
Ich glaube nicht, dass Menschen vor der Wahrheit davonlaufen.
Das haben die Kolleginnen und Kollegen auf der Meyer Werft auch nie gemacht.
Ich glaube, sie laufen davon, wenn ihnen niemand sagt, wofür sie kämpfen sollen. Wenn sie merken,- die da vorne glauben selber nicht an das was sie da erzählen.
Man kann ein Schiff eine Zeit lang retten, indem man Löcher schweißt. Aber man gewinnt keine Mannschaft,
wenn man ihr nicht sagt, wohin die Reise geht.
Das ist meine Kritik an der aktuellen Politik.
Wir erklären die Gegenwart.
Aber wir haben Angst vor der Zukunft.
So gefangen in Technik und Bürokratie, dass wir sie uns nicht mehr vorstellen können.
Und was wir uns nicht vorstellen, können wir auch nicht erzählen.
Und wo die Erzählung über eine gute Zukunft fehlt,
gewinnen die, die sie erfinden.
Egal, ob sie stimmt.
