Und obwohl er nicht mehr da ist, ist er auf schöne und seltsame Weise doch gegenwärtig.
In Erinnerungen. In Bildern. In Sätzen, die plötzlich wieder auftauchen.
In Gesten, die man irgendwann selbst übernommen hat, ohne es zu merken. Man schaut in den Spiegel und sieht ihn.
Es fasziniert mich immer wieder, wie wir Menschen mit Erinnerung umgehen.
Solange Menschen mitten in unserem Alltag stehen, sehen wir oft nur Ausschnitte. Das Funktionieren. Die Gewohnheiten. Die kleinen Reibungen des täglichen Lebens.
Erst mit Abstand verändert sich der Blick. Dann wird Vergangenes ausgeleuchtet.
Von vielen Seiten betrachtet.
Man erkennt Facetten, die wunderschön waren. Man sieht Ecken und Kanten. Man erinnert sich auch an das, was nicht „prickelnd“ war.
Aber plötzlich entsteht Tiefe.
Man versteht vielleicht zum ersten Mal, unter welchem Druck Menschen gelebt haben. Welche Verantwortung sie getragen haben. Welche Kämpfe sie geführt haben, ohne darüber große Worte zu machen.
Und ich frage mich oft, warum uns dieser weisere Blick so selten schon in der Gegenwart gelingt.
Warum erkennen wir die Kostbarkeit eines Moments oft erst dann, wenn er vergangen ist?
Warum verdrängen so viele profane Dinge das Wesentliche?
Vielleicht weil wir Menschen selten im Bewusstsein der Endlichkeit leben.
Wir funktionieren. Organisieren. Erledigen. Verschieben Gespräche und Begegnungen auf später. Bis irgendwann kein später mehr kommt.
Und dann bleiben Fragen. Fragen, die man gerne noch gestellt hätte.
Über das Leben. Über Entscheidungen. Über Ängste. Über Träume.
Ich hätte meinem Vater so gerne noch so viele Fragen gestellt.
Vielleicht liegt genau darin eine stille Mahnung des Lebens:Nicht zu warten, bis Erinnerungen sprechen müssen, weil die Menschen selbst es nicht mehr können.
Die reichsten und freiesten Gesellschaften der Geschichte zerstören sich gerade selbst. Und viele Akteure strahlen dabei vor Glück.
Ein Teil der Gesellschaft wirkt plötzlich wie Menschen, die im Zorn ihre eigene Wohnung verwüsten.
Faschistische Grüße, Gedanken, Worte, Symbole (Nicht versteckt sondern offen!) Kränkungen, Schmähungen, Verachtung als Programm. Menschenjagden auf Andersdenkende und Fremde. Hass als Event und Gruppenklebstoff.
Und immer wieder diese Gesichter der Anhänger der Rechtspopulisten. Nicht Angst. Nicht Verzweiflung. Sondern pure Lust und Glück über die Sorgen und Ängste der anderen.
Die Lust, endlich das zu tun, was eine zivilisierte Gesellschaft normalerweise unterdrückt. Lust an Zerstörung ohne Interesse was danach kommt.
Denn Demokratie ist anstrengend.
Sie lebt von Kompromissen, Rücksicht, Regeln und permanenter Impulskontrolle. Nicht alles sagen. Nicht alles tun. Nicht jedem Reflex folgen.
Vielleicht liegt genau dort das Problem.
Wir leben seit Jahrzehnten in großer Freiheit, ohne Krieg, ohne Hunger, ohne existenzielle Not und trotzdem, (oder gerade deswegen ?) wächst das Bedürfnis nach Grenzüberschreitung, nach Zündeln, nach dem großen Tabubruch.
Der Rechtspopulismus verkauft dafür ein Versprechen. Raus aus der komplizierten Kompromissgesellschaft. Raus aus der Zumutung der Rücksichtnahme.
Tu es einfach.
Und viele empfinden genau das als Befreiung.
Wir haben alles, was frühere Generationen sich erträumt haben. Und können es offenbar nicht ertragen.
Der Apfel im Paradies war nie verschwunden.
Er hängt immer noch da.
Und manche von uns beißen mit sichtbarer Begeisterung hinein.
