Die Fragen die bleiben

Heute hätte mein Vater Geburtstag gehabt.

Und obwohl er nicht mehr da ist, ist er auf schöne und seltsame Weise doch gegenwärtig.

In Erinnerungen.
In Bildern.
In Sätzen, die plötzlich wieder auftauchen.

In Gesten, die man irgendwann selbst übernommen hat, ohne es zu merken. Man schaut in den Spiegel und sieht ihn.

Es fasziniert mich immer wieder, wie wir Menschen mit Erinnerung umgehen.

Solange Menschen mitten in unserem Alltag stehen, sehen wir oft nur Ausschnitte. Das Funktionieren. Die Gewohnheiten. Die kleinen Reibungen des täglichen Lebens.

Erst mit Abstand verändert sich der Blick.
Dann wird Vergangenes ausgeleuchtet.

Von vielen Seiten betrachtet.

Man erkennt Facetten, die wunderschön waren.
Man sieht Ecken und Kanten.
Man erinnert sich auch an das, was nicht „prickelnd“ war.

Aber plötzlich entsteht Tiefe.

Man versteht vielleicht zum ersten Mal, unter welchem Druck Menschen gelebt haben. Welche Verantwortung sie getragen haben. Welche Kämpfe sie geführt haben, ohne darüber große Worte zu machen.

Und ich frage mich oft, warum uns dieser weisere Blick so selten schon in der Gegenwart gelingt.

Warum erkennen wir die Kostbarkeit eines Moments oft erst dann, wenn er vergangen ist?

Warum verdrängen so viele profane Dinge das Wesentliche?

Vielleicht weil wir Menschen selten im Bewusstsein der Endlichkeit leben.

Wir funktionieren. Organisieren. Erledigen. Verschieben Gespräche und Begegnungen auf später.
Bis irgendwann kein später mehr kommt.

Und dann bleiben Fragen.
Fragen, die man gerne noch gestellt hätte.

Über das Leben.
Über Entscheidungen.
Über Ängste.
Über Träume.

Ich hätte meinem Vater so gerne noch so viele Fragen gestellt.

Vielleicht liegt genau darin eine stille Mahnung des Lebens:Nicht zu warten, bis Erinnerungen sprechen müssen, weil die Menschen selbst es nicht mehr können.

Die Fragen die bleiben

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