Es war ein Anruf wie viele auf meinem WEISSEN RING Handy. Eine Mutter. Ihre Stimme am Telefon. Geflüchtet aus Afrika. Lange Jahre hier. Kinder hier geboren. Der Sohn in der Ausbildung. Mittendrin im Leben, das hier begonnen hat.
Und dann das.
Kollegen führen eine Liste. Dargestellt die Wochen bis zur nächsten Bundestagswahl. Danach, sagen sie, geht es zurück nach Afrika. Vorher aber, ganz kollegial, eine Riesenparty. Gebührender Abschied.
Ha ha. Sehr witzig.
Ich sitze nach diesem Anruf lange still. Nicht weil mir die Worte fehlen. Sondern weil das, was ich fühle, sich zunächst nicht sortieren lässt. Wut. Trauer. Und diese schwere, lähmende Hilflosigkeit, die manchmal noch schlimmer ist als beides zusammen.
Der junge Mann hat seiner Mutter strikt verboten, etwas zu unternehmen. Er hat Angst vor Nachteilen. Er kennt die Regeln seines Umfelds besser als ich. Er hat sie vermutlich früh gelernt, auf eine Art, die ich mir nicht ausdenken will.
Das ist kein Schweigen aus Gleichgültigkeit. Das ist das Schweigen eines Menschen, der weiß, was passiert, wenn er aufsteht.
Was mich aber nicht loslässt, was mich wirklich nicht loslässt, ist die Beschreibung des Drumherums.
Andere sehen es. Einige schütteln den Kopf. Andere grinsen. Kopfschütteln als stärkste Form des Widerstandes. Ansonsten. Schweigen. Grinsen. Zustimmen.
Ich kenne diese Bilder aus Büchern über eine Zeit, von der wir alle sagten; Nie wieder. Wir haben Fotos gesehen. Augenzeugenberichte gelesen. Haben uns gefragt… Wie war das möglich? Wie haben Menschen das einfach zugelassen?
Dieses Telefonat zeigt mir zumindest einen Teil der Antwort.
Es war nicht immer das große dramatische Entscheidungsmoment. Oft beginnt es kleiner. Mit einer Liste. Mit einem Witz. Mit einem wegschauen. Tausendmal. In ganz normalen Betrieben. Unter ganz normalen Menschen.
Menschen gewöhnen sich erschreckend schnell an das, was sie gestern noch empört hätte.
Und irgendwann entsteht eine Atmosphäre, in der andere spüren,- Man darf das wieder. Man kann wieder demütigen, verhöhnen, ausgrenzen. Und viele werden nicht widersprechen. Sie werden gucken. Schweigen. Vielleicht grinsen.
Ich will nicht in Hysterie verfallen. Aber ich will auch nicht kleinreden, was das ist.
Das ist kein Einzelfall schlechten Humors. Das ist keine Entgleisung in einer ansonsten integren Belegschaft. Das ist eine Atmosphäre, von der ich in letzter Zeit öfter höre. Erst vor wenigen Tagen in einem anderen Kontext.
Eine Atmosphäre, die sich einschleicht. Erst als Witz. Dann als Selbstverständlichkeit. Dann als Schweigen der anderen. Dann als stille Billigung. Und irgendwann kennt jemand seinen Platz. Nicht weil man es ihm gesagt hat. Sondern weil er es gespürt hat. Jeden Tag. In kleinen Dosen.
Die Mutter hat angerufen, weil sie innerlich explodiert. Weil sie wissen wollte, was getan werden kann. Nicht weil sie eine Beschwerde einreichen wollte. Nicht weil sie Strategie suchte. Sie hat wahrscheinlich angerufen, weil es ihr die Brust zuschnürt. Weil irgendwo jemand da sein muss, der sagt. Ja. Ich höre das. Das ist real. Und das ist alles so falsch.
Das ist manchmal das Einzige, was ich anbieten kann. Und es ist, bei aller Hilflosigkeit, nicht nichts.
Aber die bleierne Wut bleibt. Und bricht sich Bahn in diesem Text. Diese stille, schwere Wut, die fragt, was ist aus uns geworden? Oder genauer… Was haben wir zugelassen, dass wir werden?
Nachtrag! Die Heldin?!
Ich hätte fast vergessen zu erwähnen, dass ich auch fragte, ob sich denn niemand für ihn eingesetzt hätte. Ob es nicht irgendjemanden gab, der aufgestanden ist, als die anderen johlten, grinsten oder schwiegen oder wegschauten.
Die Mutter zögerte hörbar kurz. Dann… Ja. Eine junge Frau dort im Betrieb. Sie hat sich schützend vor ihn gestellt und mit den anderen geschimpft. Ich dachte. Gut. Gut, dass es sie gibt.
Und dann kam der nächste Satz.
Für den jungen Mann war das, so seine Mutter, fast schlimmer als das Mobbing selbst.
Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu sortieren.
Dann fragte ich, ob er sich wenigstens bei ihr bedankt habe. Die Mutter schwieg. Kurz nur. Aber ich hörte in diesem Schweigen viel. Dann sagte sie… Es gehöre sich nicht, dass eine Frau sich in die Angelegenheiten der Männer einmischt.
Was für eine Welt. Oh Shit!
Da ist ein junger Mann, der Rassismus erlebt. Täglich. Systematisch. Mit Ansage. Der schweigt, weil er die Regeln kennt. Der die Demütigung in sich hineinfrisst, weil er gelernt hat… Aufstehen macht es schlimmer.
Und dann steht eine junge Frau auf. Mutig. Klar. Ohne zu zögern.
Und das ist für ihn noch schwerer zu tragen als die Liste selbst.
Weil er in einer kulturellen Ordnung aufgewachsen ist, in der Schutz durch eine Frau keine Geste der Solidarität ist, sondern eine weitere Kränkung der Würde. Weil Männlichkeit in dieser Ordnung bedeutet. Du stehst selbst. Oder du gehst unter. Aber du wirst nicht gerettet oder geschützt. Nicht von einer Frau.
Ich schüttele mich darüber. Es graust mich. Aber ich verurteile es nicht vorschnell.
Denn kulturelle Prägungen sind nicht einfach Meinungen, die man morgens wechselt. Sie sitzen tief. In Identität, Scham, Stolz und Selbstbild.
Und trotzdem bleibt es fassungslos machend.
Diese junge Frau hat etwas getan, das die Männer in diesem Betrieb nicht getan haben. Sie ist aufgestanden. Sie hat ein Risiko für einen anderen Menschen auf sich genommen. Sie hat mit ihrer Stimme und ihrer Präsenz offenbar gesagt… Das hier ist falsch. Nicht mit mir.
Und der Dank dafür ist Ablehnung. Schweigen. Distanz. Das ist aktuell so modische Misogynie. Vielleicht nicht bewusst. Vielleicht nicht böse gemeint. Aber wirksam.
Und sie sitzt mitten in einer Geschichte, die ich erzählen musste, die ohnehin kaum auszuhalten ist. Rassismus. Mobbing. Gleichgültigkeit. Feigheit. Und dann noch das. Der junge Mann ist Opfer. Und gleichzeitig trägt er Bilder, Gedanken und Verhaltensmuster in sich, die eine andere Person beschädigen, herabsetzen, ausgerechnet diejenige, die für ihn eingestanden ist. Plötzlich ist er irgendwie auch Täter.
So ist beides ist wahr. Gleichzeitig.
Da ich keinen Weisse Ring Fall aufnehmen durfte weiß diese junge Frau wahrscheinlich nicht einmal, dass ich von ihr weiß. Sie hat keinen Dank erhalten. Vielleicht wird sie ihn nie erhalten. Und trotzdem hat sie getan, was sie für richtig hielt. Dafür verdient sie mehr als Schweigen. Sie verdient, dass jemand sagt: Das war so was von richtig. Das war mutig. Und der Rest, der Rest ist eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.
Ich habe keine Auflösung anzubieten. Kein Happy End. Keinen Trost, der nicht lügt.
Nur das hier… Manchmal trägt eine Geschichte so viel Ungerechtigkeit in sich, dass man sie nicht in eine ordentliche Moral falten kann. Dann muss man sie trotzdem erzählen. Genau so, wie sie ist. Rau. Widersprüchlich. Ohne Erlösung am Ende.
Weil das die Wahrheit ist. Und weil die Wahrheit, auch wenn sie wehtut, mehr wert ist als jede Beruhigung.